Pneumokokken-Saison ante portas

Man muss ja nicht hinsehen, wenn der Arzt die Spritze zur Impfung verabreicht ­ für alle jene gedacht, die zart besaitet sind. Foto: Gregor Knoblauch

Man muss ja nicht hinsehen, wenn der Arzt die Spritze zur Impfung verabreicht ­ für alle jene gedacht, die zart besaitet sind. Foto: Gregor Knoblauch

“Lungenentzündung ist schlimm, aber betrifft mich nicht!“ Das ist eine gängige Meinung in Österreichs Bevölkerung. Gerade einmal 12 Prozent glauben, dass sie selbst daran erkranken könnten. Und nur 37 Prozent wissen, dass man sich gegen den häufigsten Auslöser – die Pneumokokken – impfen lassen kann. Dabei wäre eine Impfung gerade jetzt zu Beginn der kühlen Jahreszeit eine der wirksamsten Vorbeugungsmaßnahmen. Der Verein zur Förderung der Impfaufklärung (VFI) möchte nun das Bewusstsein der Bevölkerung für die Gefährlichkeit der Erkrankung schärfen.

Pneumokokken – weit verbreitete Krankheitserreger
Pneumokokken – der Erreger heißt eigentlich Streptococcus pneumoniae – sind Bakterien, die durch Tröpfcheninfektion (Sprechen, Niesen und Husten) von einem Menschen zum anderen übertragen werden können. Sie besiedeln den Nasen-Rachen-Raum vieler Personen, ohne dass es zu einer Infektion kommt. „Insgesamt gibt es mehr als 90 verschiedene Pneumokokken-Stämme, wobei die meisten Pneumokokken-Erkrankungen von etwa einem Viertel davon ausgelöst werden“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer, Interimistischer Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der medizinischen Universität Wien. Kleinkinder, ältere Menschen, chronisch Kranke oder Personen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders gefährdet.

Lungenentzündung: Ansteckung durch Niesen oder Husten
Die häufigste durch Pneumokokken ausgelöste Infektion ist die Lungenentzündung (Pneumonie). „Wer einmal eine Lungenentzündung erlebt hat, weiß, dass es sich dabei um eine ernsthafte und lebensbedrohliche Erkrankung handelt“, so Florian Thalhammer. „Die Patienten fühlen sich schwer krank und haben meist hohes Fieber. Oft leiden sie auch unter Atemnot. Immer wieder kommt es zu schwerwiegenden Komplikationen wie Rippenfellentzündungen oder – in seltenen Fällen – Herzbeutelentzündungen. Letztere sind definitiv lebensgefährlich.“ Insgesamt sind 2015 in Österreich 3.534 Personen an Lungenentzündungen gestorben, geschätzte 39.000 müssen jährlich im Spital behandelt werden. „Wir gehen davon aus, dass ein bis zwei Drittel aller Lungenentzündungen auf das Konto der Pneumokokken gehen“, erklärt der Experte.

Unterschätzte Gefahr
Selbst unter jenen Personen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Krankheitsgeschichte ein erhöhtes Risiko haben, sich eine Lungenentzündung zuzuziehen, sind nur 11 Prozent tatsächlich geimpft. Immer noch halten sich viele Mythen rund um die Pneumonie. Sie ist im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung häufig ansteckend und auch Fitness-Training, Nicht-Rauchen und Warm-Anziehen reichen nicht aus, um eine Infektion effektiv zu verhindern. Die Folgen können schwerwiegend sein und auch, wenn eine Pneumokokken-Lungenentzündung in den meisten Fällen erfolgreich durch Antibiotika behandelt werden kann, sollte man sich darauf lieber nicht verlassen. Antibiotika-Resistenzen kommen immer häufiger vor. Besonders gefährdet sind Kleinkinder, Personen ab 50 Jahren und Menschen mit chronischen Erkrankungen oder geschwächtem Immunsystem.

Selten, aber gefährlich: Die invasive Pneumokokken-Erkrankung
Besonders problematisch und gefährlich sind sogenannte invasive Pneumokokken-Erkrankungen (IPE). Invasiv ist eine Erkrankung dann, wenn die Erreger in die Blutbahn gelangen oder das Gehirn erreichen. Mögliche Folgen: Blutvergiftung, Hirnhautentzündung oder eine bakteriämische Pneumonie (Lungenentzündung mit Pneumokokken im Blut). Seit 2006 sind solche Erkrankungen in Österreich meldepflichtig und werden von der Nationalen Referenzzentrale für Pneumokokken dokumentiert. 2016 gab es hierzulande 438 invasive Pneumokokken-Erkrankungen. 32 Menschen sind daran verstorben. Die Anzahl der Erkrankungen steigt seit Jahren an. 2016 wurde in Österreich der bisherige Höchststand an IPE-Infektionen registriert.

Die Impfsaison startet
Die gute Nachricht ist: Gegen Pneumokokken-Infektionen gibt es Impfungen. Sie sind so zusammengesetzt, dass die meisten der kursierenden Stämme enthalten sind. Der österreichische Impfplan, herausgegeben vom Gesundheitsministerium, gibt dazu klare Empfehlungen ab: Neben Säuglingen und Kleinkindern sollte sich jeder impfen lassen, der über 50 Jahre alt ist. Aber auch jüngeren Personen wird eine Impfung angeraten, wenn sie Raucher sind oder aus sonstigen Gründen ein erhöhtes Risiko für eine Ansteckung oder einen schweren Krankheitsverlauf haben. Das gilt ganz besonders für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Erkrankungen wie COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), Asthma, Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Die Impfstoffe sind in den Apotheken erhältlich.

www.finefacts.at

 

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