Linz zwischen Revolution und Weltkrieg

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21. November 2005

Das vom Gemeinderat der Stadt Linz im Jahr 2003 beschlossene Projekt ,Linz im 20. Jahrhundert´ sieht die ausführliche Bearbeitung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Stadt vor. Bis zum Jahr 2009 werden umfangreiche wissenschaftliche Sammelbände zu diesen Themen erscheinen. Einen besonderen Schwerpunkt des Projekts stellt die Reihe ,Linz-Bilder´ dar. In Bildbänden soll das städtische Zeitgeschehen dokumentiert werden. Der erste Bildband, der die siebzig Jahre seit der Revolution von 1848 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs beinhaltet, liegt nun vor.

Auf dem Weg ins 20. Jahrhundert
Die Entwicklungen in der langen Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph waren wegbereitend für das 20. Jahrhundert. Es setzte ein langsamer Demokratisierungsprozeß ein. Im Zuge der Revolution von 1848 forderte das wirtschaftlich erstarkte Bürgertum größere politische Mitspracherechte. Seit 1849 war die Donaumonarchie eine konstitutionelle Monarchie. Von einer Demokratie im heutigen Sinn war man trotz Verfassung noch weit entfernt. So wurde das Wahlrecht zunächst jenen zuteil, die eine hohe Steuerleistung erbrachten. Nach und nach wurde dieser Zensus herabgesetzt und mehrere Wählerklassen entstanden. Die Entwicklung der politischen Parteien geht gleichfalls auf diese Zeit zurück. Gegen Ende der Monarchie waren fast alle männlichen österreichischen Staatsbürger wahlberechtigt – die Frauen blieben jedoch ausgeschlossen.

Urbanisierung
Die Grundvoraussetzungen für die moderne Stadt wurden im 19. Jahrhundert geschaffen. Die Gemeinde als Grundfeste des freien Staates war eine der bleibenden Errungenschaften der Revolution von 1848. Doch nicht nur auf politischem Gebiet war die franzisko-josephinische Ära eine Zeit tief greifenden Wandels. Diese Epoche war auch das Zeitalter der Technisierung. Industrialisierung und Urbanisierung verbanden sich zu einer stetigen Weiterentwicklung, die sich aus heutiger Sicht mit ,Modernisierung´ umschreiben läßt. Wenn diese Entwicklungen in der Monarchie auch – im Vergleich zu Westeuropa – wesentlich langsamer verliefen, so kamen sie in Linz trotzdem voran. Sie führten zu bedeutsamen Neuerungen nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kommunalpolitik und in der Gesellschaft.

revolutionBeschleunigung des Lebens
Große Fortschritte gab es auf dem Gebiet der Verkehrsentwicklung und der städtischen Infrastruktur. Linz entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte der k.u.k. Monarchie. Die Donauschiffahrt blieb weiterhin sehr wichtig. Allerdings kann die Ära Kaiser Franz Josephs als das Eisenbahnzeitalter schlechthin betrachtet werden. Von Linz aus nahm 1832 die erste Eisenbahn des Kontinents, die Pferdeeisenbahn nach Budweis, ihren Ausgang. Der Bau der Kaiserin-Elisabeth-Bahn (Westbahn) verband Linz ab 1858 nicht nur mit der Hauptstadt, sondern auch mit dem internationalen Eisenbahnnetz. Das Auseinanderbrechen der althergebrachten Einheit von Wohnung und Arbeitsplatz war eine Folge der Industrialisierung. Neue Wohngegenden wurden erschlossen. Daraus ergaben sich größere innerstädtische Verkehrsströme. Seit den 1880er Jahren wurden Straßenbahnen gebaut, die zunächst die Bahnhöfe miteinander verbanden. Der Bau der Pöstlingbergbahn im Jahr 1898 dagegen war bereits eher als touristische Attraktion gedacht. Wurden die Tramways zunächst von Pferden gezogen, hielt 1897 die Elektrizität als Antriebskraft Einzug. Linz war in diesem Punkt eine der innovativsten Städte der Monarchie.

Stadtwachstum und Stadtbild
Mit den verkehrstechnischen Errungenschaften wandelte sich das Stadtbild von Linz stark. Am markantesten ist wohl der Durchbruch des Schmidtors, der ab 1862 eine direkte Verbindung zwischen Landstraße und Hauptplatz herstellte. Die Donaubrücke wurde 1872 nach dem Einsturz der alten Holzbrücke in einer Eisenkonstruktion neu gebaut. Entlang der Landstraße und in Urfahr wurden zahlreiche Regulierungsarbeiten vorgenommen. Parks und Grünanlagen entstanden, neue Stadtteile wie das Neustadtviertel wurden planmäßig angelegt. Trotz des Baubooms bestand zwischen Bevölkerungswachstum und Wohnbau eine große Diskrepanz. Vor allem bei der ärmeren Bevölkerungsschicht waren die Wohnverhältnisse meist trist. Einzelne Unternehmen errichteten Arbeiterwohnhäuser für ihre Belegschaft, um auf diese Weise qualifizierte Arbeitskräfte im Betrieb zu halten. Der große Wohnungsmangel konnte jedoch dadurch nicht behoben werden.

Modernisierung der städtischen Infrastruktur
Auf die Stadt kam eine Reihe neuer Aufgaben hinzu. Die gesamte Sozialverwaltung, die Schulträgerschaft, der kommunale Wohnbau und die Leistungsverwaltung im engeren Sinn. Unter Letzterer sind die Gesamtheit städtischer Wirtschaftsbetriebe und die ,Städtetechnik´ zu verstehen. Das Städtewachstum mit seinen großen Menschenansammlungen stellte die Kommunen vor große hygienische Probleme. Ausgangspunkt waren epidemisch auftretende Krankheiten wie Cholera, Typhus und Tuberkulose, die auch Linz nicht verschonten Dem damaligen medizinischen Wissensstand folgend wurden ein Abwassersystem und zentrale Wasserleitungen als notwendig erkannt. Ein wesentlicher Schwerpunkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag daher besonders auf dem Kanal- und Wasserleitungsbau. Daneben zählten die Gasversorgung und später die Elektrizität zu den Innovationen im Rahmen der Städtetechnik. Die Errichtung des Gaswerkes in Linz im Jahr 1857 diente primär der öffentlichen Beleuchtung. Gas wurde in der Folge aber auch für Heiz- und Kochzwecke verwendet. Der elektrische Strom dagegen war Antriebsquelle für die Straßenbahn und fand auch im privaten Bereich Verwendung. Auch hier befand sich Linz durchaus im Spitzenfeld der Monarchie. Der Bevölkerungszuwachs verlangte einerseits neue Schulbauten und andererseits einen Ausbau der Armenpflege. Kasernen sollten für Sicherheit auch nach innen garantieren. Ein städtisches Polizeiamt übernahm ab 1866 das Melde- und Paßwesen. Mit dem Bau des Allgemeinen Krankenhauses ab 1863 und der Gründung einer freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1866 wurde die städtische Infrastruktur weiter ausgebaut.

Linz wird zur Industriestadt
Auch wenn die Industrialisierung in Linz nicht mit anderen Industrieregionen in Europa zu vergleichen ist, so etablierten sich doch einige Großbetriebe, die eine führende Stellung einnahmen. Erste Ansätze zur Industrialisierung im Linzer Raum gingen von der Textilindustrie aus. Mit seinen Textilfabriken entwickelte sich Kleinmünchen seit 1832 zum Zentrum der Baumwollindustrie des Landes. Doch auch bedeutende Eisen verarbeitende Unternehmen, wie die Schiffswerft (1840), die Eisenbahnwerkstätte (1858) und die Lokomotivfabrik Krauss & Comp. (1880) siedelten sich in Linz an. Beispiele für Gründungen der Nahrungs- und Genußmittelindustrie waren die Tabakfabrik (1850), die Poschacher Brauerei (1854) sowie die Zichorienkaffee-Fabrik Franck (1879).

Alltag
Um die Jahrhundertwende hatte sich der Lebensstandard von Teilen der Bevölkerung, vor allem des Bürgertums, erhöht. Genußmittel, wie Kaffee und Schokolade, wurden erschwinglich, man legte Wert auf Konfektionsware bei Kleidung und Schuhen. Elektrische Beleuchtung, Telefon und Telegraf, Motorisierung des Straßenverkehrs, sowie neue Sportarten, wie Tennis und Rad fahren, gewannen an Bedeutung. Die mit der Industrialisierung heraufbeschworenen sozialen Probleme blieben weitgehend ungelöst. Der technische Fortschritt verlangte einerseits eine höhere Qualifizierung, andererseits gab es durch die Technisierung mehr ungelernte Arbeitskräfte. Fabriksarbeit bedingte eine stärkere Sozialdisziplinierung im Hinblick auf die Pünktlichkeit. Arbeitszeit und Entlohnung waren in den Industriebetrieben stark branchenabhängig. Zum Alltag gehörte aber nicht nur die Arbeit, sondern auch Fest und Freizeit. Seit der Biedermeierzeit war die ,Spazierfreude´ und somit der Ausflug als Freizeitgestaltung sehr beliebt. Kaffee- und Gasthäuser spielten eine dominierende Rolle. Turnen und sportliche Betätigung gewannen gegen Ende des 19. Jahrhunderts größere Bedeutung. Zahlreiche Musik- und Gesangsvereine spielten im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine große Rolle. Die alltäglichen Lebensumstände der Arbeiterschaft waren gekennzeichnet durch eine permanente Wohnungsmisere: Mit 4,85 Personen pro Wohnung war in bestimmten Teilen der Stadt die Belagsdichte wesentlich höher als etwa in Graz oder Salzburg. Der Großteil der Wohnungen bot triste Verhältnisse. In mehr als 47 Prozent der einräumigen Wohnungen hausten um 1900 zwischen drei und fünf Menschen.

Das Ende der Donaumonarchie
Der Erste Weltkrieg war der erste totale Krieg in der Menschheitsgeschichte, die erste bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Industriemächten im Weltmaßstab. Besonders die fortgeschrittene Industrialisierung und Technisierung waren für die Veränderungen in der Art Kriegsführung sowie für die immensen Opferzahlen verantwortlich. Die Preissteigerungen während des Krieges waren enorm. Politik und Verwaltung hatten kaum Erfahrungen mit Lebensmittelbewirtschaftung und Preisregulierung. So hinkten die Maßnahmen oft den Erfordernissen hinterher. In Linz sorgte die unregelmäßige und unzureichende Lebensmittelversorgung während der Kriegsjahre wiederholt für Unruhe in der Bevölkerung. Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen waren die Folge. Am Ende des Krieges war die österreichisch-ungarische Monarchie zerfallen. Erst in der Ersten Republik konnte die Linzer Gemeindevertretung nach demokratischen Prinzipien gewählt werden.

Linz zwischen Revolution und Weltkrieg 1848 bis 1918
(Linz-Bilder 1) von Fritz Mayrhofer und Walter Schuster
ISBN 3-900388-85-7
200 Seiten, 248 Abb., EUR 30,-

Der Bildband ist erhältlich im Archiv der Stadt Linz, Hauptstraße 1-5, 4041 Linz
Tel.:0732/7070-2973
archiv@mag.linz.at
im Buchhandel, sowie online unter http://www.linz.at/shop/product.asp?id=362

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