Rudi Hiden war Österreichs Wunderteam-Torhüter schlechthin. Zwischen 1928 und 1933 hütete der Wiener AC-Keeper 20 Mal das Gehäuse der Österreichischen Fußballnationalmannschaft. Foto: privat / oepb

Willkommen, Oesterreich !

„Nach längerer Pause haben wir zu unserer Freude die österreichische Nationalmannschaft zu einem Länderspiel zu Gast. Länderspiele sind der Gradmesser fußballsportlicher Entwicklung und zugleich Werbefaktoren von außerordentlichem Wert; sie sind nächstdem auch Mittler freundschaftlicher Beziehungen unter den beteiligten Ländern. Dem sportlichen Verkehr österreichischer und deutscher Mannschaften untereinander kommt aber darüber hinaus noch eine besondere Bedeutung zu, weil die Wettspiele alte Freundschaften aufrecht erhalten und neue Bande guter Sportkameradschaft knüpfen, die über alle äußeren Schranken hinwegreichen. Das Länderspiel gegen die Nationalmannschaft unserer österreichischen Freunde soll die Krönung dieses regen Vereinsverkehrs sein, in ihm die alte Freundschaft schönsten Ausdruck finden. So sage ich den Führern und Spielern der österreichischen Nationalmannschaft in herzlicher Freude Willkommen!“, so Felix Linnemann, Vorsitzender des Deutschen Fußball Bundes / DFB, anhand seiner Begrüßungsworte vor dem fußballerischen Länderkampf Deutschland gegen Österreich am 24. Mai 1931 im Deutschen Stadion zu Berlin. (Anm.: Auf diesem Areal steht heute das Berliner Olympiastadion)

Doch damit war es auch schon wieder vorbei mit den Nettigkeiten jeglicher Art, denn es sollte ein ganz großer Tag der Österreichischen Fußball Nationalmannschaft werden, dieser Sonntag, 24. Mai 1931.

Der Fußballweltverband FIFA tagte ebenso an jenem Tag in Berlin. 30 Nationalverbände mit 62 Vertretern nahmen daran teil. Darüber hinaus konnte der Deutsche Fußball Bund berichten, dass durch den Zugang von weiteren 50.000 Mitgliedern nun nur noch 14.000 Neu-Mitglieder auf eine Million fehlen würden. Dem 83. Länderspiel des DFB und dem 139. Länderspiel in der Geschichte des ÖFB, davon dem achten gegen Deutschland, wurde große Aufmerksamkeit geschenkt, wenngleich das „Grunewald-Stadion“ mit gut 40.000 Zuschauern gefüllt, nicht ausverkauft war. Um 16.30 Uhr erfolgte der Anpfiff;

Das offizielle DFB-Matchprogramm vom 24. Mai 1931. Österreich schlägt Deutschland in Berlin mit 6 : 0. Sammlung: oepb

Ein Erlebnis

Wenn man schon drei Jahrzehnte im Bannkreis des Fußballsports verbracht hat, wenn man selbst 400 erstklassige Spiele mitgemacht und Fußballer bei der Arbeit gesehen hat, von deren Ruhme noch heute die sportlich interessierte Welt widerhallt, dann lässt man sich nicht mehr so leicht verblüffen und meistens sagt man sich, dass man ähnliche Dinge schon einmal gesehen habe. Manchmal allerdings, wenn auch nur selten, kommt man doch noch dazu, zu staunen.

Eine Gelegenheit dazu war das Länderspiel Deutschland gegen Österreich in Berlin. Wenige Tage vorher hatte die österreichische Nationalelf in Wien ihren grandiosen Sieg von 5 : 0 über die berühmten Schotten erfochten, die Bezeichnung Wundermannschaft tauchte bereits am Horizont auf und nun galt es, die erste Probe aufs Exempel abzulegen. Deutschlands Mannschaft, so wusste man, war eher schwächer als die Schotten, aber wer weiß, wie die Geschichte ablaufen wird! Ein fremder Platz, ein fremdes Publikum – und die bittere Nürnberger Pille, die man seinerzeit von Süddeutschland hatte zu kosten bekommen, war auch noch nicht recht verdaut. (Anm: Deutschland – Österreich (4 : 3) am 13. Jänner 1924 in Nürnberg) Dazu war noch in Berlin eben auch der fällige Kongress der FIFA und die Oberbonzen des Fußballsports aus aller Welt würden Zeugen des Spieles sein.

Ich selbst fuhr, um einen Teil des Spiels im Auftrag der Berliner Funkstunde im Radio zu übertragen, am Samstag nachmittags nach Berlin, in Gesellschaft des langen Fritz Gschweidl, der aus beruflichen Gründen nicht schon am Freitag mit der übrigen Mannschaft gefahren war. In sengender Hitze brütete schon am frühen Morgen des Wettspieltages, als wir am Anhalter Bahnhof eintrafen, die Sonne hernieder. Wieder ein Grund mehr zur Besorgnis: Die erste Hitze im Jahre – und das war sie – schafft immer außergewöhnliche Tagesdispositionen. Welche von den beiden Mannschaften wohl die Hitze besser aushalten wird?

Nachmittags, als wir ins Grunewalder Stadion kamen, war es unerträglich heiß. Die vielen Tausende Zuschauer im weiten Betonrund hatten fast alle ihre Röcke ausgezogen, um die Sonnenstrahlen nur halbwegs ertragen zu können. Ich trennte mich von den Spielern, die ihre weit von uns entfernten Umkleidekabinen aufsuchten, und kletterte die Stufen hinauf bis zur höchsten Etage der Ehrentribüne, auf der unser Mikrophon aufgebaut war. Dort wartete schon auf mich der Berliner Rundfunksprecher Alfred Braun, der sich mit mir die Übertragung der zweiten Spielhälfte teilen sollte. Ich war fern von den Österreichern, auf allen Seiten von den reichsdeutschen Sportkameraden umgeben.

Zum Spiel

Und dann begann der Wettkampf, der für jeden, der ihn erleben durfte, zum Erlebnis wurde. Österreichs Angriffsreihe fegte über das Feld, die ersten Spielminuten schon zeigten die deutsche Verteidigung in schwerer Not, bald sauste von Toni Schalls Fuß der erste Treffer ins deutsche Netz, zwei andere Tore folgten bis zur Pause und die Partie stand 3 : 0 für Österreich. Unsere Hintermannschaft war bis dahin nicht sehr stark ins Gefecht gekommen und die Zuschauer ergingen sich in der Pause lediglich – außer, dass sie über die eigenen Leute schimpften – in Lobeshymnen auf unsere Stürmer, die ja auch wirklich glänzend gespielt hatten. Bald aber ging die zweite Spielhälfte los. Weiß der Teufel, was nun in die deutschen Spieler gefahren war! Hatte ihnen der „Reichstrainer“ Otto Nerz wirkungsvolle Instruktionen gegeben, schämten sie sich selbst der wenig ruhmvollen Rolle, die sie vor der Pause gespielt hatten, was immer es auch war, auf jeden Fall, es war plötzlich eine ganz andere Mannschaft, die da den Österreichern gegenüberstand.

Mit verbissener Wut griffen die Deutschen an. Drei Tore Vorsprung sind schon oft in der Fußballgeschichte aufgeholt worden. Nur einmal den ersten Treffer im feindlichen Kasten sitzen haben, dann geht es schon weiter. Dann wächst der eigene Mut und mit ihm die eigene Kraft, dann sinkt dem Gegner der Mut, er fürchtet für seinen Besitz und verliert ihn dadurch erst recht. Die österreichischen Stürmer erhalten nun auf einmal keine Munition, keinen Nachschub mehr. Mit einem Schlage beherrscht die deutsche Läuferreihe das Feld und drückt den eigenen Angriff vorwärts, die österreichische Hintermannschaft wird nervös und unruhig, sie begeht Fehler auf Fehler, nur einer steht wie eine Mauer …

RUDI HIDEN

Die deutschen Stürmer beginnen unser Tor zu bombardieren. Der Dresdner Richard Hofmann zeigt endlich seine gefürchteten Schüsse, die seine Landsleute von ihm schon längst erwartet haben. Johannes „Hanne“ Sobek, Berlins Liebling, knallt aus der rechten Verbindung darauf los. Ein kritischer Moment für uns ist gekommen, ein Moment, in dem das anscheinend schon sicher gewonnene Spiel leicht verlorengehen kann. Alfred Braun spricht neben mir ins Mikrophon. Die Aufregung ergreift ihn, er sieht schon die ersten zählbaren Erfolge der deutschen Mannschaft in greifbarer Nähe. Wieder und wieder sausen scharf geschossene Bälle gegen unser Tor, die Österreicher sind fast vom Felde verschwunden, bis auf einen;

Der schlanke Keeper im hellen Sweater ist unüberwindlich

Wie ein Magnet zieht er die Bälle auf sich, in unbegreiflicher Gewandtheit erreicht er die Schüsse, die in die äußere Ecke des fast nur von ihm allein verteidigten Tores zu gehen drohen. Die Menge weiß sich vor Erstaunen beim Anblick dieser einzigen, einzigartigen Torwartleistung nicht zu fassen. Immer lauter wird der Beifall, den Rudolf „Rudi“ Hiden findet, die Leute toben und rasen, selbst Alfred Braun stimmt in die allgemeine Anerkennung ein. Durch fast 20 Minuten dauert der Riesenkampf, den Hiden förmlich allein gegen die ganze deutsche Mannschaft ausficht.

Deutschland geht die Luft aus

Dann erlahmt die Kraft des Gegners. Ein einziger Mann hat seine Zuversicht gebrochen, die außerordentliche Leistung eines einzigen Spielers hat lähmende Gewissheit der Niederlage über den Gegner gebracht. Gerade wie das Blatt sich wendet, gerade wie die Österreicher wieder anziehen und die Deutschen innerhalb von wenigen Minuten erschreckend zurückfallen, übernehme ich die Rundfunkreportage von Braun und kann noch drei weitere Treffer der österreichischen Mannschaft melden. Mit 6 : 0 hatte Österreich gesiegt, einen neuen sensationellen Erfolg seines Fußballsports feiernd. Aber das Erlebnis des Tages war nicht das Spiel der österreichischen Angriffslinie gewesen, sondern das Spiel des Tormanns Hiden, der allein den kritischen Moment, der für uns in das Spiel gekommen war, überwunden hatte.

Wunderteam-Torhüter geschultert

Es war kein Wunder, dass die sportbegeisterte Berliner Jugend, die nach dem Schlusspfiff in das Spielfeld stürmte, nicht einen der erfolgreichen Torschützen auf den Schultern vom Platze trug, sondern den Tormann der Sieger, den Tormann, dessen Mannschaft 6 : 0 gesiegt hatte und der doch die größte, heldische Leistung des Tages vollbracht hatte, eine Leistung, die ein wirkliches und wahrhaftiges Erlebnis für jeden Zuschauer geworden war. Der Sieg von Berlin war ein Sieg von Josef Rudolf Hiden. – so Prof. Willy Schmieger in seiner Erinnerung an den 24. Mai 1931.

Unmittelbar nach dem Spiel sandte die ÖFB-Auswahl diese Postkarte mit allen Unterschriften der erfolgreichen Aktiven nach Wien. Foto: © oepb

Zum Spielbericht

5. Minute: Nach einem Corner für Deutschland legt Karl Hohmann den Ball Reinhold Münzenberg auf. Dieser trifft jedoch nur die Stange des österreichischen Tores.

6. Minute: Matthias Sindelar auf Anton Schall; Dieser umkurvt Albert Beier und verwertet flach in die rechte untere Ecke zum 0 : 1.

7. Minute: Ein Granate des Österreichers Friedrich Gschweidl knallt von der Latte zurück, Karl Zischek verschießt knapp.

27. Minute: Adolf Vogl steht frei vor Paul Gehlhaar, täuscht den Torhüter und schiebt den Ball zum 0 : 2 ins Eck.

32. Minute: Nach einem herrlichen Freistoß von Josef „Pepi“ Smistik köpfelt Anton Schall unbedrängt das 0 : 3.

Zwischen der 46. und 65. Minute: Rudi Hiden avanciert zum Turm in der Schlacht. Zahlreiche Bälle kann der österreichische Torhüter dingfest machen und bringt damit die deutschen Angreifer schier zum Verzweifeln.

65. Minute: 0 : 4 durch Karli Zischek nach einem Steilpass.

70. Minute: Nach einer Fritz Gschweidl-Vorlage erzielt Toni Schall mit einem Bombenschuss das 0 : 5 und durchschießt dabei das Tornetz. Nach einer kurzen Spielunterbrechung und der Tornetzflickung der Deutschen geht es weiter.

79. Minute: Rudi Hiden faustet ein sicher geglaubtes Tor durch Richard Hofmann wieder ins Feld zurück.

86. Minute: Matthias Sindelar schickt Toni Schall mit einem Steilpass. Dieser rennt jedoch ins Abseits. 

88. Minute: Nach einem Eckball von Adolf Vogl lässt Paul Gehlhaar das Leder fallen. Fritz Gschweidl bugsiert den Ball zum 0 : 6-Endstand ins leere Tor.

Wiener Fußballschule

Die Länderspielerfolge im Jahre 1931 führten zu zahlreichen Angeboten an sämtliche Vereine der ersten Wiener Liga. Man war neugierig geworden auf den Fußballsport „Made in Vienna“. Die Spitzenmannschaften FK Austria Wien, SC Wacker Wien, First Vienna FC, SK Rapid Wien, Wiener AC und SK Admira Wien trugen aufgrund der zahlreichen Einladungen bis 13. Juli 1931 66 Wettspiele im Ausland aus, von diesen 51 gewonnen werden konnten. 9 Unentschieden und lediglich 6 Niederlagen gab es am Ende. Auch das Torverhältnis dieser Vereinsspiele mit 293 : 93 war imposant.

Hugo Meisl (* 1881. † 1937) galt als der Vater des Wunderteams. Heute beinahe längst vergessen erinnert seit 2011 im FK Austria Wien-Museum ein eigener Gedenkraum an ihn. Foto: © oepb

Deutsche Kritik

Nach dem Ländermatch wurden in sämtlichen größeren Städten Deutschlands Extra-Ausgaben der diversen Tageszeitungen vertrieben, die dem Vernehmen nach für einen Sieg vorbereitet waren. Umso ärgerlicher war die Enttäuschung über das unerwartete 0 : 6. Verlieren Ja, aber nicht auf diese Art und Weise. Ein Blatt schrieb beispielsweise: „Es kam so, wie es kommen musste, weil der DFB Länderspiele machte, als wären sie Bagatellen. Es ist beschämend.“ Und weiter: „Ohne Rudi Hidens Prachtleistung schmälern zu wollen, müssen wir entgegen der in Wien veröffentlichten Berichte feststellen, dass ihn nicht „begeisterte Berliner“, sondern bezahlte Filmleute auf den Schultern vom Platze trugen. Für die Filmgesellschaft ist das eine Geschäftssache und von den Berlinern kann man nach einem 0 : 6 schließlich eine derartige Begeisterung nicht verlangen.“ Als knapp vor Spielbeginn die deutsche Hymne erklang und die DFB-Auswahl stramm stand, ließen sich die Österreicher fotografieren, was allgemein bemerkt wurde. Der deutsche Bundestrainer Otto Nerz meinte nach dem Kampf: „Die Österreicher waren eben so viel besser, dass sie spielen konnten, wie sie wollten. Das Resultat war vollkommen verdient!“  

Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang auch diesen Artikel bei uns;

Quelle: oepb

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