SINDELAR AUF REISEN

12. Mai 2009

Kürzlich fand eine Autofahrt von Linz nach Wien statt, dessen hochinteressante Fahrt-Konversation förmlich zur Niederschrift einlud.
Mitreisende waren der wohl berühmteste und größte Fußballspieler Österreichs, Herr Matthias Sindelar, und (s)ein Chauffeur, der hier nicht näher genannt werden möchte. Die Fahrt begann in Linz-St. Magdalena, hoch oben über den Dächern der Stadt, an der Pferdeeisenbahnpromenade.

Matthias Sindelar (M.S.): Grüß Sie, das freut mich aber, dass Sie pünktlich sind. Ich habe einen wichtigen Termin in Wien. Übrigens - gestatten, Sindelar mein Name.

Chauffeur (Ch.): Aber ich bitte Sie, hoch verehrter Herr Sindelar, ich kenne Sie sehr gut - aus dem Rundfunk und aus den Tageszeitungen. Es wird mir eine große Ehre sein, Sie in Ihr geliebtes Wien kutschieren zu dürfen. Also, fahr´ ma, Euer Gnaden.


Matthias Sindelar im Prater, in dem für ihn oft die Bäume geblüht hatten.

M.S.: Einen feschen großen Wagen lenken Sie da. Was ist das für eine Marke?

Ch.: Ein OPEL, Herr Sindelar.

M.S.: Ah, Adam OPEL-Automobil, ich verstehe. Und kohlrabenschwarz wie die Nacht. Na ja, wie alle Autos eben.

Ch.: Zu Ihrer Zeit gewiss.

M.S.: Wie lange wird die Fahrt dauern, ich möchte nicht zu spät bei der Austria erscheinen. Wissen Sie, ich habe eine Verabredung dort mit einigen Herren.

Ch.: Seien Sie unbesorgt Herr Sindelar, der Verkehr ist annehmbar, die Straßenlage auch, wir sind in längsten zwei Stunden in Wien. Es wird sich alles ausgehen.

M.S.: Sehr gut, danke, ich freue mich. Wissen Sie, ich war lange schon nicht mehr in der Stadt. Wie geht es meinem Wien, was wurde aus der Donau-Metropole?


Die Gemeinde Wien gedachte ihrem großen Kind mit einer eigenen Sindelar-Gasse in Favoriten.

Ch.: Na ja, Wien ist gewachsen im Laufe der Jahre, wie viele andere Städte auch. Der Zahn der Zeit nagte zwar an der Stadt, aber Wien vermag heute das Vergangene ebenso zu bewahren, wie das Moderne und die Zukunft. Wien ist eine Weltstadt, nach wie vor, mit 2 Millionen Einwohnern. Die Randbezirke wuchsen vermehrt mit dem Zentrum zusammen und die U-Bahn verbindet die Bezirke und die Menschen rasant.

M.S.: Eine U-Bahn? Was um alles in der Welt ist eine U-Bahn?

Ch.: Nun, die U-Bahn ist so eine Art Tramway unter der Erde. Und weil sie eben unterirdisch fährt, saust sie förmlich durch ihre engen Gassen und Wege, wenn Sie so wollen.

M.S.: Ah, ich verstehe, deshalb kann sie auch sehr schnell fahren vermutlich und man tingelt nicht so lange von einem Punkt zum nächsten. Aber schön ist es schon, das gemütliche Straßenbahnfahren.


Matthias Sindelar vor der neuen Ost-Tribüne des Franz Horr-Stadions.

Ch.: Da haben Sie wohl recht, und die gute alte Straßenbahn ganz in rot gehalten, die zuckelt ja immer noch durch Wien. Die Stadtbahn ebenso.

M.S.: Sehr gut, wenn ich also rasch aus Favoriten hinauf nach Döbling auf die Hohen Warte, ins Stadion in den Prater oder hinaus nach Hütteldorf muss ...

Ch.: Dann nehmen Sie am besten die U-Bahn-Silberpfeile der Wiener Linien und gelangen sehr flott an Ihr auserwähltes Fahrziel.

M.S.: Was wurde eigentlich aus Österreich, sind wir noch Groß-Deutsch?

Ch.: Der 2. Weltkrieg ging verloren und Österreich wurde wieder ein eigener Staat. Seit 1955 und dem Staatsvertrag sind wir auch wieder anerkannt und eigenständig.

M.S.: Ich war ja politisch nie so interessiert, aber den Einmarsch der Hitler-Truppen hatte ich verfolgt und dass unser geliebtes Österreich plötzlich von der Landkarte verschwand, ebenso. Wir waren quasi über Nacht allesamt Groß-Deutsche. Meine Karriere neigte sich damals dem Ende zu, aber bei dem so genannten Anschluss-Spiel, da haben der Blade (Anm. Karl Sesta) und ich den 2 : 0-Sieg Österreichs gegen Deutschland fixiert und die Großkopferten sahen oft minutenlang keinen Ball. Wir waren Österreicher und keine Deutschen, und hätten nun für Deutschland spielen sollen. Ein fürchterlicher Gedanke. Es kam zum Krieg?


Kurzer Zwischenstopp am Weg ins neue FAK-Museum im Fan-Shop.

Ch.: Ja, im September 1939 wurde Polen von der Deutschen Wehrmacht überfallen, der 2. Weltkrieg hatte begonnen. Er endete nicht gut im Jahre
1945 mit sehr viel Not und Elend in Europa.

M.S.: Das glaube ich gerne. Was passierte mit meinem Wien?

Ch.: Als der Steffl (Anm. Stephansdom) lichterloh in Flammen stand, wussten selbst die verbohrtesten Wiener, dass Adolf Hitler und sein Wahn mit dem 1000jährigen Reich vorbei ist. Gemeinsam wurde Wien, wurde Österreich wieder aufgebaut, Gott Lob.

M.S.: Ich bin entsetzt. Und die Amateure, meine Austria - wir hatten ja sehr viele Juden und Nicht-Arier in unseren Reihen - was passierte da?

Ch.: Viele Wiener Juden konnten bei Zeiten fliehen und emigrierten beispielsweise in die USA, weil es in Europa immer gefährlicher wurde. Aber es kehrten viele Überlebende nach 1945 wieder nach Österreich zurück und alte Freunde und Weggefährten trafen sich wieder. So auch bei der Austria.

M.S.: Ich bin erleichtert. Und wie lief es sportlich?


Matthias Sindelar fand seine letzte Ruhestätte am Wiener Zentralfriedhof. Alle Fotos: oepb.at/Elisabeth Sohl

Ch.: Eigentlich sehr gut. Die Wiener Austria ist bis dato der erfolgreichste Verein in Sachen Fußball hierzulande nach dem Krieg. Unzählige Meisterschaften und Cupsiege wurden eingefahren und auch die Wiener Stadthalle wurde von den Violetten dominiert.

M.S.: Fussball in der Halle, ja geht das denn?

Ch.: Ja, Herr Sindelar, die Idee stammte von Josef Argauer, ebenso einem Austrianer, der diese von einer Schwedenreise nach Österreich mitgebracht hatte. Fußball in der Halle boomte in Wien all die Jahre und Ihre Austria ist der ungekrönte Hallenkönig.

M.S.: Herrlich, ich freue mich. Und was macht der ewig junge Rivale, die Grün-Weißen aus der Vorstadt?

Ch.: Nun, RAPID ist Österreichs Rekordmeister in Sachen Fußball und man freut sich im Hanappi-Stadion eines regen Zuschauer-Zuspruches, beinahe so, wie zu Ihrer aktiven Zeit.

M.S.: Na ja, Rekordmeister waren die Grünen schon zu meiner Zeit, einfach auch deshalb, da wir oft zu verspielt waren und sicher geglaubte Siege noch hergeschenkt hatten. Die RAPID´ler, die gewannen immer durch Kampf ihre Matches, wir aber wollten unseren Zuschauern tollen, schönen, verschnörkelten Fußball bieten. In welchem Stadion spielt RAPID?

Ch.: Ing. Gerhard Hanappi-Stadion, ein ehemaligen RAPID-Spieler und Konstrukteur dieser Arena.

M.S.: Aha, ich verstehe, und was wurde aus der altehrwürdigen Hütteldorfer Pfarrwiese?

Ch.: Die wurde abgetragen und verbaut im Laufe der Zeit.

M.S.: Schade, ich spielte gerne dort draussen in der Vorstadt, wenngleich der Anhang der Grünen immer sehr fanatisch gewesen ist. Und die Hohe Warte?






Ch.: Die gibt es und sie erinnert noch ein wenig an Ihrer großen Zeiten und fußballerischen Taten mit dem Österreichischen Wunderteam.

M.S.: Na wenigstens etwas. Ja, die Hohe Warte, das war unsere Heimat. Das Stadion (Anm. heutiges Ernst Happel-Stadion) kam erst später, wenngleich ich auch immer sehr gerne im Prater gespielt hatte. Aber auf der Hohen Warte, hoch droben in Döbling, das war immer etwas besonders, wenn dort 60 oder 70.000 Zuschauer bei den Landermatches gegen Ungarn, Deutschland, die Schweiz, Italien und dergleichen waren. Eine sehr schöne und intensive Zeit für mich. Wie geht es dem ÖFB, wurden wir Weltmeister?

Ch.: Leider nie Herr Sindelar, im Gegenteil, unser Nationalteam wurde im Laufe der Jahrzehnte immer schlechter. Es fehlte oft am geeigneten Nachwuchs und wenn es einen gab, wurde dieser zu sehr verhätschelt. 1954 waren wir Dritter bei der WM in der Schweiz. Unser 7 : 5-Sieg gegen die Eidgenossen ist bis heute das Spiel mit den meisten Toren bei einer WM-Endrunde.

M.S.: Na wenigstens etwas. Schade, dass es nie für einen Titel gereicht hatte. Zu meiner Zeit wurden wir 1934 Vierter, wir hätten eigentlich Weltmeister werden müssen, damals. Mit ein bisserl mehr Glück und Elan ...

Ch.: Das wäre es wohl gewesen ...

M.S.: Na ja, die Zukunft wird bestimmt wieder besser werden. Wo sind wir eigentlich schon?

Ch.: In Auhof, Herr Sindelar, wir nehmen jetzt die so genannte West-Einfahrt. Wenn Sie da hinüber links blicken, sehen Sie die 4 Flutlicht-Masten, dort spielt jetzt die RAPID. Das ist das Hanappi-Stadion.

M.S.: Und meine Veilchen kicken auch dort, zumindest als Gast?

Ch.: Ja, zweimal in der Saison. Wir fahren jetzt über die Wien-Zeile nach Schönbrunn und von dort dann weiter Richtung Meidlinger Kaserne und den Wienerberg hinüber nach Favoriten. Es dauert nicht mehr lange.

M.S.: Eigentlich ein Wahnsinn, wie sich Wien verändert hat im Laufe der Jahre. Gibt es das Cafe Annnahof in der Laxenburgerstraße noch?

Ch.: Leider nein, Herr Sindelar,, ihr Cafe existiert nicht mehr. Es gibt überhaupt nicht mehr so viele Kaffeehäuser wie noch zu Ihrer Zeit. Diese Zeiten haben sich leider geändert diesbezüglich.

M.S.: Schade. Aber das ist wohl der Lauf der Welt. Wo spielt die Austria jetzt eigentlich?

Ch.: Den alten Tschechen-Platz hoch oben am Laaerberg in Wien-Favoriten, den kennen Sie doch noch, oder? Daran hat sich nichts geändert. Nur heißt der Platz jetzt Franz Horr-Stadion und Sie werden Augen machen, wenn wir erst einmal dort sind. Man hat übrigens eine Tribüne dort nach Ihnen benannt, die Haupttribüne. Darin ist auch das Sekretariat der Violetten untergebracht Sehen Sie, wir befinden uns jetzt am Verteilerkreis und anhand der Ausfahrt Simmering erblicken Sie die Flutlichter und die neue Ost-Tribüne. Das ist Ihre Heimat, mein lieber Herr Sindelar, jetzt noch flink links die Fischhofgasse hinauf und wird sind da. Herzlich willkommen zu Hause!

M.S.: Ich bin entzückt. Natürlich kenne ich den Tschechen-Platz, ich habe hier ja noch gespielt. Dankeschön auch für die rasante Fahrt und die wirklich nette Unterredung mit Ihnen, Herr ... ? Wie ist der werte Name eigentlich? Und was bin ich Ihnen schuldig?

Ch.: Fan, Herr Sindelar, einfach nur Fan. Und ich bitte Sie, es war mir eine große Ehre und Freude, den wohl größten Fußballer aller Zeiten, den Österreich je gehabt hat, diese Fahrt anbieten zu dürfen. Alles Gute für Sie, mein lieber Herr Sindelar, leben Sie wohl.

M.S.: Ich danke Ihnen schön, mein Lieber.

Anmerkung:
Matthias Sindelar lebte von 1903 bis 1939 in Wien. Er galt und gilt als der wohl berühmteste und beste Fußball-Spieler Österreichs aller Zeiten. Er kehrte insoferne nach Hause zurück, da seine Holz-Statue mit der für ihn so typischen Ball-Haltung aus Linz nach Wien transportiert wurde, um im neuen Museum des FK Austria Wien innerhalb der Ost-Tribüne einen wertvollen Platz vorzufinden. Die Statue wurde anhand einer Fußball-Ausstellung zur Fußball-Europameisterschaft 2008 in Linz angefertigt.

Artikel bei ÖPB

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Ferdinand Milanovich, der Mr. SK VÖEST
Tagebuch eines Fußball-Fans