Der junge Kurt Sowinetz am Beginn seiner Schauspielkarriere, die 1955 am Wiener Volkstheater begann, ihn über die Josefstadt bis an das Burgtheater führte, wo er als Ensemblemitglied in den späten 1980er Jahren abtrat. Tosender Applaus und die Gunst der Zuschauer waren ihm dabei stets hold. Dazwischen stand er auch in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen seinen Mann. Foto: privat

Ist es nicht traurig, wenn man feststellen muss, dass es über einen vielseitig begabten Künstler, einen Maler und Bastler, sowie einen großartigen Schauspieler keine Autobiographie gibt – umso mehr, wo es um diesen ehemaligen Volksschauspieler in letzter Zeit doch ziemlich still geworden ist? Aber Halt, so stimmt das auch wieder nicht. In „Man müsst mit an Vogerl Bruderschaft trinken …“ ist das gesamte vielseitige Leben und Wirken des unvergleichlichen Kurt Sowinetz niedergeschrieben worden … aber eben von keinem Biographen, sondern von Gattin Inge und Tochter Dunja Sowinetz. Und das aus einem einfachen Grund, aber dazu später;

Bastler aus Leidenschaft

Kurt Sowinetz, der zum Zeitvertreib gerne bastelte, bewohnte in unmittelbarer Nachbarschaft seines Freundes Fritz Muliar am Donaukanal in Wien ein Häuschen. Durch die gemütlichen Wellen inspiriert, begann der „Sowerl“ kurzerhand ein kleines Boot zu bauen. Dieses Schifferl konnte mittels Fernsteuerung über das Wasser gleiten und hatte an Bord auch eine kleine Tonbandanlage. Eines schönen Sonntages, Fritz Muliar döste vor seinem Haus in der Nachmittagssonne, ließ Sowinetz sein Schiff vom Stapel laufen. Direkt vor dem Muliar-Steg schaltete sich wie von Geisterhand betätigt das Magnetophon ein und es ertönte nur ein einziger Satz: „Fritz Muliar ist ein A….loch!“ Nach dieser Durchsage drehte sich das Schifferl um 180 Grad und zuckelte gemütlich in den Sowinetz´schen Heimathafen zurück. Der Schiffskonstrukteur hatte, gemäß eigener Aussage, ein Jahr Arbeit darangesetzt, um diesen Ausspruch loszuwerden.

Der „Beleidigte” über Kurt Sowinetz

„Einige meiner Partner auf der Bühne standen mir sehr nahe. Zu meinem absoluten Lieblingskollegen zählte mein Freund Kurt Sowinetz. Was habe ich ihn für seine Genauigkeit und diffizile Kleinarbeit bewundert, mit der er seine Rollen immer ausschmückte und gestaltete. Ich hatte immer wieder den Eindruck, dass er mich ganz schön an die Wand spielt. Was konnte man doch alles von ihm lernen.“, so Fritz Muliar über Kurt Sowinetz.

Tratschereien der Nachbarschaft

Kurt Sowinetz stand als Kammerschauspieler in den späten 1970er Jahren auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Im Tom Stoppard-Stück „Night and Day“ verkörperte er die Rolle eines dunkelhäutigen Diktators. Im Anschluss an die Vorstellung ließ sich der gefeierte Schauspieler von seiner Gattin Inge in voller Schminke nach Hause kutschieren, um sich die dunkle Farbe im trauten Heim in der Badewanne abzuwaschen. Die Schwiegermutter wurde beim Einkaufen und auf der Straße von freundlichen Nachbarn angesprochen, ob denn der Herr Sowinetz im Ausland weilen würde. Warum? Nun, weil man beobachten konnte, dass Frau Sowinetz abends jetzt öfters mit einem “Dunkelhäutigen Fremden” nach Hause komme.

Der Narr von Wien

Der kolossale Volksschauspieler Kurt Sowinetz war wahrhaft universell einsetzbar. Fritz Muliar meinte über ihn nicht zu Unrecht, dass es unter den Kollegen auf der Bühne große Freude bereitete, wenn man Sowinetz bei der Arbeit beobachten konnte. Mit Akribie und peinlichster Pflichterfüllung ging er, der „Sowerl“, stets an seine Rollen heran. Eine seiner größten und auch wichtigsten Rollen hatte Kurt Sowinetz 1982 allerdings im Fernsehen. In „Der Narr von Wien“ verkörperte er den Kaffeehausliteraten Peter Altenberg und das so gut, dass er die „Goldene Nymphe“ für die beste männliche Hauptrolle dafür zugezählt bekam. Als man ihn von dieser zu erwartenden Auszeichnung telefonisch in Kenntnis setzte, war er in seiner typischen Manier wieder einmal nicht ganz Ohr und vertrat die Meinung, dass er aus irgendwelchen ihm unbegreiflichen Gründen irgendeine Münze angedreht bekomme.

Ein Kind in Ottakring

Kurt Sowinetz wurde am 26. Februar 1928 in Wien geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Ottakring. Ein XVI. Hieb, den es heute, 95 Jahre später, natürlich nicht mehr gibt, ausgestattet mit Pflastersteingassen samt schweren Pferdefuhrwerken der bekannten Ottakringer Brauerei. Eines dieser Rösser biss damals den kleinen Kurti in die Schulter. In der Arnethgasse beim Wirt am Eck´ mit der Hausnummer 41 holte man an Sonntagen in Glaskrügeln das Bier für das Mittagessen. Die Kinder sausten im Sommer barfuß durch die Gassen und halfen beim Sauerkrauterzeuger, das Kraut zu stampfen – natürlich mit gewaschenen Füßen. Hinein in diese kindliche Idylle im Wien der frühen 1930er Jahre fiel eines schönen Tages im Klosterkindergarten die ehrwürdige Schwester beinahe in Ohnmacht. Sie beorderte die Mutter von Kurti Sowinetz zu ihr, um kreidebleich berichten zu müssen, der Kurti habe einen Wunsch geäußert: „Er wolle später einmal Schauspieler werden!“

Bürgerkrieg 1934, Anschluss 1938

Im Februar 1934 saß Familie Sowinetz – die Frau Mama, eine hochmusikalisch begabte, adrette, weibliche Erscheinung und der Herr Vater, der gerne Konzertgeiger wäre, aufgrund finanzieller Unmöglichkeiten dieses Vorhaben jedoch nicht verwirklichen könne, sowie der kleine Kurti beim Kanonenofen und man beobachtete gespannt zischende Bratäpfel, während in der Ferne dumpfe Schüsse des Bürgerkrieges hallten. Diese Zeit, sowie der politische Umbruch in Österreich in den Märztagen des Jahres 1938 prägten die Einstellung des 10-jährigen Kurt Sowinetz dermaßen, dass er für sich entschied, stets seine eigenen Wege gehen zu wollen, sich überall herauszuhalten und auch politisch kein Interesse zu hegen, sieht man eventuell von der „Ein-Mann-Partei-Sowientz“ ab.

Der Begabte spricht wie ein Schwein

Träume sind etwas Schönes, und wer es sich leisten kann, seine Träume zu leben, ist ein glücklicher Mensch. Wenngleich alle, die es sich nicht leisten können, ihre Träume zu verwirklichen, hoffentlich auch glücklich sind. Die Schauspielschule Otto in der Nähe der Wiener Staatsoper plakatierte in ganz Wien und warb dabei um Studenten. Kurt Sowinetz war Feuer und Flamme und legte sich zwei Vorsprechtexte zurecht: „Die Teilung der Welt“, sowie einen Monolog aus dem Friedrich Schiller-Drama „Die Jungfrau von Orleans“. Der Vorsitzende der Aufnahmeprüfung gelangte nach dem Sowinetz´schen Vorsprechen zu folgendem Urteil: „Sie sind hochbegabt, junger Mann – aber Sie sprechen wie ein Schwein!“ Ottakring war eben sein Heimatbezirk, das war nicht zu überhören. Und Sowinetz war somit aufgenommen. Und mit ihm Bibiana Zeller und Walter Kohut.

Vorbild Oskar Werner

Mit Walter Kohut verband Kurt Sowinetz eine langjährige Freundschaft, so gut dies in diesem Beruf eben möglich war. Je nach dem, wo die einzelnen Schauspiel-Engagements waren, verlor man sich immer wieder aus den Augen. Es ist im Schauspielberuf nicht möglich, mit den Kollegen bis zur Pensionierung zusammenzuarbeiten. Und dennoch gab es welche, die hin und wieder zu alter Wirkungsstätte zurückfanden. Oskar Werner zum Beispiel. Ein großartiger Schauspieler mit einer perfekten Aussprache gesegnet und ein heute noch unvergessener Charakterdarsteller, beispielsweise als Wolfgang Amadeus Mozart in „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus dem Jahre 1955. Auch Werner war Absolvent der Privatschule Otto, besuchte diese immer wieder und schaffte auch den Sprung bis nach Hollywood. Und auch Oskar Werner war ein Kind der Vorstadt und konnte, wenn er wollte, einem mit seiner urwienerischen Goschn perfekt d´rüberfahren. Kurt Sowinetz war begeistert.

Clown, Philosoph und immer wieder Schauspieler

Es gab in früheren Jahren Schauspieler, die bestachen durch ihre stets zum Lachen anregende Ausstrahlung. Ossy Kolmann war zum Beispiel so einer. Wenn dieser die Bühne betrat, lachte das Publikum, noch bevor der Ossy überhaupt einen Satz sprechen konnte. Kurt Sowinetz begeisterte sein Publikum insofern, da man bei ihm nie wusste, was nun kommen würde. Meistens verkörperte er schwere Rollen, garniert mit trockenem Wiener „Hamur“ und war der Mann mit den unzähligen Gesichtern. Ein Gesicht, das sich einprägte. Und wenn er philosophierte, mit todernster Miene, wurde man ohnehin nie müde, ihm zuzuhören. Ein sprichwörtlicher Clown, der nicht alles allzu ernst nahm.

Wiener Grantscherben per se

Beim Gedanken an Kurt Sowinetz heute gelangt automatisch seine wohl allerbeste Darstellung ins Gedächtnis. Es ist zwar nach wie vor unfair, diesen vielseitigen Begabten einzig und allein mit dieser Rolle zu assoziieren, aber vorgetragener Text und perfekt dargebotene Hauptdarstellung von einer Person in einer derartigen Genauigkeit, das ist nach wie vor unvergänglich. Sei es der Frust, oder aber die Wut auf Mitmenschen, in „Alle Menschen san ma zwider“ – aufgenommen 1972 im Schweizerhaus im Wiener Prater – ein Monolog eines Querulanten alleine beim Wirt´n oder Heurigen sitzend – spiegelt sich der perfekte Wiener, der – leider muss an dieser Stelle erwähnt werden – mehr und mehr ausstirbt. Grantig und an´gfressen auf Gott und die Welt sitzt man da, des Krügerl ist leer, der Wirt schenkt a nix mehr aus, die Leit san olle Oarsch und überhaupt bin i sowieso auf olle haß. Herrlich, ein Stück gutes, altes Wien in absoluter Reinkultur und Vollendung dargeboten! TAUSEND DANK DAFÜR KURT SOWINETZ!

Wie es dazu kam

Kurt Sowinetz, der gerne mit Freunden beisammen saß und – je später der Abend, desto mehr kam er in Fahrt – philosophierte, meinte eines Tages: „Man müaßt aus den Zeilen von Beethovens Neunter ,Alle Menschen werden Brüder`, ,Alle Menschen san ma zwider` machen!“ Dazu muss festgehalten werden, dass er die klassische Musik liebte und er weder Friedrich Schiller´s Gedicht „An die Freude“ noch Ludwig van Beethoven mit seiner Sinfonie damit verunglimpfen wollte. Es sah damals, in den frühen 1970er Jahren ähnlich wie heute aus und die schöne Illusion, dass alle Menschen Brüder werden könnten, war eben bloß ein trügerischer Schein. Die Realität des grantelnden und räsonierenden Wieners, dem man ohnehin nie alles recht machen konnte, war da schon eher die Realität. Die Idee dazu war geboren und wurde 1972 in die Tat umgesetzt.

Man müsst mit an Vogerl Bruderschaft trinken

Den Traum vom Fliegen träumte Kurt Sowinetz immer. „Ich flieg heut Nacht zum Belvedere. Über den Brunnenmarkt die Josefstädterstraße hinunter, am Theater in der Josefstadt vorbei, übers Burgtheater in die Innere Stadt, ich überquere den Heiligenkreuterhof ganz tief, so wie ich mir überhaupt während des Fluges die Hinterhöfe von Wien genau betrachte, die sonst hinter den Fassaden der Häuser versteckt bleiben. Ich flieg zum Schwarzenbergplatz und über die Prinz-Eugen-Straße zum Belvedere. Um halb drei früh bin i durt. Kommst a hin?“  erinnert sich die Gattin Inge sehr lebhaft an ihren Kurt. Der Albatros hatte es ihm angetan. Am Boden plump und schwerfällig, doch wenn er in die Lüfte entschwebt ist, erreicht er dort oben mit einem Minimum an Energie ein Maximum an Leichtigkeit und Flug-Eleganz. „Man müsst mit an Vogerl Bruderschaft trinken. Mit einer Amsel genauso wie mit einem Albatros. Man müsst einer sein!“, so ein tief in Gedanken versunkener Kurt Sowinetz.

Der Individualist auf Lebenszeit tritt ab

Ein „Garderober“ wusste einst über Kurt Sowinetz zu berichten: „Wenn´s dem Kurti nimmer passt, dann nimmt er sein Kapperl und geht. Aber dann kummt er a nimmer z`ruck!“ Man hielt ihm vor, sich in „Sachen Claus Peymann“, der 1986 Burgtheaterdirektor wurde, zu wenig engagiert zu haben. Für einen, der sich zeitlebens aus allem heraushielt, ein saublöder Vorwurf. Und es ereignte sich folgendes: Kurt Sowinetz litt urplötzlich unter Schluckbeschwerden und erhielt vom Arzt die niederschmetternde Diagnose: “Unheilbar”. Sowinetz, der im Sommer 1990 längst nicht mehr auf der Bühne oder vor einer TV-Kamera stand, fand nach wie vor Beruhigung und Bestimmung in der Malerei. Diese Malerei, die ihn seit frühester Kindheit begleitet hatte, diente damals auch dazu, dass die Mutter in Ottakring seine Bilder gegen Lebensmittel eintauschen konnte. Es gab bekanntlich nichts nach dem Krieg 1945 und noch viele Jahre danach. Und Sowinetz hätte, wenn er nicht Schauspieler geworden wäre, bestimmt auch als Maler und Künstler seinen Karriere-Weg gemacht.

Man weiß es … und spricht nicht darüber

Seine letzten Monate verbrachte Kurt Sowinetz im allerengsten Familien- und Freundeskreis, malte, philosophierte und machte genaugenommen das, was er immer gerne tat: er engagierte sich künstlerisch. Im Sommer 1990 überdachte er nochmals seine Technik. Unzählige Aquarelle, die sich vermehrt dem Thema Wasser widmeten, brachte er gekonnt zu Papier. Ein einsamer und verlassener Klappsessel am Fuße des Meeresstrandes ist hier in Erinnerung. Sah er sich selbst auf diesem Stuhl sitzen, bevor er abging und nach Hause?

Geburtstag

Am 28. Jänner 1991 verstarb ein im 63. Lebensjahr stehender vielseitig begabter großartiger Künstler, Schauspieler und Philosoph in Wien, der heute seinen 95. Geburtstag gefeiert hätte. Heimlich still und leise, so, wie er auch auf der Bühne leider nur allzu oft im Schatten seiner Kollegen stand, wenngleich oftmals er der Größte war – Zitat Fritz Muliar – stahl sich Kurt Sowinetz davon. Er hat uns soviel hinterlassen, an Geist, Esprit, Witz, an trockenem Humor und er lebt in seinen Skulpturen und Aquarellen weiter und somit auch in unserer Erinnerung. Danke Kurt Sowinetz – es war schön, dass Du für uns gelebt, gespielt, uns dabei grandios unterhalten, gemalt und noch so vieles andere mehr hast!

Biographie

Wie schwer es Frau und Tochter gefallen sein muss, sich hinzusetzen und unmittelbar nach dem Ableben des geliebten Gatten und Vaters eine Autobiographie zu verfassen, liegt im Ermessen des geneigten Lesers. Fakt ist, dass Kurt Sowinetz niemand so ganz genau kannte und wer sollte dann wirklich Genaueres über ihn wissen, außer eben der Gattin und der Tochter. Diese Memoiren sind im Amalthea-Verlag 1991 unter der ISBN 3-85002-315-X erschienen und leider völlig vergriffen. Anhand von Antiquariaten und / oder Flohmärkten ist es aber immer noch möglich, dieses lesenswerte Buch zu erhaschen. Die vielen Gesichter des Kurt Sowientz sind und bleiben unvergessen.

Quelle: Redaktion www.oepb.at

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