Wer war Dribblanski Ernst Stojaspal

Ernst Stojaspal, 26-jährig, im Juni 1951 mit der Wiener Austria auf Brasilien-Tournee. Foto: privat/Sammlung oepb

Ernst Stojaspal, 26-jährig, im Juni 1951 mit der Wiener Austria auf
Brasilien-Tournee. Foto: privat/Sammlung oepb

Er war der Dribbelkönig beim FK Austria Wien, galt darüber hinaus als Goalgetter schlechthin und spielte zwischen 1. Dezember 1946 (2 : 3 in Mailand gegen Italien) und 3. Juli 1954 (3 : 1 gegen Uruguay in Zürich) 32mal in Österreichs Nationalteam, erzielte dabei 15 Tore und holte 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz WM Bronze mit dem 3. Platz. Bis zu seinem Ableben lebte er in Frankreich.

Zum Gedenken und aus Anlass des 15. Todestages widmen wir hier eine kleine Geschichte Ernst „Stoissi“ Stojaspal, der am 3. April 2002 in Metz / Frankreich 77-jährig verstorben ist.

Ernst Stojaspal war bekannt als sogenannter „Einbeiniger“ in Sachen Fußballsport. Er streichelte förmlich den Ball, viel besser, als es jemand eventuell mit drei Beinen gekonnt hätte. Stojaspal war, ebenso wie Ferenc Puskás: „Hob ich einen Fuß zum Stehen und einen zum Fußballspielen, bittascheen!“, als Einbeiniger verschrien, weil er es eben meist „nur“ mit dem Linken konnte. Das dafür allerdings umso zwingender. Mit dem ungarischen Ausnahme-Könner, dem „Major“ von Honvéd Budapest, Ferenc Puskás, verband Ernst Stojaspal auch der Genuss. Appetitliches Essen und Trinken nach dem Spiel, das war ungemein wichtig, was zur Folge hatte, dass beide nach Beendigung der Laufbahn gerne mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatten.

Faksimile SPORT SCHAU-Kolumne "Hinter den Barrieren" vom 3. April 1946. Sammlung: oepb

Faksimile SPORT SCHAU-Kolumne “Hinter den Barrieren” vom 3. April 1946. Sammlung: oepb

Es war die Zeit, in der die Lust auf das Tore schießen und der Spielwitz noch über taktische Korsett-Zwänge hinweg triumphierte. Im Maracana Stadion von Rio de Janeiro erzielte er am 30. Juni 1951 im Rahmen des „Copa Rio“ bei Austrias 4 : 0 gegen Nacional Montevideo – gespickt mit Fußball-Weltmeistern aus Uruguay – zwei Tore und galt als herausragender Akteur dieser Begegnung. Am 14. Oktober 1951 gewann Österreich in Brüssel gegen Belgien mit 8 : 1, der „Stoissi“ traf zweimal und alle Tore hatten eines gemeinsam – sie bereiteten erst Freude, wenn ein Trick angewandt wurde, der auch zog. Jahre später sollte er in einem Interview verlautbaren: „Ich hab´ halt gerne alles überspielt, was nicht zu meinem Team g´hört hat. Und wenn nur mehr der Torwart da war, musste ich den natürlich auch stehen lassen. Einmal war´s im Spiel gegen Kaiserslauern (Anm.: 9. September 1953, Austria vs. 1. FC Kaiserslautern, 9 : 2) da bin i scho beinah auf der Torlinie g´standen, vor mir nur der Keeper. Da wär´ es do a Sünd g´wesen, hätt i den net a no überspielt.“ Der Haken zurück verlockte, wenngleich das Tor bereits menschenleer war. Der Stoissi legte zurück und der heranbrausende Walter Schleger netzte ein. 25.000 Zuschauer im Wiener Praterstadion waren aus dem Häuschen.

Max Merkel (links; RAPID) gegen Ernst Stojaspal (AUSTRIA) im Rahmen eines Wiener Derbys am 30. April 1950. Sammlung: oepb

Max Merkel (links; RAPID) gegen Ernst Stojaspal (AUSTRIA) im Rahmen eines Wiener Derbys am 30. April 1950. Sammlung: oepb

Am 14. Jänner 1925 wurde Ernst Stojaspal in Wien-Simmering geboren. Er erlernte später den Beruf eines Schlossers. Im Juni 1943 wurde er zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Es ist überliefert, dass sich Stojaspal von einem Kriegskameraden bewusst die Hand brechen ließ, um somit einem etwaigen Front-Einsatz zu entgehen. Wegen „Wehrkraftzersetzung“ wurde ihm diesbezüglich im Oktober 1944 in Wien der Prozess gemacht. Der niederschmetternde Schuldspruch lautete: „8 Jahre Haft“. Im Frühjahr 1945, unmittelbar nach dem Kriegs-Ende war auch die Haft zu Ende und Ernst Stojaspal stieß über Ostbahn XI zur Wiener Austria. Genau den gleichen Weg schlug übrigens Jahrzehnte später ein gewisser Herbert Prohaska ein. Den „Schneckerl“ – Jahrgang 1955 – und den „Stoissi“ trennten 30 Jahre, beide waren ungeheure Künstler am Ball und beide gelangten über den unterklassigen Verein Ostbahn XI zu den Wiener Violetten.

Faksimile SPORT SCHAU vom 10. April 1951: "Ernstl Stojaspal kann auch mit dem rechten Fuß schießen!" wusste man auf der Titelseite zu berichten. Sammlung: oepb

Faksimile SPORT SCHAU vom 10. April 1951: “Ernstl Stojaspal kann auch mit
dem rechten Fuß schießen!” wusste man auf der Titelseite zu berichten. Sammlung: oepb

Mit dem bereits zu Lebzeiten legendären Spruch: „Wir haben einen Spieler, der ist zwar nur einbeinig, schießt aber dennoch unsere meisten Goals!“ sorgte einst der rührselige Austria-Präsident Dr. Emanuel „Michl“ Schwarz in seiner Kaffeehausrunde immer wieder für stete Lacherfolge. Damit gemeint war Ernst „Stoissi“ Stojaspal, der zwar auch stets ein bisserl gegen das eigene Übergewicht ankämpfen musste, dessen oftmals einzigartige Körpertäuschung jedoch so geschickt eingesetzt wurde, dass allerdings auch leichtgewíchtigere Bewacher im Nu von ihm stehen gelassen wurden. Der „Einbeinige“ galt als „Wiener Kind“, als „Sunnyboy“ mit guter Laune, perfekten Umgangsformen und Manieren und er war allseits beliebt – bei Freund und Feind. Dies ging sogar soweit, dass ihm die Spieler des SK RAPID Wien anlässlich seines Abschiedes von der Austria im Jahre 1954 einen silbernen Aschenbecher mit der Aufschrift „Dem allzeit fairen Stoissi“ überreichten.

Das schönste Match meines Lebens

… sollte der große Ferenc Puskas über das 7 : 6 von Honvéd Budapest über die Austria am 4. April 1953 vor 60.000 Zuschauern im Wiener Praterstadion sagen. Nach 17 Minuten steht es 4 : 0 für Honvéd, viermal Puskas. Nach 32 Minuten heißt es 4 : 4 – Rudolf Pichler, Ernst Ocwirk und zweimal Fritz Kominek trafen für den FAK. Nach Seitenwechsel führen die Ungarn rasch 6 : 4 durch Sandor Kocsis und László Budai. Nach 80 Minuten wiederum steht es durch Pichler und Stojaspal 6 : 6. Und als alle im Stadion mit diesem Endstand rechneten ein Freistoß für Honvéd: József Bozsik spielt das Leder auf Kocsis, der zum vielumjubelten 7 : 6 für Honvéd einköpfelt. Auch Stojaspal war angetan von der Partie, wenngleich ihn das späte Siegestor der Ungarn natürlich wurmte.

Der FK Austria Wien bittet den ÖFB im Rahmen eines Briefes vom 13. Juli 1954 um Auslandsfreigabe für Ernst Stojaspal. Dem Antrag wird stattgegeben. Sammlung: oepb

Der FK Austria Wien bittet den ÖFB im Rahmen eines Briefes vom 13. Juli 1954 um Auslandsfreigabe für Ernst Stojaspal. Dem Antrag wird stattgegeben. Sammlung: oepb

Für die Austria traf er zwischen 1945 und 1954 in 413 Spielen 481mal ins Schwarze. Ein sensationeller Wert. 5mal wurde der „Einbeinige“ österreichischer Torschützenkönig (1946, 1947, 1948, 1952 und 1953). Mit der Austria holte er 1949, 1950 und 1953 die Meisterschaft, sowie 1948 und 1949 den Cup-Titel. Nach der erfolgreichen Fußball-WM 1954 zog Ernst Stojaspal mit 29 Jahren ins Ausland zu RC Racing Straßburg, heiratete dort eine Französin, Yvonne, und wurde auch in Frankreich ein gefeierter Spieler. Weitere Karriere-Stationen waren AS Beziers, AS Monaco, AS Troyes, sowie der FC Metz. Der Fußballsport ließ Ernst Stojaspal auch nach dem Karriere-Ende nicht los, er wurde Trainer bei Ajaccio auf Korsika, bei Giraumont, bei Monthey in der Schweiz, sowie in Belgien bei Athus.

Nach all diesen Jahren dann der Weg in ein ganz anderes Fach – Ernst Stojaspal wurde im noblen Monte Carlo Cafetier. Sein Kaffeehaus tauft er auf den wohlklingenden Namen „Café de Vienne“. Nur das mit der französischen Sprache, die immer ein bisserl holprig und brüchig klang, das wollte dem nunmehrigen Simmeringer Kaffeehausbetreiber in Monaco nicht so recht gelingen. Seine Gattin Yvonne dazu anhand eines Interviews: „Ich habe den Fehler gemacht, mit Ernst „nur“ Deutsch zu sprechen. Da hat er natürlich nichts gelernt.“

Ein Star, der in die Fremde ging. Vor der Ehe mit Yvonne war man(n) auch schon einmal Selbstversorger. Ernst Stojaspal am Beginn seiner Auslandsjahre 1954 in Frankreich. Foto: privat

Ein Star, der in die Fremde ging. Vor der Ehe mit Yvonne war man(n) auch
schon einmal Selbstversorger. Ernst Stojaspal am Beginn seiner Auslandsjahre 1954 in Frankreich. Foto: privat

Nach Wien zog es Ernst Stojaspal nur noch selten. Er freute sich aber immer, wenn ihn alte Wiener Spezln und Weggefährten in seinem Café besuchten. Zuletzt lebte er in einem Vorort von Metz. Und Mitte März 2002 übersiedelte Ernst Stojaspal ins Seniorenheim Home de Preville in Moulins-les-Metz. Nach einer Alzheimererkrankung war er zum Pflegefall geworden. In der Nacht von 2. auf 3. April 2002 büchste er, lediglich im Pyjama bekleidet, aus dem Pflegeheim aus und wurde am nächsten Morgen 600 Meter davon entfernt leblos in einer Baugrube liegend aufgefunden. Die Ärzte stellten Herzversagen als Todesursache fest.

Geblieben ist allerdings die Erinnerung an einen großartigen Wiener Fußballspieler, für den das Tore schießen, wenn auch nur mit einem Fuß, zum täglichen Brot gehört hat. An einen Schmähbruder und ein echtes Wiener Original, wie es sie heutzutage nicht mehr gibt. Ein paar Beispiele gefällig? Die Austria gastiert auf der Hohen Warte bei der Vienna. Darauf Ernst Stojaspal im Original: „Der einzige Ankick in der Fußballgeschichte ohne Ball. Beim Aufwärmen hamma alle Ball´n verschossen, der Schiedsrichter wollt´ anpfeifen, also bin i hin zur Mittelauflag und hab zum Melchior Ernstl g´sagt: Auf geht´s. Der Schiri pfeift, wir stürmen los – 30.000 Zuschauern ham sich die Augen g´rieben!“

Ein anderes Mal – 1949 – spielt die Austria am RAPID-Platz gegen den Wiener Sport-Club. Anton Ploderer (WSC) wird nach einem Foul an Adolf „Dolfi“ Huber (FAK) ausgeschlossen. Darauf saust der Stoissi zum Referee und bekniet diesen, den Ploderer – vom Gegner wohlgemerkt – doch nicht vom Platz zu stellen. „Lassen S´ eahm doch weiterspüln, es is jo net schön, wenn zehn gegen elf spüln!“

26. März 1979, Monte Carlo. Im Bild von links: Karl "Vogerl" Geyer (FAK), Ernst "Stoissi" Stojaspal (FAK), sowie Dr. Vladimir Davidovitch (Trainer in Frankreich). Geyer und Davidovitch feiern bei Stojaspal ihren 80. Geburtstag. Foto: privat/Sammlung oepb

26. März 1979, Monte Carlo. Im Bild von links: Karl “Vogerl” Geyer (FAK), Ernst “Stoissi” Stojaspal (FAK), sowie Dr. Vladimir Davidovitch (Trainer in Frankreich). Geyer und Davidovitch feiern bei Stojaspal ihren 80. Geburtstag. Foto: privat/Sammlung oepb

Wie weiter oben bereits angeführt, schlug die Austria die Pfälzer aus Kaiserslautern mit 9 : 2 im Stadion. Ernst Stojaspal tröstete nach dem Match den deutschen Fritz Walter noch mit den Worten, er solle sich doch nichts daraus machen: „Einmal gewinnt der Gigl, einmal gewinnt der Gogl.“ Ein Jahr später trifft Österreich anhand der Fußball WM in der Schweiz am 30. Juni 1954 in Basel auf Deutschland und wird vom künftigen Fußball-Weltmeister vernichtend mit 6 : 1 geschlagen. Darauf nach dem Spiel der deutsche Kapitän Fritz Walter förmlich suchend nach dem sich verkrochenen Ernst Stojaspal: „Na, Ernst, mach Dir nicht in die Hosen! Wie heißt es doch so schön bei Euch? Einmal der Gigl, einmal der Gogl!“

In Memoriam Ernst „Stoissi“ Stojaspal. Einer, der problemlos in die große Galerie der klassischen Austrianer eingezogen war. Nicht nur mit einem Haken und noch einem Haken, einem butterweichen und punktgenauen Pass, sondern auch einer seidig-weichen Ballbehandlung und doch den steten Drang in sich verspürend, den Abschluss zu suchen. Seine Volltreffer verhalfen der Nationalmannschaft, aber auch der Wiener Austria, zu tollen Erfolgen und Erinnerungen in den 1950er Jahren in Österreich.

www.austria.wien

www.oefb.at

www.bundesliga.at

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