Thorsten Legat / Wenn das Leben foul spielt

Thorsten Legat Dschungelcamp BiografieThorsten Legat war – und ist es bis heute – ein sympathischer Kerl, der, wie es so schön heißt, das Herz am rechten Fleck trägt, der aber auch absolut schnörkellos und völlig frei von der Leber weg genau das ausspricht, was ihm im Moment gegen den Strich geht und nicht passt. Ein gerader Junge aus dem „Pott“ eben, dem Kohlenpott im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, dort – um frei bei Herbert Grönemeyer zu bleiben: „… wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld …!“

Als im Herbst 1984 der Stern eines gewissen Olaf Thon vom FC Schalke 04 aus Anlass eines 6 : 6 im DFB-Pokal im Gelsenkirchener Parkstadion gegen den FC Bayern München kometenhaft aufstieg, hieß es über den damals 18jährigen, dass er, Thon, der letzte Deutsche Straßenfußballer des Reviers sei. Nun, weit gefehlt, zwei Jahre später als Thon, nämlich 1968, erblickte am 7. November in Bochum Thorsten Legat das Licht der Welt und auch er kam fußballerisch gesehen von der Straße. Und auch er sollte in 15 Jahren Deutscher Fußball Bundesliga nicht nur Geschichte schreiben, sondern auch aus dem Kohlenpott vom VfL Bochum kommend ausziehen, um über die Stationen SV Werder Bremen, SG Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart wieder heimzukehren in sein „Revier“, zum FC Schalke 04.

Dass es allerdings überhaupt soweit kam, dass er als Fußballer Karriere machen konnte und dass er auch zuletzt im Jänner 2016 via Reality Soap RTL Dschungelcamp erneut auf sich aufmerksam machen konnte, verdankte er einer glücklichen Fügung. Nämlich jener, dass Klaus Kaschuber in seiner Eigenschaft als VfL Bochum B-Jugend-Trainer ihn unbedingt an die Castroper Straße ins Ruhr-Stadion holen wollte und dass niemand Geringerer als „der Tiger“, VfL Bochum-Legende Hermann Gerland ihn, den schlaksigen Thorsten unter seine Fittiche nahm und ihm quasi von seinem 16. Lebensjahr an eine Art Ersatzvater war. Denn nun beginnt die Lebens-Story von Thorsten Legat traurig interessant zu werden.

In seinen Memoiren schrieb sich Thorsten Legat anhand seines schriftstellerischen Begleiters Hubert Meyer erstmals den ganzen aufgetauten Frust seiner Kindheit und Jugend vom Leibe. Von einer Zeit, die er am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen würde, wenngleich dies leider bis dato noch nicht ganz geklappt hat. Sein Vater Gerhard war, als Familienoberhaupt das, was man gelinge gesagt als A….loch bezeichnet, als Tyrannen, als miesen Hund und einfach nur als Sch…kerl. Der seinerzeitige „Malocher unter Tage“ war nach der Stilllegung der Zechen in Herne in einer Bochumer Firma angestellt, die Dämmstoffe herstellte. Soweit, so gut, er ernährte seine Familie als Oberhaupt. Dass aber irgendetwas im Leben von Gerhard Legat nicht stimmen konnte, dieser grausame Gedanke keimt bei der Lektüre des Buches stets auf.

War es der Frust der Tatsache, dass zwei Söhne der Bergmannsfamilie das größere fußballerische Talent als der Vater besaßen, oder war es der Umstand, dass man sich trotz der harten Arbeit “nur” eine einfache Altbauwohnung in einem Bochumer Arbeiterviertel gönnen könnte, oder aber war es der zigfache Genuss in der Stammkneipe des „Menüs der Bergleute, bestehend aus Bier & Korn“, oder auch ein ganz anderer Grund, tief verwurzelt in der Seele dieses Mannes, es kann im Buch nicht aufgeklärt werden. Fakt ist, das Thorsten als jüngster Spross der Familie Legat als Kind im elterlichen Bett schlief und von da an für ihn die Pein losging. Beginnend mit Streicheleinheiten im Intimbereich des Kindes, über unzählige Schläge mit dem Bambusstab auf sämtliche Teile des Körpers bis hin zum Angepinkelt werden des Vaters, dies alles musste der kleine Thorsten über sich ergehen lassen. Dem noch nicht genug, bezog auch oftmals die Frau Mutter wahrhafte Prügel ihres Gatten, wenn dieser nach der Arbeit sturzbetrunken aus seiner Stammkneipe wieder einmal heimgetorkelt war.

Dies ging soweit, dass der Vater eines Tages den Anschein erweckte, im Zuge seiner Prügel-Orgien im besoffenen Zustand die wehrlose Frau schlichtweg aus dem Fenster werfen zu wollen. Da kamen die älteren Brüder des hilflos daneben stehenden Knaben Thorsten hinzu und droschen ihrerseits wiederum auf den Vater ein. Wut, aufgestaute Aggression gegenüber dem Peiniger, der als Familienoberhaupt getarnt seinen Launen stets an der ganzen Familie ausließ, brach hier nun im Umkehrschluss aus. Gewalt erzeugt Gegengewalt und das „Traute Heim – Glück allein“ traf auf das Hause Legat nie zu. Die Frage nach der Polizei, die hier zweifellos aufkommt, ist berechtigt. Nun, Thorsten Legat schreibt in seinem Buch, dass es in den 1960er und 1970er Jahren üblich war, dass körperliche Bestrafung zu den Erziehungsmaßnahmen gehörte. Die Väter waren das uneingeschränkte Familienoberhaupt und die Polizei hatte in den Bergmannsfamilien ohnehin nichts verloren. Und der körperliche Missbrauch wurde tabuisiert und komplett ignoriert.

Wenn man diese Umstände nun alle kennt, dann wird einem auch unmissverständlich klar, warum Thorsten Legat der Fußballer geworden ist, der er war: Ein sprichwörtlicher harter Hund. Als sein Vorbild aus der Jugend galt „Die Walz aus der Pfalz“, Hans-Peter Briegel. Briegel, der als einstiger Zehnkämpfer aus der Leichtathletik kam, ehe er beim 1. FC Kaiserslautern zum Bundesliga-Star aufstieg, um mit der DFB-Auswahl 1980 Fußball-Europameister und 1982 Vize-Weltmeister zu werden, hatte es mit seinem Spielstil bestehend aus Kraft, Ausdauer und Stärke dem jungen Thorsten angetan. So wie Briegel, so wollte auch er werden.

Der knapp 20jährige Thorsten Legat im Dress seines Heimatvereins VfL Bochum von 1848 während der Spielzeit 1988/89. Foto: Sammlung oepb

Der knapp 20jährige Thorsten Legat im Dress seines Heimatvereins VfL Bochum von 1848 während der Spielzeit 1988/89. Foto: Sammlung oepb

Zuerst ging es in Bochum los. Die Blau-Weißen aus dem Ruhr-Stadion galten seit 1971 als fixer Bestandteil der 1. Deutschen Bundesliga. Man kickte zwar permanent gegen den Abstieg aus dem Oberhaus, dennoch konnte die im Volksmund gerne auch als „Graue Maus“ bezeichnete Truppe jedes Jahr aufs Neue die Klasse halten. Legats erstes Highlight war im Mai 1988 das DFB-Pokalfinale in Berlin. Der VfL Bochum traf auf Eintracht Frankfurt. Die Partie war ausgeglichen und am Weg in die Verlängerung. Doch der VfL hatte die Rechnung ohne den ungarischen Freistoßkönig in Reihen der Eintracht Lajos Detari gemacht. Man schrieb die 80. Spielminute. Ein unnötiges Foul in Strafraumnähe. Detari tritt zur Exekution des Freistoßes an und Legat ist heute noch, 28 Jahre später, davon überzeugt, wenn er hochgesprungen wäre, hätte er den Ball blocken können. Thorsten Legat blieb jedoch in der Mauer stehen und über seine 1,85 Meter Körpergröße hinweg sauste die Kugel unhaltbar für Ralf „Katze“ Zumdick ins Bochumer Heiligtum. Aber der VfL wäre nicht der VfL, wenn trotz der schmerzvollen und denkbar knappen Niederlage am nächsten Tag die Mannschaft unter dem Jubel der Massen am Bochumer Rathaus als „Vize-Pokalsieger“ gefeiert worden wäre. Lajos Detari war in Hessen der gefeierte Held. Selbst Jahre später, als der Ungar hier in Österreich in den Jahren 1996 bis 1998 seine Zelte beim VSE St. Pölten aufschlug, hatte er nichts von seiner Schlitzohrigkeit eingebüßt und sorgte am alten Voith-Platz der niederösterreichischen Landeshauptstadt noch für das eine oder andere fußballerische Kabinettstückerl.

Legtats Tränen der Pokalniederlage trockneten schnell, er stieg mehr und mehr zum gefeierten Jung-Star des VfL auf. Doch auch das war stets ein Bochumer Phänomen. Nämlich jenes, die Bundesliga-Lizenz nur dann zu erhalten, wenn der wirtschaftliche Haushaltsplan stimmte. Und der kann nur stimmen, wenn man gute Fußballer abgibt und verkauft. 1991 war es soweit. Der VfL musste sich aus finanztechnischen Gründen von Legat trennen, das Weserstadion, „König Otto“ Rehagel und der SV Werder Bremen rief. Legat wurde vom Tag an der Bekanntgabe des Wechsels von den eigenen Fans angefeindet. Er verstand die Welt nicht mehr, er, der ein Bochumer Junge war, für den der VfL, auch heute noch, sein Team ist. „Wenn ich mit meinem Wechsel dafür sorgen kann, dass der VfL die Lizenz bekommt, dann fällt mir der Abschied leichter. Wenn das die Leute anders sehen, kann ich ihnen auch nicht helfen.“, so ein damaliges Zitat von ihm.

Und in Bremen ging es mit ihm weiter bergauf. Er holte in drei Jahren Werder mit den Grün-Weißen drei Titel. 1992 den Europapokal der Pokalsieger, 1993 die Deutsche Meisterschaft und 1994 den DFB-Pokal. Direkt hinein in die Jubelstimmung der gewonnenen Meisterschaft 1992/93, die auch unter tatkräftiger Mitwirkung des Österreichers Andreas Herzog erfolgte, traf ihn die Nachricht des Abstiegs seines VfL wie ein Keulenschlag. Irgendwann einmal ist der stärkste Widerstand gebrochen und irgendwann einmal lassen sämtliche Kräfte nach – die „Unabsteigbaren“ des VfL Bochum mussten nach 22 Jahren ununerbrochener Zugehörigkeit zur Beletage des Deutschen Fußball erstmals in die 2. Deutsche Bundesliga absteigen. Als Torsten Legat, der frisch gekürte Deutsche Fußballmeister davon erfuhr, weinte der ganze Mann bitterlich. So etwas nennt man Liebe zum eigenen Team und Dankbarkeit zum Verein, eben ganu dort, wo man herkommt.

Legat war am Weg ganz nach oben. Er war 25 Jahre jung, aktiv, agil, verletzungsfrei und fit. Als DFB-Bundestrainer Berti Vogts ankündigte, sich in Bremen ein Spiel gegen den 1. FC Köln ansehen zu wollen und ihm, Legat, unmissverständlich klar machte, mit ihm für die Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA zu planen, hing für den aus einfachen Arbeiterverhältnissen stammenden Fußballer aus dem Kohlenpott der Himmel voller Geigen. Doch es kam anders. Otto Rehagel stellte sein Team kurzerhand um, anhand der Mannschaftsbesprechung unmittelbar vor dem Köln-Spiel war klar, dass Thorsten nicht auflaufen werde. Eine Welt brach für ihn zusammen. Da kommt extra der „Bundes-Berti“ angereist um ihn, Legat, für die DFB-Auswahl zu sehen und auch zu nominieren und er, Legat, würde nicht auflaufen. Welcher Umstand Otto Rehagel damals geritten hatte, weiß Legat bis heute nicht. Auch, dass Bremen gegen Köln 3 : 1 gewann und der Wiener Stürmerstar in Reihen der Rheinländer, Anton „Toni“ Polster nach dem Spiel Legat zu trösten versuchte, half diesem über seinen Frust und seine Aggression gegenüber dem Trainer Rehagel nicht hinweg.

Legat wechselte in die Bankenmetropole Frankfurt am Main. Mit Jupp Heynkes, der dem Vernehmen nach ein zweites Bayern München in Hessen aufbauen wollte, verstand er sich gut. Aber Heynkes und Frankfurt, das passte nicht zusammen. Nach einem Jahr SGE ging es weiter nach Stuttgart zum VfB. Dort war eine große Mannschaft am entstehen. Mit Thomas Berthold, Fredi Bobic, Krassimir Balakov, Giovanne Elber und Konsorten hatten die Schwaben ein absolutes Top-Team in der Bundesliga. Und Legat war ein wesentlicher Bestandteil dieser VfB-Mannschaft jener Jahre. Als Joachim „Jogi“ Löw, der 2014 Deutschland zum vierten Fußball-Weltmeister-Titel führte, beim VfB als Trainer einstieg, gab es schöne Erfolge für die Rot-Weißen aus dem Neckarstadion zu verzeichnen, mitunter auch der DFB-Pokalsieg 1997 gegen FC Energie Cottbus. Mit Coach Ralf Rangnick endeten allerdings auch seine vier Jahre im „Schwabenländle“ und die Karriere erhielt einen kräftigen Knick. Nach genesener Verletzung mit vielen Operationen und langer Reha ließ ihn der VfB-Trainer links liegen und offenbarte schonungslos, mit ihm, Legat, in Zukunft nicht mehr zu planen. Die Welt stürzte ein. Legat war 31 Jahre jung – gewiss, der Körper zeigte die ersten Verschleißerscheinungen des harten Bundesliga-Alltages, aber zum alten Eisen, er, nein, ganz gewiss nicht.

Da kam der Ruf von Schalke 04 in Eigenschaft von Manager Rudi Assauer gerade recht. Er, Assauer und sein Feldherr, der Holländer Huub Stevens wollten den Jungen aus dem Pott heim ins Revier holen. Und so ging es zur Jahrtausendwende nach Gelsenkirchen zum FC Schalke 04. Doch für die Königsblauen sollten es in knapp zwei Jahren lediglich ganze 4 Bundesligaspiele werden, die Legat absolvierte. Ehe die für ihn niederschmetternde Diagnose auf den Plan trat: Knorpelschaden im linken Knie, sechsmalige Operation, davon viermal in einem Jahr. Bis es einfach nicht mehr ging. Der Gegenspieler „Sportinvalde“ war plötzlich sein härtester Rivale im Kampf um den Ball, der ihm weder Raum, noch Luft, noch Zeit gönnte. Aus, Ende, vorbei – 15 Jahre Bundesliga waren urplötzlich passé.

Die beiden entzückende Söhne Nico-Thorsten und Leon, damals gerade 3 und 2 Jahre alt, aber auch die Gattin Alexandra fingen ihn auf, denn ansonsten wäre Thorsten Legat wohl in seinem Selbstmitleid umgekommen. Und einer Katze gleich fiel er wieder auf die Füße, setzte sich hin und absolvierte den Trainerschein. Heute betreut Thorsten Legat aktuell den FC Remscheid.

Einer breiten Masse und einem millionenfachen Fernsehpublikum führte er im Jänner 2016 im Zuge des RTL Dschungelcamps unmissverständlich vor Augen, wer er war und wer er ist. Ein Kerl mit Ecken und Kanten, aber auch einem riesengroßen weichen Herz. Ein Mann der Worte   u n d   der Taten und einer, für den die noch so schwierigste Dschungelprüfung kein allzu großes Hindernis darstellt. Mit eisernem Willen, Disziplin, aber auch Achtung und Selbstbeherrschung ist alles im Leben möglich. Ihm, Thorsten Legat, dem das Schicksal einstmals im Zuge eines unmöglichen Vaters so übel mitgespielt hatte, dem das Leben und der Fußball so viel zurückgab, ehe er wieder gefoult wurde und viel zu früh den von ihm so geliebten Fußballsport an den Nagel hängen musste, der ist wieder da. Als Trainer, als Mensch, als Charakterkopf. Er ließ sich nie unterkriegen, ist seiner Mutter Eugenie, seinen Brüdern und seiner Gattin für vieles überaus dankbar und wird es auch schaffen, mit seinem Vater endgültig zu brechen. Dieser fiel nämlich 2005 beim Herumwerkeln in der Gartenlaube einfach um und war tot. Und wenn ihm heute noch teilweise grauenhafte Erinnerungen an die Kindheit und Jugend unterkommen, so wird auch hier der Zahn der Zeit dafür Sorge tragen, dass die Erinnerung mehr und mehr verblasst, um in eventu auch dereinst gänzlich in Vergessenheit geraten zu können.

Es sei dem großartigen Menschen Thorsten Legat aus ganzem Herzen gegönnt und gewünscht.

Hut ab und großes Kompliment an den Erzähler und den Schriftsteller. Hubert Meyer, der viele Jahre als Redakteur und Reporter beim „kicker sportmagazin“ aktiv war und der heute als freier Autor arbeitet, nahm den angetragenen Doppelpass von Thorsten Legat geschickt auf. Beiden gelang ein tragisch erzähltes, flüssig abgefasstes und spannend fesselndes Buch, bei dem sich der Leser, der die geschilderten Jahre als Observer des Fußballs selbst erlebt hat, in der Erinnerung an gewisse Spiele wieder findet. Genau genommen nimmt man dieses Buch zur Hand und hört erst nach der erfolgten Lektüre der letzten Seite wieder auf.

Thorsten Legat
Wenn das Leben foul spielt
in Zusammenarbeit mit Hubert Meyer
226 Seiten, Format Din A5, mit Schutzumschlag
VERLAG DIE WERKSTATT
www.werkstatt-verlag.de
zum Preis von € 19,90 (Deutschland)
ISBN 978-3-7307-0138-6
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