WIEN / Prater 1987 / Porto zog Bayern Lederhosen aus

Bild 1_Faksimile OÖ Nachrichten_Mai 1987_Sammlung oepb.atAlles war angerichtet: das abendliche Bankett im Wiener Ringstrassen-Hotel „Marriott“ reserviert, der bereits damals schon traditionelle Empfang am „Tag danach“ am Münchner Marienplatz, die Feierlichkeiten und Festansprachen. Und doch wurde aus dem vermeintlichen Triumphzug ein Trauermarsch …

Am Mittwoch, den 27. Mai 1987 trug Wien das Endspiel im Europapokal der Landesmeister – vergleichbar mit dem heutigen Champions League-Finale – aus. Mit dem FC Porto traf der absolute David auf den FC Bayern München, der allerorts als Goliath und ohnehin bereits großer Endspiel-Sieger angesehen wurde. Die Rot-Weißen Bayern wollten nach dem gewonnenen Europapokal-Hattrick von 1974 bis 1976 endlich wieder das Häferl in die Höhe stemmen. Dem gegenüber standen blau-weiße Portugiesen, die den „großkopferten“ und „laute Töne spuckenden“ Bayern sehr wohl reinen Portwein einschenken wollten. Und so kam es letztendlich dann auch.

Das Wiener Praterstadion war natürlich mit 57.000 Zuschauern hoffnungslos ausverkauft. 8.000 Porto-Anhängern standen 25.000 Bayern-Fans gegenüber, der Rest verhielt sich neutral, aber doch irgendwie mehr dem „Kleinen“ zugewandt. Punkt 20.15 Uhr ging es los und die Bayern drückten mächtig aufs Tempo. Die Porto-Abwehr stand jedoch felsenfest und die rollenden FCB-Angriffe liefen sich stets in der portugiesischen Hintermannschaft fest. Dann die 25. Spielminute: Outeinwurf von links, Hansi Pflügler (FCB) wirft weit ein, Jaime Magalhaes (Porto) verlängert per Kopf und der kleine und quirlige Ludwig „Wiggerl“ Kögl lässt sich diese Vorlage vom Gegner nicht entgehen, erwischt Torhüter Jozef Mlynarczyk am falschen Fuß und stellt mit einem Hechtkopfball die 1 : 0-Führung der Bayern her. Riesenjubel im weitern Rund. Und die Bayern setzten nach – über Pflügler, über Lothar Matthäus und über Norbert Nachtweih. Da sich Sturmtank Dieter Hoeneß jedoch bei Joao Domingos Pinto in sehr guten Händen befand, waren die Bayern ihrer stärksten Waffe beraubt.

Bild 2_Faksimile OÖ Nachrichten_Mai 1987_Sammlung oepb.atBayern-Coach Udo Lattek schwor die Seinen auf die zweite Halbzeit ein, Artur Jorge, seines Zeichens Trainer des FC Porto muss jedoch in der Kabine andere, bessere, flammendere Worte gefunden haben, denn die zweite Hälfte hatte es in sich. Zuerst jedoch noch das altbekannte Bild – Bayern aktiver, die Portugiesen in der Defensive. Michael Rummenigge und Matthäus fanden gute Chancen auf das 2 : 0 vor, verwerteten aber ihre Bälle nicht. Porto bekam mehr und mehr Oberwasser. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Es schlug die große Stunde des Algeriers Rabah Madjer. Antonio Frasco erhält aus dem Mittelfeld den Ball. Er spielt weiter auf rechts zu Juary, der zuerst Norbert Eder und dann Nachtweih stehen lässt. Plügler möchte den Winkel abschneiden, kommt jedoch zu spät. Juary hat nur mehr Jean-Marie Pfaff, den Bayern-Torhüter vor sich, sieht jedoch aus spitzem Winkel den mitgelaufenen Madjer, der nun im Fünfmeter-Raum wartend den Ball erhält und mit dem Rücken zum Tor stehend mit der Ferse das Leder zum 1 : 1 über die Linie bugsiert. Ein herrliches Tor. Gespielt waren da 77 Minuten.

Doch dem nicht genug, setzt Porto nun alles auf eine Karte und möchte mehr. Man gewann den Eindruck, dass die Bayern immer müder, die pfiffigen Portugiesen jedoch immer wacher wurden.

79. Spielminute: Madjer gewinnt links den Zweikampf gegen Helmut Winklhofer, flankt gefühlvoll von der linken Strafraumgrenze über Nachtweih, Hansi Flick, Eder und Pfaff hinweg zur Mitte und dort wartet bereits Juary, der das Leder volley zum 1 : 2 in die Maschen donnert. Die Sensation schien perfekt.

Der Versuch der Bayern, sich nochmals gegen die drohende Final-Niederlage aufzubäumen, schlug fehl. Porto stand abermals in der Abwehr sehr gut und brachte den Vorsprung gekonnt über die Distanz. Die feierliche Übergabe fand direkt nach Spielschluss am Rasen statt, Kapitän Joao Pinto wollte den Pokal partout nicht mehr hergeben und man lief mit der gesamten Mannschaft und dem Betreuerstab zu den Sektoren C und D des Wiener Stadions und ließ sich feiern.

Bild 3_Faksimile OÖ Nachrichten_Mai 1987_Sammlung oepb.atPortugal, zumindest der Norden, stand Kopf. Der Süden ist bekanntlich mehr Benfica Lissabon zugetan. 10.000 Menschen empfingen um 4 Uhr morgens die Chartermaschine aus Wien, über 80.000 Fußball-Fans hatten sich im Estadio do Dragao zu den Feierlichkeiten, ganz ohne Fußball-Spiel, eingefunden. Der bis zu diesem Zeitpunkt größte Erfolg in der damals 94-jährigen Klubgeschichte des FC Porto wurde gebührend gefeiert.

Lothar Matthäus fand vor 500 geladenen Bankett-Gästen nach dem Spiel folgende Worte: „Dieses 1 : 2 wird Risse geben. Die Niederlage kann aber auch stark machen, ja, sie muss uns zusammenschweißen. Wir dürfen uns jetzt nicht selbst zerfleischen.“

Auch die Wiener Polizei zog nach dem Spiel zufrieden Bilanz. 1.300 Beamte standen im Einsatz, die 31 Verhaftungen vornehmen mussten. Einige Auslagenscheiben gingen zu Bruch, ein PKW wurde umgeworfen. Im Großen und Ganzen ein reibungsloser Ablauf eines Fußball-Spieles dieser Größenordnung, so damals der Tenor der durchführenden Organe.

Wien sah einen würdigen und vor allem verdienten Europapokal-Sieger der Landesmeister. Die Bayern, 1987 noch Deutscher Meister, mussten 1988 dem SV Werder Bremen in der Meisterschaft den Vortritt lassen und konnten sich erst wieder 2001 mit dem Gewinn der Champions League den höchsten Titel im europäischen Klubfußball sichern.

Man war sich vor 30 Jahren in Wien so sicher, um dennoch mit leeren Händen dazustehen. Das Schöne am Fußballsport – es ist immer und jeder Ausgang möglich …

 

www.fcporto.pt/en

www.bundesliga.de

https://fcbayern.com/de

 


27.05.1987 (Final TCE) – FC Porto vs Bayern… von blogdoblueboy

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