Linz zwischen Wiederaufbau und Neuorientierung

linzbuch1

5. Dezember 2007

Das vom Gemeinderat der Stadt Linz im Jahr 2003 beschlossene Projekt ,Linz im 20. Jahrhundert´ sieht die ausführliche Bearbeitung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Stadt vor. Bis zum Jahr 2009 werden wissenschaftliche Sammelbände zu diesen Themen erscheinen. Einen besonderen Schwerpunkt des Projekts stellt die Reihe ,Linz-Bilder´ dar. In vier Bildbänden soll das städtische Zeitgeschehen von
1848 bis zur Gegenwart dokumentiert werden. Nun liegt der dritte Band dieser Reihe vor, der die Zeit von 1945 bis 1984 zum Inhalt hat.

Befreit und besetzt
Die kommunalpolitischen Herausforderungen nach Kriegsende waren enorm. Die Bevölkerung hatte sich während der NS-Zeit mehr als verdoppelt und erreichte nun beinahe die Zahl von 200.000 Menschen. Ein Drittel der Linzer Häuser war nach dem Krieg zerstört oder beschädigt, 20.000 Personen waren obdachlos.
Zudem befanden sich 40.000 Flüchtlinge in der Stadt. Die Ernährungssituation war katastrophal, Unmengen von Schutt waren zu beseitigen und die städtische Infrastruktur musste erst wieder in Gang gebracht werden. Als einzige Stadt neben Wien in Österreich war Linz eine geteilte Stadt: Anfang August 1945 wurden die Stadtteile nördlich der Donau, die ab nun in der sowjetischen Besatzungszone lagen, als ,Stadt Urfahr´ von Linz abgetrennt. Die Brückenkontrollen wurden 1953 endgültig wieder aufgehoben, die Teilung der Stadt blieb offiziell bis Oktober 1955 aufrecht.

Bau des Brucknerhauses an der Donau, die Eröffnung fand am 23. März 1974 durch Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky statt.

Bau des Brucknerhauses an der Donau, die Eröffnung fand am 23. März 1974 durch Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky statt.

Kommunalpolitik
Die Stadt Linz lag nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in Schutt und in Trümmern. Das Arbeitsprogramm für die neue Stadtregierung war damit vorgegeben. Es galt, so bald als möglich den Schutt zu beseitigen, das Zerstörte instand zu setzen, die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Abläufe der Stadt wieder in Gang zu bringen. Die ,Ära Ernst Koref´ steht in der Geschichte der Stadt Linz für diesen Wiederaufbau. Das österreichische Wirtschaftswunder gepaart mit dem sprichwörtlichen oberösterreichischen Klima ermöglichte die Realisierung oft lang gehegter Wünsche. Dazu zählte etwa der Aufstieg von Linz zur Hochschulstadt im Jahre 1966. Die lange Amtszeit von Bürgermeister Franz Hillinger als Bürgermeister
(19691984) fiel in eine Phase gesellschaftlicher Umbrüche und Modernisierungsprozesse. Unter ihm konnten Großprojekte wie das Brucknerhaus
(1974) abgeschlossen werden, ebenso wie die Errichtung der Ostumfahrung mit der dritten Donaubrücke und der Sporthalle.

Der Linzer Hauptplatz in den späten 70iger Jahren.

Der Linzer Hauptplatz in den späten 70iger Jahren.

Wirtschaft
Die folgenreichste wirtschaftliche Entscheidung war, die in der NS-Zeit errichteten, schwer bombengeschädigten Großbetriebe wieder auf- und auszubauen. Seit Oktober 1945 waren die ehemaligen ,Hermann Göring-Werke Oberdonau´ unter der Bezeichnung ,Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke AG (VÖEST) zu einem Großunternehmen zusammengefasst und von der US-Besatzungsmacht im Juli 1946 an Österreich übergeben worden. Zehn Tage später wurde mit der Verstaatlichung der österreichischen Grundindustrie auch die VÖEST verstaatlicht. Zum Aufstieg des Werkes trug die revolutionäre Erfindung des LD-Verfahrens wesentlich bei. Ähnlich verlief die Entwicklung der Stickstoffwerke. Sie wurden 1946 ebenfalls verstaatlicht und in ,Österreichische Stickstoffwerke AG´ umbenannt. In der Folge entwickelte sich die ursprüngliche Stickstofffabrik zu einem Chemieunternehmen mit diversifizierter Produktpalette. Äußeres Zeichen dafür war die Umbenennung in ,Chemie Linz AG´ im Jahre 1973. Nachdem die Lebensmittelknappheit und Versorgungsengpässe der unmittelbaren Nachkriegszeit überwunden waren, verzeichnete auch der Handel einen enormen Aufschwung. Linz profitierte vom Handelsboom seit den 50iger Jahren mehr als das übrige Oberösterreich. Zur Einkaufsattraktion ersten Ranges wurde das 1963 eröffnete ,Passage-Kaufhaus´ der Gerngroß-Gruppe an der Landstraße.

Auf dem Weg zur Kulturstadt
Noch in wirtschaftlich äußerst schwierigen Zeiten wurden neue städtische Kulturinstitutionen wie etwa die Neue Galerie und Kunstschule gegründet, die heute aus dem Stadtgeschehen nicht mehr wegzudenken sind. Mit dem Bau des Brucknerhauses konnte ein Konzerthaus internationalen Zuschnitts für Linz realisiert werden. Die Tradition der Brucknerfeste wurde mit dem seit
1974 jährlich stattfindenden ,Internationalen Brucknerfest´ neu belebt. Als Begleitveranstaltung wurde 1979 das Avantgarde-Festival ,Ars Electronica´, das Kunst und moderne Technologie verbindet, ins Leben gerufen. ,Kultur für alle´ begegnete aber auch im öffentlichen Raum, etwa beim Forum Metall
(1977) und beim Forum Design (1980). Zahlreiche Schulneu- und Umbauten waren notwendig, um der gestiegenen Bevölkerungszahl Rechnung zu tragen. In der Erwachsenenbildung nahm Linz mit der 1947 begründeten Volkshochschule eine Vorreiterrolle ein. Unter finanzieller Beteiligung von Stadt und Land Oberösterreich ging der Wunsch nach einer Hochschule in Erfüllung, die 1966 eröffnet wurde. Seit 1975 führt die Hochschule die Bezeichnung ,Johannes-Kepler-Universität´. 1973 konnte die Kunstschule als ,Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung´ etabliert werden.

Plastik ,Donauatlas´von Bernhard Luginbühl für die Ausstellung ,Forum Metall´im Donaupark im Jahre 1977. Alle Fotos: Archiv der Stadt Linz

Plastik ,Donauatlas´von Bernhard Luginbühl für die Ausstellung ,Forum Metall´im Donaupark im Jahre 1977. Alle Fotos: Archiv der Stadt Linz

Vom Nachkriegselend zur Konsumgesellschaft In den unmittelbaren Nachkriegsmonaten gehörten Schwarzmarkt und Hamstern zum Alltag. Erst das Wirtschaftswunder brachte den Haushalten mehr Geld für den Konsum. Selbstbedienung und der Vorzug des Supermarkts gegenüber dem Greißler waren ganz dem Fortschrittsgedanken verpflichtet. Massenhaft produzierte Güter in genormten Verpackungen, Sonderangebote und Werbung sowie Förderung von Impulskäufen waren nur einige der maßgeblichen Faktoren bei der Herausbildung einer Konsumgesellschaft. Bereits wenige Wochen nach Kriegsende setzten die Amerikaner die Sendeanlage der RAVAG (heutiger ORF) auf dem Freinberg als Bestandteil der Sendergruppe ,Rot-Weiß-Rot´ in Betrieb. Ein Meilenstein in der Mediengeschichte war die Ausstrahlung eines Fernsehversuchsprogramms ab 1. August 1955. Alltag wurde Fernsehen für weite Teile der Bevölkerung aber erst in den Sechzigerjahren. Die späten 50iger Jahre markieren auch die Zeit, in der eine eigenständige Jugendkultur zu entstehen begann. Kinobesuche und Tanzveranstaltungen waren die beliebtesten Vergnügungen. In der Freizeitgestaltung nahm der Sport auch nach dem Krieg wieder eine besondere Stellung ein, besonders der Profisport. Nach 1945 konnten drei Linzer Fußballvereine in der obersten Spielklasse mitspielen, der Linzer ASK, der SK VÖEST Linz, sowie der SVS Linz. Als erste Mannschaft aus den Bundesländern überhaupt konnte der LASK 1965 den Meisterpokal der Staatsliga erringen. 1974 gelang der Werksmannschaft von VÖEST Linz ebenso dieses Husarenstück, Fußballmeister von Österreich zu werden. Beide Vereine, VÖEST und SVS gehören zwischenzeitlich der Geschichte an, sie wurden kurzerhand aufgelöst.

Stadtentwicklung und Verkehr
Die Linz in der NS-Zeit zugedachte wirtschaftliche und kulturelle Funktion hatte eine Verdoppelung der Bevölkerung zur Folge.
Die Wirtschafts- und Sozialstruktur der Stadt wurde in der Nachkriegszeit stark von der neu entstandenen Großindustrie geprägt. Das Wohnungsdefizit blieb in Linz viele Jahre hindurch hoch. Der Mangel an Wohnungen konnte erst in den 70iger- und 80iger Jahren behoben werden. Vom weltweiten Phänomen der Motorisierung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Stadt Linz erfasst. Linz hat als erste österreichische Stadt mit dem Generalverkehrsplan von 1957 auf die sich abzeichnenden Herausforderungen durch die Motorisierung reagiert. Die exorbitante Verkehrsentwicklung zwang andererseits dazu, dem lange Zeit vernachlässigten öffentlichen Verkehr wiederum verstärkt das Augenmerk zuzuwenden.

Linz zwischen Wiederaufbau und Neuorientierung
1945 bis 1984/Linz-Bilder 3 von Fritz Mayrhofer und Walter Schuster Din A4, 226 Seiten, 296 Abb., EUR 30,-
ISBN: 978-3-900388-89-8

Erhältlich im Archiv der Stadt Linz, Neues Rathaus, Hauptstraße 1-5, 4041 Linz, sowie im gut sortierten Buchhandel.
archiv@mag.linz.at

Lesen Sie dazu auch folgende Rezensionen:

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http://www.oepb.at/linz/linzbuecher/linz-zwischen-revolution-und-weltkreig.html

http://www.oepb.at/linz/linzbuecher/linz-in-der-ns-zeit.html

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