Erfahrenes, Verschüttetes, Gefundenes

Es gibt Bücher, bei denen man bereits nach wenigen Seiten weiß, wohin die Reise gehen wird. Und es gibt Bücher, die sich diesem Wissen ganz bewusst entziehen. „Schwindelfrei“ von Käthe Kratz gehört zur zweiten Kategorie. Denn so sehr dieses Buch von einem Leben erzählt, so wenig möchte es eine klassische Autobiografie sein.

Käthe Kratz blickt zurück – aber sie stellt sich dabei nicht auf ein Podest. Sie reiht keine Erfolge aneinander, führt keine prominenten Wegbegleiter vor und versucht auch nicht, nachträglich Recht zu behalten. Vielmehr begibt sie sich auf Spurensuche. Sie sucht nach Erfahrenem, nach Verschüttetem und nach dem, was sich Jahrzehnte später wiederfinden lässt. Genau darin liegt die Bedeutung des Untertitels.

Die 1947 in Salzburg geborene Käthe Kratz hat ein außergewöhnliches Leben geführt. Sie war die erste Frau, die an der Wiener Filmakademie Regie studierte, und wurde Österreichs erste TV-Spielfilmregisseurin. Allein daraus hätte sich ohne Mühe eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte machen lassen. Doch Kratz interessiert sich für etwas anderes. Sie fragt danach, was hinter solchen biografischen Eckdaten liegt: Woher kommt ein Mensch? Was nimmt er aus seiner Familie mit? Wogegen muss er sich auflehnen? Welche gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen sein Leben? Und was bleibt Jahrzehnte später davon übrig?

Bemerkenswert ist bereits die Form, die Käthe Kratz dafür gewählt hat. Sie erzählt nicht einfach in der ersten Person von „mir“ und „meinem Leben“. Das Kind ihrer Erinnerungen ist „das Mädchen“, später wird daraus „die Frau“ und schließlich „die alte Frau“. Auch andere Menschen werden nicht durch ihre Namen zu Figuren, sondern durch ihre Beziehung zur Protagonistin oder ihre gesellschaftliche Rolle: die Mutter, der Vater, die Schwester, der Bruder, die Tochter, der Autor, die Freundin.

Anfangs schafft diese Erzählweise eine gewisse Distanz. Doch gerade diese Distanz erweist sich zunehmend als Stärke des Buches. Denn dadurch wird aus einer individuellen Lebensgeschichte etwas Größeres. Dieses Mädchen ist Käthe Kratz – und gleichzeitig steht es stellvertretend für eine Generation, die in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, in der der Nationalsozialismus offiziell vorbei war, dessen Folgen jedoch keineswegs verschwunden waren.

Besonders eindringlich wird „Schwindelfrei“ dort, wo Kratz die eigene Familiengeschichte betrachtet. Sie wuchs als Kind überzeugter Nationalsozialisten auf. Damit stellt sie eine Frage, die in der österreichischen Nachkriegsgeschichte lange viel zu wenig gestellt wurde: Was geschieht mit den Kindern der Tätergeneration?

Es geht dabei nicht darum, die Geschichte der Täter und ihrer Nachkommen mit jener der Opfer gleichzusetzen. Kratz tut genau das nicht. Ihre Frage ist eine andere: Was wird innerhalb einer Familie weitergegeben? Welche Überzeugungen, welches Schweigen, welche Ängste und welche Verdrängungen gelangen von einer Generation zur nächsten? Und wie lange dauert es, bis ein Kind überhaupt erkennen kann, dass das Weltbild, in dem es aufgewachsen ist, nicht die einzig mögliche Wahrheit darstellt?

Damit erzählt „Schwindelfrei“ nicht nur persönliche Geschichte, sondern gleichzeitig österreichische Zeitgeschichte.

Das Private ist politisch – dieser zentrale Gedanke der Frauenbewegung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Denn Käthe Kratz‘ Weg führt sie schließlich mitten hinein in eine Welt, in der Frauen zwar vieles durften, solange sie bestimmte Grenzen nicht überschritten. Regie zu führen gehörte lange nicht selbstverständlich dazu.

Heute liest man beinahe beiläufig, dass Kratz die erste Frau im Regiefach an der Wiener Filmakademie und später die erste österreichische TV-Spielfilmregisseurin war. Doch hinter einem solchen Satz stehen Jahre des Kämpfens gegen Strukturen, die aus heutiger Sicht manchmal geradezu absurd erscheinen.

Eine Frau, die nicht nur beim Film mitarbeiten, sondern bestimmen wollte, wohin die Kamera blickt und welche Geschichten erzählt werden, stellte bestehende Machtverhältnisse infrage.

Und Käthe Kratz wollte noch mehr. Sie wollte Frauen nicht bloß als schmückendes Beiwerk, Geliebte, Ehefrau oder Objekt männlicher Geschichten zeigen. Frauen sollten Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichten sein.

Dass ihr dabei Widerstand entgegenschlug, überrascht nicht. Erschreckend ist vielmehr, wie selbstverständlich dieser Widerstand lange Zeit war.

Kratz erzählt davon ohne Selbstmitleid und ohne sich im Nachhinein zur Heldin zu stilisieren. Gerade dadurch wird sichtbar, wie viel Kraft notwendig gewesen sein muss, um immer wieder weiterzumachen.

Auch die Frauenbewegung der 1970er-Jahre erscheint dabei nicht als historische Fußnote, sondern als Aufbruch. Frauen begannen, über Geld zu sprechen, ihre Gagen offenzulegen, Benachteiligungen sichtbar zu machen und zu verlangen, in Entscheidungsgremien vertreten zu sein. Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen mögen, waren es keineswegs.

Besonders interessant ist, dass Kratz diesen Aufbruch nicht verklärt. Die Solidarität war stark – aber sie hielt nicht ewig. Gesellschaftliche Veränderungen, Individualisierung und Konkurrenz ließen vieles wieder verschwinden, was zuvor gemeinsam erkämpft worden war.

„Schwindelfrei“ ist deshalb auch ein Buch über die ernüchternde Erfahrung, dass gesellschaftlicher Fortschritt niemals endgültig gesichert ist.

Was erkämpft wurde, kann wieder verloren gehen.

Neben Politik und Beruf nehmen Beziehungen einen wichtigen Raum ein. Auch hier erspart sich Käthe Kratz nachträgliche Schönfärberei. Die 1970er- und frühen 1980er-Jahre waren geprägt von großen Vorstellungen über Freiheit, Sexualität und neue Formen des Zusammenlebens. Die traditionelle Kleinfamilie wurde infrage gestellt, Beziehungen sollten freier werden, alte Regeln verschwinden.

Vieles davon war ernst gemeint und von der Hoffnung getragen, ein anderes, freieres Leben führen zu können.

Doch Freiheit auf dem Papier bedeutet noch lange nicht Freiheit im wirklichen Leben.

Kratz zeigt auch, wie solche Utopien scheitern können und wie schnell neue Formen des Zusammenlebens wiederum alte Verletzungen und Machtverhältnisse hervorbringen. Gerade weil sie diese Zeit weder lächerlich macht noch romantisiert, gehören diese Passagen zu den interessanten Teilen des Buches.

Überhaupt liegt eine große Qualität von „Schwindelfrei“ darin, dass Käthe Kratz ihrem früheren Ich nicht ständig mit der Weisheit des Alters dazwischenredet.

Sie betrachtet.

Sie erinnert.

Sie hinterfragt.

Und manchmal korrigiert sie auch.

Das macht dieses Buch glaubwürdig.

Denn wer ehrlich auf ein langes Leben zurückblickt, wird darin kaum eine gerade Linie finden. Menschen treffen Entscheidungen, von denen sie überzeugt sind, machen Umwege, irren sich, kämpfen, gewinnen und verlieren. Erst im Rückblick entstehen Zusammenhänge, die während des Lebens selbst nicht erkennbar waren.

Besonders berührend ist deshalb der Teil des Buches, in dem es um Erschöpfung geht.

Nach Jahrzehnten des Kämpfens und Arbeitens kam der Zusammenbruch. Ein Burnout zwang Käthe Kratz zum Stillstand. Interessant ist, wie sie den Weg zurück beschreibt. Nicht große Erkenntnisse und nicht ununterbrochenes Nachdenken brachten die Veränderung. In ihrem Haus in Kroatien begann sie körperlich zu arbeiten. Sie schleppte Steine, rodete, renovierte.

Und irgendwann stellte sie fest, dass während dieser Arbeit etwas in ihr geschah: Der Kopf begann aufzuräumen.

Diese Beobachtung gehört für mich zu den schönsten Gedanken des Buches.

Wir glauben häufig, wir müssten jedes Problem durch Denken lösen. Wir grübeln, analysieren und suchen nach Erklärungen. Dabei kann es manchmal gerade das Gegenteil sein, das etwas in Bewegung bringt: mit den Händen arbeiten, sich bewegen, etwas erschaffen und den Gedanken für eine Weile nicht beim Denken zusehen.

Während die Hände beschäftigt sind, findet der Kopf manchmal ganz von selbst seine Ordnung.

Auch das Erinnern selbst wird in „Schwindelfrei“ nicht als gemütlicher Spaziergang durch vergangene Zeiten dargestellt. Erinnerung kann schmerzhaft sein. Sie kann etwas zurückbringen, das aus gutem Grund lange verschüttet war. Und sie ist niemals vollständig.

Vielleicht liegt gerade darin die Ehrlichkeit dieses Buches.

Käthe Kratz behauptet nicht, ihr Leben nachträglich vollständig erklären zu können. Sie sucht.

Und sie akzeptiert, dass manche Antworten fehlen.

Der Tod der Mutter wird zu einem wichtigen Ausgangspunkt dieser Suche. Plötzlich taucht die Erkenntnis auf, wie vieles nicht gefragt wurde und nun nicht mehr gefragt werden kann. Eine Erfahrung, die vermutlich viele Menschen kennen: Solange Eltern leben, glaubt man unbewusst, für Fragen sei noch unendlich viel Zeit. Erst wenn diese Möglichkeit verschwunden ist, bemerkt man die Leerstellen.

Was wusste ich eigentlich über meine Mutter?

Was wusste ich über meinen Vater?

Was haben sie erlebt, bevor ich sie kannte?

Und warum habe ich nie danach gefragt?

Aus solchen persönlichen Fragen wächst bei Kratz eine viel größere Suche nach der eigenen Geschichte.

Dabei verbindet sie Privates immer wieder mit gesellschaftlichen Entwicklungen: Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, Frauenbewegung, Veränderungen von Sexualität und Beziehungen, Machtstrukturen im Kulturbetrieb und politische Ereignisse der Zweiten Republik.

Das könnte leicht zu einem überladenen Buch werden.

Doch Kratz gelingt es, die große Geschichte immer wieder am einzelnen Menschen festzumachen. Politik findet nicht irgendwo außerhalb unseres Lebens statt. Sie sitzt mit am Küchentisch, bestimmt Berufsmöglichkeiten, Beziehungen, Rollenbilder und manchmal sogar das, worüber in einer Familie gesprochen oder eben geschwiegen wird.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Buches: Ein einzelnes Leben lässt sich niemals vollständig von seiner Zeit trennen.

„Schwindelfrei“ ist daher auch für Leserinnen und Leser interessant, die mit dem filmischen Werk von Käthe Kratz bisher wenig oder gar nicht vertraut sind. Natürlich bekommt man Einblick in das Leben einer bedeutenden österreichischen Filmemacherin. Doch wer lediglich Anekdoten über bekannte Persönlichkeiten oder einen Blick hinter die Kulissen des österreichischen Films erwartet, wird etwas anderes bekommen.

Kratz verweigert die übliche Prominenten-Autobiografie.

Namen interessieren sie weniger als Zusammenhänge.

Nicht: Wer war dabei?

Sondern: Was ist geschehen – und was hat es mit einem Menschen gemacht?

Diese Entscheidung verlangt beim Lesen Aufmerksamkeit. „Schwindelfrei“ ist kein Buch, das seine Wirkung aus Sensationen bezieht. Manche Passagen sind essayistisch, andere sehr persönlich, wieder andere führen weit hinein in Politik und Zeitgeschichte. Das Buch möchte nicht möglichst schnell konsumiert werden.

Es verlangt Zeit.

Doch wer sie ihm gibt, entdeckt nach und nach ein dichtes Geflecht aus persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte.

Und irgendwann bekommt auch der Titel eine besondere Bedeutung.

Schwindelfrei zu sein bedeutet nicht, niemals ins Wanken zu geraten.

Vielleicht bedeutet es vielmehr, irgendwann den Mut zu haben, hinunterzusehen.

Auf das eigene Leben.

Auf die Herkunft.

Auf Irrtümer und Verletzungen.

Auf Erfolge, für die man kämpfen musste.

Auf Dinge, die man lieber vergessen hätte.

Und auf jene Teile der eigenen Geschichte, die lange verschüttet waren.

Käthe Kratz tut genau das.

Sie blickt zurück, ohne daraus ein Denkmal ihrer selbst zu bauen. Sie zeigt Widersprüche, Brüche und Entwicklungen und lässt gleichzeitig erkennen, wie eng ein einzelnes Frauenleben mit der politischen und gesellschaftlichen Geschichte Österreichs verbunden sein kann.

Das Ergebnis ist kein bequemes Erinnerungsbuch.

Es ist ein kluges, manchmal schmerzhaftes und bemerkenswert uneitles Buch über Herkunft, Selbstermächtigung, Frauenleben, Erinnerung und die Möglichkeit, auch spät im Leben noch nach verschütteten Teilen der eigenen Geschichte zu suchen.

Und vielleicht liegt gerade darin etwas Tröstliches:

Nicht alles, was einmal verschüttet wurde, ist für immer verloren. Manches lässt sich wiederfinden.


Über die Autorin:

© Gerald Kührer

Käthe Kratz, 1947 in Salzburg geboren, ist eine österreichische Filmemacherin und Autorin. Sie studierte als erste Frau Regie an der Filmakademie Wien und war die erste weibliche TV-Spielfilm-regisseurin Österreichs. Mit ihrer Arbeit legte sie einen Grundstein für das zeitgenössische feministische Filmschaffen in Österreich.
Zu ihren Werken gehören u.a. die historische Spielfilm-Reihe „Lebenslinien“, sowie die Kinofilme „Atemnot“ und „Das 10. Jahr“.
Der Staat Österreichisch verleiht ihr das goldene Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

TERMINE KÄTHE KRATZ “SCHWINDELFREI”

am 21.10. um 19 Uhr, Lesung im Bezirksmuseum Josefstadt/Wien
https://www.bezirksmuseum.at/veranstaltung/kaethe-kratz-schwindelfrei/

am 23.10. um 18:30 Uhr, SPÖ-Frauen Graz, Ducks Coffee Shop, Raubergasse 14, Graz
https://stmk.spoe.at/schwindelfrei/

am 27.10. um 20 Uhr, Lesung im Kosmos Theater/Wien
https://kosmostheater.at/produktion/schwindelfrei/

am 03.11. im Institut für Wissenschaft und Kunst/Wien

am 05.11. um 18 Uhr in der Buchhandlung Leporello, Singerstraße 7, 1010 Wien

am 09.11. in der Wiener Bildungsakademie, Praterstraße 25a, 1020 Wien

am 10.11. in der VHS Meidling, Längenfeldgasse 13-15, 1120 Wien

für weitere Termine siehe EVENTS

Käthe Kratz: „Schwindelfrei. Erfahrenes Verschüttetes, Gefundenes“,
VERLAG: Elster & Salis Wien, 2026
gebunden
423 Seiten
ISBN 978-3-9505960-0-7
€ 25,70 in Österreich.

zu bestellen bitte hier:

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