OTTO SCHENK liest Lieblingsgedichte

OTTO SCHENK liest Lieblingsgedichte

OTTO SCHENK liest Lieblingsgedichte

Lyrik“, sagt Otto Schenk, „ist ein falscher Ausdruck, man müsste es „Sagung“ nennen. Es gibt leider kein wirkliches Wort dafür. Worte umschreiben, aber finden nie den richtigen Weg. Den richtigen Weg findet ein Gedicht, ein großes Gedicht sagt etwa so, wie´s nicht anders sein kann, wie man´s nicht anders sagen kann. Das glaubt man bei jedem guten Gedicht, und danach suche ich die Gedichte aus.“

Für die Ö1-Sendereihe DU HOLDE KUNST hat Otto Schenk einige seiner Lieblingsgedichte ausgewählt: Gedichte von Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe, Bertold Brecht, Erich Kästner und Christian Morgenstern. „Ich kann nichts vorlesen, von dem ich nicht begeistert bin. Ich muss begeistert sein.“, so Otto Schenk, „dass es mir nur gefällt, genügt nicht. Ein Freund hat mir immer gesagt, die Bücher, die wir lieben, sind von uns selbst geschrieben. Wenn mir ein Dichter etwas sagt, wenn er´s so sagt, wie ich´s am liebsten sagen möchte, dann stimmt der Dichter für mich. Und wenn er mich verführt in Weiten, die ich gar nicht zu betreten gewagt habe, mir die Welt eröffnet, mit einem einfachen Satz, dann ist er für mich ein großer Dichter.“

Und er fährt fort: „Das Hineinhorchen in den Menschen und in alles, was um ihn schwingt ist das, was das Leben und seinen Abglanz, das Theater und die Musik ausmacht.“ Musik ist für Otto Schenk „ein großes Symbol für Leben und Lebendigkeit.“ Und wie die Lyrik eröffne auch die Musik einen Zugang zu einer anderen Welt. Für die Zusammenstellung seiner Lieblingsgedichte hat Otto Schenk auch die Musik ausgewählt: Johann Sebastian Bach, Franz Schubert, Joseph Haydn, Richard Wagner, Johann und Joseph Strauß.

Dass Otto Schenk die Reihe seiner Lieblingsgedichte mit einem Gedicht des jungen Bertold Brecht beginnt, begründet er folgendermaßen: „Ich verfalle einer guten Formulierung, und wenn diese gute, prägnante Formulierung sich an die letzten Dinge wagt, wie zum Beispiel Bertold Brecht an den Glauben und an die Verzweiflung, nicht glauben zu können, oder die Anweisung, ja nicht zu glauben, und das so formuliert, dass man dem Atheismus geradezu verfällt, dann bin ich davon begeistert, bin der Verführung durch Formulierung und dichterischer Kraft ausgesetzt.“

Aus diesem Grund steht für Schenk Goethes „Prometheus“ in der Nähe von Brecht: „Prometheus könnte fast von Brecht sein. Da hegt er, Goethe, seinen Zweifel. In Goethe schwelt neben aller Frömmigkeit, die er immer gezeigt hat, auch der Protest gegen den ungerechten Gott, der uns im Stich lässt, dort und da.“

“Die Lyrik ist das, was mir das Beten ersetzt.”, so Otto Schenk. Foto: ORF / Christian Fischer

Die Lyrik ist das, was mir das Beten ersetzt.”, so Otto Schenk. Foto: ORF / Christian Fischer

Aus Rainer Maria Rilkes „Stunden-Buch“ hat Otto Schenk einen Ausschnitt aus dem dritten Buch, „Das Buch von der Armut und vom Tode“, ausgewählt: „Rilke wird ja zu Unrecht so als parfümierter Dichter geführt, in Damenkreisen oder in Lyrikliebhaberkreisen. Mir gefällt er dort noch mehr, wo er so auf den Punkt redet, wo er sich fast ins Soziale begibt, wo er sich in Gebiete begibt, die man ihm gar nicht zutraut – und trotzdem der Dichter bleibt. Für mich ist er einer der größten Formulierer, das hat er übrigens mit Kästner gemein. Kästner, der auf einem ganz anderen Schiff segelt. Der segelt auf der Phrase, die es möglich macht, etwas zu sagen, so wie uns der Mund gewachsen ist oder wie uns das Hirn gewachsen ist, und auch Goethe kann nicht anders als es so sagen, wie´s ihm am Herzen ist.“

Erich Kästner und Christian Morgenstern schätzt Otto Schenk seit Jahrzehnten: „Morgenstern hat in den „Galgenliedern“ den Unfug gepachtet, er will den Fug eigentlich lächerlich machen, durch genial gedichteten Unfug. Wenn er den „Seufzer“ lebendig werden lässt, lässt er ihn auch erglühend im Eis versinken. Die Phrase wird bei ihm zur Wirklichkeit, und er verwendet dazu eine ungeheure Poesie, um seinen Blödsinn zu verkaufen, und sein Blödsinn wird dadurch veredelt. Und wenn er den heiligen Anton beschwört, dem, nachdem 500 Fische im Teich verreckt sind, nichts einfällt außer „Heilig! Heilig! Heilig!“, dann sind wir schon wieder beim Prometheus – und dem, dass die Anrufung des höheren Wesens schief geht oder manchmal nicht zum Erfolg führt.“

Witz und Humor sind verwandt, sind absolut verwandt. Wenn der Witz manchmal bösartiger ist als der Humor, darf er den Humor trotzdem nie verlassen, das Areal des Humors.“, meint Otto Schenk. Sigmund Freud verwies in seiner kleinen Abhandlung „Der Humor“ (1927) darauf, dass es „das Über-Ich ist, das im Humor so liebevoll tröstlich zum eingeschüchterten Ich spricht“, dass „der Humor nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik (hat), sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes, welche Züge an den beiden anderen Arten des Lustgewinns aus intellektueller Tätigkeit nicht gefunden werden. „Jeder Witz“, so Otto Schenk resümierend, „muss deshalb Humor haben und jeder Humor auch letzten Endes Witz.“

Quelle: Auszüge aus einem Kurt Reissnegger-Interview mit Otto Schenk von 2016

OTTO SCHENK
liest Lieblingsgedichte, 16 an der Zahl
Gesamtspieldauer: 42:21 Minuten
Hör-CD Edition Ö1, ORF-CD 810, LC 11428
Erschienen im ORF Shop
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