
Österreich geschwindelt – Wenn liebgewonnene Geschichten plötzlich wackeln
Wie viel von dem, was wir über Österreichs Geschichte zu wissen glauben, stimmt tatsächlich? Und wie viel davon wurde im Laufe der Zeit vereinfacht, ausgeschmückt oder schlicht so oft weitererzählt, dass aus einer guten Geschichte irgendwann eine vermeintliche historische Tatsache wurde?
Genau dort setzt Fritz Dittlbacher mit seinem Buch „Österreich geschwindelt – Ein etwas anderes Geschichtsbuch“ an. Mit Neugier, Humor und einem durchaus österreichischen Augenzwinkern nimmt er bekannte Erzählungen aus der heimischen Geschichte unter die Lupe und zeigt, dass manches, was fest in unserem kollektiven Gedächtnis verankert ist, einer genaueren Betrachtung nicht unbedingt standhält.
Dabei spannt der Autor einen bemerkenswert weiten Bogen. Die Reise führt von der Zeit der Habsburger über Maria Theresia und Joseph II. bis in die jüngere Vergangenheit der Republik. Es geht um große Persönlichkeiten ebenso wie um politische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und jene kleinen Geschichten, die oft besonders hartnäckig weiterleben.
War Rot-Weiß-Rot tatsächlich immer so eindeutig mit Österreich verbunden? Wie „glücklich“ war das viel zitierte Österreich, das angeblich durch Heiratspolitik zu Größe gelangte? Welche Rolle spielte Österreich im Lauf seiner Geschichte tatsächlich in Europa? Und warum erinnern wir uns an manche Ereignisse heute ganz anders, als sie sich bei näherem Hinsehen darstellen?
Dittlbacher betreibt dabei keine trockene historische Fehlerkorrektur. Gerade das macht das Buch ausgesprochen angenehm zu lesen. Geschichte wird hier nicht als Ansammlung von Jahreszahlen präsentiert, sondern als lebendige Erzählung, bei der es sich lohnt, auch vermeintliche Gewissheiten gelegentlich zu hinterfragen.
Besonders reizvoll ist, dass „Österreich geschwindelt“ seine Leserinnen und Leser immer wieder bei ihrem eigenen historischen Wissen erwischt. Man glaubt die Antwort längst zu kennen – und stellt wenige Seiten später fest, dass die Sache doch ein wenig komplizierter ist. Das sorgt für so manchen Aha-Moment und gelegentlich auch für ein Schmunzeln.
Trotz seines humorvollen Zugangs macht das Buch einen wichtigen Punkt deutlich: Unser Bild von Geschichte entsteht nicht ausschließlich aus Fakten. Es wird auch durch Überlieferungen, politische Deutungen, Legenden und die Art geprägt, wie Geschichten von Generation zu Generation weitererzählt werden. Gerade deshalb lohnt es sich, vermeintlich Bekanntes immer wieder neu anzusehen.
Fritz Dittlbacher ist mit „Österreich geschwindelt“ ein ebenso kurzweiliges wie lesenswertes Buch gelungen, das man nur ungern wieder aus der Hand legt. Gerade die Mischung aus historischem Wissen, überraschenden Erkenntnissen und feinem Humor macht den besonderen Reiz dieser Lektüre aus. Selbst wer meint, über Österreich und seine Geschichte bereits bestens Bescheid zu wissen, wird hier immer wieder Neues entdecken und so manche liebgewonnene Gewissheit überdenken. Ein kluges, unterhaltsames und zugängliches Geschichtsbuch, das nicht nur Geschichtsinteressierten Freude bereitet. „Österreich geschwindelt“ gehört unserer Meinung nach in jede gut sortierte österreichische Privat- und öffentliche Bibliothek – und ist zugleich ein wunderbares Buch zum Verschenken.
Fazit
„Österreich geschwindelt“ ist ein unterhaltsames und zugleich informatives Geschichtsbuch für alle, die Österreich zu kennen glauben – und bereit sind, sich vom Gegenteil überraschen zu lassen. Fritz Dittlbacher gelingt es, historische Zusammenhänge verständlich zu vermitteln, ohne daraus eine trockene Geschichtsstunde zu machen.
Ein Buch zum Nachdenken, Nachschlagen und Schmunzeln – und eines, nach dessen Lektüre man bei so mancher scheinbar unumstößlichen österreichischen Wahrheit vermutlich erst einmal fragt: War das wirklich so?
Über den Autor:
Fritz Dittlbacher
Fritz Dittlbacher ist Chefreporter der »Zeit im Bild« im ORF und seit vielen Jahren Politik-Journalist. Er ist promovierter Historiker, diplomierter Kommunikationswissenschaftler, Fachhochschul-Professor für Medienethik und immer wieder im Fernsehen zu sehen, wenn es darum geht, etwas zu erklären. In seiner wöchentlichen Rubrik in der Vorabend- Infotainment-Sendung »Studio 2« im ORF behandelt er aktuelle Themen aus historischer Sicht. Bei Ueberreuter erschienen die Bestseller »Warum das Römische Reich in Wien unterging und Vorarlberg nicht hinterm Arlberg liegt« sowie »Warum Wein einst gesünder als Wasser war und wie Kartoffeln die Welt verändert haben«.
Fritz Dittlbacher
Österreich geschwindelt – Ein etwas anderes Geschichtsbuch
Ueberreuter Verlag
EUR 26,00
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