
Zwei Vereine, zwei Arbeitswelten und eine blau-weiße Identität
Es gibt Bücher über Fußball, die Tabellen, Ergebnisse, Aufstellungen und Namen für die Ewigkeit festhalten wollen. Und es gibt Bücher, bei denen der Fußball irgendwann beinahe zur Nebensache wird, weil hinter den Toren, Spielern und Vereinsfarben eine wesentlich größere Geschichte sichtbar wird.
„Koksstierler & Tschickbude – Tschickbude & Koksstierler“ von Andreas Kump und Robert Hummer gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Auf 486 Seiten widmen sich die beiden Autoren zwei Linzer Werkssportvereinen, die in dieser Form längst Geschichte sind und deren Spuren dennoch bis in die Gegenwart reichen: dem SK VÖEST Linz und dem SV Austria Tabak.
Was zunächst nach einer umfangreichen Vereinschronik klingt, entwickelt sich dabei zu einem Stück Linzer Stadt-, Industrie-, Arbeiter- und Sozialgeschichte. Und bereits die äußere Form des Buches macht deutlich, dass diese Geschichte nicht aus einer einzigen Richtung erzählt werden kann.
Ein Buch mit zwei Anfängen
„Koksstierler & Tschickbude“ ist als Wendebuch gestaltet. Wer auf der einen Seite beginnt, begegnet der Welt des Stahls und des späteren SK VÖEST Linz. Dreht man das Buch um, beginnt eine zweite Geschichte: jene der Austria Tabak.
Zwei Vorderseiten.
Zwei Ausgangspunkte.
Zwei Vereine.
Und schließlich ein gemeinsames Ende – oder besser gesagt: ein neuer Anfang.
Die Geschichte der Sportvereinigung der Tabakfabrik beginnt bereits 1934, jene der Stahlwerker nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Erzählstränge führen schließlich in das Jahr 1997, in dem der FC Blau-Weiß Linz entstand. Diese Gestaltung ist weit mehr als eine originelle Idee. Sie entspricht der Geschichte, die Kump und Hummer erzählen wollen.
Denn der heutige FC Blau-Weiß Linz besitzt eben keine einfache, geradlinige Herkunft, die sich mit einem einzigen Gründungsdatum und einer Handvoll Vereinslegenden erklären ließe. Seine Identität entstand aus Brüchen, Verlusten, Veränderungen – und aus zwei sehr unterschiedlichen Vereinswelten.
Die „Koksstierler“
Auf der einen Seite steht die Geschichte des Linzer Stahls. Der 1946 zunächst als „Eisen und Stahl“ gegründete Verein entwickelte sich später zum SK VÖEST Linz und zu einem der bedeutendsten Werkssportvereine Österreichs. 1969 gelang der Aufstieg in die höchste Spielklasse. 1974 folgte der größte sportliche Erfolg: der österreichische Meistertitel. Der SK VÖEST wurde zum Bundesligisten, Meisterklub und Europacupteilnehmer.
Doch hinter diesen sportlichen Erfolgen stand eine Welt, die weit über Fußball hinausging. Linz war Industriestadt. Das Stahlwerk prägte Arbeitsplätze, Familien, Stadtteile und Lebensentwürfe. Der Werkssport war Teil dieser Lebenswelt.
Der volkstümliche Begriff „Koksstierler“ erzählt deshalb bereits mehr als irgendeine nüchterne Vereinsbezeichnung. Er führt mitten hinein in die Sprache und Identität jener Menschen, deren Alltag vom Stahlwerk geprägt war.
Fußball war hier nicht bloß Freizeitbeschäftigung. Der Verein gehörte zum sozialen Gefüge einer Stadt.
Die „Tschickbude“
Auf der anderen Seite steht Austria Tabak.
Die Geschichte dieses Vereins beginnt bereits 1934 mit der Sportvereinigung der Tabakfabrik Linz. Auch hier begegnet man einem klassischen Werkssportverein, dessen Existenz eng mit einem großen Linzer Betrieb verbunden war. Die Tabakfabrik an der Unteren Donaulände war Arbeitsplatz und Lebenswelt für Generationen von Menschen.
Aus dieser Welt stammt der zweite Begriff des Buchtitels: die „Tschickbude“. Während die Geschichte des SK VÖEST aufgrund von Meistertitel, Bundesliga und Europacup im kollektiven Fußballgedächtnis wesentlich stärker verankert blieb, geriet der Anteil von Austria Tabak an der späteren Entstehung des FC Blau-Weiß Linz leichter in den Hintergrund.
Genau hier leisten Kump und Hummer wichtige historische Arbeit. Sie holen diese zweite Wurzel wieder hervor. Denn ohne Austria Tabak lässt sich die Geschichte des heutigen FC Blau-Weiß Linz nicht vollständig erzählen.
1997 – aus Verlust entsteht etwas Neues
Das Jahr 1997 bildet schließlich jenen Punkt, an dem beide Geschichten zusammentreffen.
Der FC Linz, der über mehrere Veränderungen und Umbenennungen aus der VÖEST-Tradition hervorgegangen war, verschwand durch die sogenannte Fusion mit dem LASK. Gleichzeitig befand sich Austria Tabak in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ausgerechnet aus dieser doppelten Krise entstand etwas Neues. Austria Tabak brachte unter anderem Lizenz und Sportplatz ein. Aus dem Umfeld des verschwundenen FC Linz kamen Anhänger und jene Menschen, die ihre fußballerische Identität nicht einfach aufgeben wollten.
Beide Traditionen verband zudem eine Farbe:
Blau-Weiß.
So entstand der FC Blau-Weiß Linz nicht als bequem geplantes Fußballprojekt, sondern aus einer Situation des Verlustes und des Neubeginns. Vielleicht erklärt gerade das einen Teil der besonderen emotionalen Bindung seiner Anhänger. Dieser Verein wurde nicht einfach gegründet. Er musste gewissermaßen entstehen, weil Menschen etwas bewahren wollten, das ihnen genommen zu werden drohte.
Fünfeinhalb Jahre Recherche
Dass hinter „Koksstierler & Tschickbude“ wesentlich mehr steckt als das Zusammentragen bekannter Vereinsdaten, zeigt bereits die Entstehungsgeschichte.
Andreas Kump und Robert Hummer begannen 2020 mit ihrer Arbeit. Fünfeinhalb Jahre beschäftigten sie sich mit Quellen, historischen Zeitungen, Archiven, Bildern und Zeitzeugen. Sie verbrachten Monate mit Recherche in der Landesbibliothek, arbeiteten sich durch alte Zeitungsjahrgänge und nutzten gleichzeitig persönliche Netzwerke, unter anderem rund um den Linzer Südbahnhofmarkt.
Gerade diese Begegnungen mit Zeitzeugen dürften dem Projekt eine Dimension gegeben haben, die sich aus einem Archiv alleine niemals rekonstruieren lässt. Denn Geschichte besteht nicht ausschließlich aus Dokumenten. Sie besteht aus Menschen. Aus Erinnerungen. Aus Erzählungen, die irgendwann niemand mehr erzählen kann, wenn sie nicht rechtzeitig festgehalten werden.
Die Autoren stießen dabei auf Biografien und Zusammenhänge, die teilweise im Verborgenen lagen. Ihre Beschäftigung mit den beiden Vereinen veränderte nach eigenen Angaben schließlich sogar ihren Blick auf die Stadt Linz selbst.
Genau darin liegt eine der großen Stärken dieses Projekts.

Fußball als gesellschaftliches Gedächtnis
Wer sich nicht für Fußball interessiert, könnte bei 486 Seiten über zwei ehemalige Linzer Fußballvereine zunächst dankend abwinken.
Das wäre allerdings voreilig.
Denn Werkssport lässt sich kaum verstehen, ohne gleichzeitig über Arbeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Veränderungen einer Industriestadt zu sprechen.
VÖEST und Austria Tabak waren nicht irgendwelche Firmennamen auf Fußballtrikots. Hinter ihnen standen Unternehmen, in denen Menschen einen erheblichen Teil ihres Lebens verbrachten. Kollegen wurden zu Mannschaftskameraden, Arbeitsplätze zu sozialen Netzwerken und Sportplätze zu Treffpunkten.
Diese Welt hat sich verändert.
Große Betriebe sind heute anders organisiert, klassische Arbeiterkulturen haben sich gewandelt und die Kommerzialisierung des Profifußballs hat zwischen Verein, Arbeitsplatz und Lebenswelt vielfach eine Distanz geschaffen, die früher so nicht existierte.
„Koksstierler & Tschickbude“ konserviert damit auch etwas, das allmählich aus dem unmittelbaren Gedächtnis verschwindet. Das macht das Buch über die Grenzen des Fußballs hinaus interessant.
Rund 150 Fotoseiten als visuelles Gedächtnis
Bemerkenswert ist auch die umfangreiche Bebilderung.
Rund 150 der 486 Seiten sind Fotoseiten. Historisches Bildmaterial erfüllt in einem solchen Werk eine besondere Funktion. Es illustriert nicht bloß einen Text, sondern lässt eine verschwundene Zeit sichtbar werden. Trikots, Sportplätze, Tribünen, Spieler, Funktionäre und Zuschauer erzählen neben den geschriebenen Geschichten ihre eigene Geschichte. Gerade bei einem Projekt, das sich intensiv auf Erinnerungen und Zeitzeugen stützt, entsteht dadurch ein visuelles Archiv.
Man muss nicht jedes Spielergebnis kennen und nicht jeden Namen einordnen können, um auf alten Fotografien zu erkennen, wie sehr sich Fußball, Stadt und Gesellschaft verändert haben.
Kein gewöhnliches Nachschlagewerk
Eine der Gefahren großer Vereinschroniken besteht darin, dass sie irgendwann zu einer Aneinanderreihung von Jahreszahlen, Tabellen und Namen werden. „Koksstierler & Tschickbude“ versucht bewusst einen anderen Weg. Das Werk wurde auch als Dokumentarroman beziehungsweise Historienroman bezeichnet. Historisches Material wird damit nicht lediglich katalogisiert, sondern erzählerisch aufbereitet. Das ist bei diesem Thema durchaus konsequent.
Denn die Geschichte von Blau-Weiß Linz lässt sich eben nicht als makellose Erfolgsgeschichte erzählen. Sie besteht aus sportlichen Höhen, Abstiegen, Umbenennungen, wirtschaftlichen Problemen, verschwundenen Vereinen und schließlich einem Neubeginn.
Genau diese Brüche machen die Geschichte interessant.
Ein Denkmal – aber kein verklärendes
Natürlich ist spürbar, dass Andreas Kump und Robert Hummer ihrem Thema emotional verbunden sind.
Sie schreiben nicht aus der Distanz zweier Menschen, denen gleichgültig wäre, was aus diesen Vereinen geworden ist. Aber vielleicht war gerade diese Leidenschaft notwendig, um fünfeinhalb Jahre lang Archive zu durchsuchen, Menschen aufzuspüren, Bilder zusammenzutragen und Geschichten zu überprüfen. Eine Chronik dieses Umfangs entsteht nicht nebenbei. Sie entsteht, weil jemand überzeugt ist, dass etwas bewahrt werden muss.
Und genau darin liegt letztlich der Wert dieses Buches. Es bewahrt nicht nur Fußballgeschichte. Es bewahrt Namen und Gesichter.
Es bewahrt Erinnerungen an Arbeitswelten. Es bewahrt einen Teil der Identität einer Stadt. Und es zeigt, dass die Geschichte eines heutigen Bundesligisten nicht zwingend mit dessen offiziellem Gründungsjahr beginnt.
Zwei verschwundene Vereine leben weiter
Der SK VÖEST und Austria Tabak existieren in ihrer damaligen Form nicht mehr.
Und trotzdem sind sie nicht vollständig verschwunden. Etwas von beiden lebt im FC Blau-Weiß Linz weiter.
Vom einen Verein kamen große sportliche Erinnerungen, Anhänger und eine über Jahrzehnte gewachsene Identität. Vom anderen kamen wesentliche Strukturen und Menschen, ohne die der Neubeginn 1997 kaum möglich gewesen wäre.
Gerade diese zweite Geschichte verdient Aufmerksamkeit. Denn Erinnerung ist selten gerecht verteilt. Große Erfolge bleiben leichter im Gedächtnis als jene Menschen und Strukturen, die abseits des Rampenlichts etwas ermöglicht haben.
„Koksstierler & Tschickbude“ korrigiert dieses Ungleichgewicht.
Fazit
„Koksstierler & Tschickbude“ von Andreas Kump und Robert Hummer ist eine Vereinschronik – und gleichzeitig wesentlich mehr.
Es ist ein Buch über zwei Fußballvereine. Über Stahl und Tabak. Über Arbeit und Freizeit. Über Menschen und Betriebe.
Über sportlichen Erfolg und schmerzhaften Verlust. Über Erinnerung und Identität. Und letztlich über eine Stadt, deren gesellschaftliche und industrielle Entwicklung sich auch auf ihren Fußballplätzen widerspiegelt.
Die ungewöhnliche Konstruktion als Wendebuch ist dabei nicht bloß gestalterischer Einfall, sondern die konsequente Form für eine Geschichte mit zwei Ursprüngen: Von der einen Seite nähert man sich über den SK VÖEST, von der anderen über Austria Tabak – und irgendwann treffen beide Wege dort zusammen, wo 1997 etwas Neues begann.
Beim FC Blau-Weiß Linz.
Für Anhänger des Vereins dürfte das Werk ohnehin einen besonderen Stellenwert besitzen. Interessant ist es aber ebenso für Menschen, die sich mit österreichischer Fußballgeschichte, Linzer Stadtgeschichte, Werkssport oder Arbeiterkultur beschäftigen.
Und vielleicht liegt darin das größte Kompliment, das man dieser 486 Seiten starken Arbeit machen kann:
Man muss nicht unbedingt wissen wollen, wie ein bestimmtes Fußballspiel vor fünfzig Jahren ausgegangen ist.
Man muss nur neugierig darauf sein, wie Menschen damals gelebt, gearbeitet, gefeiert, gewonnen und verloren haben – und warum manche Geschichten Jahrzehnte später noch immer weitererzählt werden. Denn Fußballgeschichte ist manchmal eben doch Lebensgeschichte.
Eine persönliche Anmerkung der Redaktion:
Für das Österreichische Pressebüro besitzt dieses Buch auch eine besondere persönliche Bedeutung. Die Autoren erinnern in ihrem Werk an den 2024 verstorbenen W. K. Gernot Aglas und danken ihm für seine über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung zum SK VÖEST, die er ihnen hinterließ. Auch Elisabeth Aglas wird in diesem Zusammenhang im Buch erwähnt.
Für uns schließt sich damit auf besondere Weise ein Kreis: Was über Jahrzehnte aus persönlicher Leidenschaft gesammelt und bewahrt wurde, ist heute Teil einer Dokumentation, die ein Stück österreichischer Fußball-, Arbeiter- und Stadtgeschichte für kommende Generationen festhält.
Buchinformation
Koksstierler & Tschickbude – Tschickbude & Koksstierler
Andreas Kump und Robert Hummer
Fjord Factory
486 Seiten, davon rund 150 Fotoseiten
Wendebuch über SK VÖEST Linz und SV Austria Tabak sowie deren Wege zum FC Blau-Weiß Linz
Erschienen im Dezember 2025
zu bestellen bei FC Blau Weiß Linz