Als Böhmen noch bei Österreich war …

Die Anzeigetafel im Olympiastadion zu Berlin am 22. Juni 1941. Foto: Scherl/ Schirmer-Sportbild

Die Anzeigetafel im Olympiastadion zu Berlin am 22. Juni 1941. Foto: Scherl/ Schirmer-Sportbild

… vor 50 Jahr´, vor 50 Jahr´- und RAPID Deutscher Meister war, vor – nunmehr – 75 Jahr´ …

So trällerten die RAPID-Fans, die damals alles, bloß keine Ultras, waren, in den 1980er Jahren ihre Hymne auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft in den jeweiligen Stadien bei den Auswärtsspielen der Hütteldorfer.

Heute auf den Tag genau ist es 75 Jahre her, als ein schlaksiger St. Pöltner mit 3 Volltreffern zu großem Ruhm gelangte. Franz Binder, Spitzname “Bimbo” – genannt der Bomber – hatte im Berliner Olympiastadion vor über 90.000 Zuschauern seine absolute Sternstunde.

Sonntag, 22. Juni 1941: Das Deutsche Reich und damit auch Österreich befand sich mitten im Krieg. Der Zweite Weltkrieg steuerte auf seinen traurigen Höhepunkt samt Millionen von Toten zu. Die Deutsche Wehrmacht startete mit dem „Unternehmen Barbarossa“ ohne jedwede Kriegserklärung an die UdSSR den Russland-Feldzug. Dieser sollte bis zur vernichtenden und kriegsentscheidenden Schlacht von Stalingrad Ende Jänner 1943 anhalten.

Das stolze SCHALKE 04 wurde von RAPID zu Fall gebracht. Collage: oepb

Das stolze SCHALKE 04 wurde von RAPID zu Fall gebracht. Collage: oepb

Die Berliner, und natürlich auch die Wiener Bevölkerung wusste zwar davon, war aber mit dem Fußballsport euphorisiert. Und so zogen an die 100.000 Menschen ins Berliner Olympiastadion, um dem Endspiel um die zweite Deutsche Kriegsmeisterschaft beizuwohnen. Der heute noch praktizierte Schlachtruf in Anlehnung an die Hoffnung zur Teilnahme am DFB-Pokal-Endspiel in Berlin: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ war bereits damals allgegenwärtig. RAPID griff nach der „Viktoria“ – der höchsten Trophäe im deutschen Fußball. Und so rollten Züge voller fußballbegeisterter „Ostmärker“ aus Wien und dergleichen ins so genannte „Altreich“ nach Berlin.

Der FC SCHALKE 04 war in den damaligen Jahren am Zenit des Seins. Nie mehr wieder konnten die „Knappen“ aus Gelsenkirchen eine derartige Mannschaft stellen, die jedweden Gegner in Grund und Boden spielte. Der sprichwörtliche „Schalker Kreisel“, perfekt intoniert von Ernst Kuzorra und seinem Schwager Fritz Szepan, die für das „königsblaue Märchen“ verantwortlich zeichneten, waren einfach das Um und Auf des Ruhrpottvereins. Dieses Team zu schlagen schien – auf die heutige Zeit bezogen – ein absolutes „No go“ zu sein.

Nun, RAPID war mehr als nur gewarnt. Schalke schoss Admira Wien (1971 zu Admira/Wacker fusioniert) zwei Jahre zuvor, 1939, mit 9 : 0 aus dem Olympiastadion. Und, man wusste natürlich um die Stärke der Königsblauen aus Gelsenkirchen / Westfalen.

Es schien daher nicht weiter verwunderlich, dass Schalke nach nur 7 Minuten mit 2 : 0 und nach 57 Minuten gar mit 3 : 0 führte. Niemand mehr in der weiten Betonschüssel im Berliner Stadtteil Westend setzte auch nur eine müde Reichsmark auf die Wiener. Was dann geschah, hatte etwas mit Sternstunde und Fußball-Märchen zu tun. Ein Märchen mit einem Ausgang, mit dem niemand mehr gerechnet hatte.

Der Sturm 19-Platz in St. Pölten / Niederösterreich erinnert heute noch an seinen großen Sohn. Foto: oepb / 22. Juni 2016

Der Sturm 19-Platz in St. Pölten / Niederösterreich erinnert heute noch an seinen großen Sohn. Foto: oepb / 22. Juni 2016

Franz „Bimbo“ Binder, der „Lange“ aus der Hütteldorfer Stürmerreihe hatte seinen ganz großen Auftritt. Nach dem Anschlusstreffer zum 3 : 1 durch Georg Schors in der 60. Minute traf der St. Pöltner Schlaks in nur 8 Minuten dreimal. 3 : 2 in Minute 62 aus einem Freistoß, 3 : 3 nach 63 Minuten aus einem Elfmeter und das 3 : 4 in der 70. Minute aus einem abermaligen Freistoß.

Der Schalker waren perplex, mit einer derartigen Leistungs-Explosion beim Gegner hatte niemand gerechnet. Die hohe blau-weiße Kunst des Fußballs zerbrach im Augenblick des torreichen Triumphs unter den nicht mehr erwarteten Blitzschlägen der Wiener.

Die deutschen Gazetten wussten im Wortlaut folgendes zu berichten: „Der 22. Juni wird in der Erinnerung Wiens ewig ein Fußball-Festtag bleiben. Und bei der großartigen einmaligen Geschichte dieser Fußballstadt will das etwas heißen. Wie reich an beispiellosen Triumphen, trunkenen Freudenfesten steht seine Chronik uns vor Augen. Aber dieser Triumph überschattet im Augenblick alles. Zum erstenmal nach drei enttäuschungsreichen Jahren Meister im Reich zu werden, dazu gegen das berühmte Schalke – das muß an der Donau einen Freudenrausch auslösen.“

Gewissermaßen lag eine Komik in der ganzen Sache, dass RAPID gegen einen Widersacher triumphierte, der alles das feiner, reifer und zauberhafter demonstrierte, was man in der Welt als Wiener Stil rühmt: Schalke spielte „wienerisch“ – aber RAPID trug die Klugheit der nüchternen Vernunft, des Nach-Erfolg-Streben zum Meisterthron empor. Schalke wurde das Opfer seines übertriebenen Offensivspiels. RAPID fragte nur nach dem Zweck. So erteilten sich die beiden großen Mannschaften wichtige Lektionen für die Zukunft.

Nun, Schalke holte im Jahr darauf gegen den First Vienna FC mit 2 : 0 die Meisterschaft, dann noch einmal 1958 und wartet seit her auf einen neuerlichen Triumph. RAPID gewann in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg 18 Meisterschaften und hat somit gegenüber Schalke ganz klar die Nase vorne.

Die NS-Propaganda-Maschinerie wusste den RAPID-Erfolg 1941 auch richtig zu vermarkten, als es hieß, dass nun der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler seinen Meister aus der Ostmarkt hätte.

Der „Schalker Kreisel“ hatte seinen Höhepunkt überschritten und konnte, wie bereits erwähnt, nur noch einmal, 1942, aufzeigen. Franz „Bimbo“ Binder ging mit RAPID unbeirrt seinen Weg weiter und sollte nach dem Ende seiner Laufbahn den Hütteldorfern auch noch als Sektionsleiter und Trainer vorstehen. Mit dem Ableben Binders am 24. April 1989, sowie Ernst Kuzorra auf Seiten von SCHALKE 04 am 1. Jänner 1990 verließen zwei großartige Protagonisten jener Jahre die Bühne des Lebens. Geblieben ist die Erinnerung an sportlichen Erfolg und Misserfolg, just an einen Tag geheftet, der so vielen Familien und Menschen in Europa ein noch größeres Leid bescheren sollte – der 2. Weltkrieg steuerte auf seinen Höhepunkt zu, die sinnlosen Opfer-Zahlen stiegen ins Unermessliche …

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