Linz zwischen Demokratie und Diktatur

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14. November 2006

Das vom Gemeinderat der Stadt Linz im Jahr 2003 beschlossene Projekt ,Linz im 20. Jahrhundert´ sieht die ausführliche Bearbeitung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Stadt vor. Bis zum Jahr 2009 werden wissenschaftliche Sammelbände zu diesen Themen erscheinen. Einen besonderen Schwerpunkt des Projekts stellt die Reihe ,Linz-Bilder´ dar: In vier Bildbänden soll das städtische Zeitgeschehen von 1848 bis zur Gegenwart dokumentiert werden. Nun liegt der zweite Band dieser Reihe vor, der die Zeit der Ersten Republik bis hin zu Ständestaat und NS-Diktatur zum Inhalt hat.

Revolutionäre Anfänge der jungen Demokratie
Der Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Entstehen der Republik waren in Linz wie auch in Wien von Ausbrüchen revolutionärer Gesinnung begleitet. Daneben sorgten vor allem die zum Teil bis 1921 reichenden gravierenden Engpässe in der Lebensmittelversorgung für Unruhe und Gewaltausbrüche. Man beließ bei der Neukonstituierung des Gemeinderates am 16. November 1918 den Deutschnationalen die Mandatsmehrheit und den Bürgermeisterposten. Mit der ersten demokratischen Gemeinderatswahl 1919 errang jedoch die Sozialdemokratische Partei die absolute Mehrheit. Der Sozialdemokrat Josef Dametz wurde zum ersten demokratisch gewählten Bürgermeister der Stadt. Lebensmittelknappheit, Brennstoffmangel, Wohnungselend und Geldentwertung verlangten eine umsichtige Gemeindepolitik. Ein besonderer Schwerpunkt der Kommunalpolitik jener Zeit lag im Auf- und Ausbau von kommunalen Betrieben. Ideologische Konflikte zwischen den Parteien kamen trotz Konsensstrebens in den meisten Fragen bald zum Vorschein.

Kommunalpolitik
Das Entstehen der Republik war in Linz nach einer kurzen Übergangsfrist mit einem politischen Führungswechsel verbunden. Durch die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts unter Einschluß des Frauenwahlrechts wurden die Sozialdemokraten zur führenden Kraft in der Gemeindestube. Eines der Hauptprobleme in der Gemeindepolitik war die Wohnungsnot. Über die Notwendigkeit des Wohnungsbaues herrschte im Gemeinderat weitestgehend Konsens, beim Wie schieden sich allerdings die Geister. Während die Sozialdemokratie eher das Mehrparteienhaus präferierte, setzten die bürgerlichen Parteien auf das Siedlungshaus. Ähnliche Differenzen gab es bei der Frage der Bauträgerschaft und Finanzierung. Vielfach von den bürgerlichen Parteien kritisiert, beschritt die sozialdemokratische Majorität im Gemeinderat neue Wege in der Jugendwohlfahrt und im Schulwesen. So wurden Kinderbetreuungseinrichtungen und die prophylaktische Gesundheitsfürsorge eingeführt. Mit dem Bau der Diesterwegschule entsprach man den pädagogischen Erkenntnissen der Zeit. Mit der Errichtung des Parkbades als erstem öffentlichen Hallenbad in Oberösterreich wurde auch einem hygienischen Bedürfnis Rechnung getragen.

taubenmarktEnde der Ersten Republik und Ständestaat
Zwischen den Sozialdemokraten und dem bürgerlichem Lager kam es zu einer zunehmenden Verschärfung des politischen Kampfes. Gesteigert wurden die politischen Gegensätze noch durch das Vorhandensein von paramilitärischen ,Wehrverbänden´, der Heimwehr auf der einen Seite und dem Republikanischen Schutzbund auf der anderen. Die demokratische Erste Republik endete 1934 mit dem von Linz ausgehenden Bürgerkrieg. Nach Ausschaltung sämtlicher demokratischer Elemente wurde durch die Regierung Dollfuß der autoritäre Ständestaat errichtet. Für Linz wurde noch am 12. Februar 1934 Dr. Franz Nusko als Regierungskommissär ernannt. Im November 1934 wurde schließlich Dr. Wilhelm Bock als Bürgermeister eingesetzt. Der autoritäre Ständestaat erwies sich schließlich als nicht erfolgreich, die katastrophale Beschäftigungssituation in den Griff zu bekommen.

NS-Diktatur
Im März 1938 wurde durch den ,Anschluss´ an das nationalsozialistische Deutsche Reich die staatliche Selbstständigkeit Österreichs beseitigt. Die Vorgeschichte des Anschlusses sowie die Auswirkungen der NS-Diktatur in Linz wurden vom Archiv der Stadt Linz bereits in zahlreichen Studien herausgearbeitet. Linz war nicht nur die ,Patenstadt des Führers´ und damit bevorzugtes Ziel nationalsozialistischer Stadt- und Wirtschaftsplanung, sondern auch eines der Zentren der Verfolgung und der Zwangsarbeit in der ,Ostmark´. Der Widerstand gegen das NS-Regime blieb in seiner Wirkung beschränkt. Die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft erfolgte erst durch die alliierten Truppen.

Alltag in schweren Zeiten
Auf die Lebensverhältnisse der Bevölkerung wirkten sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vor allem die ständig steigenden Preise verheerend aus. Sie erreichten ihren Höhepunkt mit der galoppierenden Inflation des Jahres 1922. Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise führte zu einer weitgehenden Verarmung breiter Bevölkerungskreise. Technische Neuerungen veränderten das alltägliche Leben: Was früher die Exklusivität des Fahrrades war, traf nun auf den Kraftwagen zu. Auch im öffentlichen Verkehr machte der Kraftwagen trotz vielfach schlechter Straßen den schienengebundenen Fahrzeugen zusehends Konkurrenz. Ein völlig neues Medium stellte das Radio dar, dessen Bedeutung rasch erkannt wurde. Die Elektrizität hielt verstärkt Einzug in private Haushalte.

Linz als Industriezentrum
In Österreich litt die Wirtschaft der Zwischenkriegszeit vor allem unter den neuen politischen Gegebenheiten. Durch den Zerfall der Monarchie war man einerseits von den Rohstoffquellen und den Energieträgern, andererseits von den Märkten abgeschnitten. Die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende Inflation brachte vorerst noch eine Scheinkonjunktur, mit der Währungsstabilisierung zeigten sich aber schnell die Strukturschwächen. Nach einer kurzen Phase der Erholung in der zweiten Hälfte der 20iger Jahre führte auch in Linz die sogenannte Weltwirtschaftskrise bei vielen Unternehmen zu großen Problemen bis hin zur Schließung von Betrieben. Die nationalsozialistische Wirtschaftsplanung ordnete Linz einen neuen Stellenwert zu: Linz sollte ein Zentrum der Industrie und Verkehrsknotenpunkt ersten Ranges werden. Zu diesem Zweck wurden große Industrieanlagen wie die ,Hermann-Göring-Werke´ errichtet, welche vorrangig der Kriegsrüstung dienten. Neue Hafenanlagen und verbesserte Anschlüsse an das Schienen- und Autobahnnetz waren ebenfalls Teil dieses Ausbauprogramms, welches mit fortschreitender Kriegsdauer eingestellt wurde.

Auf dem Weg zur Großstadt
Wesentliche Akzente für die weitere städtebauliche Entwicklung von Linz wurden in der Zwischenkriegszeit gesetzt. Der kommunale Wohnbau und der vom NS-Regime angeordnete Aufbau der Großindustrie haben bis heute sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen. Die damit verbundene Zunahme der Bevölkerung verlangte nach neuem Raum. Mit den Eingemeindungen von Urfahr und Pöstlingberg (1919), Kleinmünchen (1923), Teilen von Steyregg (1934), St. Magdalena und Ebelsberg (1938) sowie des Keferfeldes (1939) erreichte das Linzer Stadtgebiet seine heute noch gültige Fläche.

Linz zwischen Demokratie und Diktatur 1918-1945/Linz-Bilder 2
Herausgegeben von Fritz Mayrhofer und Walter Schuster
234 Seiten, 278 Abbildungen
ISBN-10: 3-900388-86-5
ISBN-13: 978-3-900388-86-7
Preis: EUR 30,-

Erhältlich im Archiv der Stadt Linz, Neues Rathaus, Hauptstraße 1-5, 4041 Linz, sowie im Buchhandel.
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Tel.: 0732/7070-2973
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