
Im Ballsaal am Kärntner Ring ging Ende August der Wiener Opernsommer zu Ende. Die diesjährige Ausgabe zeigte zugleich, was ein Festivalbetrieb von jungen Sängerinnen und Sängern verlangt: musikalische Sicherheit, schnelle Anpassung und die Bereitschaft, auch kurzfristig Verantwortung zu übernehmen.
Oper im Ballsaal eines Ringstraßenhotels? Warum eigentlich nicht. Die Wiener Festspiele, 2019 gegründet, haben auch in diesem Sommer einen Großteil ihrer Opernproduktionen im Ballsaal des Grand Hotel Wien gezeigt. Von Mitte Juli bis Ende August standen Verdis „Rigoletto“, Bizets „Carmen“ sowie Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und „Così fan tutte“ auf dem Programm. Hinzu kamen Konzerte mit jungen Sängerinnen und Sängern im Mozarthaus Vienna.
Das Festival versteht sich als Treffpunkt von erfahrenen Opernkünstlern und einer jüngeren, internationalen Sängergeneration. Künstlerischer Leiter ist der Tenor Jesús León, die musikalische Leitung liegt bei Toby Purser. Für die Produktionen arbeitet das Festival mit dem Wiener Festspiele Ensemble, seinem eigenen Klangkörper. Das klingt zunächst nach klassischem Festival-Vokabular. Interessanter wird es dort, wo man sieht, wie dieser Anspruch im täglichen Theaterbetrieb tatsächlich aussieht.

Denn die jungen Sängerinnen und Sänger stehen hier nicht nur bei einem Abschlusskonzert mit einer Arie auf der Bühne. Sie erarbeiten ganze Rollen, proben szenisch und musikalisch und müssen sich in wechselnden Besetzungen behaupten. Der Ballsaal des Grand Hotel Wien ist dafür ein durchaus reizvoller Ort. Er besitzt nicht die Distanz eines großen Opernhauses. Sänger, Orchester und Publikum befinden sich näher beieinander; vieles wirkt unmittelbarer, manches ist dadurch freilich auch weniger zu verstecken.
Besonders gut ließ sich das in „Rigoletto“ beobachten. Tim Claydon führte Regie, Toby Purser stand am Pult. Verdis Oper braucht keine Erklärung, wohl aber eine Besetzung, die auch in den kleineren Partien aufmerksam bleibt. Gerade Giovanna, Gildas Begleiterin, ist eine solche Rolle. Sie steht nicht lange im Mittelpunkt und ist dennoch Teil jenes Geflechts aus Schutz, Täuschung und Verrat, auf dem die Handlung aufbaut.

Am 23. August übernahm die Mezzosopranistin Herbst Xue Gao die Giovanna kurzfristig. Solche Einspringer gehören zum Opernbetrieb, werden aber gerade bei jungen Sängerinnen leicht unterschätzt. Es reicht nicht, die Noten zu kennen. Einsätze, Wege, Reaktionen auf die Kollegen und der Ablauf einer bereits eingerichteten Vorstellung müssen ohne lange Anlaufzeit funktionieren. Gao fügte sich sicher in die Produktion ein und machte aus der vergleichsweise kleinen Partie keine überzeichnete Nebenrolle. Das war wohltuend.
Noch interessanter wurde ihr Einsatz am letzten Festivalwochenende. Am Samstag, dem 29. August, sang Gao um 15 Uhr im selben Haus die Dorabella in Mozarts „Così fan tutte“, ebenfalls in der Regie von Tim Claydon. Wenige Stunden später stand sie um 20 Uhr wieder in „Rigoletto“ auf der Bühne – erneut als Giovanna.

Zwei Vorstellungen an einem Tag sind zunächst einmal eine körperliche Aufgabe. In diesem Fall kam noch der stilistische Wechsel hinzu. Dorabella gehört zu den sechs Figuren, aus deren ständig wechselnden Beziehungen Mozart und Da Ponte ihre „Schule der Liebenden“ bauen. Die Partie braucht Beweglichkeit, genaues Zuhören und Sinn für Ensemble. Giovanna bei Verdi ist dagegen knapper gezeichnet und in eine wesentlich dunklere Theaterwelt gestellt. Gao gelang dieser Wechsel ohne sichtbare Anstrengung. Als Dorabella wirkte sie lebendig und im Ensemble präsent; am Abend nahm sie sich bei Verdi wieder zurück und erfüllte die Funktion der Giovanna mit der nötigen Klarheit. Stimmlich blieb ihr Mezzo klar geführt und gut in das Ensemble eingebunden; besonders in den Mozart-Ensembles wirkte die Linienführung ruhig und selbstverständlich. Auch am Abend suchte sie in der kleineren Verdi-Partie nicht nach zusätzlichem Gewicht, sondern hielt die Gestaltung bewusst schlank.
Gerade daran zeigt sich eine Seite solcher Sommerfestivals, über die in der Werbung gerne gesprochen wird, die aber auf der Bühne erst bewiesen werden muss. „Rising voices“ sind nicht nur schöne Stimmen. Der Beruf verlangt Verlässlichkeit. Wer am Nachmittag Mozart singt und am Abend bei Verdi einspringt, muss musikalisch wie szenisch sehr rasch umschalten können. Das ist weniger glamourös als eine große Schlussarie, sagt über professionelle Belastbarkeit aber mitunter mehr aus.
Auch „Così fan tutte“ profitierte vom relativ intimen Rahmen des Grand Hotel Wien. Claydons Inszenierung setzte auf die jungen Darsteller und auf das rasche Spiel zwischen den sechs Hauptfiguren. In einem Werk, in dem ein Blick oder eine kleine Reaktion oft ebenso viel erzählt wie eine Arie, funktioniert diese Nähe gut. Der Zuschauer sitzt nicht weit entfernt vor einem großen Bühnenbild, sondern ist den Figuren beinahe auf Augenhöhe. Das passt zu einem Stück, das trotz aller Buffo-Elemente am Ende recht ungemütliche Fragen über Treue, Eitelkeit und Selbsttäuschung stellt.
„Rigoletto“ wirkt in demselben Raum naturgemäß anders. Verdis große Kontraste – höfische Oberfläche, väterliche Angst, Gewalt und schließlich Katastrophe – brauchen Spannung und Tempo. Das Wiener Festspiele Ensemble gab der Aufführung dabei ein verlässliches musikalisches Gerüst. Purser hielt den Abend in Bewegung, ohne die Sänger im verhältnismäßig kleinen Raum zuzudecken. Dass der Ballsaal kein klassischer Opernraum ist, vergisst man nicht völlig; gerade diese leichte Fremdheit gehört aber zum Charakter der Produktion.
Die Wiener Festspiele wollen nach eigener Darstellung Tradition und die Zukunft der Oper zusammenbringen. Das ist ein großer Satz, wie ihn heute beinahe jedes Festival für sich beanspruchen könnte. Nach diesem Sommer lässt er sich zumindest etwas konkreter fassen: bekannte Werke, ein eigener Klangkörper, erfahrene Künstler in der Leitung und junge Stimmen, die nicht nur vorgestellt, sondern im Repertoire eingesetzt werden.

Natürlich ersetzt ein Sommerfestival nicht den Alltag eines festen Opernhauses. Das muss es auch nicht. Seine Stärke liegt anderswo: in der Verdichtung. Proben, mehrere Rollen, unterschiedliche Besetzungen und Aufführungen folgen in kurzer Zeit aufeinander. Für das Publikum entsteht daraus ein Opernsommer abseits der großen Wiener Häuser; für die Beteiligten eine durchaus ernsthafte Probe auf den Beruf.
Und manchmal erzählt eine kleine Beobachtung mehr darüber als jede Festivalbroschüre: Am 29. August endete „Così fan tutte“ am späten Nachmittag. Am Abend begann „Rigoletto“. Dazwischen lagen nur wenige Stunden – und für Herbst Xue Gao der Weg von Dorabella zu Giovanna, von Mozart zu Verdi. Opernbetrieb in konzentrierter Form.