21. November 1973: Der Linzer FIFA-Schiedsrichter Erich Linemayr leitete im Estadio Nacional in Santiago de Chile das „Match seines Lebens“. Foto: © oepb

21. November 1973: Die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland war zum größten Teil absolviert. Was nun noch folgte waren die Entscheidungsspiele. Beispielsweise Jugoslawien gegen Spanien (1 : 0) am 13. Februar 1974 vor 62.000 Zuschauern im Frankfurter Waldstadion, Schweden gegen Österreich (2 : 1) am 27. November 1973 vor 30.000 Besuchern im Gelsenkirchener Parkstadion und Chile gegen die Sowjetunion, wobei diese Paarung der Südamerika/Europa-Gruppen mit Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde.

Südamerika Gruppe

Die Gruppe 12 in Südamerika war überschattet von kuriosen Ereignissen. Ein interner Streit zwischen Profiverband und Regierung, der aus finanziellen Aspekten nicht gelöst werden konnte, veranlasste Venezuela, sich zurückzuziehen. Und Peru duellierte sich mit Chile nach 2 : 0 im Hinspiel, einem 0 : 2 beim Rückspiel dreimal. Aus dem Entscheidungsmatch ging Chile mit einem 2 : 1 als Sieger hervor. Nun sollte die endgültige Entscheidung für die Finalteilnahme in Deutschland im Jahr darauf gegen den Sieger der Europagruppe 9, die Sowjetunion fallen.

Chile und der 11. September 1973

15 Tage vor dem Hinspiel in Moskau putschte sich der chilenische General Augusto Pinochet dank tatkräftiger Unterstützung seiner Militärs an die Macht und stürzte dabei den drei Jahre zuvor demokratisch gewählten sozialistischen Staatspräsidenten Salvador Allende. Als Begründung dafür wurde angeführt, dass die „Regierung Allende“ angebliche Pläne für eine Diktatur in Chile hegen sollte und die Streitkräfte Pinochets mussten dies als Dienst an der chilenischen Bevölkerung verhindern. Die Festnahmen passierten in Universitäten, in Fabriken und in zahlreichen Regierungsgebäuden. Was folgte waren Folterungen, Menschenrechtsverletzungen und politisch motivierte Verhaftungen. Die Opfer waren Allende-Anhänger, Gewerkschaften, Studierende und Linksparteien. Die Pinochet-Anhänger „errichteten“ in Konzerthallen, Schulen und dem Nationalstadion Haftanstalten, die Konzentrationslagern gleichkamen. Politisch anders Denkende wurden dort verhört, inhaftiert und ermordet. Allende selbst verübte am 11. September 1973 Selbstmord.

FIFA bestätigte beide Spiele

Nach dem Sturz von Allende trafen sich auf Einladung der FIFA Vertreter beider Verbände am Sitz des Weltverbandes in Zürich. Dort wurden zwei Spiele und Spielorte festgelegt: Das Hinspiel in Moskau, sowie 14 Tage später das Rückspiel auf dem Rasen des Estadio Nacional in Chiles Hauptstadt Santiago.

Torloses Remis

Trotz all dieser politischen Unruhen im Land gelang es „La Roja“ am 26. September 1973 der UdSSR vor 49.000 Zuschauern im Moskauer Leninstadion ein 0 : 0 abzuringen. Hervorragende Voraussetzungen also, um auf heimischem Boden die Sensation und damit auch die Teilnahme an der WM ´74 perfekt zu machen Doch das Rückspiel sollte auf sich warten lassen, denn sowohl auf außenpolitischer als auch auf sportlicher Ebene wurde es nun kurios und absurd zugleich.

Politik und Sport

Die vehemente Weigerung der Sportführung in Moskau, nach dem Sturz und Tod Salvatore Allendes die sowjetische Fußball-Nationalmannschaft zum fälligen Rückspiel ins „KZ-Estadio Nacional“ nach Südamerika zu entsenden, spielte ungewollt den Chilenen in die Karten. Da das Hinspiel ordnungsgemäß ausgetragen und bestätigt wurde, wich der Fußball-Weltverband nicht davon ab, auch das Rückspiel durchzuführen. Die Chilenen wiederum pochten auf den Austragungsort ihres Estadio Nacional. Sämtliche Proteste und Eingaben der Sowjets beim Fußball-Weltverband fruchteten nichts, sie mussten sich einer FIFA-Mehrheit beugen, die auf das Rückspiel bestand.

Mittwoch, 21. November 1973, 18.30 Uhr Ortszeit

Es war alles angerichtet für das Rückspiel. 15.000 (ausgewählte) Zuschauer fanden sich im 100.000 Zuschauer fassenden weiten Rund des Estadio Nacional de Chile ein, Militärs und Polizei waren ebenso in großer Zahl aufgefahren. Dem Pinochet-Regime ging es in allererster Linie um die mediale Wirkung. Es sollte öffentlichkeitswirksam demonstriert werden, dass Chile dem Kommunismus entgegengetreten sei und ihn zur Aufgabe gezwungen hatte. Auf der Anzeigetafel stand zu lesen: „Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 – Chile-UdSSR“. Der 40-jährige österreichische Referee Erich Linemayr bat die Mannschaft(en) auf den Rasen. Die Chilenen folgten artig, die Sowjetrussen nicht. Warum? Sie waren schlichtweg nicht anwesend.

Ein WM-Ausscheidungsspiel wird zur Farce

Chile hatte Anstoß und begann ein Fußballspiel ohne Gegner. Der 29-jährige Mannschaftskapitän von „La Roja“ Francisco Valdez übernahm den Ball und bugsierte ihn zum „1 : 0“ ins leere Tor der UdSSR. Und da kein Gegner vorhanden war, der den Anstoß hätte ausüben können, brach Schiedsrichter Linemayr die Begegnung ab, das Match wurde mit 2 : 0 für Chile gewertet. Der österreichische FIFA-Schiedsrichter Erich Linemayr († 2016) aus Linz, nach seiner Laufbahn beschäftigt bei Fassadenfarben F. Colli auf der Linzer Landstraße, meinte anhand eines oepb-Interviews Jahre später zu diesem Spiel: „Einerseits freute mich natürlich die damalige Nominierung zu diesem wichtigen Spiel, andererseits verfolgte ich selbstverständlich auch die politischen Unruhen in dem südamerikanischen Staat. Meine Gattin wollte mich davon abhalten, dorthin zu reisen. Aber die Freude über diesen Einsatz und auch die Pflichterfüllung, die man als international tätiger Schiedsrichter hat, überwog letztlich. Kurios am Weg zum Stadion am Spieltag erschien mir allerdings schon, dass weit und breit keine UdSSR-Delegation zu sehen war. Knapp vor Spielbeginn erklärte mir ein chilenischer Gesandter, dass die Nationalmannschaft der Sowjetunion nicht im Stadion sei. Er wüsste aus zuverlässiger Quelle, dass die UdSSR nicht antreten werde, weil sie gar nicht im Lande waren. Er wüsste auch nicht so recht, warum die nicht gekommen sind, vermute aber eine verbotene Ausreise auf politischen Druck des Kremls hin. Auf mein Entgegnen, dass es dann gar kein Spiel geben könne, bat er mich dennoch antreten zu lassen, auf politischen Druck von oben und auch auf Anordnung der FIFA hin. Also pfiff ich die kurioseste Partie meines Lebens…“

Nach seiner Karriere als Referee traf man Erich Linemayr nicht mehr in Schwarz gekleidet, sondern in einem blütenweißen Arbeitsmantel als kompetenten Verkäufer im Unternehmen Franz COLLI / Farben und Lacke an der Linzer Landstraße 77, vis-à-vis des Schillerparks. Hier eine Aufnahme aus dem Jahre 1949. Foto: © oepb

Einspruch aus Moskau

Kurz zuvor erfolgte der Einspruch aus Moskau: Die UdSSR werde in Santiago zum festgesetzten Zeitpunkt nicht antreten. Das Team war aus Protest gegen den Austragungsort nicht nach Chile gereist. Der Grund hierfür: Das Nationalstadion sei nach dem Putsch des Pinochet-Regimes in ein Gefängnis für Allende-Anhänger umgewandelt worden. Folterungen und Morde würden an der Tagesordnung stehen. War es die Empörung über den Austragungsort, ein Stadion, das als Gefängnis und Folterstätte genutzt wurde, oder gar die Angst vor der Peinlichkeit, das Ticket für die Weltmeisterschaft ausgerechnet beim Klassenfeind – Pinochet wurde von den USA unterstützt – zu verspielen, die UdSSR legte Einspruch gegen den Spielort ein und stieß dabei auf taube Ohren. „Der Rasen sei in einem herrlichen Zustand und sämtliche Gefangene befinden sich in den Umkleidekabinen.“, so der FIFA-Tenor. Weder der chilenische Verband noch der Fußball-Weltverband willigten ein, den Austragungsort zu wechseln, respektive auf einem neutralen Platz zu spielen. Es blieb bei der ursprünglichen Ansetzung 21. November 1973, mit oder ohne UdSSR.

Bitte beachten Sie auch dazu diese Dokumentation:

Chile kommt über die Vorrunde nicht hinaus

Wenige Monate später, im Juni 1974, war Chile in Deutschland mit dabei. Einer 0 : 1-Niederlage zum Auftakt gegen den späteren Weltmeister BRD, folgte ein 1 : 1 gegen die DDR sowie ein torloses Remis gegen Australien. Für Aufsehen sorgten die Südamerikaner bei dieser Weltmeisterschaft demnach nicht. Dies gelang ihnen zweifellos bereits Monate zuvor anhand des Herbstes 1973 bei einem Spiel, das ohne Gegner stattgefunden hatte …

Quelle: Redaktion www.oepb.at

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