
In der neuen Ausstellung „Weltmacht Liebe. Eine Reise durch die Jahrhunderte“ lädt die Österreichische Nationalbibliothek ab 20. März 2026 zu einer emotionalen und alle Sinne ansprechenden Erfahrung: In zahlreichen und vielseitigen Objekten wird die Liebe als Quelle künstlerischer Inspiration sichtbar. Zu bewundern sind unter anderem antike Schöpfungsmythen, mittelalterliche Minne, Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert sowie Literatur von Johann Wolfgang von Goethe, Arthur Schnitzler oder Ingeborg Bachmann. Berühmte Liebesgeschichten, -briefe und -lieder aus 2.000 Jahren zeigen die Kontinuität und Wandlungsfähigkeit menschlicher Emotionen und die vielen Spielarten der Weltmacht Liebe – auch jenseits von Konventionen und traditionellen Geschlechterrollen.

Kein anderes Gefühl hat tiefere Spuren in der Kunst- und Kulturgeschichte hinterlassen: Die Liebe prägt das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Als Selbstliebe ist sie ich-bezogen, als spirituelle Liebe zu Gott scheint sie der Welt entrückt. Liebe bedeutet darüber hinaus die Hingabe an andere, seien es die Liebespartner*innen oder sei es die Liebe zu den Nächsten. In der Ausstellung „Weltmacht Liebe. Eine Reise durch die Jahrhunderte“ wird dieser Emotion in vielen Facetten nachgespürt: vom unerreichbaren Liebesideal bis zur verbotenen Liebe, vom Liebeswahn bis zur Liebe über den Tod hinaus.

Adam und Eva und der Schöpfungsmythos
Die Ausstellung beginnt mit einer Urszene der abendländischen Kulturgeschichte: Im Buch Genesis wird Adam eine Frau gegenübergestellt, denn: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“ Aufwendig illuminierte Handschriften und illustrierte Drucke, darunter die sogenannte „Lilienfelder Bibel“ aus dem 13. Jahrhundert,

zeigen die Erschaffung Evas aus Adams Rippe. Unter den griechischen Schöpfungsmythen sticht jener von Platon hervor. Die Menschen bildeten einst drei Geschlechter in einer Gestalt: männlich, weiblich und ein androgynes Mischwesen. Mit seinem Mythos der auseinandergeschnittenen Kugelmenschen liefert Platon auch eine Erklärung für unterschiedliche sexuelle Orientierungen. Platons „Symposion“, eine Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, wird Sigmund Freuds Abhandlung „Jenseits des Lustprinzips“ von 1920 gegenübergestellt. Hier setzt sich Freud mit dem Mythos der Kugelmenschen auseinander.

Narziss und unerreichbares Liebesideal
Wenn das eigene Selbst im Mittelpunkt des Begehrens steht, nimmt die Liebe pathologische Züge an. Davon erzählt der antike Mythos von Narziss, der in der Ausstellung unter anderem durch einen illustrierten Druck von Ovids „Metamorphosen“ aus dem Jahr 1517 repräsentiert wird und der wiederum über Sigmund Freud Eingang in die Psychologie fand. Freuds Deutung verlieh dem Mythos neue Tiefe: Narziss steht nicht nur für Selbstverliebtheit, sondern auch für das fragile Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Bezug zur Außenwelt.

Nicht nur für Narziss bleibt das Liebesobjekt schließlich unerreichbar, auch in der Paarbeziehung kann die geliebte Person in weite Ferne rücken. Im Hochmittelalter stellt die literarische Gattung der hohen Minne die unerwiderte und aussichtslose Liebe zu einer überhöht dargestellten Dame in den Mittelpunkt. Das Motiv wirkt weiter. Für Dante Alighieri wird die jung verstorbene Beatrice zur zentralen Gestalt seines Lebens und schließlich, in der „Göttlichen Komödie“, die in einem illuminierten Druck aus Mantua aus dem Jahr 1472 zu sehen ist, zur Führerin durch die Unterwelt. Ins Absurde getrieben wird das Motiv in Miguel de Cervantes’ Erzählung von „Don Quijote“, die in der spanischen Erstausgabe aus dem Jahr 1605 zu bewundern ist. Don Quijote stilisiert eine einfache Bauersfrau zur hohen Dame mit dem erfundenen Namen Dulcinea.

Übersteigerung, Zerstörung und über den Tod hinaus
Besonders die tragischen Liebesgeschichten werden in Literatur, Musik und Kunst verarbeitet. Tristan und Isolde inspirierten Gottfried von Straßburg ebenso wie Jahrhunderte später Richard Wagner. Die Liebe wirkt über den Tod hinaus; ein eindrucksvolles Beispiel ist Ludwig van Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ von 1816. Die übersteigerte Liebe mündet nicht selten in Wahn und (Selbst-)Mord. Einer der großen verzweifelt Liebenden der Weltliteratur ist Goethes schwärmerischer Held in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ (1774/1787). Als sich ihm die Geliebte durch Heirat endgültig entzieht, begeht Werther Selbstmord. Das Zerstörungspotenzial der Liebe zeigt sich auch dann, wenn sie zur sexuellen Hörigkeit wird, dargestellt in Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“ in einer illustrierten Ausgabe aus den 1920er-Jahren oder in Frank Wedekinds Drama „Lulu“ von 1913, das von Alban Berg vertont wurde.
Herrschaft und Verführung
Standesgrenzen wie auch politische und ökonomische Überlegungen stellten hohe Barrieren für die romantische Liebe dar. Europäische Herrscherhäuser versuchten ihren Einflussbereich durch eine gezielte Heiratspolitik auszubauen. Nur wenigen Paaren gelang es, sich diesem Druck zu widersetzen und eine Liebesheirat einzugehen. Ab dem späten 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, avanciert der Versuch, ständische Grenzen zu überwinden, zu einem immer wieder variierten Thema auf den Opern- und Theaterbühnen: prominent bei Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Terzett „La mia Dorabella“ aus der Oper „Così fan tutte” in der Ausstellung zu hören ist.
Liebe und die Verführung repräsentiert niemand besser als Don Juan. Die erste dramatische Fassung, die in der Ausstellung gezeigt wird, stammt vom spanischen Dichter Tirso de Molina und erschien 1630 im Druck. In den folgenden Jahrhunderten entstanden zahlreiche Bearbeitungen. Als Höhepunkt gilt Mozarts Oper „Don Giovanni“ aus dem Jahr 1787, deren überarbeitetes Libretto von Lorenzo Da Ponte in der Wiener Uraufführungsfassung aus dem Jahr 1788 in der Schau zu sehen ist. Die Bearbeitungen reichen bis in unsere Gegenwart. Peter Handke stellt seinem Don-Juan-Buch („Don Juan (erzählt von ihm selbst)“), das als Bleistiftmanuskript ausgestellt ist, ein Motto von Mozart / Da Ponte voran. In Robert Menasses Roman „Don Juan de la Mancha. Oder die Erziehung der Lust“ ist die Hauptfigur ebenfalls ein gebrochener Don Juan: melancholisch und tragikomisch im Kampf um die Liebe.
Liebesbriefe wie der letzte Brief von Ludwig Wittgenstein an Ben Richards, die hochemotionale Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan oder die wechselseitigen Widmungen in Zeichnungen und Gedichten von Friederike Mayröcker und ihrem Lebenspartner Ernst Jandl, aber auch die „Gutenachtgeschichten für Liebende“ des Philosophen Günter Anders spüren dem Thema nach.
Fürsorge
Das Weltgefühl Liebe geht jedoch noch weiter darüber hinaus: In allen Weltreligionen ist die Nächstenliebe als Sorge um das Wohlergehen der Mitmenschen verankert. Seit der Antike führt sie zur organisierten Versorgung von Bedürftigen durch religiöse und staatliche Einrichtungen. In der Ausstellung sind dazu Beispiele aus einem Zeitraum vom 7. Jahrhundert n. Chr. bis ins 20. Jahrhundert zu sehen, darunter ein Papyrus über Brotverteilung an die Armen oder ein Plakat der Caritas-Haussammlung aus dem Jahr 1987.
Die Ausstellung bietet ein beeindruckendes Panorama der Liebe mit vielfältigen und in ihrer historischen Breite beeindruckenden Objekten aus den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek. Sie
veranschaulichen, wie Liebe seit der Antike als Quelle von Freiheit und Zwang, Glück und Schmerz, Missbrauch und Anbetung und vor allem als unerschöpfliche Inspiration erlebt, dargestellt und gedeutet wurde.

In Musik und Gedichte eintauchen
An verschiedenen Hörstationen erwarten die Besucher*innen zahlreiche Vertonungen, darunter Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“, Minnelieder, Franz Schuberts „Winterreise“ oder Richard Wagners „Tristan und Isolde“, sowie Gedichte berühmter Dichter*innen und Autor*innen wie Walther von der Vogelweide, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Joseph Eichendorff, Christian Morgenstern, Else Lasker-Schüler, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Mascha Kaleko. Sie werden von Burgschauspieler Markus Meyer gelesen und vermitteln einen lebendigen Eindruck von der Bandbreite der Liebesäußerungen.
Eigene Liebesbotschaften hinterlassen
Besucher*innen, die den Faden der Liebe noch weiter spinnen möchten, können an einer eigenen Station vor dem Prunksaal Liebesnachrichten gestalten und hinterlassen.
Spezialführungen genießen „The Power of Love: Kultur-Speed-Meeting im Prunksaal“ oder ein „Kultur-Dateabend“ laden dazu ein, das Thema mit anderen Menschen aufzugreifen und gemeinsam zu genießen.
Termine:
The Power of Love: Kultur-Speed-Meeting im Prunksaal: beginnend ab 26. März, 19 Uhr,
Treffpunkt: Servicedesk am Josefsplatz 1, EUR 17,- pro Person inkl. Eintritt Weitere Termine siehe onb.ac.at/kalender
The Power of Love: Kultur-Dateabend im Prunksaal, beginnend ab 9. April, 19 Uhr,
Treffpunkt: Servicedesk am Josefsplatz 1, EUR 17,- pro Person inkl. Eintritt.
Quelle und Foto Copyright: Österreichische Nationalbibliothek / ÖNB
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