Gebäude, die sich von der Sonne nähren
Eine horrende Strafzahlung von einer Milliarde Euro wird befürchtet, weil Österreich die Klimaschutzziele des Kyoto-Protokolls verfehlte. Über die Verantwortung der Bauwirtschaft in diesem Umfeld diskutierten vor einigen Tagen DI Hans Gangoly, DI Erwin Kaltenegger, Prof. Stefan Schleicher und Dr. Manfred Gaulhofer im steirischen Übelbach.
43 Prozent des gesamten Ressourcenverbrauchs in Österreich entfallen auf die Bauwirtschaft, das sind 90 Mio. Tonnen Material jährlich. Gleichzeitig werden 60 Prozent des Abfallaufkommens proudziert. Ein Drittel der jährlich zirka 90 Millionen Tonnen Kohlendioxid, die Österreich in die Atmosphäre bläst, stammen aus dem Gebäude- und Bausektor. Wo viel verbraucht wird, lässt sich auch viel einsparen. Aus diesem Grund kommt der Bauwirtschaft und den Gebäudenutzern besonderes Gewicht in Österreichs Klimapolitik zu.
Für Dr. Manfred Gaulhofer, Geschäftsführer der Gaulhofer Industrie Holding, spielen die Visionen jedes Einzelnen dabei eine wesentlich Rolle: „Jeder, der ein Gebäude errichtet, Architekt oder Bauherr, hat eine Vision: die Vorstellung davon, dass man damit ein besseres Wohn- oder Arbeitsumfeld für die Zukunft schafft.“ Noch vor einigen Jahren hat man das Passivhaus für eine solche Vision gehalten, mittlerweile ist es in Österreich nahezu zum Standard geworden. Eine positive Entwicklung in den Augen vieler Architekturschaffenden, auch wenn sie den Begriff an sich nicht schätzen. Zu viele negative Vorurteile seien damit verbunden. Deshalb plädiert DI Erwin Kaltenegger, bekannt für seine energieoptimierten Sanierungsobjekte und ein mehrgeschossiges Studentenwohnheim auf Passivhausniveau in Graz, für eine Umbenennung und damit verbunden ein völlig neues Image dieser Gebäudeform: „Wir wollen das 5-Sterne-Wohnen etablieren. Dabei reden wir nicht vom Energiesparen, sondern vom Wohlfühlen und vom guten Raumklima.“ Gut gedämmte Häuser mit wärmeschützenden Fenstern erzeugen durch die warmen Oberflächen selbst bei niedrigeren Raumtemperaturen besten Wohnkomfort. Die Energieeinsparung ist der positive Effekt, für den man eigentlich dann gar nichts mehr tun muss. Deshalb spricht er sich dafür aus, den Nutzungskosten von Gebäuden Vorrang gegenüber den Errichtungskosten zu geben. Im Lebenszyklus eines Gebäudes, der mit 50 bis 60 Jahren anzusetzen sei, betragen die Kosten für Errichtung und Rückbau gerade einmal 20 Prozent, die für die Nutzung hingegen 80 Prozent. Die Hälfte davon geht wieder auf Kosten des Energiebedarfs. Ein Faktum, das bisher viel zu wenig beachtet werde, so Erwin Kaltenegger.
Tabus brechen
Prof. Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel und am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität in Graz und am WIFO tätig, kritisiert, dass drei wesentliche umweltpolitische Themen in Österreich als unantastbare Tabuzonen gelten. Erstens sei es lange Zeit in Österreich undenkbar gewesen, über die Ziele der österreichischen Klimapolitik zu diskutieren. Man habe den Menschen vorgespielt, international in der ersten Öko-Liga zu spielen. Tatsache ist aber, so Schleicher „dass wir heute Schlusslicht im EU-Ranking sind. Das kann uns bis zu einer Milliarde Euro kosten.“ Das zweite Tabuthema sei, Gebäude als Teil der Infrastruktur zu betrachten. Gebäude müssten aber während ihres Lebenszyklus die unterschiedlichsten Funktionen erfüllen können. Der bekannte Arbeitsrhythmus löst sich auf, die Menschen werden immer älter – und das seien nur zwei der wichtigsten Faktoren der aktuellen gesellschaftspolitischen Veränderung, so Schleicher, der damit auch eine Forderung an die Architektur verbindet: „Wir brauchen Gebäude, sie sich von der Sonne ernähren. Gebäude müssen mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Den Fenstern wird bei dieser solaren Energiegewinnung künftig eine größere Rolle zukommen. Möglicherweise werden wir sie bald an das Stromnetz anschließen.“
Das dritte bisher tabuisierte Thema ist für Stefan Schleicher die Finanzierung von Großprojekten. In diesem Zusammenhang fordert er die Wiedereinführung der Zweckbindung der Wohnbauförderung, sowie völlig neue Finanzierungsmodelle, die sich über 40 Jahre erstrecken. „Wir müssen Gebäude über ihre Lebensdauer abschreiben. Amortisierungszeiten von unter 10 Jahren vernichten uns.“
Das Ende der Architektur
Gebäude als Infrastruktur zu betrachten, ist ein Gedanke, dem sich auch DI Hans Gangoly, Architekt und Lehrbeauftragter an der TU Graz, gerne anschließt. Er befasst sich seit Jahren intensiv mit städtischer Infrastruktur und Verdichtung. In diesem Zusammenhang will er auch die Umnutzung von Gebäuden völlig neu definieren – erleichtert durch die Teilung von Bauvorhaben in mehrere Kernbereiche. Zu Beginn stehe die Frage nach der Lage. Einfamilienhäuser weitab von jeder Infrastruktur seien grundsätzlich fragwürdig. Vor allem aber müsse man die statische Konstruktion mit ihrem Lebenszyklus von 100 Jahren von Hülle und Haustechnik mit viel kürzeren Zyklen trennen und damit die Flexibilität in der Nutzung steigern. „Wenn ich so denke, kann ich Gebäude als Infrastruktur bauen“, erklärt er. Vehement wehrt sich Hans Gangoly gegen eine zu strenge Fesselung durch Kennzahlen: „Wenn man an Kennzahlen glaubt, ist das das Ende der Architektur“. Er will im Gegenzug viel stärker auf Verdichtung und erneuerbare Energien setzen – beispielsweise durch Photovoltaik auf Flachdächern zur Energiegewinnung statt totaler Energieaskese. Eine große Chance dafür bieten die aus energetischer Sicht dringend sanierungsbedürftigen Gebäude der Nachkriegszeit sowie der 1960er- und 1970er-Jahre. Sie haben den Vorteil, überwiegend in gut erschlossenen Gebieten zu stehen, wodurch die Frage nach den infrastrukturellen Gegebenheiten bereits gelöst ist.
„Gleichzeitig brauchen bei der Verwendung von Energie ähnliche Produktionssprünge wie bei der Arbeit“, appelliert Stefan Schleicher an Industrie und Planer. Die Klimaziele der EU sieht er kritisch und möchte statt dessen die technologischen Potentiale heben, die in vielen Bereichen – auch der Bauwirtschaft – stecken. Die Erfahrungen der letzten Jahre sprechen für sich. „Zu Beginn der Energiediskussion im Baubereich haben wir Fenster mit einem U-Wert von 2,8 W/m2K gebaut und dachten schon, das sei großartig“, erinnert sich Gaulhofer. „Heute bauen wir Fenster mit einem U-Wert von 0,65 W/m2K. Möglicherweise können wir selbst den in naher Zukunft noch verbessern.“ In diesem Zusammenhang stellt er die Frage, wie sinnvoll es eigentlich sei, Gebäude für Jahrzehnte auszurichten, wo durch technologische Entwicklungen aus energetischer Sicht enorme Fortschritte zu verzeichnen seien. Es müsse immer die Möglichkeit geben nachzubessern. Mit Impulsen aus der Politik wie der Neuauflage des Sanierungsschecks ließen sich solche Potentiale heben.
Manfred Gaulhofer: „Wir haben große technologische Meilensteine wie smart technology für Gebäude vor uns. Allein bei dem einen Gebäudeteil Fenster sind so viele Veränderungen und Entwicklungen im Gang, dass ich für die Zukunft absolut zuversichtlich bin.“
Im Bild von links:
Dr. Manfred Gaulhofer/Gaulhofer Industrie Holding, DI Erwin Kaltenegger/Arch Büro Kaltenegger, Prof. Stefan Schleicher/WIFO und TU Graz, DI Hans Gangoly/Gangoly & Kristiner Architekten und Moderatorin Dr. Gisela Gary
Foto: Jorj Konstantinov







