Kinder, wie die Zeit vergeht

Kinder

So lautet – bis einschließlich 23. Feber 2014 – die neue Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. www.onb.ac.at

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Leuchtende Augen, unbeschwerte Kindertage, aber auch der frühe Ernst des Lebens – die Ausstellung „Kinder, wie die Zeit vergeht!“ präsentiert im Prunksaal die schönsten, amüsantesten und berührendsten Kinderfotos aus den reichhaltigen Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek. Zum Teil noch nie gezeigte Atelier- und Pressefotos, aber auch Privataufnahmen von Buben und Mädchen lassen die Zeit von 1870 bis in die 1970er Jahre aus einer ganz besonderen Perspektive wieder lebendig werden.

Bildtext: „Romantisches Wien”: zwei Kinder auf der Parkbank, Wien, 1949. Foto: United States Information Service

Kronprinz Rudolf in Oberstuniform des 19. Infanterieregiments Wien, 1861. Foto: Ludwig Angerer

Kronprinz Rudolf in Oberstuniform des 19. Infanterieregiments Wien, 1861. Foto: Ludwig Angerer

Aufgenommen auf dem Gebiet des historischen und des heutigen Österreich, geben sie einen sozial- und kulturhistorisch spannenden Einblick in das Alltagsleben vergangener Tage. Mehr als 250 Exponate zu den Themen Schule und Erziehung, Arbeit und Spiel, Mode und Medien, Feste und Familie zeigen alles, was das Kinderherz damals bewegte. Kinderbilder von Prominenten wie Arthur Schnitzler, Ludwig Wittgenstein oder Kronprinz Rudolf illustrieren die Lebenswelt der Oberschicht in der Donaumonarchie, Aufnahmen von Kindern, die mit echten Waffen posieren oder in Kriegsruinen spielen, beleuchten das Elend der Weltkriege, während Fotos der 1950er, 60er und 70er Jahre die eigene Kindheit wieder in Erinnerung rufen. Ergänzt wird diese abwechslungsreiche Vielfalt an Fotografien durch Grafiken und Aquarelle aus dem berühmten „Kronprinzenwerk“, das die Völker sämtlicher Kronländer dokumentierte, sowie durch ausgewählte Schulaufsätze, Kinderzeichnungen und Kinderbücher. „Kinder, wie die Zeit vergeht!“ – eine faszinierende Geschichte der Kindheit in Bildern.

Ferdinand Schmutzer mit Sohn Johannes um 1914/1915. Foto: Alice Schmutzer

Ferdinand Schmutzer mit Sohn Johannes um 1914/1915. Foto: Alice Schmutzer

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Prinzen und Bürger: Kindheit in der Donaumonarchie

Zwei Kinderbilder, zwei Kinderwelten im Österreich-Ungarn der Kaiserzeit: Hier ein Dreijähriger, ernst und unsicher in die Kamera blickend, gekleidet in der Oberstuniform eines Infanterieregiments, da ein Vater, der stolz seinen kleinen Sohn emporhebt und sich von dem lachenden Kind in die Wangen kneifen lässt. Gegensätzlicher können kindliche Lebenswelten kaum sein. Das Kind in der Uniform ist Kronprinz Rudolf (1858–1889), Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth. Auf dem Foto von 1861 wird deutlich, dass er bereits früh auf seine spätere Rolle vorbereitet wurde. Mit militärischer Erziehung und eiserner Disziplin: Stundenlanges Exerzieren bei jedem Wetter und nächtliche Pistolenschüsse standen auf dem Lehrplan und sollten Rudolf abhärten. Stattdessen wurde das hochintelligente Kind, das bereits mit 3 Jahren Schreiben und Rechnen lernte, schwer traumatisiert. Seine Kinderfotos zeigen einen verlorenen, einsamen Buben und als er im Zuge seines Unterrichts eine Naturstudie anfertigen sollte, zeichnete er – die Ausstellung präsentiert das Aquarell ebenfalls im Original – ausgerechnet ein schwarzes Schaf. Ganz anders hingegen das Bild vom Vater mit seinem Kind: Der bekannte Wiener Grafiker Ferdinand Schmutzer (1870–1928) wird geherzt von seinem Sohn Johannes. Die Privataufnahme, entstanden um 1914, zeigt eine liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ganz ähnlich wie die idyllischen Kinderbilder des Fotokünstlers Heinrich Kühn (1866–1944) aus der Zeit der Jahrhundertwende. Angefertigt im Autochrome-Verfahren, zählen sie zu den frühesten Farbaufnahmen der Welt und sind einer der vielen fotografischen Höhepunkte der Schau. Sie vermitteln Kindheit als etwas Heiteres, Schönes, Unschuldiges und sind damit nicht weit entfernt von heutigen Vorstellungen.

Inszenierung und harte Realität: Kinder im Studio und an der Werkbank

Lotte, Hans und Walter Kühn spielen am Wasser um 1908. Foto: Heinrich Kühn

Lotte, Hans und Walter Kühn spielen am Wasser um 1908. Foto: Heinrich Kühn

Doch diese Privatheit und Intimität war eine bemerkenswerte Ausnahme in den Kinderfotografien aus der Zeit der Donaumonarchie. Kinder wurden damals zumeist als kleine Erwachsene betrachtet und daher auch so fotografiert. Die Ausstellung zeigt Bilder von Heranwachsenden aus gehobenen bürgerlichen Haushalten, von denen einige später prominent wurden. So sieht man den sechsjährigen Arthur Schnitzler gut gekleidet und ernst in die Kamera blickend, Ödön von Horvarth 1908 im Matrosenanzug oder den jugendlichen Hugo von Hofmannsthal in Tracht um 1882. Auch der kleine Ludwig Wittgenstein ist vertreten mit Aufnahmen aus einem Familienalbum, das erstmals öffentlich zu sehen ist und dessen Aufnahmen gemeinsam mit 600 weiteren aus dem Nachlass der Familie Wittgenstein-Stonborough derzeit an der Österreichischen Nationalbibliothek in einem Forschungsprojekt wissenschaftlich erschlossen werden. Die meisten dieser Bilder wurden von professionellen Atelierfotografen produziert, oftmals in Anlehnung an bekannte Motive aus der Porträtmalerei, die erst in den 1850er Jahren durch die Fotografie abgelöst wurde. Manche Bildkompositionen wirken daher in den Proportionen etwas unbeholfen, wie in der Ausstellung ein Foto von 1871 mit Erzherzogin Marie Valerie und ihrem gleichgroßen Bernhardiner anschaulich macht, das einem Ölgemälde nachempfunden ist. Das Porträtstudio wurde zu offiziellen Anlässen, beispielsweise zur Erstkommunion, aufgesucht, um eine Serie von Aufnahmen in repräsentativer Pose und Dekor anzufertigen. Kleidung, Ambiente, Haltung und ausgesuchtes Spielzeug der Kinder sollten stolz auf den zukünftigen gesellschaftlichen Rang verweisen. Für Kinder aus Oberschicht und Bürgertum bedeutete dieser elterliche Anspruch zumeist einen starken Leistungs- und Erwartungsdruck in der Erziehung. Am anderen Ende der gesellschaftlichen Hierarchie des Habsburgerreiches gab es wenig Repräsentatives zu sehen. Kinderbilder entstanden hier, wenn überhaupt, am Arbeitsplatz der Minderjährigen. Trotz Schulpflicht und gesetzlicher Begrenzung von Kinderarbeit mussten viele Kinder in Fabriken und im Kleingewerbe arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Auf vielen Bildern der damaligen Zeit sind idealisierte „Wiener Typen“ zu sehen wie der „Schusterbub“, aber selten die harte, oft elende Arbeitsrealität. Die Ausstellung zeigt einige der wenigen Bilder, meist von Amateurfotografen angefertigt, die im Stil der frühen Sozialreportage das tatsächliche Leben der Kinder abbildeten. So präsentiert eine Aufnahme von 1908 einen zwölfjährigen Buben an einer überdimensionalen Werkzeugmaschine. Obwohl in eine gänzlich andere soziale Welt geboren, blickt er ähnlich verloren in die Kamera wie der kleine Kronprinz Rudolf.

Bub im Matrosenanzug, Wien, um 1920. Foto: Atelier Hertha

Bub im Matrosenanzug, Wien, um 1920. Foto: Atelier Hertha

 Pusteblumen und Granaten: „Rotes Wien“ und Weltkriegszeiten

100 Jahre Kinderwelt, das sind auch 100 Jahre Erwachsenenwelt: „Kinder, wie die Zeit vergeht!“ ruft eindrücklich in Erinnerung, wie sehr das Leben der Kleinen durch die Taten der Großen, durch gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen geprägt wurde. In kaum einer Zeit wird das deutlicher als in den Jahren von 1914 bis 1945: Der Untergang der Monarchie und der Erste Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit mit Weltwirtschaftskrise und schließlich der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg – all diese historischen Einschnitte hatten gravierende Auswirkungen auf die kindliche Lebensrealität. Erschreckend etwa ein Foto des k.u.k. Kriegspressequartiers von 1915, das den Sohn eines Obersts in Uniform auf dem Blindgänger einer italienischen Granate posieren lässt; Bilder aus den 1920er Jahren, einer ersten Blütezeit des Bildjournalismus, die verarmte Kinder in den Slums von Wien zeigen; Propagandafotos der NS-Zeit, auf denen Schulklassen den Hitlergruß einüben, aber auch Fotos von jüdischen Kindern auf der Flucht – sie alle rufen in Erinnerung, dass unbeschwerte Kindheitstage selten waren in diesen Jahren. Trotzdem gab es sie und auch sie sind in dieser Ausstellung zu finden: Fotos aus dem „Roten Wien“ wie das ergreifende Bild eines Kleinkinds in einer „Kinderübernahmestelle“, das sich über seine neue Blechtrommel freut, illustrieren, dass die Schutzbedürftigkeit von Kindern zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema geworden war. Und Bilder wie jenes des berühmten Pressefotografen Lothar Rübelt, der 1932 Kinder beim Fußballspiel auf der „Gstätten“ fotografierte, lassen erkennen, dass sich das Kinderbild langsam vom starren Atelierstil hin zu mehr Natürlichkeit und Lebendigkeit bewegte. Und doch liegt auch über diesen Bildern ein Schatten. So lässt ein unbekannter Amateurfotograf auf einem der goldigsten Kinderbilder der Ausstellung ein kleines Mädchen im Sommerkleid unbekümmert in einen Löwenzahn pusten. Das Bild stammt von 1935. Vier Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus.

Der Schriftsteller Arthur Schnitzler als Sechsjähriger. Wien, 1868. Foto: Fritz Luckhardt

Der Schriftsteller Arthur Schnitzler als Sechsjähriger. Wien, 1868. Foto: Fritz Luckhardt

Blue Jeans und Teenager: von den „wilden 1950ern“ zu den 70er Jahren

Fotografien halten die Zeit fest und machen gerade dadurch das Voranschreiten der Zeit bewusst. Kaum ein Medium führt das deutlicher vor Augen als Kinderfotos. Derjenige, der man war, ist man nicht mehr, aber wie es damals war, wird wieder in Erinnerung gerufen: Kinder, wie die Zeit vergeht! Ob der erste Kuss auf einer Parkbank, die ersten „Blue Jeans“, der gerade erworbene VW-Käfer oder der brandneue Fernseher – so manches Bild der Ausstellung aus den 1950er, 60er oder 70er Jahren wird einem aus der eigenen Kindheit bekannt vorkommen. Deutlich wird in den Bildern aus dieser Zeit, dass Kindheit zu einer eigenen Lebensphase geworden ist. Kinder sind nicht mehr „kleine Erwachsene“ wie noch auf den Fotografien vor 1900, vielmehr suchen sie die Abgenzung zur Welt der Erwachsenen. Das illustriert zum Beispiel ein Foto des österreichischen Bildjournalisten Albert Hilscher, der 1958 „Halbstarke“ in einem Wiener Beserlpark ablichtete. Mit dem Begriff des „Teenagers“ wird dieser Lebensphase nun auch sprachlich Rechnung getragen und erstmals bieten Kaufhäuser eigene Mode für Heranwachsende an – abseits des früher omnipräsenten Matrosenanzugs: Der Siegeszug der Blue Jeans war damit auch in Österreich nicht mehr aufzuhalten. Ebensowenig wie der Siegeszug des Fernsehens und der Spielzeugindustrie. Die zwischen 1960 und 1970 Geborenen waren die ersten nach zwei Weltkriegen, die unbelastet von den unmittelbaren Kriegsfolgen in steigendem Wohlstand aufwuchsen. Was diese Generation daher im kollektiven Gedächtnis am meisten prägte, war die flächendeckende Versorgung mit Konsumgütern und massenmedialer Unterhaltung. Ob Lego, Barbie und Carrera-Bahn, „Kasperl und Petzi“, „Am Dam Des“ und „Wickie“ im ORF – Fotos dieser Zeit zeigen leuchtende Augen und unbeschwerte Kindertage. Der Ernst des Lebens ist noch ganz weit weg.

Erzherzogin Marie Valerie mit Bernhardiner, 1871. Foto: Victor Angerer

Erzherzogin Marie Valerie mit Bernhardiner, 1871. Foto: Victor Angerer

Geschlechterrollen: kleine Prinzen, große Mädchen

Kinderbilder zeigen nicht nur Kinder. Sie zeigen auch stets die idealtypische Vorstellung von Kindheit in der jeweiligen Epoche. Vordergründig nebensächliche Details wie Mimik und Gestik der Abgebildeten, Bildkomposition, Kleidung und Requisiten sind nicht zufällig, sondern inszeniert. Besonders die in der Ausstellung zu sehenden Atelieraufnahmen von Kindern der 1870er bis 1890er Jahre wirken extrem standardisiert und vermitteln dadurch besonders deutlich ein Bild von jener Rolle, die Buben und Mädchen als spätere Erwachsene zugedacht war. Mädchen als zukünftige Hausfrauen und Mütter werden häufig sitzend und passiv abgelichtet, während Bilder von Buben in lässiger Pose oder strammstehend den späteren Haushaltsvorstand und Vormund der Ehefrau vorwegnehmen. Die Konstruktion und Reproduktion solcher Geschlechterrollen wird bis hin zu den Requisiten augenscheinlich: Buben bekommen Holzpferde, Peitschen, Gewehre und Trommeln beigegeben, Mädchen müssen sich hingegen mit Puppen, Fächern und Blumen „begnügen“. Selbst die Benachteiligung von Frauen in Politik und Bildung lässt sich an diesen frühen Kinderfotografien ablesen: Militärische Uniformen oder Bücher als Symbol des Intellekts findet man nur auf Bubenbildern. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzt eine Stilwende hin zu künstlerisch individualisierten Porträtaufnahmen ein. Kinder werden nun in natürlicher Pose, häufig auch beim Spielen fotografiert. Und dennoch: Die unterschiedliche Darstellung der Geschlechter bleibt erhalten und wird, wie man beim Gang durch die Ausstellung sehen kann, mitunter sogar noch überzeichnet: Mädchen werden zu Engeln und Buben haben in betont männlicher Pose eine Zigarette im Mund. Die, immerhin, war ebenfalls nur inszeniert: Sie wurde nachträglich in die Fotos retuschiert.

Sohn des k.u.k. Oberst Otto Freiherr Ellison von Nidlef in militärischer Adjustierung. Dolomitenfront, 1915. Foto: k.u.k. Kriegspressequartier

Sohn des k.u.k. Oberst Otto Freiherr Ellison von Nidlef in militärischer
Adjustierung. Dolomitenfront, 1915. Foto: k.u.k. Kriegspressequartier

www.onb.ac.at/ausstellungen/kinder/info.htm

Was: Ausstellung „Kinder, wie die Zeit vergeht!“

Wo: Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, Josefsplatz 1, 1010 Wien

Wie lange: von 22. November 2013 bis 23. Februar 2014

Wann: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr

 Bitte beachten Sie auch diese ONB-postings bei uns:

www.oepb.at/?s=österreichische+nationalbibliothek&x=0&y=0

Fußball auf der „Gstätten”, links die Hohe Warte, rechts im Hintergrund der Karl-Marx-Hof, Wien 1932, Foto Lothar Rübelt

Fußball auf der „Gstätten”, links die Hohe Warte, rechts im Hintergrund der Karl-Marx-Hof, Wien 1932, Foto Lothar Rübelt

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Kleines Mädchen mit Löwenzahn um 1935.

Kleines Mädchen mit Löwenzahn um 1935.

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Porträt zweier anonymer Kinder. Wien, 1970. Foto: Photo Simonis

Porträt zweier anonymer Kinder. Wien, 1970. Foto: Photo Simonis

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.ausstellungsplakat

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