Mehr als nur ein Farbtupfer im Fußball-Lande Österreich war der Brasilianer Jacaré. Hier im Europacup der Meister-Hinspiel am 18. Oktober 1962 vor 42.000 Zuschauern im Praterstadion. Vier Franzosen können den kleinen Jacaré am 1 : 0 nicht hindern. Die Nr. 9 ganz links im Bild ist Horst Nemec. Aus FK Austria Wien gg. Stade Reims, 3 : 2 (Pausenstand 2 : 1). Foto: © oepb

In „grauer Vorzeit“, wenn man so will, Mitte April 1962 landete mit Waldemar Graciano alias Jacaré aus Sao Paulo in Brasilien kommend der erste farbige Fußballspieler Österreichs in Schwechat. Die Wiener Violetten, der FK Austria Wien hatte das Rennen um den Stürmer Jacaré gemacht, den man zuvor weder beobachtet noch live gesehen hatte. Man erwartete sich bei der Ankunft aufgrund fälschlicher Schilderungen im Vorfeld einen Hünen. Gekommen ist ein kleiner (1,66 Meter groß) und mit 66 Kilogramm Lebendgewicht ausgestatteter „schmalpickter“ Spieler, den Sektionsleiter Josef „Pepi“ Argauer am liebsten sofort wieder in den Flieger zurück nach Hause gesetzt hätte.

Sportreporter vermitteln

Die damalige Sport-Expertin und „Tageszeitung Express“-Journalistin Alice Kaufmann vermittelte den trickreichen 24-jährigen Brasilianer Jacaré um 250.000 Schilling (Anm.: € 18.168,00) nach Österreich. Ein Betrag, den Jacaré sofort im ersten FAK-Match, einem Freundschaftsspiel gegen Újpest Dózsa Budapest, mehr als „nur“ hereinspielte, denn 52.000 (!!!) Zuschauer pilgerten am 21. April 1962 ins Praterstadion den Exoten „Murli“ schauen. Tore bekam man zwar keine serviert, denn 0 : 0 lautete der Endstand, aber der kleine und überaus trickreiche Südamerikaner eroberte die Herzen der Austria-Anhänger im Sturm.

Jacaré – Das Krokodil

Waldemar Graciano, der seinen Spitznamen Jacaré – frei übersetzt „Das Krokodil“ – dem Umstand verdankte, als Bub zwar Fußball mit Schuhen gespielt zu haben, deren kaputte Sohlen allerdings beim Spiel wie die des Reptilienmauls auf- und zuklappten, bewies auch Humor: „Der Nationalsport in Brasilien ist Volleyball.“ Wie bitte? „Ja, weil der Fußballsport ist bei uns Religion!“

„Murli“ ist kein Schimpfwort

Wie sehr Jacaré die Austrianer in sein Herz schloss und natürlich auch umgekehrt, bewies er darin, indem er seine Verträge gerne mit „Murli“ – in Anlehnung an seine dunkle Hautfarbe – unterschrieb. Und auch im Rahmen eines Fernseh-Interviews nach einem siegreichen Austria-Spiel zog er die Lacher auf seine Seite. Die Austria hatte kein Geld und konnte wochenlang die fälligen Spieler-Gehälter und Sieges-Prämien nicht auszahlen. Also baute sich Jacaré nach dem Match vor den TV-Kameras auf, kehrte seine beiden Hosentaschen nach außen und grinste in die Linse: „Heut bin i Doppel-Neger!“

Blick auf Sao Paulo im Jahre 2020. Heute handelt es sich dabei um die größte Stadt Brasiliens, in der über 12 Millionen Menschen leben. Als Waldemar Graciano hier 1938 zur Welt kam, hatte die Stadt lediglich eine gute Millionen Paulistanos (Einwohner) aufzuweisen. Foto: © oepb / Martin Sohl

Aus dem Brasilianer wird ein Österreicher

Jacaré, der sich auch sehr rasch mit dem für ihn bis dato unbekannten Naturphänomen Schnee anfreunden konnte, liebte Österreich so sehr, dass er nach einigen Jahren Wien-Aufenthalt die Österreichische Staatsbürgerschaft beantragte und diese auch zuerkannt bekam. Ein Erz-Violetter war er ohnehin bereits geworden.

Aus dem Prater auf die Hohe Warte

Nach 5 erfolgreichen Spielzeiten in Violett (1962/63 bis 1966/67) mit einem Meistertitel und zwei Cupsiegen wechselte Jacaré weiter zum First Vienna FC, stieg dort zwar ab, half im Jahr darauf allerdings tatkräftig mit, dass Österreichs ältester Fußballverein just zum 75. Bestandsjahr aus der Regionalliga Ost 1969 wieder in die höchste Spielklasse aufsteigen konnte. Er harmonierte bei der Vienna – ebenso wie zuvor bei der Austria – prächtig mit dem Sturmtank Horstl Nemec. Beide kannten sich natürlich von gemeinsamen Austria-Tagen her sehr gut. Und auch hier ist eine nette Geschichte überliefert: Horst Nemec rief lautstark bei einem  Match in Richtung Schiedsrichter: „Schwarzer Pülcher!“. Damit er nicht ausgeschlossen wird, wuselte Jacaré zum Referee und klärte diesen auf: „Er hat damit mich gemeint!“

Jacaré im Herbst 1979 im Wiener Praterstadion als Co-Trainer des FK Austria Memphis Wien. Foto: © oepb

Der Liebe wegen ins „Geheiligte Land Tirol“

Jacaré beendete sein zweijähriges Gastspiel auf der Hohen Warte, wechselte nach Tirol zum Innsbrucker SK und verlor dort sein Herz an eine zünftige Tirolerin und diese auch an ihn. Die beiden wurde ein Paar. Seine private Leidenschaft für das Fotografieren behielt er bei. Aber statt „Menschen in Cafés“ konnte er nun vermehrt die Kühe auf den Almen und die schneebedeckten Berge Tirols ablichten.

Trainer im Ausland

1967 ging Jacaré von der Austria weg, 1969 auch von der Vienna hin zum Innsbrucker SK. Ab 1972 folgte eine Trainerausbildung in Garmisch-Partenkirchen, die ihn später als Coach nach Brixen in Südtirol geführt hatte. 1974 war Jacaré dabei, als eine brasilianische Filmgesellschaft den offiziellen FIFA-Film in 35 mm für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland gedreht hatte. Aber auch die Kontakte zur Wiener Austria, die rissen nie ab.

Mit Erich Hof zum Double

Im Sommer 1979 installierte Veilchen-Boss Joschi Walter den bisher sehr erfolgreichen Sportclub-Coach Erich Hof als Trainer. Ihm zur Seite wurde Jacaré als Co-Trainer bestellt. Dieser düste sogleich nach Südamerika, um für die Austria Spieler zu verpflichten. Ruben Plaza und Francisco Marcelo kamen daraufhin nach Wien. Die Austria dominierte die Saison 1979/80 und holte das begehrte Double, bestehend aus Meister und Cupsieg. Jacaré blieb neben Erich Hof zwei Jahre Co-Trainer und gewann mit dem FAK 1980/81 abermals die Meisterschaft.

Jacaré – mit Gattin – freut sich, dass ihn seine Austria anhand einer üppigen Geldspende nicht vergessen hat. Hier beim FAK-Gastspiel in Innsbruck am 29. Juli 2001. Ganz rechts FK Austria Wien-Manager Mag. Markus Kraetschmer, sowie der Veilchen Co-Trainer Ernst Baumeister (dahinter). Foto: © oepb

Schlaganfall und Rollstuhl

Die herannahende Jahrtausendwende war für „Murli“ Jacaré, der in Innsbruck jahrelang ein Schallplattengeschäft geführt hatte, alles andere als erfreulich. Im Sommer 1999 stürzte er beim Radfahren. Als man ihn fand hieß es, dass da wohl ein Schwarzer zu viel getrunken hätte. „Schlaganfall“, so lautete die niederschmetternde Diagnose im Spital. Von diesem Zeitpunkt an war der strikte Anti-Alkoholiker an den Rollstuhl gefesselt.

10. Todestag

Jacaré, als Waldemar Graciano am 4. Februar 1938 in Sao Paulo in Brasilien geboren, kam im April 1962 nach Österreich, um zu bleiben. Er verliebte sich in das Land und die Leute und hatte seinen Spaß dabei, dass man ihn „Murli“ nannte. Er liebte die Wiener und bot ihnen viel. Sein trickreiches, unbekümmertes Fußballspiel, das durch drei schwere Meniskus-Operationen immer wieder jäh unterbrochen wurde, blieb bei seinen Kollegen und Mitspielern von damals unvergessen. Am 6. Dezember 2010 verstarb Jacaré 72-jährig in Innsbruck.

Quelle: oepb

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