Geschlechterverhältnisse hinterfragen, Ausgrenzung bekämpfen, gesellschaftliche Normen verändern: Engagierte Menschen und Initiativen bewirken in Österreich – oftmals unbemerkt – entscheidende Fortschritte für Gleichstellung und mehr Gerechtigkeit. Zehn wenig bekannte Beispiele präsentiert die Ausstellung „Heimat großer Töchter“ im Foyer des Hauses der Geschichte Österreich (hdgö). Foto: © Lorenz Paulus / hdgö

Eine Frau greift zum Telefon und erkämpft das Recht, selbst über ihre Erwerbstätigkeit zu entscheiden. Für sich, aber auch für alle anderen Frauen der Republik. Überzeugte Aktivistinnen gehen gegen Sexismus in Plakatkampagnen vor und verändern mit dem „Wiener Wäschekrieg“ die Art, wie Werbung betrachtet wird. Eine Tirolerin und ihre Tochter besetzen das Büro eines Ministers und setzen damit Rechte von Menschen mit Behinderung durch. Auf die bewegende Kraft solcher gemeinsamen Anstrengungen fokussiert Heimat großer Töchter. Zeit für neue Denkmäler. Die Ausstellung erzählt Geschichten von AkteurInnen, die sich nicht mit scheinbar fixen Grenzen zufriedengeben wollen, die Rollenbilder herausfordern und Klischees vom Sockel stoßen. Sie ist ab heute, 22. Oktober 2021 im hdgö-Foyer zu sehen.
 
„Wir richten den Scheinwerfer auf mutige Menschen und Initiativen, die sich hartnäckig gegen Ungleichheiten einsetzen und damit wichtige gesellschaftliche Veränderungen in Gang bringen. Durch ihr Engagement werden sichtbare oder auch unsichtbare Barrieren abgebaut und Hand in Hand damit Diskriminierung. Der Kampf um gleiche Rechte ist noch lange nicht beendet. Aber Geschichten wie jene aus unserer neuen Ausstellung machen Mut und zeigen, dass sich der persönliche Einsatz lohnt“, sagt hdgö-Direktorin Monika Sommer.
 
Doris Schmidauer hat die Schirmherrschaft übernommen und betont bei der Eröffnung: „Die hdgö Ausstellung Heimat großer Töchter erzählt, was einzelne Frauen oder Initiativen bewirken können. Sie alle lösten auf ihre Art eine Revolution aus. Jede der erzählten Geschichten verbreitet Mut und Inspiration und lädt ein, die eigene Gesellschaft mitzugestalten und für die eigenen Bedürfnisse einzustehen. Solche Revolutionen brauchen wir auch heute.“
 
Bereits seit dem Frühjahr thematisiert das hdgö in einem Schwerpunkt, wie sich Geschlechter-verhältnisse in der Zweiten Republik verändert haben. Im März startete die laufend wachsende Online-Ausstellung #platzfürheldinnen, zu der BesucherInnen des hdgö mittlerweile mehr als 150 prominente oder bislang unbekannte Vorbilder beigetragen haben. Die neue Ausstellung im Museum schlägt nun die Brücke zwischen dem digitalen und dem analogen Raum. Ins Rampenlicht kommen damit Originalobjekte, die alle erstmals öffentlich zu sehen sind und teils spektakuläre Einblicke bieten – von einer Schlange, die Vorurteile unschädlich machte, über einen goldenen Kugelschreiber, den niemand besitzen wollte, bis hin zu jenem Reisepass, der erstmals in Österreich amtlich festhielt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Eine Gemeinsamkeit verbindet die Objekte: Ihre Geschichten knüpfen an aktuelle gesellschaftliche Debatten oder laufende Prozesse an und verankern die Ausstellung dadurch stark in der Gegenwart.

Ein Anruf mit gesetzlichen Folgen

In den 1970er Jahren rebelliert Edith Traub (1931–2014) gegen eine von vielen sexistischen Regelungen des damaligen Familienrechts. Die Wienerin ruft den Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky an und schildert ihm, dass sie gern wieder berufstätig sein würde – ihr Ehemann erlaubt es ihr aber nicht. Ihr Anruf und die Proteste anderer zeigen Wirkung: Wenige Monate später werden mit der Familienrechtsreform neue Gesetze beschlossen, EhepartnerInnen sind seitdem als gleichwertig definiert. Edith Traub konnte damit für sich selbst entscheiden und wieder als Hauptschullehrerin arbeiten.

Spraydosen gegen sexistische Werbung

Ihr Protest war nicht lange sichtbar, aber nachhaltig wirksam: Vor genau 40 Jahren, am 20. Oktober 1981, bekleben und besprühen FeministInnen Plakate einer Unterwäschefirma. Ein Bericht im „Kurier“ bringt die Aktion in aller Munde. Mit einer Podiumsdiskussion mobilisieren die AktivistInnen 800 Menschen und lösen damit eine breite Debatte über Sexismus in der Werbung aus. Das bringt auch die Aufmerksamkeit internationaler Medien ein, die dieser Aktion des Widerstands den irreführenden Titel „Wiener Wäschekrieg“ geben. Der Protest wird selbst von der Justiz als gerechtfertigt erachtet: Drei Frauen, die für „Schmierereien“ der Sachbeschädigung angeklagt werden, erhalten Freisprüche. Das Gericht begründet das damit, dass die Werbung versucht hatte, „Frauen zu vermarkten“.

Eine Bürobesetzung für Inklusion

Im Juli 1993 besetzen zwei Frauen das Büro des Verkehrsministers – die gehbehinderte Psychologiestudentin Tamara Grundstein und ihre Mutter Elisabeth Schmied. Die beiden Frauen aus Axams (Tirol) machen eine Gesetzeslücke sichtbar: Behindertenparkplätze können nur an Menschen mit Behinderung vergeben werden, nicht aber an LenkerInnen, die sie befördern. Gegen dieses echte Hindernis im Alltag setzen sich Grundstein und Schmied schließlich durch. Tamara Grundstein engagiert sich bis heute für eine inklusivere Gesellschaft und gründete die Selbstvertretungsorganisation „Queers on Wheels“.
 
Diese und sieben weitere Geschichten aus den letzten fünfzig Jahren und der Gegenwart erzählt die Ausstellung „Heimat großer Töchter. Zeit für neue Denkmäler“.

Über die Ausstellung

„Heimat großer Töchter. Zeit für neue Denkmäler“ ist ab 22. Oktober 2021 im hdgö-Foyer in der Neuen Burg zu sehen. KuratorInnen sind Stefan Benedik und Marianna Nenning. Die aktuellen Öffnungszeiten des Museums sind unter www.hdgoe.at/zeiten-preise abrufbar.
 

Quelle: HdGÖ

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Das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ)  

Das Haus der Geschichte Österreich ist das erste zeitgeschichtliche Museum der Republik und organisatorisch an die Österreichische Nationalbibliothek angebunden. Angesiedelt am geschichtsträchtigen Heldenplatz in der Neuen Burg, bietet das HdGÖ in seinen Ausstellungen Einblicke in die wichtigsten politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts bis ins Heute. Außergewöhnliche Objekte, teils noch nie gezeigte Dokumente und interaktive Medienstationen machen Zeitgeschichte für Klein und Groß erlebbar – in historischen Räumen mit zeitgemäßer Architektur und Gestaltung.  Viele Fragen und Themen der österreichischen Zeitgeschichte mit Blick auf Gegenwart und Zukunft werden in Themenführungen, Workshops und Veranstaltungen diskutiert. Für alle, die unterwegs oder zu Hause neugierig auf Geschichte sind: Eigene Web-Ausstellungen, aktuelle Schwerpunktthemen und interaktive Bildersammlungen bieten unter www.hdgoe.at immer wieder Neues aus der Vergangenheit.

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