Tabakfabrik Linz / Obst & Gemüse statt Zigaretten

Blick auf die "Österreichische Tabakregie", im Linzer Volksmund auch liebevoll ³Tschickbude² genannt, im Jahre 1935. Foto: privat / oepb

Blick auf die “Österreichische Tabakregie”, im Linzer Volksmund auch liebevoll “Tschickbude” genannt, im Jahre 1935. Foto: privat / oepb

Wenn wir das Jahr 2050 schreiben, werden rund 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Und dann droht laut Welternährungsorganisation eine veritable Versorgungskrise. Um das zu verhindern, soll in der Tabakfabrik Linz in Zukunft die Produktion von Obst und Gemüse anstatt der früheren Zigaretten erprobt werden. In der ehemaligen Portiersloge der Tabakfabrik wird vertikale Landwirtschaft unter dem Titel „Pixel“ erstmals in dieser Form in Europa angewandt. Das Wiener vertical farm institute zeigt dort ab 6. Oktober 2017 die ungeahnten Möglichkeiten dieser innovativen Lebensmittelerzeugung als Erlebnis für alle Sinne. Auf jenen Förderbändern, die einst Tabak transportierten, werden nun Salatpflanzen oder Kräuter ihre Runden drehen, um das Tageslicht optimal auszunutzen. Als Teil dieser Produktionsanlage entstehen ein buchbarer Meetingraum für die Tabakfabrik, sowie eine Ausstellung, in der die Herausforderungen der Stadt der Zukunft erklärt werden.

Das Eferdinger Becken ist als „Gemüsekammer“ bekannt, von der man meinen könnte, sie würde ganz Oberösterreich mit frischem Obst und Gemüse versorgen. Doch tatsächlich ernährt das Eferdinger Becken insgesamt nur drei Prozent der Linzerinnen und Linzer.
Wir haben vor einiger Zeit die ehemalige Kornkammer Wiens, das Marchfeld, untersucht und dabei festgestellt, dass es seitens der WienerInnen eine vollkommen verzerrte Wahrnehmung gibt, was die Selbstversorgung mit dem Marchfeld anlangt, es ist ein Mythos sozusagen. Denn die dort verfügbare Fläche ernährt gerade einmal die Bewohner und Bewohnerinnen des 6. Bezirkes. Mit diesem Rechenmodell sind wir dann nach Oberösterreich – und haben uns das Eferdinger Becken angesehen. Die dort verfügbare Anbaufläche (1.400 Hektar Erntefläche seit dem Hochwasser 2013) ernährt weniger als 7.000 Menschen – rund 3 Prozent aller Linzer.“, so die ExpertInnen des vertical farm institute Wien.

Blick auf die historischen Förderbänder der Linzer Tabakregie. Foto: Tabakfabrik Linz

Blick auf die historischen Förderbänder der Linzer Tabakregie. Foto: Tabakfabrik Linz

Es ist also ein Mythos, dass die heimischen Kornkammern das ganze Land verköstigen würden. Denn insgesamt liegt der Selbstversorgungsgrad mit Gemüse in Österreich bei lediglich 54 Prozent – und wird in den nächsten Jahren kontinuierlich weiter fallen. Deshalb braucht es neue Konzepte für die Lebensmittelproduktion von morgen – ein Thema, das der Linzer Bürgermeister Klaus Luger, Aufsichtsratsvorsitzender der Tabakfabrik, auch im Zusammenhang mit der Aufwertung des Linzer Südbahnhofmarkts frühzeitig erkannt und vorangetrieben hat: „Es geht darum, in zeitgemäßem Ambiente Platz für neue innovative und urbane Angebote zu schaffen, die um das brandaktuelle Themenfeld ‚food, waste, energy‘ kreisen. Bewusstsein und Wissen über gesunde Ernährung und der kritische Blick auf den Herstellungsprozess von Lebensmitteln ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Stadt der Zukunft braucht vertikale Landwirtschaft. Und welches Areal könnte dafür geeigneter sein als die Tabakfabrik – mit 80.000 m2 überdachter Nutzfläche. Damit wird Linz einmal mehr zum Schrittmacher internationaler Trends.“, so der Linzer Bürgermeister.
Denn gerade wenn die landwirtschaftliche Fläche zur Mangelware wird, birgt Vertical Farming als Kulturtechnik und Technologie die einzigartige Chance einer ressourcenschonenden, lokalen und weitgehend biologischen Lebensproduktion unabhängig von fossilen Brennstoffen. Die notwendige Energie liefern Solaranlagen.

Befüllung von Feuchtkörben und Rollenbändern. Ein historisches Foto aus dem Jahre 1946. Foto: Tabakfabrik Linz

Befüllung von Feuchtkörben und Rollenbändern. Ein historisches Foto aus dem Jahre 1946. Foto: Tabakfabrik Linz

„Es gibt Entwicklungen, die besorgniserregend sind. Zum einen ist es der absolute Wahnsinn der Versiegelung von Grünfläche. 28 FIFA-Fußballfelder sind es alleine jeden Tag in Österreich! Das heißt ganz pragmatisch: Die Landwirtschaftsfläche wird Tag für Tag dezimiert. Zudem sind wir stark von Importen abhängig, 40 Prozent der Landwirtschaftsfläche Österreichs ist bereits im Ausland. Wir sind derzeit abhängig von einem globalen Lebensmittel-Transportnetzwerk, und dieses Werk läuft, weil Erdöl billig ist. Fast 98 Prozent der Energie des Transportes wird aus Erdöl bezogen. Das müssen wir ernst nehmen. Wir müssen uns fragen, was ein Barrell in fünfzig Jahren kosten wird.“, sagen die GründerInnen und BetreiberInnen des vertical farm institute.

Das 2016 in Wien gegründete Institut versammelt unterschiedliche Expertisen von ArchitektInnen, IngenieurInnen, PflanzenphysiologInnen, und KünstlerInnen ebenso wie ein internationales Forschungsnetzwerk zum Thema Vertical Farming. Und doch wird ihr aktuelles Projekt Pixel nicht in Wien realisiert, sondern in der Tabakfabrik Linz: „Die Tabakfabrik ist ein Ort im Aufbruch, der ideale Platz für Innovationen, für große Visionen und Experimente die Zukunft betreffend. Wir fühlen, dass unser Zugang zu Lebensmittelversorgung, die Idee und der Lösungsweg von Vertical Farming hier verstanden und geteilt werden, man kann hier was wagen. Alles geht extrem schnell, unkompliziert und einfach – denn unterm Strich sind es immer die Menschen, die Zukunft gestalten und das klappt hier einfach wunderbar!“

Bild: vertical farm institute/Tabakfabrik Linz

Bild: vertical farm institute/Tabakfabrik Linz

Verantwortlich für die Innovationsökologien der Tabakfabrik Linz ist Direktor Chris Müller: „Vertical Farming ist eine Form der Stadteroberung und Architektur mit ungeheurem Potential. Einerseits ist urbane Produktivität damit nicht mehr nur auf Industrie und Gewerbe beschränkt. Und andererseits ermöglicht vertikale Landwirtschaft eine dialogische Stadtentwicklung – in diesem Sinne ist Vertical Farming als Geschenk für die NachbarInnen zu verstehen, das dem gegenüberliegenden Haus einen Ausblick ins Grüne und natürliche Dämmung bietet. Derartige Zukunftsprojekte machen die Tabakfabrik und die Stadt Linz zu einem Labor für die Megacities von morgen.“

Vertical Farming reduziert die benötigte Bodenfläche ebenso wie die notwendigen Ressourcen drastisch – von Energie über Wasser bis zu Pestiziden oder Düngemittel –, verursacht keinen Müll und bietet somit völlig neue Chancen für die Lebensmittelproduktion. Darüber hinaus erlaubt vertikale Landwirtschaft vor allem eines, so das vertical farm institute: „Transparenz vor der Tür. Lebensmittel werden dort produziert, wo die Konsumenten sind. Ein einfaches Beispiel: Du stehst in der Früh auf und machst dich auf den Weg zur Arbeit und kommst an einer vertikalen Farm vorbei, in der deine Lebensmittel produziert werden. Du kannst reingehen, die wachsenden Produkte ansehen, dich informieren lassen über den Prozess, du kannst dich sogar bei der Produktion beteiligen. Das schafft wieder größeres Vertrauen in die Lebensmittelindustrie.“

Blick auf die ehemalige Portiersloge der Tabakfabrik Linz. Foto: vertical farm institute/Tabakfabrik Linz

Blick auf die ehemalige Portiersloge der Tabakfabrik Linz. Foto: verticalfarm institute/Tabakfabrik Linz

 

Pixel, das aktuelle Projekt des vertical farm institute in der ehemaligen Portiersloge der Tabakfabrik, ist allerdings nur der Vorbote einer viel größeren vertikalen Landwirtschaft, die das Industrieareal zu einer Farm der Zukunft macht. Jene Gebäude, die einst kostbare Tabaksorten aus dem Orient beherbergten, könnten in Zukunft frisches Obst und Gemüse erzeugen.

Nach dem Abbruch der beiden nicht denkmalgeschützten Zwischenmagazine sollen sich die Magazine der Tabakfabrik Linz in eine vertikale Farm transformieren, die an der Fassade der Sonne entgegenstrebt und die Dachlandschaften des Baujuwels in Grünoasen verwandelt.

In der Linzer Tabakfabrik wird das vertical farm institute jedenfalls eindrucksvoll demonstrieren, was vertikale Landwirtschaft heute leisten kann – und zwar genau dort, wo die Menschen auch leben, so wie es die traditionelle Landwirtschaft mit Ausnahme der letzten 60 Jahre insgesamt 11.000 Jahre praktizierte.

Pixel – der Showroom des vertical farm institute in der ehemaligen Portiersloge der Tabakfabrik Linz – wird im Rahmen der WearFair & mehr Messe von 6. bis 8. Oktober 2017 zu sehen sein.

www.tabakfabrik-linz.at  

Linz hat stets Programm:

 

www.linz.at 

 

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