Es gibt Bücher, die man nach der letzten Seite zuklappt und zur Seite legt. Und es gibt Bücher, deren Thema einen noch lange beschäftigt. „Judenhass. Ein Virus, das die Welt umspannt“ von Martin Haidinger gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Schon der Titel ist drastisch gewählt. Ein Virus verschwindet nicht unbedingt, nur weil man glaubt, ihn überwunden zu haben. Er kann seine Gestalt verändern, sich neuen Bedingungen anpassen und wieder sichtbar werden. Genau diese erschreckende Wandlungsfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Martin Haidingers historisches Panorama des Antisemitismus.
Die zentrale Frage des Buches klingt zunächst beinahe einfach: Warum bleibt Judenhass?
Doch je länger man darüber nachdenkt, desto ungeheuerlicher wird diese Frage. Gesellschaften sind entstanden und untergegangen, Religionen haben an Einfluss gewonnen und verloren, Revolutionen haben alte Ordnungen beseitigt, politische Systeme wurden abgelöst und Weltbilder haben sich grundlegend verändert. Und trotzdem hat der Antisemitismus all das überdauert.
Seine Sprache verändert sich. Seine Begründungen verändern sich. Die jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Umstände verändern sich. Bestimmte Mechanismen und Feindbilder aber tauchen immer wieder auf.
Haidinger spannt dafür einen großen historischen Bogen von der Antike bis in unsere unmittelbare Gegenwart. Gerade diese lange Perspektive macht deutlich, dass Antisemitismus nicht ausschließlich einem bestimmten politischen System, einer bestimmten Epoche oder einer einzigen Weltanschauung zugeordnet werden kann. Das macht die Beschäftigung damit nicht einfacher – aber umso notwendiger.
Besonders interessant fand ich eine Frage, die Haidinger ausdrücklich stellt: Was unterscheidet Judenhass eigentlich von anderen Vorurteilen? Menschen können Ressentiments gegen Angehörige anderer Nationen, Kulturen oder gesellschaftlicher Gruppen entwickeln. Warum aber konnte gerade der Antisemitismus über einen derart langen Zeitraum bestehen und sich immer wieder neuen historischen Gegebenheiten anpassen?
Damit verlässt das Buch die reine Chronologie. Es geht nicht nur darum, wann etwas geschehen ist, sondern um das „Warum“ dahinter. Und genau darin liegt für mich eine besondere Stärke Martin Haidingers.
Ich schätze seine Bücher und seine Arbeit auf Ö1 seit vielen Jahren gerade deshalb. Er vermittelt Geschichte nicht als bloße Aneinanderreihung von Jahreszahlen, Namen und Ereignissen. Geschichte wird bei ihm lebendig, weil er Zusammenhänge herstellt und den Blick dafür öffnet, dass historische Entwicklungen selten isoliert entstehen. Vieles hat Voraussetzungen, vieles hat Folgen – und manches, von dem man gehofft hätte, es gehöre endgültig der Vergangenheit an, erscheint später in veränderter Form wieder.
Das wird besonders deutlich, wenn Haidinger den historischen Bogen bis in die Gegenwart führt. Denn damit kommt zwangsläufig ein Thema ins Spiel, bei dem Diskussionen heute sehr rasch emotional werden: Israel.
Darf man die Politik Israels kritisieren, ohne deshalb antisemitisch zu sein? Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer politischer Kritik, Antizionismus und Antisemitismus? Und wann werden unter dem Deckmantel politischer Kritik jahrhundertealte Ressentiments weitergetragen?
Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass sich ein Buch über die Geschichte des Antisemitismus diesen Fragen stellt und nicht irgendwann im 20. Jahrhundert endet. Gerade die Gegenwart zeigt schließlich, dass das Thema keineswegs erledigt ist. Gleichzeitig braucht eine derart aufgeladene Debatte historische Einordnung statt vorschneller Schlagworte.
Beim Lesen wird einem dadurch auch bewusst, wie gefährlich es sein kann, Antisemitismus ausschließlich an den Formen zu erkennen, die wir aus der Vergangenheit kennen. Wenn sich Sprache und Begründungen verändern können, genügt es nicht, nur nach längst bekannten Parolen Ausschau zu halten. Man muss auch die dahinterliegenden Muster verstehen.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Leistungen dieses Buches: Es zwingt dazu, genauer hinzusehen.
Ich hatte vor einiger Zeit die Gelegenheit, Martin Haidinger persönlich bei einem Vortrag kennenzulernen und mich anschließend ausführlicher mit ihm zu unterhalten. Schon damals ist mir seine enorme Begeisterung für Geschichte aufgefallen. Wer ihn aus seinen Sendungen auf Ö1 kennt, weiß, wie selbstverständlich er umfangreiches historisches Wissen vermitteln kann, ohne daraus eine trockene Geschichtsstunde zu machen.
Beim Lesen begegnet einem genau diese Leidenschaft wieder: Wissen vermitteln, Zusammenhänge sichtbar machen, Fragen stellen und den Leser dazu bringen, selbst weiterzudenken.
Und dieses Weiterdenken ist bei einem Thema wie Antisemitismus vielleicht wichtiger als eine vermeintlich einfache Antwort.
Denn natürlich kann ein einzelnes Buch nicht erklären, warum Menschen seit Jahrhunderten immer wieder dieselben Feindbilder entwickeln. Aber es kann zeigen, woher diese Bilder kommen, wie sie sich verändert haben und warum wir vorsichtig sein sollten mit der Annahme, unsere aufgeklärte Gegenwart wäre gegen sie immun.
Mich hat bei der Lektüre deshalb weniger ein einzelnes historisches Ereignis beschäftigt als die Gesamtschau. Dass sich die äußeren Umstände über Jahrhunderte radikal verändern können und ein Ressentiment trotzdem überlebt, ist schwer zu begreifen. Gerade deshalb lohnt es sich, seiner Geschichte nachzugehen.
„Judenhass. Ein Virus, das die Welt umspannt“ ist keine bequeme Lektüre. Das kann und soll ein Buch über dieses Thema auch nicht sein. Es ist vielmehr eines jener Sachbücher, bei denen man zwischendurch innehält, weil eine historische Verbindung plötzlich etwas in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Geschichte zu kennen bedeutet schließlich nicht nur zu wissen, was einmal geschehen ist. Geschichte kann uns helfen zu verstehen, wie Vorstellungen entstehen, wie sie weitergegeben werden und weshalb manches in neuer Sprache und neuer Gestalt zurückkehren kann.
Martin Haidinger hat ein historisch fundiertes und zugleich hochaktuelles Buch vorgelegt, das seinen Leserinnen und Lesern keine einfachen Antworten abnimmt, sondern ihnen etwas viel Wertvolleres zutraut: sich aufgrund von Wissen selbst ein Urteil zu bilden.
Ein wichtiges Buch über ein schwieriges Thema – und eines, das für mich nach der letzten Seite noch lange nicht zu Ende war.

Über den Autor Prof. Mag. Martin Haidinger
Prof. Mag. Martin Haidinger, geboren 1969 in Wien, ist Historiker, Journalist und Autor zahlreicher Sachbücher und Romane.
Seit vielen Jahren widmet er sich mit großer Leidenschaft der Vermittlung von Geschichte und Wissenschaft. Als Wissenschaftsredakteur beim ORF ist er einem breiten Publikum vor allem durch seine Arbeit für Radio Ö1 bekannt. Darüber hinaus war und ist er auch für ORF 2 Wien, BR Alpha und den Deutschlandfunk sowie für verschiedene Printmedien tätig.
Haidinger ist Redaktionsleiter der Ö1-Wissenschaftssendungen „Salzburger Nachtstudio“ und „Science Arena“. Als Autor beschäftigt er sich immer wieder mit historischen Persönlichkeiten, politischen Entwicklungen und den oftmals überraschenden Zusammenhängen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Bei Ueberreuter erschienen unter anderem „Wilhelm Höttl. Spion für Hitler und die USA“ sowie „… und dann wurden sie Nazis. Faszination Hitler“.
Mit „Judenhass. Ein Virus, das die Welt umspannt“ widmet sich Martin Haidinger einem ebenso historischen wie bedrückend aktuellen Thema und zeichnet die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis in die Gegenwart nach.
Judenhass. Ein Virus, das die Welt umspannt
Autor: Martin Haidinger
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Erscheinungsdatum: September 2026
Einband: Hardcover
Umfang: 224 Seiten
Format: 14,6 × 22 cm
ISBN: 978-3-8000-8119-6
Preis: € 25,00
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