Todeszüge / Die Rolle der Bahn im 2. Weltkrieg

Frauen mit dem goldenen Flügelrad. Eine "unentbehrliche Mitarbeiterin" der Deutschen Reichsbahn. Foto: Bildarchiv der ÖNB

Frauen mit dem goldenen Flügelrad. Eine “unentbehrliche Mitarbeiterin” der
Deutschen Reichsbahn. Foto: Bildarchiv der ÖNB

Wenn man an den Zweiten Weltkrieg (1939-1945) denkt, dann kommen einem unwillkürlich die Bilder vom Großpapa in Uniform, von den zahlreichen Opfern, oder aber von Adolf Hitler in Erinnerung. An die Eisenbahn denken dabei wohl die wenigsten, wenngleich „Das Eiserne Pferd“ – Bezeichnung der Bahn durch die Indianer in Nordamerika im 19. Jahrhundert, und die damit einhergehend voranschreitende Industrialisierung – doch gerade erst die Gräuel in den Kriegswirren ermöglicht hat. Viele von uns erfuhren im Geschichtsunterricht über das NS-Regime und man sieht dabei immer noch klar vor Augen das fürchterliche schwarz-weiß Bild eines Konzentrations-Lagers mit seinen Stacheldraht-Zäunen und Wachtürmen und den schier endlos langen von Schnee leicht bedeckten Eisenbahn-Strängen, die direkt hinein ins Verderben führten. Man lernte – und es prägte sich ein – dass es sich dabei um das KZ Auschwitz in Polen handelte.

Man sah aber auch die Bilder von jungen Mädchen, die ihre Verlobten, die gerade noch in fescher Uniform am Bahnsteig gestanden waren, mit Tränen in den Augen beim nunmehr pfeifend abdampfenden und sich langsam in Bewegung setzenden Zug verabschiedeten. Die Jünglinge waren nach einem Heimaturlaub am Weg zurück an die jeweilige Front und nur Gott allein wusste, ob die jungen Soldaten dereinst ihre Bräute und auch die Heimat wieder heil und unversehrt sehen würden. Man sah aber auch die unzähligen hölzernen Viehwaggons, in die Regime-Gegner, politische Gefangene und allen voran Roma, Sinti und Juden gepfercht wurden, um sie ihrer Vernichtung zuzuführen. Dies alles war nur möglich durch die erschlossenen Transportwege der Eisenbahn.

Nach dem Anschluss Österreichs an „Hitler-Deutschland“ in den März-Tagen 1938 – demnach also vor 80 Jahren – ging die Eisenbahn in der Reichsbahn auf. 57.000 Bedienstete wurden einer politischen Überwachung unterzogen. Der „Diensteid auf Hitler“ ersetzte den im alten Gesetz verankerten Eid auf die „höchste Instanz“. 20 Prozent des Personals wurden aus politischen Gründen entlassen. Im Gegenzug dazu wurden innerhalb von nur 3 Monaten 9.000 „alte Kämpfer“, die bisher im Untergrund als aktive Nationalsozialisten tätig waren, an die Schalthebel verfrachtet. Die NS-Eliten formten den „Volkskörper“, Reich und Partei wurde gleichgesetzt, demzufolge waren von der politischen Gleichschaltung nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche und Kinder betroffen. Wollte man bei der Bahn lernen, musste man „arischer“ Abstammung sein und der Hitler-Jugend angehören.

Als Teil des „Deutschen Reichs“ galten die Rassengesetzte, die in Nürnberg erlassen wurden, auch im nicht mehr existenten Österreich. Die jüdischen Mitbürger wurden zur minderen Rasse degradiert und verloren dadurch ihre sämtlichen Bürgerrechte. Vom durch die Behörden angeordneten Raub ihrer Grundstücke, ihrer Häuser und Wohnungen samt dem dazugehörigen Inventar profitierte auch die Bahn. Die spätere ÖBB nutzte beispielsweise in der Wiener Elisabethstraße 18 beinahe 70 Jahre lang ein Palais als Bürogebäude, das im Jahre 2006 an die rechtmäßigen Eigentümer, respektive deren Erben, zurückgegeben wurde.

Reichskanzler Adolf Hitler spricht am 9. April 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien. Foto: Bildarchiv der ÖNB

Reichskanzler Adolf Hitler spricht am 9. April 1938 in der Nordwestbahnhalle
in Wien. Foto: Bildarchiv der ÖNB

Dies alles war jedoch nur das Vorspiel. Im Laufe der Zeit wurden 200.000 Österreicher vertrieben, eingesperrt und ermordet. Und es war egal ob als Flüchtling oder als Deportierter – gereist wurde stets per Bahn.

Kurioserweise war bereits vor dem Anschluss ein überwiegender Teil der Eisenbahner nationalsozialistisch gesinnt. Dies zeigten Zeitzeugenberichte. Am Abend des 11. März 1938, vor dem Einmarsch Deutscher Truppen in Österreich, wurde beispielsweise der Nachtexpress Wien-Prag durch heimische SA-Mitglieder an der Abfahrt gehindert. „Die Fahrgäste verlangten, dass man abfahren sollte, aber auf den Eisenbahnen gab es Naziverräter … Mit Hundepeitschen in der Hand gingen sie von Waggon zu Waggon und zwangen Männer, Frauen und Kinder wieder  auszusteigen.“, schrieb der britische Journalist George Eric Rowe Gyde, der an jenem Tag dabei war.

Nichtsdestotrotz gelang über 100.000 der 180.000 Bürger mosaischen Glaubens die zeitgerechte Flucht aus Österreich. Verschiedene Initiativen organisierten Kindertransporte. Bis Ausbruch des Krieges Anfang September 1939 schafften es in Summe 2.844 österreichische Kinder in der Mehrzahl zu englischen Familien in Sicherheit. „Mein Vater hilft uns noch, die Koffer zu verstauen. Auch meine Mutter betritt noch kurz das Abteil, betrachtet unsere Sitze, so, als wolle sie sehen, wie sich unsere Zukunft gestalten wird.“, schreibt der damals 13-jährige Erwin Rennert über das Abschiedsprocedere seiner Eltern.

In den darauf folgenden Jahren fügte sich die Bahn ganz und gar in die Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie ein. „Die Räder müssen rollen für den Sieg!“ – so der eindringliche Slogan der NS-Propaganda des Berliner Reichsverkehrsministeriums im Jahre 1942. Freilich war damit nicht nur die Bahn, sondern auch LKW, PKW und Panzer gemeint. Und dennoch stand die Bahn für die Todes-Transporte. Knapp 66.000 österreichische Juden, sowie 8.000 Roma und Sinti wurden in Konzentrationslager verfrachtet und dort bestialisch ermordet. Eine Zeitzeugin, die mit ihren Eltern 1942 ins KZ geschickt wurde, ist Edith de Zeeuw-Klaber. „Das Wenige an Gepäck ging im letzten Waggon mit, so wurde uns versichert, wurde aber direkt außerhalb von Wien abgekuppelt … Der Zug war ungeheizt und nach zweitägiger „Reise“ war unsere Ration Brot aufgegessen. Der Durst jedoch war noch schlimmer, wir leckten schließlich das Kondenswasser von den Scheiben.“, schreibt die damals 19-Jährige über ihre fünftägige Fahrt ins lettische Riga.

Gespenstisch dabei war, dass die Opfer in der Regel ihren eigenen Deportations-Transport in den späteren Tod auch noch bezahlen mussten. Lediglich die Bahnfahrt für Kinder unter 4 Jahren war frei. Aufhalten oder gar verhindern ließen sich diese Transporte nicht. „Jede Annäherung war lebensgefährlich, die Ordnungspolizei war überall.“, erinnert sich der Zeitzeuge Karl Steinocher. Dennoch war der Widerstand vielfältig. Zu beliebten Sabotage-Handlungen zählten beispielsweise das Durchschneiden von Bremskupplungsschläuchen und das Umleiten ganzer Waggon-Garnituren in falsche Bahnhöfe. Die „Übeltäter“ mussten dieses Aufbegehren meist mit dem Leben bezahlen. 154 Eisenbahner wurden hingerichtet. 1.400 landeten selbst im KZ oder Zuchthaus, was wiederum 135 von ihnen das Leben kostete.

Die Eisenbahn war und blieb ein williger Vollstrecker der NS-Vernichtungsmaschinerie. Die Bahn war ein „kriegswichtiger Betrieb“. Das wiederum bedeutete für die Eisenbahner, dass sie nicht an die Front mussten. Und dennoch mussten Tausende von ihnen, gerade im Osten, zerstörte Brücken wieder aufbauen oder Gleise für den weiteren deutschen Vormarsch – die später dem Rückzug dienten – adaptieren.

In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges erschwerten alliierte Bombardements die Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs. Über die Hälfte des Schienennetzes war beschädigt und drei Viertel der Fahrzeuge komplett zerstört worden. In den letzten Kriegstagen organisierten verbliebene Eisenbahner in Eigenregie den Bahnverkehr, da große Teile der Führungs-Ebene untergetaucht, oder entlassen waren.

Jahrzehnte später, 2012, anlässlich 175 Jahre Eisenbahn in Österreich, stellten sich die Österreichischen Bundes-Bahnen / kurz ÖBB genannt, ihrer eigenen Verantwortung und Vergangenheit. Schonungslos wurde die Rolle der Bahn in der NS-Zeit aufgearbeitet.

www.oebb.at

Lesen Sie mehr über die ÖBB bei uns bitte hier:

 

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