Anton Bruckner an der Orgel. Silhouette von Otto Böhler aus den Jahren 1890-1895. Foto: © ÖNB

2024 feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag Anton Bruckners (1824–1896). Aus diesem Anlass widmet die Österreichische Nationalbibliothek / ÖNB diesem bedeutenden Komponisten von 21. März 2024 bis 26. Jänner 2025 eine eigene Ausstellung im Prunksaal. Möglich ist dies durch ihre weltweit einzigartige Bruckner-Sammlung, die 2014 in das Nationale Memory of the World Register der UNESCO aufgenommen wurde und in deren Bestand sich etwa die Originalhandschriften der Hauptwerke Bruckners befinden – so können erstmals alle neun Symphonien im Original gezeigt werden. In der neuen, umfangreichen Schau werden diese Partituren von Objekten ergänzt, die sich auf Umstände der Entstehung und die Widmungsträger beziehen.

Die Sonderausstellung bietet einen faszinierenden Einblick in Bruckners kreative Welt und lädt Besucher*innen dazu ein, die kulturelle Tiefe seiner Musik zu erkunden. Musikliebhaber*innen und Kulturinteressierte können in das musikalische Erbe des Tonkünstlers eintauchen und dabei seine einzigartigen Werke, seine persönlichen Schriften und seine inspirierende Lebensgeschichte entdecken.

Anton Bruckner – hier in seiner Wohnung in der Heßgasse in Wien. Fotografie Ludwig Grillich, 1890. Foto: © ÖNB

In seinem Testament verfügte Anton Bruckner, dass die handschriftlichen Partituren seiner Hauptwerke in die damalige k.k. Hofbibliothek gelangen sollten, was nach seinem Tod 1896 auch geschah. Dieses Bruckner-Erbe wurde von der Österreichischen Nationalbibliothek seither als Verpflichtung angesehen, den Bestand systematisch durch Erwerbungen – sowohl Schenkungen als auch Ankäufe – zu erweitern. So gelangten im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts wichtige Objekte, darunter alternative Fassungen der Symphonien, Abschriften, Drucke, Briefe, persönliche Dokumente und Nachlässe aus dem Umkreis Bruckners in den Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek. Alle Objekte mit direktem Bezug zu Bruckner wurden zudem gescannt und sind ergänzend zur neuen Schau im Prunksaal, im Rahmen des Web-Portals „Bruckner Digital“ weltweit abrufbar.

Anton Bruckners Persönlichkeit war von einer Polarität gekennzeichnet, die zum Verständnis seiner Individualität sehr wichtig ist und deshalb zum leitenden Motiv der Ausstellung wird: die Spannung zwischen dem kirchlich-hierarchisch geprägten Umfeld seiner oberösterreichischen Heimat und der liberal-weltstädtischen Atmosphäre Wiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich kann Bruckners Entschluss, 1868 sein bisheriges Umfeld zu verlassen und nach Wien zu übersiedeln, um dort eine Professur am Konservatorium der Musikfreunde anzunehmen, als wesentlicher Angelpunkt seines Lebens angesehen werden, der mit seiner Neuorientierung als Komponist zusammenfiel: Nach dem Schwerpunkt auf Chor und Sakralmusik wurde Bruckner zum Symphoniekomponisten, der sich einer kritischen Öffentlichkeit stellte und Kritik von großer Schärfe erfuhr.

Seine Sprache, Kleidung und Umgangsformen standen im Kontrast zu den Normen der Großstadtkultur, in der er sich bewegte. Gleichzeitig schlug er in seiner musikalischen Sprache als Symphoniker einen neuen Ton an, der von seinen Anhänger*innen gerühmt und von seinen Gegner*innen stark kritisiert wurde. Seine Symphoniesätze erreichten eine Ausdehnung, die man davor nicht kannte – sie werden als harmonisch avanciert empfunden und erfordern eine Art des Hörens, die auch das „Nachklingen“ in den aktiven Hörvorgang einbezieht.

Zeitlebens war Anton Bruckner strenggläubiger Katholik und begegnete sowohl kirchlichen als auch weltlichen Autoritäten mit einer Ergebenheit, die ihm von Kritiker*innen als Unterwürfigkeit und gelegentlich auch als Berechnung ausgelegt wurde. Diesen Kontrast bildet die neue Schau im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ab, indem sie Bruckner als „frommen Revolutionär“ präsentiert und so den Menschen, der von den Spannungen der unterschiedlichen sozialen Lebensfelder und Musiksphären geprägt wurde, porträtiert.

Insgesamt gliedert sich die Ausstellung in thematisch konzentrierte Kapitel, die dem Pfad von Bruckners Biografie folgen, ohne sich in deren Details zu verlieren. Ein Akzent wird auch auf die Wirkung des Tondichters gelegt: die Ausbreitung seines Ruhms in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, verbunden mit seiner Verkitschung als „Musikant Gottes“, auf seine Vereinnahmung als spezifisch „deutscher“ Komponist während des Nationalsozialismus und auf sein Image nach 1945, das zunächst vorwiegend von katholisch-konservativen Elementen geprägt war und erst nach 1970 durch Einbeziehung sozialkritischer und psychologischer Zugänge einen eindeutigen Wandel erlebte.

Anton Bruckners Reisepass. Wien, 1880. Foto: © ÖNB

Ein Leben für die Symphonien

Vor allem sein Förderer Moritz von Mayfeld bestärkte Bruckner, sich im symphonischen Metier zu betätigen. Nach zwei als ungültig verworfenen symphonischen Versuchen entstand die als erste gezählte Symphonie in c-Moll in den Jahren 1865/66. Sie wurde am 9. Mai 1868 im Linzer Redoutensaal unter der Leitung des Komponisten erfolgreich uraufgeführt. Erstmals finden sich hier Wesensmerkmale des eigentlichen Bruckner: monumentale Themen, Steigerungswellen und harmonische Kühnheiten, „aber das hervorragende Talent Bruckners tritt uns auch hier entschieden entgegen“,schrieb damals die Linzer Zeitung. Der Lehrauftrag als Professor für Orgelspiel sowie Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde als Nachfolger seines Lehrers Simon Sechter war der Hauptgrund für Bruckners Übersiedelung nach Wien.

Die Zweite Symphonie in c-Moll entstand in den Jahren 1871/72 und wurde als erstes Werk Bruckners am 26. Oktober 1873 in Wien aufgeführt. Der Komponist selbst leitete die Wiener Philharmoniker bei der Schlussfeier der Wiener Weltausstellung. Die Kritiken hoben die „unleugbare Originalität“ des Werkes hervor, kritisierten aber auch die „unersättliche Rhetorik“ und die „zerfallende Form“. In seinem Dankbrief trug Bruckner dem Orchester die Widmung des Werkes an, was ebenso unbeantwortet blieb wie die Dedikation an Franz Liszt. Damit blieb die Zweite Symphonie als einzige ohne Widmungsträger.

Das Erlebnis des „Tannhäuser“ 1863 in Linz machte Bruckner zu einem Wagner-Verehrer, der er bis an sein Lebensende blieb. Die Dritte Symphonie in d-Moll entstand in den Jahren 1872/73. Nach Vollendung des Finales reiste Bruckner Anfang September 1873 spontan von Marienbad nach Bayreuth, um diese und die Zweite Symphonie Wagner zur Widmung vorzulegen, der die Dritte wählte.

Die erste Fassung der Vierten Symphonie entstand im Jahr 1874, unmittelbar nach Beendigung der Dritten und wurde zu Bruckners Lebzeiten nie aufgeführt. Erst die 1878 fertiggestellte Umarbeitung wurde am 20. Februar 1881 von Hans Richter in einem Konzert des Deutschen Schulvereins in Wien erstaufgeführt. Dem folgten zwei weitere Überarbeitungen. Die von Bruckner selbst als die „Romantische“ bezeichnete Symphonie wurde zu einer seiner populärsten und zu seinen Lebzeiten vielfach aufgeführt.

Fünfte Symphonie. Widmungsexemplar, 4. November 1878. Foto: © ÖNB

Die Fünfte – entstanden 1873 bis 1875 – zählt zu den Symphonien, die Anton Bruckner selbst nie in Orchestergestalt hörte. Eine Gruppe von engagierten Bruckner-Schülern setzte sich jedoch das Ziel, die Werke ihres verehrten Lehrers zumindest in Klavierfassung dem Wiener Publikum vorzustellen. Die Ereignisse rund um die Klavier-Uraufführung der Fünften Symphonie im April 1887, die Anton Bruckner verbieten wollte, zeigen jedoch, dass die Zusammenarbeit mit dem Künstler keineswegs einfach war.

Die Sechste Symphonie, komponiert in den Jahren 1879 bis 1881, tritt zwar im gesamten symphonischen Gesamtwerk Bruckners etwas in den Hintergrund, obwohl Brucknerkenner*innen ihr hohe Qualitäten zuschreiben.

Die Siebente ist jene Symphonie, die Anton Bruckner Weltgeltung verschafft, die von Anfang an auf breite Zustimmung stößt und bis heute als wohl bekanntestes und beliebtestes Werk Bruckners gilt. Der Tonphilosoph überarbeitete sie daher auch nicht, im Gegensatz zu den meisten seiner symphonischen Schöpfungen, die in zwei, gelegentlich auch in drei Fassungen überliefert sind. Und doch ist sie nicht völlig frei von Modifikationen – etwa im zweiten Satz, dem breitangelegten Adagio, das Bruckner nach eigener Aussage in Vorahnung des Todes Richard Wagners schrieb, findet sich eine Änderung von eigenartigem, fast bizarrem Charakter: Ein eingeklebter Papierstreifen, der fast nur Pausen enthält, aber auch einen – im gesamten übrigen Werk nie vorkommenden – Beckenschlag und das an einer bemerkenswerten Stelle. Nach langer, großer Steigerung hat das Geschehen den Höhepunkt auf einem C-Dur-Akkord erreicht. Die glanzvolle Wirkung dieser Stelle hat bereits Arthur Nikisch, den Dirigenten der Leipziger Uraufführung von 1884, bewogen Bruckner zum Einsatz des gewiss „theatralischen“, aber höchst wirkungsvollen Beckens zu überreden. Belegt ist dies durch einen Brief des Bruckner-Schülers Josef Schalk, der darüber erfreut seinem Bruder Franz berichtete. Eine „übernommene Idee“ – bis heute umstritten.

Achte Symphonie. Autografe Partitur. 1886-1890. Foto: © ÖNB

In der Achten Symphonie porträtierte Bruckner ein breites Spektrum menschlicher Seelenzustände: Der Bogen reicht von kämpferischer Dramatik im 1. Satz über kraftvolle Beharrlichkeit im 2. Satz und religiöse Visionen im 3. Satz zu triumphaler Glaubensgewissheit im Finale. Diese Achte Symphonie ist Kaiser Franz Joseph I. gewidmet.

Kritik und Anerkennung

Die öffentliche Anerkennung seines Schaffens war Bruckner zeitlebens sehr wichtig. Schon früh wurde er als Orgelvirtuose anerkannt. Seine Werke stießen in Wien allerdings auf harte, bisweilen auch sehr polemische Kritik. Als Wortführer erwiesen sich dabei Eduard Hanslick, der Kritiker der „Neuen Freien Presse“ und Max Kalbeck, der in mehreren Journalen Kritiken veröffentlichte. Bruckner empfand diese Kritiken als schwere persönliche Verunglimpfung. Auf der anderen Seite standen die Wiener Wagner-Freunde, wie Johann Paumgartner, Hugo Wolf oder Theodor Helm. Nach Wagners Tod wurde er von dieser Seite als „Wagner-Ersatz“ vereinnahmt, ohne dass er sich wehren konnte. Die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Joseph-Ordens 1886 empfand Anton Bruckner als hohe Ehrung, zudem war sie mit einer Audienz beim Monarchen höchstpersönlich verbunden. Bei dieser Gelegenheit bat Bruckner den Kaiser, auf Eduard Hanslick einzuwirken, nicht negativ über ihn zu urteilen – eine Bitte, die Franz Joseph allerdings ablehnte. Es folgten zahlreiche Ehrenmitgliedschaften bei musikalischen Vereinigungen; als höchste Auszeichnung empfand Anton Bruckner jedoch die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Wiener Universität, die 1891 erfolgte.

Anton Bruckner mit dem Franz-Josephs-Orden. Fotografie von Anton Paul Huber, Wien, 1891. Foto: © ÖNB

Letzte Lebensjahre und die unvollendete Neunte Symphonie

Ab den späteren 1880er-Jahren verschlechterte sich Bruckners Gesundheitszustand zusehends. Er litt an Herzschwäche und Diabetes. 1891 musste er seine Funktion als Konservatoriumsprofessor niederlegen, 1893 beendete er den Dienst in der Hofmusikkapelle. Durch kaiserliche Intervention erhielt er 1895 eine ebenerdig gelegene Wohnung im „Kustodenstöckl“ des Oberen Belvedere, wo er bis zuletzt an der Neunten Symphonie arbeitete, die er nicht mehr vollenden konnte. Anton Bruckner starb am 11. Oktober 1896. Er wurde auf seinen Wunsch unter der Orgel des Stiftes St. Florian beigesetzt – dort wo seine musikalische Laufbahn ihren Ausgang nahm.

Bruckner digital

Ergänzend und im Vorfeld zur umfassenden Ausstellung im Prunksaal, setzte die Österreichische Nationalbibliothek bereits 2023 ein großes Digitalisierungsprojekt zur Bruckner-Sammlung um. Zusätzlich zu allen bereits digitalisierten Orignalhandschriften wurden nun alle Objekte mit direktem Bezug zu Anton Bruckner, die in den Archiven der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrt werden, eingescannt und sind über das Web-Portal „Bruckner digital“ vollständig im Web abrufbar. Zu den weiteren Objekten zählen Briefe, Erstdrucke mit teils zeitgenössischen Eintragungen, bildliche Darstellungen und frühe Bruckner-Literatur.

Die Wiener Symphoniker zu Gast in der Österreichischen Nationalbibliothek

Im Rahmen von drei Konzerten mit Mitgliedern der Wiener Symphoniker wird in den prachtvollen Räumlichkeiten der Österreichischen Nationalbibliothek das unverwechselbare musikalische Idiom des großen Tonkünstlers Anton Bruckner auf besondere Weise hörbar. Tickets sind über die Website www.wienersymphoniker.at erhältlich.

Am 28. März 2024 führt das Glière Quartett im Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek unter dem Titel „Ein Blick in ein neues Land“ das Streichquartett in c-moll WAB 111 von Anton Bruckner auf.

Am 2. Mai 2024 präsentieren die Vienna Classical Players unter dem Dirigat von Martin Kerschbaum zu Ehren des „Gottes Musikanten“ das Streichquintett in F-Dur WAB 112 in einer Bearbeitung für Streichorchester sowie das Werk „Locus iste“ WAB 23 im Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek.

Einen besonderen Höhepunkt genießen Bruckner-Liebhaber*innen am 3. Juni 2024, wenn die Hornisten der Wiener Symphoniker im prachtvollen Ambiente des Prunksaals der Österreichischen Nationalbibliothek und in speziellen Arrangements unter anderem einen Auszug aus der 7. Symphonie und das Finale der 8. Symphonie interpretieren.

Ausstellungsinformationen

Anton Bruckner – Der fromme Revolutionär
Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, Josefsplatz 1, 1010 Wien
Kuratiert von Dr. Andrea Harrandt und Dr. Thomas Leibnitz

21. März 2024–26. Jänner 2025
Di–So: 10–18 Uhr, Do: 10–21 Uhr
Juni, Juli, August und September zusätzlich Mo: 10–18 Uhr
Eintritt: € 10,– / Führung: € 4,50 / Ermäßigungen / Freier Eintritt für alle unter 19 Jahren
Ausstellungskatalog: € 34,–

Quelle und Foto: Österreichische Nationalbibliothek / ÖNB

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www.onb.ac.at

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