Das Stuttgarter Neckar Stadion 1976 aus der Vogelperspektive. Foto: Archiv der Stadt Stuttgart

Als Boxing Day bezeichnen die Engländer den 26. Dezember, der traditionell als Feiertag begangen wird. An jenem Tag zieht es allerdings auch seit jeher die Massen auf der Insel zu vielen Sportveranstaltungen. Die meisten davon pilgern natürlich in die diversen Fußball-Stadien. Dies ist in England ein liebgewordener Brauch, der seinen Ursprung im Jahre 1860 hatte, als sich der Hallham FC gegen den FC Sheffield zum heute ältesten Derby der Welt einfand. Die Briten „lebten“ diesen Spiel-Tag, an dem die Hausangestellten frei bekamen und zum Dank für deren stetes Tun Geschenke in Schachteln – womit wir bei den Boxes wären – erhielten. Und so wird morgen eben in England, vormals auch in Schottland, Belgien und der Türkei, einmal mehr dem runden Leder nachgejagt.

In Deutschland war dies früher ebenso der Fall. Fußball und Deutsche Bundesliga zwischen Weihnachten und Neujahr war bis Dezember 1981 keine Seltenheit. 40mal mussten die Profis der beiden höchsten Spielklassen direkt vom Gabentisch auf den nicht sehr oft grünen, sondern weißen vom Schnee bedeckten Rasen wechseln. Damals gab es hierzulande ja noch „weiße Weihnachten“. Und während Wien sein Fußballspiel ab 26. Dezember in die Halle verlagerte, kreuzten beispielsweise vor 44 Jahren, am 26. Dezember 1976 in Stuttgart die Roten des VfB gegen die „Blauen“ der Kickers die Klingen.

Der „große“ VfB Stuttgart war 1975 abgestiegen und wollte unter Coach Jürgen Sundermann natürlich wieder ins Oberhaus zurück. Die „kleinenStuttgarter Kickers hätten ihren Rivalen liebend gerne länger bei sich gewusst, denn die Einnahmen aus dem Derby schwappten doch eine beträchtliche Summe ins Kickers-Portemonnaie. 37.000 Zuschauer bevölkerten damals an einem Sonntag das verschneite Neckar-Stadion, zu einem Spiel der 2. Deutschen Bundesliga Süd wohlgemerkt. Zwei Protagonisten der damaligen Zeit blickten nun sich erinnernd zurück:

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Wolfgang Holoch (SV Stuttgarer Kickers, damals 29 Jahre alt): „Selbst heute noch kann ich mich sehr gut an dieses Datum erinnern und denke gerne an diese Begegnung vom 26. 12. 1976 zurück, war es doch mein 250. Spiel im Dress der Blauen aus Degerloch. Wir waren gegenüber den „Roten“ lediglich Halb-Profis und hatten damals nur viermal die Woche abends trainiert. An Elan und Ernsthaftigkeit fehlte es uns jedoch nicht. Wir schränkten uns selbst ein. Essen und Trinken an Weihnachten? Alles mit Maß und Ziel genossen. Und auch am 23. Dezember, meinem Geburtstag, bat uns unser Trainer Rudolf Kröner nochmals auf den Platz.“

Bei den Vollprofis aus Bad Cannstatt lief das Prozedere freilich ein wenig anders ab. Der VfB Stuttgart war 1975 erstmals abgestiegen und erreichte den direkten Wiederaufstieg im Jahr darauf als Tabellenelfter bei weitem nicht. Streitereien innerhalb des Kaders, kein Geld in der Klub-Kasse und hohe Schulden erschütterten damals den VfB. Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder gelang mit der Verpflichtung von Trainer Jürgen Sundermann der erhoffte Schachzug. Das Team schoss wieder Tore, die Zuschauer kamen und die verjüngte Mannschaft brachte zahlreiche Talente wie Karl-Heinz Förster, Dieter Hoeneß, Hansi Müller oder Helmut Roleder hervor.

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Zu diesem Stuttgarter Stadtderby nahm Karl-Heinz Förster, der in seiner späteren DFB-Laufbahn anhand der Länderspiele gegen Österreich beispielsweise Hans Krankl stets nicht zum Tor-Abschluss kommen ließ, wie folgt Stellung: „Ich war gerade erst ein halbes Jahr bei den Profis und meine Zeit sollte noch kommen. Wir hatten ein junges und hungriges Team, aus dem unser Trainer Sundermann eine Mannschaft formte. Wir waren allesamt begeisterungsfähig und hatten viel Spaß an der Arbeit. Somit ließ auch der Erfolg nicht lange auf sich warten. Ich kann rückblickend nur sagen, dass ich glücklich war, wenn ich aufgestellt wurde. Ich wollte nur spielen und wäre auch zu Silvester angetreten.“

Die Rivalität in Stuttgart lebt bis in die heutige Zeit, wenngleich stets eine oder sogar mehr Ligen die beiden Vereine trennt. Heutzutage absolviert der VfB als Bundesliga-Aufsteiger einen sehr guten Herbst 2020, während die Kickers zwischenzeitlich in der Oberliga Baden-Württemberg angekommen, dereinst natürlich wieder in höhere Spähren entschwinden möchten.

Dazu Wolfgang Holoch: „Leider haben sich die Wege dieser beiden Traditions-Teams im Laufe der Jahre mehr und mehr getrennt. Ich treffe gerne heute noch alte Weggefährten von früher, egal ob Rote oder Blaue. Wir kennen uns, wir schätzen uns. Und wer weiß, wie es damals ausgegangen wäre, hätte ich den Strafstoß selbst ausgeführt. (Anmerkung: Holoch galt als Penalty-Experte, wurde gefoult, überließ aber gleich dem Gesetz der Serie, dass der Gefoulte nicht selbst den Strafstoß ausführen sollte, seinem Kollegen Franz-Josef Toth den Vortritt, der verschoss.) Wir waren zur Pause hinten, glichen aus und hielten sehr gut dagegen. Und dann eben leider dieser vergebene Elfmeter von uns.“

Nun, es kam, wie es in Stuttgart so oft passierte, der VfB gewann diese Derby-Partie am Boxing-Day gegen die Kickers vor 37. 000 Zuschauern im Neckar-Stadion mit 2 : 1 (Pausenstand 1 : 0) und stieg am Ende der Spielzeit als Meister der 2. Bundesliga Süd mit 100 erzielten Toren auf. Die Stuttgarter Kickers beendeten die Spielzeit 1976/77 im Mittelfeld am 10. Tabellenplatz – von 20 Teams. In der Derby-Geschichte heißt es nach 166 Vergleichskämpfen: 86 Siege VfB, 48 Erfolge Kickers und 32mal ging man brüderlich Remis auseinander.

Die Idee, am zweiten Weihnachtsfeiertag Fußball zu spielen, wäre in Anbetracht der klimatischen Veränderungen in Mitteleuropa gar nicht einmal so abwegig, denn im Sommer bei 40 Grad und mehr ballestern zu müssen, kann sich auf Dauer auf die Gesundheit der Spieler nicht gerade positiv auswirken.

Quelle: oepb

www.stuttgarter-kickers.de

www.vfb.de

www.bundesliga.de

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