Wenn Mauern fallen und Wurzeln wachsen

Das Museum des Augenblicks von first. Foto: Museum Niederösterreich

Das Museum des Augenblicks von first. Foto: Museum Niederösterreich

An einem bewegenden Abend kamen Kinder von Besatzungssoldaten zu Wort;

Das sechste Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich in St. Pölten griff ein wichtiges Kapitel der Nachkriegsgeschichte auf. Rund 30.000 Kinder kamen zwischen 1945 bis 1956 von österreichischen Müttern und alliierten Besatzungssoldaten zur Welt.

Sie entstanden in Liebesbeziehungen, bei Überlebensprostitution oder Vergewaltigungen.

Im Gespräch mit Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, erzählten Kinder sowjetischer Besatzungssoldaten aus Niederösterreich ihre sehr unterschiedlichen Geschichten.

Eleonore Dupuis kam am 20. April 1946 in St. Pölten zur Welt. „Mit neun Jahren habe ich erfahren, dass ich ein Besatzungskind bin. Dennoch hatte ich eine glückliche Kindheit“, erklärte Dupuis, die unter dem Titel „Befreiungskind“ ein Buch über ihre Geschichte geschrieben hat. Weil sie kaum Informationen über ihren Vater besitzt, war ihre Suche nach ihm noch nicht erfolgreich. Sie betont, wie wichtig es für diese Kinder des Krieges wäre, Hilfe bei der Suche von offizieller Seite zu bekommen.

Das sechste Zeitzeugen-Forum im Haus der Geschichte war - einmal mehr - ein voller Erfolg. Am Bild v. l.: Christian Mader, Olexander Scherba, Gerhard Verosta, Tatjana Herbst, Barbara Stelz-Marx, Eleonore Dupuis, Matthias Pacher (Geschäftsführer Museum Niederösterreich) Foto: Museum Niederösterreich

Das sechste Zeitzeugen-Forum im Haus der Geschichte war – einmal mehr – einvoller Erfolg. Am Bild v. l.: Christian Mader, Olexander Scherba, Gerhard Verosta, Tatjana Herbst, Barbara Stelz-Marx, Eleonore Dupuis, Matthias Pacher (Geschäftsführer Museum Niederösterreich) Foto: Museum Niederösterreich

Eine ganz andere Kindheit erlebte Tatjana Herbst, die aufgrund finanzieller Nöte und laufender Diskriminierung nach dem Motto „Was einen nicht umbringt, macht einen härter“ verlief. In den 1980er-Jahren lernte sie Russisch, machte sich auf die Suche nach ihrem Vater und fand schließlich die große Liebe ihrer Mutter.

Gerhard Verosta wusste bis zu seinem 58. Lebensjahr nicht, dass er Sohn eines Besatzungssoldaten war. Es war sein Vater, der mit über 80 Jahren im Jahr 2005 über die russische Fernsehsendung „Zhdi menja“ („Warte auf mich“) die Suche nach seinem Sohn und seiner österreichischen Liebe aufnahm. Heute erfreut sich Gerhard Verosta seiner großen Familie im Ural, mit der er nun Kontakt hat.

„Ich bin kein Russenkind, ich bin ein Ukrainerkind“, betonte Olexander Scherba, den seine berufliche Laufbahn nach Österreich verschlug. Er ist Botschafter der Ukraine in Wien. Scherba bemüht sich nach wie vor um die Aufklärung des Schicksals seines Großonkels Vasyl Kukhar, der völlig unerwartet in der Besatzungszeit seinen Verletzungen erlegen sein soll. Die Spuren führen zu einer Frau namens Herta aus Klosterneuburg oder Zeiselmauer. Einem Mann aus dem Publikum, der erzählte, er sei Sohn eines ukrainischen Soldaten, sicherte er volle Unterstützung bei der Recherche zu: „Wie Sie sich vorstellen können, liegen mir solche Fälle besonders am Herzen“, so der Botschafter.

Auch aus dem Publikum meldeten sich Betroffene zu Wort. Foto: Museum Niederösterreich

Auch aus dem Publikum meldeten sich Betroffene zu Wort. Foto: Museum Niederösterreich

Menschen brauchen Wurzeln“, erzählte Christian Mader, der aus seiner beruflichen Profession als Polizist für das Auffinden verschwundener Personen zuständig war. Er hat den Verein „Österreich findet euch“ gegründet und lud dazu ein, die Plattformen des Vereins wie die Website www.oesterreichfindeteuch.at zu nützen, um Suchen zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. „Viele Besatzungskinder waren jahrzehntelang von einer Mauer des Schweigens umgeben, die zunehmend einbricht. Sie entwickeln immer mehr einen Stolz auf ihre Herkunft und vernetzen sich mit anderen Betroffenen“, resümierte Barbara Stelzl-Marx über ihre langjährige Forschung, die schon einige Familien zusammengebracht hatte, und über diesen Abend, an dem sich einige Besatzungskinder aus dem Publikum zu Wort gemeldet hatten. Das Forschungsnetzwerk für interdisziplinäre Regionalstudien (first) präsentierte im „Museum des Augenblicks“ zwei Kopfbedeckungen russischer Besatzungssoldaten.

Lesen Sie mehr über das Museum Niederösterreich bei uns bitte hier;

Beim nächsten Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ sind am 15. Mai 2018 um 18 Uhr Hannes Etzsltorfer, Rotraud Perner und Peter Turrini unter dem Motto: „Mai 1968: Als alles anders wurde“ zu Gast. Am 16. Oktober 2018 um 18 Uhr sprechen Chris Lohner und andere über das Jahrhundert der Frauen.

www.museumnoe.at

 

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