Von SpC Nicholson zum FC WIEN / Erinnerungen an eine Legende

Spielszene zwischen dem FC Wien (gestreiftes Trikot) und der Vienna (1 : 1) vom Frühjahr 1951. 6.000 Zuschauer waren auf dem FC Wien-Platz zugegen. Im Hintergrund erkennt man die Wiener Holzwerke, sowie die Heller-Süßwarenfabrik. Foto: oepb

Spielszene zwischen dem FC Wien (gestreiftes Trikot) und der Vienna (1 : 1) vom Frühjahr 1951. 6.000 Zuschauer waren auf dem FC Wien-Platz zugegen. Im Hintergrund erkennt man die Wiener Holzwerke, sowie die Heller-Süßwarenfabrik. Foto: oepb

Der FC Wien, mit dem Hinterland der früher wesentlich zahlreicheren Wiesen und unverbauten „Gstätten“ des 10. Bezirks, war immer eine wahre Brutanstalt für neue Fußballtalente. Alois “Papa” Watzinger, der Trainer, der als Spieler bei Vorwärts 06 gewirkt hatte, und Nicholson Wien seit 1925 angehört, verstand es, sich Buben zusammenzufangen, aus denen die großen Wiener Klubs sich während mehrerer Fußballgenerationen mit in der FC Wien-Schule herangereiften Talenten versorgten.“ So charakterisierte Leo Schidrowitz in seinem Buch „Geschichte des Fußballsports in Österreich“ den Vorstadtverein aus Favoriten ganz trefflich.

Favoriten war in früheren Jahren ein guter Boden für Fußballtalente gewesen. Aus allerlei Textilien fertigten sich die Buben das sogenannte „Fetzenlaberl“, und das war dann auch schon die ganze Ausrüstung, die benötigt wurde, um Fußball zu spielen. Sie spielten auf der Gasse, im Hinterhof, oder aber auf der Wiese und viele von ihnen träumten davon, einmal bei einem großen Verein vorspielen zu dürfen. „Nur wenige wissen, dass zu der Zeit, da Wiens Fußballsport einzig durch die Cricketer, den WAC und die Vienna repräsentiert wurde, schon draußen auf den unübersehbaren Wiesenflächen an der südlichen Peripherie Wiens, eben um den Laaer Berg herum, ein ganz reger Fußballbetrieb herrschte. Freilich, etwas rauer waren die Sitten dort immer, und es fehlte auch oft an dem Nötigsten, dafür war aber die Begeisterung für den runden Lederball, mag er auch oft nur durch ein Fetzenlaberl repräsentiert worden sein, womöglich noch größer, als auf der Hohen Warte und im Prater.“, so beschrieb die „Wiener Sport-Zeitung“ im Jahre 1937 rückblickend die Anfänge des Fußballsports im 10. Bezirk, wobei abschließend noch festgehalten wurde, dass dort „die Fußballer wie Schwammerln aus dem Boden wachsen würden“.

Aus dem SpC Nicholson (gegründet 1913) wurde im Laufe der Zeit ...

Aus dem SpC Nicholson (gegründet 1913) wurde im Laufe der Zeit …

Mit dem SC Nicholson fing alles an

Der spätere FC Wien war über Jahrzehnte hinweg für seine Nachwuchsarbeit berühmt und hat seine Spieler vor allem aus „Gassenbuben“ in Favoriten rekrutiert. Gegründet wurde der FC Wien 1913 als SpC Nicholson. „S.C. Nicholson nennt sich ein neuer Fußballverein. Wenn auch die Mannschaft gegen Olympia 0 : 12 unterlegen ist, so ist es immerhin erfreulich, dass sich die Leute entschlossen haben, einen der hervorragendsten Spieler, die je in Österreich tätig waren, zu ihrem „Namenspatron“ zu erwählen.“ So hieß es am 29. November 1913 im „Illustrierten Sportblatt“.

Der erwähnte Namenspatron war der aus England stammende Mark D. Nicholson, der als Aktiver bei Westbromwich Albion und bei Luton Town tätig war und nach Beendigung seiner Laufbahn als Reisebüro-Leiter nach Wien kam. Hier trug Nicholson maßgeblich zur Popularisierung des Fußballsports bei. Als Spieler bei der Vienna und später als erster Präsident der neu gegründeten „Fußball-Union“ war er einer der Gründungsväter des Fußballsports in Österreich. Ihm zu Ehren haben Fußballanhänger aus Margareten und Favoriten dem neuen Verein den Namen Nicholson gegeben, die Vereinsfarben waren – in Anlehnung an die Verdienste Nicholsons für die Vienna – Blau-Gelb. Der Vereinssitz war ursprünglich auf der Wieden, später in Margareten. Der erste Sportplatz lag im 3. Bezirk in der Nähe des Arsenals in der Grasbergergasse. Die Anlage wurde jedoch im Ersten Weltkrieg aus „kriegswichtigen Gründen“ entzogen. Deswegen war der Verein ab dem Jahre 1915 einige Zeit Untermieter der Rennweger Sport-Vereinigung. Nicholson war einer der wenigen Vereine, die während des Krieges den Spielbetrieb aufrecht erhalten konnten.

Kurz nach dem Ende des „Großen Krieges“ bot sich im Jahre 1919 für den SpC Nicholson die günstige Gelegenheit, einen eigenen Sportplatz zu erhalten, den damaligen Südsternplatz in Favoriten in unmittelbarer Nachbarschaft zur Heller Süßwarenfabrik. Am 27. April 1922 schrieb das „Sport-Tagblatt“: „Der SpC Nicholson ist nun an den Ausbau seines Platzes geschritten; so ist unter anderem die Einfriedung der Sportanlage beendet worden. Der weitere Ausbau wird sukzessive durchgeführt, das Spielfeld selbst dürfte erst nach gänzlicher Austragung der Frühjahrsmeisterschaft umgestaltet und mit einer frischen Rasenfläche versehen werden. Der SpC Nicholson hat in der ganzen Meisterschaft noch keine Niederlage erlitten … Der Platz befindet sich im 10. Bezirke, umgrenzt von der Hartmuth-, Gussriegel- und Angeligasse (nächst der Triesterstraße).“

... der FC Wien (Umbenennung 1933), ehe im Jahre 1973 der Verein zu existieren aufgehört hatte.

... der FC Wien (Umbenennung 1933), ehe im Jahre 1973 der Verein zu existieren aufgehört hatte.

Am Nicholson-Platz wurde aber nicht nur Fußball gespielt. Erstklassige Damen und Herren-Handballmannschaften, sowie Leichtathleten hatten bei Nicholson ihre Heimstätte. Im Winter wurde das Areal gelegentlich zu einem Eislaufplatz für die Favoritner Jugend umfunktioniert. Und es wurde am Sportplatz auch immer wieder ein buntes Unterhaltungsprogramm für die ganze Familie geboten. Das „Sport-Tagblatt“ wusste im Mai 1924 folgendes zu verkünden: „Nicholson: am So, 1 Juni, auf Nicholson-Platz Radpolo-Wettspiel, sowie verschiedene Vorführungen des „Eiskönigs von Floridsdorf“.“

Mehre Jahre hindurch spielte Nicholson in den unteren Klassen. 1924 wurde der Verein Meister in der 3. Klasse Nord und war somit berechtigt, in der darauf folgenden Spielzeit in der zweiten Profiliga zu beginnen. 1928 wurde Nicholson Meister der Zweiten Liga und stieg somit in die höchste Spielklasse auf. Eine Fusion mit den St. Marxer Bewegungsspielern brachte neue Akteure für den nunmehrigen Erstligisten. Und es war auch die Notwendigkeit einer gründlichen Renovierung des Platzes gegeben. Neue Sitzbänke wurden installiert. Der Bau einer Tribüne wurde jedoch von der Gemeinde Wien untersagt. Von nun an war der Nicholson-Platz für 9.000 Zuschauer, die hauptsächlich auf Stehplätzen untergebracht waren, ausgerichtet.

„Der ernste Wille, weiterzukommen, äußerte sich übrigens auch in der sorgfältigen Pflege, die Nicholson seiner Sportplatzanlage angedeihen lässt. Gewiss, es gibt in Wien Plätze, die schon von Natur aus günstiger geartet sind, aber man darf nicht übersehen, dass man bei Nicholson die Mängel, die dem Platze zur Zeit der Zweitklassigkeit des Vereins anhafteten, fast völlig beseitigt hat. Die Spielfeld wurde geebnet, die Zuschauerräume ausgebaut, saubere luftige Kabinen stehen zur Verfügung und außerdem wurde auch das Möglichste getan, die Grasnarbe auszubessern und zu verdichten. Trotzdem haben die Favoritner auf ihrem eigenen Platze im allgemeinen günstigere Resultate erzielt als in der Fremde, aber das ist gerade keine Spezialität dieses Vereins. Man murrt auch oft über die Ausmaße des Platzes, aber man hat damit Unrecht, denn das Spielfeld ist nicht kleiner als das des Durchschnittes unsrer Plätze, es ist nur unsern führenden Mannschaften noch ungewohnt, eben deshalb, weil Nicholson noch zu kurze Zeit in der ersten Klasse spielt. Wenn aber der Favoritner Verein in Hinkunft ebenso zielbewusst wie bisher arbeitet, dann werden sich unsre Mannschaften wohl an diesen Platz mehr als bisher gewöhnen, weil kaum zu befürchten ist, dass Nicholson die Erstklassigkeit, die sich die Mannschaft mit solcher Zähigkeit erkämpft hat, so bald wieder einbüßen wird!“, hieß es im „Sport-Tagblatt“ vom 9. August 1929.

Blick auf den FC Wien-Platz zu Wien-Favoriten. Die Häuser rundherum gibt es noch, den Verein samt seinem Areal nicht mehr. Auch diese traditionelle Sport- und Spielstätte Wiens ist lange schon verbaut. Kein Ballkontakt mehr! Foto: Sammlung oepb

Blick auf den FC Wien-Platz zu Wien-Favoriten. Die Häuser rundherum gibt es noch, den Verein samt seinem Areal nicht mehr. Auch diese traditionelle Sport- und Spielstätte Wiens ist lange schon verbaut. Kein Ballkontakt mehr! Foto: Sammlung oepb

Von Nicholson zum FC Wien

Die erste Saison in der obersten Spielklasse beendete Nicholson als Sechster in der Tabelle und konnte sich in der Folge als konstanter Mittelständler etablieren. Zum Spitzenverein fehlten vor allem die finanziellen Mittel. Jedenfalls trat Nicholson die Nachfolge von Hertha und Rudolfshügel als bedeutendster Favoritner Fußballklub an. „Der Sp.C. Nicholson hat den selbstverständlichen und auch begrüßenswerten Ehrgeiz, seinem Bezirk wieder ein sportliches Zentrum zu schaffen. Früher einmal gab´s ja auch zwei Plätze für die Favoritner Jugend und auch die älteren Sportfreunde, aber die Anlage des Sportklubs Rudolfshügel ist durch das Ausscheiden des Vereins aus dem legitimen Verband um ihre Bedeutung gekommen, und der andre Platz ist der Gemeinde Wien, die just das Terrain für künftige Baulichkeiten auswählte, zum Opfer gefallen. Es fehlt also da draußen an einer Konzentration der Kräfte und wohl auch an einer geeigneten Werbestätte für den Sport und eine solche will also Nicholson seinem Bezirk geben. Es wurde verhältnismäßig viel Geld für die Verbesserung der Anlage aufgewendet, damit sich die Spieler und – was besonders in die Waagschale fällt – auch die Zuschauer wohlfühlen können. Das Ziel wurde erreicht, und die erste Begegnung zwischen den beiden Favoritner Klubs Hertha und Nicholson hat gleich eine erfreuliche Kraftprobe der Sportbegeisterung der dortigen Bevölkerung gebracht. Die Zuschermassen waren ja nicht gerade erdrückend, aber schließlich sind fast 3.000 Menschen gekommen, eine erfreuliche Zahl, wenigstens ein Versprechen für die Zukunft, wenn man in Rechnung stellt, dass die Gluthitze ja selbstverständlich viele Hunderte veranlasst haben muss, ihre Begeisterung für den Fußballsport zu unterdrücken und als Schwimmer oder wenigstens Badende Erquickung zu suchen. Immerhin wurde ein spannendes Match geboten. Es war also der erfreuliche Anfang einer Aktion, aus der nicht nur Nichsolson und sein Bezirk, sondern der ganze Fußballsport Nutzen ziehen kann.“, war im „Sport-Tagblatt“ vom 3. September 1929 zu lesen.

Aus Nicholson wurde schließlich der FC Wien, der mit dieser Vereinsbezeichnung – mit Ausnahme einer einzigen Saison – bis 1956 in der obersten Liga kickte. Offiziell begründete man diesen Schritt auf der Generalversammlung vom 7. Februar 1933 damit, dass der alte Name für Auswärtsspiele nachteilig gewesen sei, denn niemand wisse, was der Name bedeutet, da Nicholson in England ein häufiger Familienname sei. Mehrere Vereine, allen voran der Wiener Sportklub und die Vienna, protestierten gegen die Namensänderung, da eine „Verwechslung der Klubnamen im Ausland möglich“ sei. Der Protest wurde jedoch vom Verband abgelehnt. Der FC Wien beendete mit neuem Namen und neuer Vereinsfarbe (rot-weiß) die Meisterschaft.

Der Anfang vom Ende. Der FC Wien war nicht mehr liquid und konnte seine Zahlungen kaum noch leisten. Was folge war die Einstellung des Spielbetriebs. Sammlung oepb

Der Anfang vom Ende. Der FC Wien war nicht mehr liquid und konnte seine
Zahlungen kaum noch leisten. Was folgte war die Einstellung des
Spielbetriebs. Sammlung oepb

Die Zeit der Auslandsreisen im Sommer wurde in der Regel zur Renovierung des Platzes verwendet. Im Jahr 1930 sind die Zuschauertribünen verlegt und ein neuer Rasen angelegt worden. 1934 wurde der Nicholson-Platz nach dem Auftragen eines neuen Rasens als „saftige, grüne Insel“ bezeichnet, der den Spielern „auch nicht mehr die geringste Ausrede offen“ lasse. Die Charakteristik des Platzes hat sich aber bis in die 1960er Jahre so gut wie nicht verändert. Es gab vor allem Stehplätze auf einem Erdwall an den beiden Längsseiten des Platzes sowie hinter den Toren. Dazwischen waren einige Sitzbänke montiert worden. Das Spielfeld war nur durch eine unscheinbare Absperrung von den Zuschauerplätzen getrennt. Das Umfeld des Platzes war geprägt von Industriebauten, wie der Heller-Fabrik, oder der Wiener Holzwerke, Schrebergärten und der üblichen Gstetten. Es gab weder Trainingsplatz noch Nebengebäude, abgesehen von einer Holzhütte hinter einem Tor, die als Umkleidekabine diente.

Den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feierte der FC Wien in der Spielzeit 1941/42 als Vizemeister der Gauliga Ostmark, hinter der Vienna, aber noch vor RAPID und der Austria. In der Nachkriegszeit war der FC Wien viele Jahre im Mittelfeld der Liga zu finden, mit einer Besonderheit: aus dem Rasenplatz wurde ein Hartplatz. Der Sandplatz mit der „roten Erde“ wurde zum Markenzeichen des FC Wien und natürlich auch zum Heimvorteil. Jugendspieler wurden, so wird erzählt, in Zeiten ihres Trainings dazu angehalten, die Steine vom Hartplatz zu entfernen.

Im Jahre 1956 musste der FC Wien aus der Staatsliga absteigen. Nach dem sofortigen Wiederaufstieg in der darauffolgenden Saison folgte der neuerliche Abstieg. In der zweitklassigen Staatsliga B und der Regionalliga fristete der FC Wien ein Dasein eines verschuldeten unterklassigen Vereins. Von 1965 bis 1968 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft des FC Wien-Platzes die Wohnhausanlage der Gemeinde Wien Gussriegelstrasse 29 errichtet. In diesem Bauvorhaben wurde ein Park eingeplant, der auf dem Gelände des FC Wien-Platzes errichtet werden sollte. 1967 ist der FC Wien deshalb auf den Verbandsplatz X am Laaerberg – späteres Franz Horr-Stadion und heutige Generali Arena – übersiedelt. Der FC Wien-Platz wurde geräumt und verbaut. Nach dem Abstieg in die dritte Leistungsstufe begann sich der FC Wien langsam aber sicher aufzulösen. Im Jahre 1973 war der Klub am Ende und stellte den Spielbetrieb ein.

Geblieben ist vom damaligen FC Wien so gut wie nichts mehr, ausser vielleicht der Erkenntnis, dass große österreichische Fußballspieler wie beispielsweise Johann Mock (Mitglied des Wunderteams, aktiv bei Austria), Erich Obermayer (Austria Legende und ÖFB-Kapitän anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien), Karl Stotz (oftmaliger ÖFB-Teamspieler, 3. Platz 1954 in der Schweiz, sowie von 1978 bis 1981 Teamchef der Nationalmannschaft) oder Walter Zeman (langjähriger RAPID-Torhüter und späterer Trainer) vom FC Wien kamen. Im Jahre 2007 wurde wieder ein FC Wien gegründet, der nicht nur in Wien-Favoriten beheimatet ist, sondern der sich auch der Geschichte und gedanklichen Pflege seiner Vorgänger-Vereine SpC Nicholson und FC Wien annahm. 

Quelle: oepb / Wolfgang Slapansky

www.fcwien.com

www.bundesliga.at

comments are closed.