Ich muss alt und senil sein, wenn ich nach Österreich zurückkehre!“ – so ein bereits zu Lebzeiten legendäres Zitat von Ernst Happel (*1925, † 1992). Nun, der Wiener Fußball „Wödmasta“ war weder alt noch senil, als er am 21. Juni 1987 seine Zelte nach einer sechsjährigen und überaus erfolgreichen Trainer-Tätigkeit beim Hamburger SV in der 1. Deutschen Bundesliga abbrach, um nach Österreich und da ins geheiligte Land Tirol zu wechseln. Das Unternehmen Swarovski wollte aus dem im Jahre zuvor 1986 mit Pump und Gloria aus dem Boden gestampften FC Tirol – vormals der FC Wacker Innsbruck – ein europäisches Spitzenteam formen und da kam der Wiener Star-Trainer und gleichzeitige Weltbürger Ernst Happel dem Schmuck- und Kristall-Unternehmen aus Wattens gerade recht.

HSV versus Benfica Lissabon, oder Happel gegen Guttmann

Kurios und traurig zugleich dabei ist und war, dass die große Zeit beim Hamburger Sport Verein / kurz HSV, garniert mit Toren, Titeln und Triumphen mit dem Abgang des Trainer-Fuchses Ernst Happel vor nunmehr 35 Jahren auch abrupt zu Ende gegangen war. Entgegen der Aussage von Béla Guttmann, der 1962 nach seinem vorzeitigen Abgang bei Benfica Lissabon posaunte, dass Benfica nun die nächsten 100 Jahre kein Endspiel mehr gewinnen wird – heute als „Guttmann-Fluch“ bekannt – schied Happel von den Hanseaten nicht im Groll. Aber die Geschichte ähnelt sich insofern, denn so wie Benfica Lissabon seit 1962 auf der europäischen Bühne als Sieger nie mehr wieder in Erscheinung trat, hatte auch der HSV nach dem Abgang Happels seine besten Jahre nun bereits Lichtjahre hinter sich gelassen.

Mit dem Pott der letzte Triumph

Jener Bewerb, der in Österreich und da vor allem hauptsächlich im Wiener Raum gerne als „Cöp“ – also als Cup – tituliert wird, nennt man in Deutschland Pokal, despektierlich auch „Pott“. Und jener Titel nämlich, den der HSV mit dem Gewinn des DFB-Pokals am Samstag, 20. Juni 1987 anhand eines 3 : 1-Erfolges über die Stuttgarter Kickers im Olympiastadion zu Berlin erreicht hatte, war bis heute der letzte große Triumph der stolzen Hanseaten, denn bei näherer Betrachtung muss man feststellen, dass es von diesem Zeitpunkt an nur noch in Windeseile bergab ging mit den „Rothosen“.

Happel und seine Hamburger Jahre

Ernst Happel heuerte im Sommer 1981 in Hamburg an und holte sogleich in seinem ersten Bundesliga-Jahr mit den Hanseaten 1981/82 die Deutsche Meisterschaft. Man startete als Titelverteidiger in die Saison 1982/83 und wurde erneut Deutscher Fußballmeister. Ebenso 1983 gewann der HSV den Europapokal der Landesmeister (heutige Champions League) anhand eines 1 : 0-Finalerfolges in Athen über Juventus Turin. Endspiel-Goldtorschütze: Wolfgang Felix Magath. 1983/84 wurde der Hamburger SV Vizemeister hinter dem VfB Stuttgart. Die Tordifferenz von  + 7 der Schwaben gegenüber den Hanseaten bei Punktegleichstand entschied für Stuttgart. Im Herbst 1984 dann die wohl größte Schmach. Anhand der 1. Hauptrunde im DFB-Pokal flog man am 1. September 1984 beim SC Geislingen mit 0 : 2 aus dem Bewerb. Angedichtete Abnützungserscheinungen zwischen Team und Trainer wischte Happel mürrisch vom Tisch. 1985 sprang der Fünfte, 1986 der Siebente Tabellenrang zum Saisonende heraus, ehe der HSV in der Spielzeit 1986/87 abermals Vizemeister – hinter dem FC Bayern München – wurde und ins DFB-Pokalfinale einzog.

44. DFB-Pokalfinale 1986/87

Der HSV Hamburg traf am Samstag, 20. Juni 1987 auf den Zweitligisten SV Stuttgarter Kickers. Zum dritten Mal in Folge wurde das DFB-Pokalfinale in Berlin ausgetragen und zum dritten Mal pilgerten über 70.000 Zuschauer nach Westend in Charlottenburg-Wilmersdorf im damals noch „geteilten Berlin“. Berlin lag mit der Hertha im Clinch. Der „Vorzeigeklub“ Hertha BSC Berlin, gleichzeitig auch Berlins größtes Sorgenkind, war nur im Unterhaus vertreten und mit der SpVg Blau Weiß 90 Berlin stellte man den Absteiger aus der Bundesliga. „Das Deutsche Wembley boomt!“ – so der Slogan der Berliner Stadtväter, die sich jedoch just zum 750 Jahr-Jubiläum ein zugkräftigeres Endspiel gewünscht hatten. Doch die Kickers aus Stuttgart waren ein mehr als nur ebenbürtiger Gegner für den Hamburger SV.

„Die Stuttgarter haben hier und heute nichts zu verlieren, auf uns wartet ein hartes Stück Arbeit!“, so der Mannschaftskapitän Manfred Kaltz gebetsmühlenartig zu seinen Mitspielern. Ernst Happel ließ seinen „verlängerten Arm am Rasen“ Kaltz nur machen, er „genoss“ das Spiel mehr oder minder von der Betreuerbank aus, gepaart mit seiner ihn auszeichnenden stoischen Ruhe.

Die kalte Dusche folgte. Dirk Kurtenbach brachte den Außenseiter in der 12. Minute mit 0 : 1 in Front. Doch der HSV schlug zurück – 1 : 1 in Minute 15 durch Dietmar Beisersdorfer. Dann geschah lange Zeit nichts. Auch nach 87 Minuten stand es immer noch 1 : 1. „Wir können uns in erster Linie nur selbst schlagen. Doch dann gehören alle erschossen!“, hatte Ernst Happel anhand der Schluss-Pressekonferenz vor dem Finale noch gemeint. Müsste er seine im Scherz gemeinte Drohung wahrmachen? Die Schwaben mehr, die Hanseaten weniger – beinahe alle rechneten bereits mit einer Verlängerung. Doch dann ein sehenswerter Kaltz-Bananen-Freistoß, der um die Mauer herum direkt ins kurze Eck sauste. 2 : 1 für den Favoriten, der in der 90. Minute noch das 3 : 1 nachlegen konnte. Unglücksrabe Niels Schlotterbeck vollendete eine Frank Schmöller-Vorlage ins eigene Tor. Es war vom HSV kein großes, aber ein letzten Endes erfolgreiches Spiel. Was am Schluss zählte, war der „Pott“, wie die Deutschen Nachbarn gerne zum gewonnenen Pokal-Häferl sagen, wie wir nun wissen.

Was folgte war die feierliche Pokalübergabe auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions vor ausverkauften 76.000 Zeitzeugen. Beinahe teilnahmslos, ganz weit hinten in der Reihe, mit einem beigen Sommeranzug samt schwarzem Hemd und Krawatte ausgestattet – beim Match trug er ein Polo – nahm Ernst Happel die Gratulationen entgegen. Quasi getreu dem Motto, dass er es ohnehin gewusst hätte, dass ihn die Seinen in seinem letzten Spiel nicht im Stich lassen würden.

Thomas von Heesen, damaliger Spielgestalter im Mittelfeld und Jahrzehnte später selbst in Österreich in der Steiermark beim Kapfenberger SV als Trainer aktiv, erinnert sich: „Unser Trainer Happel hat sein letztes Spiel genauso gestaltet wie immer. Ruhig und ohne große Emotionen. Wie es jedoch in ihm drinnen aussah, das wussten wir nie. Nach unserem Erfolg hatte er sich kurz gefreut, war jedoch cool und unnahbar wie immer. Er ist auch keinem in die Arme gefallen, weil es ja doch sein letztes Spiel war. Er kam in die Kabine, wünschte uns einen schönen Urlaub, verabschiedete sich von jedem per Handschlag mit den Worten, dass wir schön feiern sollten. Aus – das war´s. Dann ist er gegangen und war weg. Auf der anschließenden Pokal-Party war er nicht mehr zugegen.“

Dies war so typisch für den Wiener Ernst Happel, der bei jedem seiner Vereine stets auch Erfolge verbuchen konnte. Zwei Tage nach dem Finale äußerte er sich wie folgt: „Der DFB-Pokal bedeute für ihn, dass ihm dieser in seiner Sammlung noch gefehlt hatte. Am meisten ärgerte ihn anhand seiner sechsjährigen Tätigkeit beim HSV, dass er den Titel-Hattrick nicht geschafft hatte“ – siehe bitte weiter oben. 7 Tore trennten 1983/84 den VfB Stuttgart und den HSV. „Und das Geld war bei ihm nie ausschlaggebend, denn mitnehmen ins Grab könne er es ohnehin nicht. Sechs Jahre bei einem Verein sind schlichtweg genug.“

Und so schloss sich der Kreis von und mit Ernst Happel in und um den Hamburger Sport-Verein am 20. Juni 1987. Schade und traurig zugleich, denn mit dem Abgang des Wieners ging auch die große Zeit des HSV zu Ende. Der FC Bayern München und der HSV – beide Vereine waren damals, 1987, sportlich wie wirtschaftlich auf einer Wellenlänge. Heute, 35 Jahre später, trennen beide Welten, sportlich wie wirtschaftlich.

Und Thomas von Heesen rückblickend zu damals: „Unser Titelgewinn wurde vom Großteil unserer Anhänger als Standardergebnis wahrgenommen. Ich weiß noch, dass beim Rathausempfang nur sehr wenige Menschen mit uns feiern wollten. Viele waren auch noch gar nicht aus dem damals noch geteilten Berlin zurück. Und … hätten wir seinerzeit alle gewusst, dass es beim HSV so lange nichts mehr zu feiern gibt …“

Der HSV heute

Es brach im Altonaer Volkspark in HH-Bahrenfeld – und nicht nur dort – eine Welt zusammen, als der Hamburger Sport-Verein – nach zuvor 55 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit zur 1. Deutschen Bundesliga – im Frühling 2018 erstmals in seiner langen Geschichte in die 2. Deutsche Bundesliga absteigen musste. Ein Liga-Wechsel des einstigen Dinos allerdings, der für viele nicht überraschend kam und sich zuvor über Jahre hindurch bereits akribisch abgezeichnet hatte. Wer allerdings nun dachte, dass die stolzen Hanseaten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen würden, um das ruhmreiche Nordsee-Flaggschiff HSV wieder flott zu bekommen, der irrte gewaltig. Ganz im Gegenteil, es hatte lange den Anschein, dass man sich in Hamburg mit dem sportlichen Niedergang mehr und mehr anfreundet. Bis der HSV zum Ende der Saison 2021/22 hin wieder sportliche aufhorchen ließ und als Drittplatzierter in die Bundesliga-Relegation kam. Dort scheiterte man allerdings als Zweitligist an dem Erstligisten Hertha BSC Berlin (1 : 0 in Berlin, 0 : 2 in Hamburg, aus Sicht des HSV). Pikanterie am Rande, dass ausgerechnet Felix Magath, 1987 saß der ehemalige Rothosen-Regisseur, Gold-Torschütze vom Landesmeister-Finale 1983 und Spielgestalter des HSV a. D. als Co von Ernst Happel auf der Bank, nun als Trainer in Berlin dafür sorgte, dass sein HSV eben – noch – nicht wieder aufsteigt. Auf ein neues wird es der HSV unter Trainer Tim Walter in der kommenden Spielzeit versuchen.

Stuttgarts Blaue

Und die Stuttgarter Kickers sind im Laufe dieser 35 Jahre in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden. 1991/92 noch in der 1. Deutschen Bundesliga anzutreffen, ging es mit den „Blauen“ im Laufe der Zeit mehr und mehr begab. Nach einigen Jahren in der Regionalliga Südwest (4. Leistungsstufe) stürzten die Kickers vom Degerloch 2018 in die Oberliga Baden-Württemberg (5. Klasse) ab. Heuer scheiterte man zuerst am SGV Freiberg an der Tordifferenz. 91 erkämpfte Punkte reichten als Vizemeister „nur“ zur Aufstiegsrunde, die man als Zweiter hinter Eintracht Trier beendete. Somit steht sportlich ein weiteres Jahr in der 5. Spielklasse an.

Ernst Happel hingegen ist und bleibt unvergessen – im Cafe Ritter in Ottakring, in Hamburg, in den Niederlanden, in Wien, im Fußall-Europa … Und das Wiener Praterstadion trägt seit 1993 seinen Namen. Foto: © oepb

Quelle: Redaktion www.oepb.at

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