Vom Fußballplatz verschwundene Käuze und Originale

Jahrzehntelang prägte sie das Bild, die alte Uhr im Linzer Stadion auf der Gugl. Dass sie bis 1985 von Hand bedient - ehe sie ausgedient hatte - wurde, sollte hier Erwähnung finden. Foto: oepb

Jahrzehntelang prägte sie das Bild, die alte Uhr im Linzer Stadion auf der Gugl. Dass sie bis 1985 von Hand bedient – ehe sie ausgedient hatte – wurde, sollte hier Erwähnung finden. Foto: oepb

An sich ist es mühsam, die „gute alte Zeit“ immer wieder zu bemühen, aber Zeitzeugen – das bringt die munter voranschreitende Zeit eben so mit sich – werden naturgemäß immer weniger und die Generation von heute erfreut sich an Retro und findet „oldschool“ cool.

Grund genug also, um an Vergangenes zu erinnern und den jungen – bleiben wir beim Fußballsport – Sportplatzbesuchern Erzählungen und Gedanken von früher näher zu bringen.

Originale auf dem Fußballplatz gab es schließlich genug und wenn das eigene Team einmal ein klassisches Tief aufzuweisen hatte, dann ging man schon alleine der Originale wegen auf den Sportplatz und / oder ins Stadion. Man kannte sich und man schätzte sich.

In Linz beispielsweise, beim SK VÖEST – und natürlich auch beim LASK – wurde bis zum Kehraus der Saison 1984/85 die Stadionuhr, die sich am Ende des weiten Stehplatzrundes außerhalb auf einer abschüssigen Wiese befand, stets von Hand bedient. Also nicht was die jeweiligen 45 Minuten pro Halbzeit anlangt, aber der aktuelle Spielstand wurde immer mit aktuellen Ziffern-Tafeln versehen und bekannt gegeben, je nachdem, wie eben gerade die Tore gefallen waren. Es ist unsinnig zu erwähnen, dass 0 : 0-Resultate für die Herren dort eben mit keiner Arbeit verbunden waren. Ab und an passierten torlose Remis im Linzer Stadion in den 1970er und 1980er Jahren, Gott sei Dank jedoch nicht allzu oft.

Blick von der Stadionuhr hinein, auf die “Gugl” in der Saison 1971/72. Foto: oepb

Blick von der Stadionuhr hinein, auf die “Gugl” in der Saison 1971/72. Foto: oepb

Dem Verfasser ist noch ein Erlebnis in lebhafter Erinnerung, und zwar der allerletzte Dienst, den die alte Stadionuhr im Linzer Stadion auf der Gugl versah. Man schrieb Freitag, 7. Juni 1985. Der SK VÖEST Linz benötigte im letzten Saisonspiel gegen den bereits abgestiegenen FavAC – immerhin ausgestattet mit Robert und Josef Sara, Dietmar Constantini, Peter Stöger, Alberto Martinez – noch mindestens ein Unentschieden, um im Jahr darauf in der neuen 12er Liga vertreten zu sein. Ein Remis gegen ein bereits abgestiegenes Team sollte keine allzu große sportliche Mühe heraufbeschwören. Und so war es dann auch, nach 14 Minuten stand es bereits 3 : 0. Harald Zeilinger, Georg Zellhofer und Günther Vidreis hießen die Torschützen. „Jetzt dürf´ma nur noch ein Tor machen, denn ich habe bloß 4 Taferln dabei!“, erzählte Walter Friedl von der Stadionuhr, der als junger Uhren-Wart mit seinem Vater an jenem Frühlings-Abend der Ordner-Staffel des SK VÖEST angehörte.

Kurz nach der Pause fiel das 4 : 0, abermals durch Günther Vidreis. „Mist, ich habe zuwenig Taferln mit!“, echauffierte sich Friedl jun. über sich selbst. Das 5 : 0 in der 57. Spielminute (Harald Zeilinger war erneut erfolgreich) brachte ihn schließlich in die Bredouille. Er müsste in Richtung Hofstetter-Kantine in die Mitte des Stehplatzbereiches marschieren und weitere Tafeln nachfassen, dürfe aber seinen Posten auf der Uhr nicht verlassen. Friedl jun. zog dennoch los und man rief ihm nach, er solle doch gleich mehrere Ziffern mitnehmen, denn an jenem Tag schien alles möglich zu sein. Und so war es auch, mit der Zahl „5“ unter dem Arm kehrte er zurück an seinen Platz an der Stadionuhr, der Spielstand hieß jedoch inzwischen 6 : 0 durch Günther Haizinger. Unter dem allgemeinen Jubel des lautstarken VÖEST-Anhangs ob dieses Schützenfestes ging unter, dass das exakte Endresultat von 6 : 0 erst weit nach Spielschluss auf der Uhr quasi schwarz auf weiß zu lesen war.

Eine bei “Bauchladen” erworbene Eintrittskarte für ein Heimspiel des SK VÖEST Linz aus der Saison 1979/80. Sammlung: oepb

Eine bei “Bauchladen” erworbene Eintrittskarte für ein Heimspiel des SK VÖEST Linz aus der Saison 1979/80. Sammlung: oepb

Die Stadionuhr hatte ausgedient, ab August 1985 kam die überdimensionale Anzeigetafel hinter dem Tor und neben dem Nebenfeld stehend zum Einsatz, wenngleich deren offizielle Premiere erst beim Länderspiel Österreich gegen Jugoslawien (0 : 3) am 16. Oktober 1985 stattfand.

Weitere „Dienste am Kunden“ – bleiben wir beim SK VÖEST – waren kleine Verkaufstische im Eingangsbereich, anhand dieser man sich mit Vereins-Devotionalien eindecken konnte. Da gab es Vereins-Abzeichen in Form von Anstecknadeln, aber auch kleine blau-weiße Plastikwimpel zu kaufen. Die Herren, die dort saßen, wussten immer einen kecken Spruch und man kam nicht umhin, ihnen nichts von dem weiß gedeckten Tisch abzukaufen. Oft und oft waren diese Tische leer, quasi ausverkauft, und man musste – gerade als Kind – geduldig bis zum nächsten Heimspiel warten, um Nadeln und Wimpel nachfassen zu können. Das war der Beginn des Merchandising, wenn man so will.

Weiters stand, mit einem Bauchladen ausgestattet, bei Wind und Wetter immer ein Ordner weit vor dem Stehplatzeingang. Auch, wenn die Zuschauerkulisse beim SK VÖEST manchmal ausbaufähig war, so stand dieser Herr in Hut und Mantel samt seinem Bauchladen und empfing das Fußballfan-Fußvolk, das den weiten Weg von der O-Bus-Haltestelle „Ziegeleistraße / Stadion“ herauf zur Roseggerstraße schlenderte. Ein Karten (heute sagt man Ticket) -kauf bei ihm hatte den Vorteil, sofort ins Stadion gehen zu können und sich nicht mehr umständlich und langwierig bei den Kassen anstellen zu müssen. Wie, wenn erwähnt, die Kulisse ohnehin nur 1.500 Besucher ausmachte, wäre eine etwaige Wartezeit an den Stehplatz-Kassen ohnehin ausgeblieben. Und dennoch, der Herr in Hut und Mantel – kein Mensch weiß mehr heute, wie er geheißen hatte – versah jahrelang Dienst beim SK VÖEST – samt seinem Bauchladen.

Ähnlich verhielt es sich natürlich auch in Wien samt Umland. Am Sportclub-Platz agierten Pensionisten, die, nachdem man den Eingangsbereich passiert hatte, immer genau wissen wollten, wo man denn sitze. Diese Platzanweiser, ähnlich jenen Anweisern im Theater, geleiteten die Sportplatz-Besucher dann zu den jeweiligen Sitzplätzen, die auf alten Holzbänken waren. Stets mit weißen Stofftaschentüchern ausgestattet, wurden diese „gefundenen“ Plätze dann abgestaubt und die Herren erhofften sich durch diese unaufgeforderte Dienstleistung einen kleinen Schmattes zur schmalen Pensions-Auffettung.

Der Stehplatzbereich-Eingang des Linzer Stadions auf der Gugl in den späten 1960er Jahren. Foto: oepb

Der Stehplatzbereich-Eingang des Linzer Stadions auf der Gugl in den späten 1960er Jahren. Foto: oepb

Auf der Hohen Warte warteten im Eingangsbereich vor über 30 Jahren auch immer wieder freundliche Pensionisten, die stets mit einem Schmäh auf den Lippen die Stadion-Besucher begrüßten. Dass diese älteren Herren oftmals auch nicht mehr allzu gut sahen, wurde von den Jugendlichen dazu ausgenützt, mit Kinderkarten die Hohe Warte zu entern, wenngleich aufgrund des fortgeschrittenen Teenager-Alters bereits eine Jugendlichen-Karte vonnöten gewesen wäre. Es ist demnach kein Wunder, dass die Vienna, der älteste Fußballverein Österreichs, stets leere Kassen aufzuweisen hatte.

Und in der Südstadt war als Pendant zum „Schöfix“ ein Verkäufer, der auch ein letztes Wiener Original darstellte, aktiv. Schöfix bevölkerte die eine Seite hinter dem Tor im Bundesstadion Südstadt, ausgestattet mit Trommel, Megaphon und lautstarkem Organ. Schöfix alleine machte die Stimmung und die damals immer nur rund 1.000 Zuschauer bei den Admira/Wacker-Heimspielen hatten mit ihm ihren Spaß. Auf der anderen Seite kurvte ein mit einem weißen Arbeitsmantel gekleideter Wiener samt seinem Einkaufswagerl ebenfalls lauthals rufend durch die kärglich besetzten Stehplatz-Ränge: „Bier, Chips, Knacker, Limonade, Mini Fritts!“, wurde er nie müde – ohne Megaphon wohlgemerkt – immer wieder den Besuchern zuzurufen. Dass diese beiden Originale, also Schöfix und „Weißkittel“ lauter waren, als die übrigen 1.000 Südstadtbesucher zusammen, muss hier nicht weiter erwähnt werden.

Auch die Stadionsprecher damals waren noch nicht solche Schreihälse wie heutzutage, und gerade deswegen erinnert man sich gerne an sie. „Wir begrüßen die Mannschaft von VÖEST Linz ohne Smogalarm und mit der guten Luft vom Wienerwald!“, so der Vorgänger von Andy Marek beim SK RAPID Wien im August 1986. Oder aber im Linzer Stadion beim LASK jahrzehntelang  die gleiche Begrüßung: „Einen schönen (egal wie das Wetter war) Samstagnachmittag, meine geschätzten Damen und Herren zum heutigen Bundesliga-Heimspiel gegen … (wen auch immer) wünsche ich Ihnen im Namen des Präsidiums des LASK und heiße Sie im Linzer Stadion ganz herzlich willkommen!“ Jahraus, jahrein die gleiche Begrüßung. Nach dem zweiten Heimspiel war man textsicher. Jeder der anwesenden Besucher hätte in die Rolle des LASK-Stadionsprechers – wir sprechen hier von den 1970er und 1980er Jahren – schlüpfen können. Und um nochmals die Hohe Warte zu bemühen, denn dort hieß es vor jedem Heimspiel: „5.000 Schilling für das erste Tor von (McDonalds, Fernwärme, oder wie auch immer der Verein gerade hieß) Vienna, gesponerst von der Fahrschule soundso am Schlickplatz!“ Die Herrschaften dort mussten auf Rosen gebettet sein, denn alle 14 Tage 5.000 Schilling (ca. € 363,-) für das erste Tor der Heimischen zu spenden, à la bonne heure. Und auch Erich Götzinger, bekannt als Sprecher aus dem ORF, der in früheren Zeiten die ÖFB-Länderspiele im Wiener Praterstadion – Ernst Happel war noch am Leben, folglich hieß der Prater noch Prater – als Stadionsprecher begleitete, heute nennt man das moderieren, war um keinen Deut schlechter als dies heute Andy Marek zelebriert. Die Zeiten waren eben andere.

Blick auf den 3er Sektor im Linzer Stadion. Dort versammelten sich früher die treuen Fans und Kuttenträger des SK VÖEST Linz. Foto: oepb

Blick auf den 3er Sektor im Linzer Stadion. Dort versammelten sich früher die treuen Fans und Kuttenträger des SK VÖEST Linz. Foto: oepb

Übrigens – wenn die Partie einmal nicht das hielt, was man sich im Vorfeld von ihr versprochen hatte, wenn also das Match so gegen Mitte der zweiten Halbzeit kraft- und leblos vor sich hinplätscherte, dann galt es auf der Linzer Gugl immer noch einen Höhepunkt zu erleben. Und dieser lautete: „Für die Presse: 2.000!“ Mit dieser kurz- und schmerzlos abgehaltenen, jedoch immens wichtigen Durchsage war allen klar, dass eben 2.000 Zuschauer an jenem Tage live vor Ort im Linzer Stadion waren.

Und noch eine lustige Episode sollte nicht unerwähnt bleiben, passiert am 24. Juli 1987. Ein Linzer Stadtderby stand an, der SK VÖEST empfing in der 2. Runde der Saison 1987/88 den LASK. Die Begegnung stand irgendwann in der ersten Spielhälfte, als sich plötzlich Blitz und Donner dazugesellen sollten. Die Gugl war im Stehplatzbereich damals noch ohne Dach und die gut 7.000 Menschen am Stehplatz dachten, jetzt wohl gehörig eine auf´s Dach zu bekommen. Doch weit gefehlt, es blitzte und krachte zwar gewaltig, der Himmel war zappenduster, ein Sommergewitter zeichnete sich ab, aber Regen setzte keiner ein – vorerst zumindest. Dieses himmlische Getöse nahm der jahrzehntelange Stadionsprecher des SK VÖEST, Wolfgang Bankowsky zum willkommenen Anlass, die Zuschauer im Stehplatzbereich freundlich, aber doch bestimmt dazu aufzufordern, das Abfeuern von Feuerwerks- und Knallkörpern gefälligst zu unterlassen. Plaudertaschen-„Banky“, nie um ein Wort oder einen Kommentar verlegen, leistete sich diesen Fauxpas und erntete damit helles Gelächter.

Last but not least und gerade auch auf sie sollte man nicht vergessen – die Herrschaften, die auf den WC-Anlagen Dienst versahen. Da standen kleine ausrangierte Sessel im Ein- und Ausgangbereich zu den sanitären Anlagen platziert, auf denen wiederum kleine Körberl waren, in die man nach der Notdurftverrichtung Münzen hineinwerfen hätte sollen. Die Damen und Herren dort, meist Wiener Pensionisten (gegendert wurde damals noch nicht) betrachteten einen mit Argusaugen, ob denn nach getaner Tat nicht doch eine kleine Schilling-Münze für sie abfiel. Sollte sich vorher – ob des schlechten Spiels des Lieblingsvereins, oder weil eben das letzte Bier schlecht war – gerade einer übergeben haben, so hatte man als Nachfolger am „Häusl“ Pech, aber sonst waren die Anlagen in einem guten, meist auch geruchlosen Zustand.

Nun, die Zeiten haben sich geändert und diese Originale gibt es nicht mehr. Wie überhaupt auch die alten Sportplätze und Stadien immer weniger werden. Heute nennt man alles eine Arena, man druckt sich die Karten, pardon, die Tickets bequem zu Hause selbst aus, marschiert zum Eingang, lässt sich von einem meist der deutschen Sprache nicht mächtigen Secuirty-Heini abtasten und gelangt nach erfolgter, sexueller Nötigung ins Stadion, Arena, ja, ich weiß. Es ändern sich eben die Zeiten, die Weiber und das Bier, nicht aber die Liebe zum Fußballsport.

Quelle: oepb

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