Verdrängte Jahre / ÖBB Themenausstellung in Tel Aviv

Kriegslokomotiven 1943, Baureihe 52. Foto: Willi Ruge

Kriegslokomotiven 1943, Baureihe 52. Foto: Willi Ruge

Die ÖBB Themenausstellung Verdrängte Jahre Eisenbahn und Nationalsozialismus in Österreich 1938-1945“ wurde erstmals im Juni 2012 präsentiert. Sie beleuchtet das dunkelste Kapitel der Unternehmensgeschichte und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung. Die Ausstellung hat an mehreren Orten, sowohl in Österreich, als auch im Ausland, Station gemacht: unter anderem im Wissensturm Linz, GrazMuseum, Landesmuseum Kärnten, Stadtmuseum Wiener Neustadt,sowie im Europäischen Parlament in Brüssel. Im Oktober 2016 wurde zudem eine Dauerausstellung im Bildungszentrum St. Pölten/Wörth eröffnet. Von 31. Jänner bis 17. März 2017 ist die ÖBB Themenausstellung nun auch an der Universität Tel Aviv in Israel zu sehen.

V.l.: Martin Weiss (Österreichs Botschafter in Israel), Naam Scheftelowitz (Universität Tel Aviv), Milli Segal, Oliver Rathkolb (Universität Wien), Raan Rein (Universität Tel Aviv), Traude Kogoj (ÖBB-Holding AG), Josef Halbmayr (ÖBB-Holding AG) Foto: ÖBB

V.l.: Martin Weiss (Österreichs Botschafter in Israel), Naam Scheftelowitz (Universität Tel Aviv), Milli Segal, Oliver Rathkolb (Universität Wien), Raan Rein (Universität Tel Aviv), Traude Kogoj (ÖBB-Holding AG), Josef Halbmayr (ÖBB-Holding AG) anlässlich der Ausstellung in Tel Aviv. Foto: ÖBB

Die Eisenbahn in Österreich hat eine über 175jährige Geschichte. Neben enormen technischen Errungenschaften und die Bedeutung der Bahn für die industrielle Revolution, befassen sich die ÖBB aber auch mit den dunklen Zeiten des Systems Schiene: Von 1938 bis 1945 waren die Österreichischen Bundesbahnen (BBÖ) ein Teil der Deutschen Reichsbahn und eine der wichtigsten Stützen des nationalsozialistischen Staates. Ohne die Eisenbahn als Transportmittel wären die Kriegslogistik der deutschen Wehrmacht und die Massentransporte in die Vernichtungslager nicht machbar gewesen.

Dazu Josef Halbmayr, CFO der ÖBB-Holding AG: „Das ist der dunkelste Abschnitt unserer Unternehmensgeschichte. Wir sind dazu verpflichtet, zu gedenken und möchten mit dieser Ausstellung einen weiteren Beitrag zur historischen Aufarbeitung leisten. So unfassbar uns diese Ereignisse heute erscheinen, so klar müssen wir als ÖBB diese Zeit als Teil unserer Vergangenheit akzeptieren.“

Postkarte "Die Räder müssen rollen für den Sieg" - so die NS-Propaganda während der Kriegsjahre. Bild: Privatsammlung Alfred Klein-Wisenberg

Postkarte “Die Räder müssen rollen für den Sieg” – so die NS-Propaganda während der Kriegsjahre. Bild: Privatsammlung Alfred Klein-Wisenberg

„Verdrängte Jahre“ in Israel
Am 30. Jänner 2017 wurde die ÖBB Themenausstellung nun an der Universität Tel Aviv eröffnet.

Martin Weiss, Österreichs Botschafter in Israel, gratulierte den ÖBB zu dieser Ausstellung: „Letztes Jahr haben Österreich und Israel das 60jährige Bestehen ihrer diplomatischen Beziehungen gefeiert. Heute haben unsere beiden Länder eine vertrauensvolle Freundschaft. Freundschaft bedeutet Verantwortung übernehmen: dazu gehört auch die Verantwortung, offen über die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte zu sprechen. Diese Ausstellung tut genau das: Sie wirft einen ungeschminkten Blick auf die Vergangenheit und ermöglicht dadurch eine bessere Zukunft.“

Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, sieht diese Ausstellung als ein wichtiges Zeichen: „Gerade vor dem Hintergrund eines Anstiegs des autoritären anti-demokratischen Potentials bei jungen Menschen in Österreich, sind Aktivitäten wie das Lehrlingsprojekt der ÖBB mehr als ein Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der Unternehmensgeschichte in der NS-Zeit.

Die Ausstellung ist auch ein Beitrag zur politischen Bildung und Stärkung der demokratischen Grundstimmung in Österreich.“

Alisa Tennenbaum, Zeitzeugin: „Ich halte es für sehr wichtig zu erzählen, was in den Jahren von 1938 bis 1945 in Europa vorgefallen ist. Leute zu hassen und zu vernichten darf nie mehr geschehen. Jeder muss auf den andern schauen und mitfühlen und versuchen zu verstehen, niemand ist berechtigt, das Leben einer Person zu nehmen, nur weil der Mensch eine andere Farbe, Religion hat,  weil er „anders“ ist. Die Gräueltaten des Holocaust dürfen nie wieder passieren und sie dürfen nicht vergessen werden.“

Zeitzeugin Alisa Tennenbaum anlässlich der Eröffnung "Verdrängte Jahre" in Tel Aviv. Foto: ÖBB/Noam Navon

Zeitzeugin Alisa Tennenbaum anlässlich der Eröffnung “Verdrängte Jahre” in Tel Aviv. Foto: ÖBB/Noam Navon

Aufgrund der zentralen Rolle, die die Bahn im zweiten Weltkrieg spielte, meinte Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in seiner Rede: „Ohne die Mithilfe der Reichsbahn hätte sich die Tragödie der Shoah in diesem entsetzlichen Ausmaß niemals verwirklichen können. Die Bahn war für die Deportationen in die Ghettos und Todeslager verantwortlich. Andererseits gab es auch kontinuierlichen und organisierten Widerstand, bestehend aus verschiedenen Gruppierungen der Bahnbediensteten gegen die Nazi-Diktatur. Um aber der Verdrängung entgegenzuwirken, ist Geschichtsaufarbeitung und die für diese Ausstellung gewählte greifbare Form besonders wichtig. Die Fragen „Wie ist alles vor sich gegangen?“ oder „Wie war das möglich?“ sind in dieser Ausstellung kein Tabu und es wird wohl kein Besucher davon unberührt bleiben.“

Die Ausstellung zeigt:
Den Anschluss: Bereits 5 Tage nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland (13. März 1938) wurden die Österreichischen Bundesbahnen (damals BBÖ) in die Deutsche Reichsbahn integriert. Ungefähr 20 Prozent der Bahnangestellten wurden auf der Stelle entlassen und tausende „alteingesessene“ Nazis wurden innerhalb von nur ein paar Wochen bei den ÖBB aufgenommen.

Die BahnmitarbeiterInnen: Das deutsche Beamtenrecht und das politische Urteil der Arbeiterinnen erwiesen sich als wichtiges Druckmittel, um politische Gegner auf Kurs zu zwingen.

Eingepfercht wie die Tiere wurden jene Menschen, die dem System nicht passten, in zahlreichen Viehwaggons transportiert und letztlich deportiert. Foto: Yad Vashem Frontpage Catalog

Eingepfercht wie die Tiere wurden jene Menschen, die dem System nicht passten, in zahlreichen Viehwaggons transportiert und letztlich deportiert. Foto: Yad Vashem Frontpage Catalog

Emigration und Kindertransporte: Mehr als 100.000 Österreicherinnen und Österreicher, die die Nazis als Juden bezeichneten, wurden vor Ausbruch des Krieges gezwungen, Ihr Heimatland zu verlassen.

Die Sondertransporte: Hunderttausende Menschen wurden von Sonderzügen in die Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht. Beinahe alle wurden in den Todeslagern getötet.

Der Widerstand: 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn, die Widerstand leisteten wurden zu harten Gefängnisstrafen verurteilt oder in Konzentrationslager gebracht.

Zwangsarbeit: Zwangsarbeiter wurden meist mit Zügen verbracht. Viele von ihnen wurden auch für den Schienenbau herangezogen.

Teil der Ausstellung ist eine Videodokumentation (in Zusammenarbeit mit dem ORF produziert), in der ÖBB Lehrlinge Überlebende interviewten. Mit dieser Ausstellung machen die ÖBB einen weiteren Schritt in Richtung geschichtliche Aufarbeitung. Besonderen Dank für die Erarbeitung der englischen Ausgabe der ÖBB-ORF Dokumentation an ORF-Programmstrategin Eva-Maria Hinterwirth und an die Regisseurin der Dokumentation „Trains to Life“, Uli Jürgens, die auch bei der Ausstellung zu sehen ist.

Leitung des Geschichtsprojekts und Ausstellung: Traude Kogoj;

Wissenschaftlicher Berater: Oliver Rathkolb;

Ausstellungskonzept: Milli Segal;

Regie der ÖBB-ORF Dokumentation „Years of Silence. Austrian Railways & the Nazi Regime“: Marcus Marschalek und Traude Kogoj;

www.oebb.at/Verdrängte Jahre Ausstellung 

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