SK RAPID Wien gg. FK Austria Wien 4 : 1 (1 : 0)

Ungewöhnlich, aber wahr: ein leerer Gäste-Block beim Wiener Derby. Foto: oepb.at

Ungewöhnlich, aber wahr: ein leerer Gäste-Block beim Wiener Derby. Foto: oepb.at

Seit 8. September 1911 treffen diese beiden Vereine in regelmäßiger Unregelmäßigkeit in der Meisterschaft der höchsten Spielklasse Österreichs aufeinander und selbst, wenn es vor 104 Jahren noch nicht das so genannte „große Wiener Derby“ war, so ist es heute zweifellos so, dass anhand dieser Paarung zwei fußballerische Weltanschauungen aufeinander treffen. Wie formulierte es vor einigen Jahren der Erz-Austrianer Andreas Ogris so schön: „Vor einem Derby teilt sich Wien in zwei Hälften, man geht sich vor dem Match aus dem Weg und der Verlierer hat für sehr lange Zeit das Häkerl.“ Heute ist Andi Ogris Austria-Cheftrainer und nach der gestrigen Schmach muss nun er und die Violetten das Foppen der RAPID´ler ertragen.

33. Spieltag / 17. Mai 2015 / tipico-Bundesliga / Ernst Happel-Stadion, 29.800 Besucher

Das 313. Wiener Stadt-Derby stand gestern Nachmittag auf dem Programm und für RAPID sah es vor dem Spiel in dieser Saison noch düster aus: 1 Remis und 2 Niederlagen gegen die Austria standen zu Buche, eine Saison ohne Derbysieg für Grün-Weiß drohte. Ebenso neu ist, dass es das zweite Wiener Derby hintereinander war, das ohne Anhänger des Gastvereins und Gegners ausgetragen wurde. Waren am 8. März 2015 in der Generali-Arena beim 2 : 1-Erfolg der Austria keine Grün-Weißen geduldet, so passierte gestern im Wiener Prater das gleiche mit den Violetten. Dies aufgrund rigoroser Bundesliga-Durchgriffe nach Zuschauer-Tumulten im Ernst Happel-Stadion (RAPID gg. Austria, 2 : 3) vom 9. November 2014, als sich Anhänger aus beiden Lagern während des Spiels nicht grün waren.

Einmal mehr sehenswert war die Choreografie der RAPID'ler. Foto: oepb.at

Einmal mehr sehenswert war die Choreografie der RAPID’ler. Foto: oepb.at

Aufgrund des überaus guten Saison-Verlaufs von Grün-Weiß – der Vize-Meistertitel hinter Salzburg dürfte nach Hütteldorf, wenngleich derzeit in der Leopoldstadt beheimatet, gehen – und der Tatsache, dass die Marketing-Agenden der Grünen in eine andere Richtung denn jene der Violetten gehen, pilgerten knapp 30.000 Besucher in den Wiener Prater. Wenn nun auch die Hardcore-Freaks der Austria zugelassen gewesen wären, dann hätte es wohl eine noch größere Kulisse gegeben. Hier ist nun auch die Bundesliga gefordert, denn Fans im Kollektiv auszusperren, weil einzelne Teile davon sich nicht zu benehmen wissen, kann der Weisheit letzter Schluss nicht sein, umso mehr, wenn man Pläne und Bestrebungen hat, dereinst in naher Zukunft einen Zuschauerschnitt von 10.000 pro Spiel erreichen zu wollen. Mit Stadionverboten und Ausgrenzungen erzielt man diese Vorgabe nicht, denn so groß und intensiv ist der Fußball-Anhänger-Markt in Österreich dann auch wieder nicht.

Und so mutete es sich schon ein wenig seltsam an, überall auf sattes Grün zu treffen. Gewiss, im Prater blühen wieder die Bäume, aber zarte Prater-Veigerln darunter hätten ein noch schöneres Bild des Frühlings abgegeben. So der Romantiker.

Im Stadion-Inneren skandierten 25 Minuten vor Spielbeginn die Grünen ihren alten Gassenhauer gegen die Violetten, dass die „Auswärts nie dabei sein!“ Kunststück, wenn die Bundesliga hier den Riegel vorschiebt. Kurz darauf schmetterte der Stadion-Moderator die Frage ins weite Rund: „Wo sind die RAPID-Fans?“ Nun, vielleicht hatte er den Song unmittelbar zuvor nicht vernommen und die zahlreichen Grünen links von ihm positioniert noch nicht gesehen. Diese bastelten eifrig an ihrer imposanten Choreografie herum mit dem Hinweis auf riesigen Lettern versehen: „Seit 1899 der hellste Stern am Wiener Himmel!“ Nun denn, in Wien wird seit 1894 ballestert  …

Auch der Einmarsch der Gladiatoren knapp vor Spielbeginn verlief bunt. Während die einen links im Areal ihre umfangreiche Zettel-Choreografie während der abgespielten RAPID-Hymne abhielten, waren die anderen schlichtweg ausgesperrt, vor dem TV-Apparat, oder in der Gruppe in der heimischen Generali-Arena anhand der Video-Walls anzutreffen. Zahlreiche Luftballon in den Farben des 1. FC Arbeiter, späteren SK RAPID stiegen empor und spätestens ab da war klar, dass für die Austria nun ein echtes Auswärtsspiel anstand. Gebetsmühlenartig stellte der Stadion-Sprecher Andy Marek erneut die Frage in den Raum, wo denn die RAPID-Fans sind und diese ließen sich nicht lange lumpen und wiesen lautstark aus den einzelnen Sektoren auf ihre ohnehin unübersehbare Präsenz hin.

Kommt her und seht, es ist alles bereit. Foto: oepb.at

Kommt her und seht, es ist alles bereit. Foto: oepb.at

RAPID hatte Anstoß und die Sangeskunst der Grün-Weißen aus den Blöcken C und D setzte von nun an vermehrt und lautstark ein. Dem Megaphon sei Dank, dass wirklich alle mitwirkten und im Takt das Gleiche wie der Steh-Nachbar palaverten. Die Partie war in der ersten Hälfte pari, plätscherte so vor sich hin, wenngleich optisch leichte Feldvorteile bei RAPID zu erkennen waren. Es dauerte bis zur 40. Minute, ehe der Austria-Coach Andreas Ogris von den RAPID´lern lautstark begrüßt wurde. Diese Begrüßung, die seit jeher einer Hassliebe gilt, mokierte den Angesprochenen jedoch nicht und dieser dirigierte weiter seine Mannen. Sein Pendant, Zoran Barisic tat im übrigen das Gleiche, wenngleich wohl etwas erfolgreicher, denn aus einer Unachtsamkeit der Austria-Abwehr heraus passierte kurz vor dem Pausenpfiff das zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mehr erwartete 1 : 0 durch Philipp Schobesberger. Die Halbzeit-Führung für RAPID sollte mit sich bringen, dass an jenem Tag die Bäume für Grün-Weiß in den Himmel wachsen würden. Nach Wiederbeginn gelang der Austria zwar noch der Ausgleich durch David des Paula, der die Kugel einfach ins rechte Kreuzeck donnerte. Der Jubel fiel aufgrund des nicht anwesenden Anhangs eher muksmäuschenstill statt und die violette Spielertraube hatte sich gerade wieder am Feld positioniert, ehe die grün-weiße Angriffsmaschinerie nun vermehrt einsetzte. Osman Hadzikic, der gegenüber Stamm-Torhüter Heinz Lindner neuerlich den Vorzug bekam, bekämpfte im Strafraum Robert Beric derart ungeschickt, dass dieser hinfiel. Referee Harald Lechner entschied sofort auf Penalty. Steffen Hofmann ließ sich diese Chance auf sein 10. Derby-Tor gegen die Austria nicht nehmen, verwertete gekonnt und ließ sich vor der RAPID-Kurve feiern. Glückliche Menschen, die sich über ein Elfmeter-Tor derart freuen können. Der Jubel über die neuerliche Führung war wohl akustisch bis nach Favoriten zu hören. Und nun lief das Werkel bei den Grünen. Sehenswerte Aktionen folgten und RAPID zog ein Spiel auf, das man eigentlich von der Austria gewöhnt wäre. Sopielzüge über zwei, drei, vier Stationen, Doppelpässe, Raum-Verlagerungen, versuchte Abschlüsse. Die Austrianer liefen meist hinterher und der junge Hadzikic wurde ordentlich unter Beschuss genommen. Sehenswert das 3 : 1. Schobesberger von links auf Robert Beric und dieser vollendet geschickt. Der Titelseiten-Aufruf von RAPID Heute, dem Stadionmagazin: „Lasst den Ball im Netz des Gegners zappeln!“, nahmen die Grün-Weißen wörtlich, denn auch der Steirer Mario Sonnleitner durfte sich an jenem Nachmittag in die ewige Derby-Schützenliste eintragen. Das 4 : 1 in der 90. Spielminute rundete einen komplett gelungenen Tag der Grün-Weißen ab, die sämtliche Veilchen, die sich ihnen präsentierten, gnadenlos gepflückt hatten.

Panarama-Stimmung gestern Nachmittag im Wiener Prater Stadion.  Foto: oepb.at

Panarama-Stimmung gestern Nachmittag im Wiener Prater Stadion. Foto: oepb.at

Die Austria ergab sich sehr bald ihrem Schicksal und überließ dem Heimverein so ziemlich alles: Raum, Zeit, Aktivität und last but no least schier kampflos die drei Punkte. Wer Andreas Ogris kennt, weiß, wie sehr gerade ihn, den Erz-Violetten, diese Niederlage schmerzt. Das Derby-Häkerl hat nun die Austria zu ertragen und es passt irgendwie in das Gesamt-Bild der derzeitigen Saison-Situation. Und dennoch kann der Österreichische Rekord-Titelträger mit einem einzigen Spiel die Saison noch retten, einem Sieg im ÖFB-Cupfinale am 3. Juni 2015 in Klagenfurt. RAPID ist hingegen auf einem guten Weg, den Versuch zu starten, Österreich im kommenden Jahr in der Champions-League zu vertreten. In einigen Wochen wird man auch hier mehr wissen.

Unter tosendem Applaus und im Siegestaumel der Grün-Weißen-Anhängerschaft ging dieses 313. Wiener Derby zu Ende und schon alleine aus stimmungstechnischen Gründen lebt die Hoffnung, dass dies das letzte Derby ohne zugelassene Gästeschar war, denn ein Fußballspiel und noch dazu ein Derby einer Stadt, die sich in zwei Hälften teilt, lebt und steht von Emotionen und lautstarken Kulissen aus beiden Lagern.

www.skrapid.at
www.austria.wien

 

 

 

 

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