Rotwelsch / Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden

Buch Cover ROTWELSCH_Böhlau Verlag_Roland Girtler_Scan oepb.atDie Gaunersprache, das Rotwelsch (rot aus dem mittelhochdeutsch für „listig““ und welsch für „falsch reden“), auf den Straßen, in Gasthäusern und in Gefängnissen weitergegeben, schöpft aus langen sprachlichen Traditionen:

Neben mittelhochdeutschen Wörtern finden sich darin alte jiddische Ausdrücke ebenso wie Begriffe aus romanischen und slawischen Sprachen. Bereits seit dem Mittelalter versuchten diverse Vögte (Beamte) und Kriminalisten den Gaunern und dem fahrenden Volk auf die Schliche zu kommen, weshalb schon sehr früh von amtlichen Stellen Vokabularien der Gaunersprache verfasst wurden. Ein wichtiges Beispiel ist der „Liber Vagatorum“ (Das Buch der Vaganten) aus der Zeit um 1520, in dem sich Wörter finden, die heute noch von Wiener „Sandlern“ (Vagabunden der Großstadt) und Prostituierten verwendet werden.

Der Soziologe Roland Girtler befaßt sich in seinem neuesten Buch vor allem mit der Wiener bzw. österreichischen Gaunersprache und stellt diese in Beziehung zum gesamten deutschsprachigen Raum.

Das oepb meint dazu:

Prof. Dr. Roland Girtler hat sich mit seinem Buch ROTWELSCH wieder einmal einem ganz wunderbaren Thema angenommen. Einer Umgangssprache nämlich, teilweise natürlich bereits ausgestorben, der Strizzis, der Ganoven, der Unterwelt – eben der Gauner, Dirnen und Vagabunden.Man erfährt und „erlernt“ dabei Begriffe, die uns heute noch manchmal begegnen, und welche Bedeutung sie dereinst hatten.

Bei seinen Forschungen in der Welt der Stadtstreicher, der Sandler, der Liebesdienerinnen und der Kleinkriminellen hörte der Soziologe Roland Girtler seltsame Wörter, die er nicht verstand. Er ging diesen Wörtern akribisch nach und fand dabei heraus, dass diese zur alten Gaunersprache, eben dem Rotwelsch, gehören, die im gesamten deutschsprachigen Raum noch bis heute verbreitet und verankert ist.

Neben mittelhochdeutschen und jiddischen (jüdischen) Ausdrücken finden sich auch Begriffe aus romanischen, slawischen, sowie vermehrt aus osteuropäischen Sprachen. Das nun hier vorliegende Buch untersucht all diese Ausdrücke. In vielen verschiedenen kurzen Buchabschnitten wird über die unterschiedlichsten Menschen und ganze Menschengruppen berichtet. Unter anderem im Kapitel: „Die Pilgerkultur der Bettler, Ganoven und Scheinheiligen.“ So leitet sich vom „Pilger“ etwa das Schimpfwort „Pücher“ oder „Pülcher“ ab, das beispielsweise in Wien einen Gauner oder kleinen Ganoven bezeichnet.

Apropos: der unvergessene Kammerschauspieler Michael Janisch verkörperte in seiner Rolle am Wiener „Tatort“ als Oberinspektor Fichtl so herrlich original und wahrheitsgetreu den ewigen Zweikampf zwischen „Räuber und Gendarm“. Die sprachlichen Ping Pong-Dialoge zwischen Polizist Fichtl und dem jeweiligen Delinquenten waren eine wahre Augenweide für die Ohren, da die seinerzeitigen Tatort-Wien Macher in den 1980er und 1990er Jahren teilweise noch großen Wert auf das nun hier geschilderte Rotwelsch gelegt hatten.

Roland Girtler trug hier nicht bloß ein lexikalisches Wissen zusammen. Er verbrachte selbst sehr viel Zeit „an der Front“ mit Gaunern, Prostituierten, Straßenmusikanten und dergleichen. Auch mit anderen Menschen am Rande der modernen Gesellschaft kam er ins Gespräch. Diese Erzählungen und Erfahrungen schrieb er auf und kann sie nun dem geneigten Leser anschaulich erzählen. Denn für sein Buch trug er eben vielerlei zusammen, was er in nächtelangen Gesprächen in mancherlei undurchsichtigen Lokalitäten erfahren hatte.

Es gilt und gibt dabei viel zu entdecken und noch mehr zu schmunzeln anhand der Lektüre in diesem Buch – um nicht zu sagen sich dabei köstlich zu amüsieren! Wir erlauben uns daher, eine Absolute Kauf- und Lese-Empfehlung für ROTWELSCH abzugeben.

Über den Autor:

Em. Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler, geb. 1941 in Wien, Dr. phil., a.o. Univ. Prof. am Institut für Soziologie der Universität Wien. Aufgewachsen als Sohn von Landärzten unter Bergbauern und Wildschützen in Spital am Pyhrn in Oberösterreich an der Grenze zur Steiermark. Besuch des Klostergymnasiums zu Kremsmünster. Studium der Jurisprudenz, Ethnologie, Urgeschichte, Philosophie, Soziologie an der Universität Wien. Zahlreiche Forschungen unter anderem in Kroatien, in Indien, in städtischen Randkulturen, bei Bauern, Wilderern, Ganoven, feinen Leuten, Dirnen, Pfarrerköchinnen, Tierärzten, über „Eigenwillige Karrieren“, bei den Landlern in Rumänien usw. Seit 2000 ist er wissenschaftlicher Leiter des Wilderermuseums in St. Pankraz (Oberösterreich). Zahlreiche Bücher gibt es bereits von ihm.

ROTWELSCH
Die alte Sprache der Gauner, der Dirnen und Vagabunden
von Roland Girtler
Taschenbuch, 280 Seiten
ISBN 978-3-205-23241-4
Erschienen bei BÖHLAU
www.boehlau-verlag.com

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