Österreich gegen Ungarn / Im Spiegel der Geschichte

Offizielles ÖFB-Matchprogramm von 1946. Sammlung: oepb

Offizielles ÖFB-Matchprogramm von 1946. Sammlung: oepb

Wenn die Österreichische Fußball-Nationalmannschaft heute Abend um 18 Uhr in Bordeaux im Rahmen der 15. Fußball-Europameisterschaft endlich aktiv in das Turnier-Geschehen einsteigen wird, dann handelt es sich dabei zweifellos um das wohl geschichtsträchtigste Duell zweier Nationen. Sage und schreibe 136 Mal bisher kreuzten diese beiden Nachbar-Länder die Klingen in Sachen Fußballsport. Die Bilanz aus der Sicht von Österreich sieht folgendermaßen aus: 40 Erfolge, 30 Unentschieden bei 66 Niederlagen – Tor-Differenz 252 : 297.

Österreich gegen Ungarn – ein fußballerisches Duell, das seinen Ursprung am 12. Oktober 1902 nahm, damals jedoch noch als Städte-Spiel Wien gegen Budapest tituliert. Die Wiener schlugen die Budapester am heute noch existenten WAC-Platz in der Rustenschacherallee im Wiener Prater mit 5 : 0. Am 11. Juni 1903 kam es zur Revanche. Diesmal blieben die Ungarn in Budapest mit 3 : 2 erfolgreich.

25.000 Österreicher waren am 29. April 1973 im Budapester Nepstadion live dabei. Anbei die offizielle Match-Karte. Sammlung: oepb

25.000 Österreicher waren am 29. April 1973 im Budapester Nepstadion live dabei. Anbei die offizielle Match-Karte. Sammlung: oepb

Unzählige großartige Duelle folgten im Laufe der Jahrzehnte, wenngleich der letzte „Bruder-Kampf“ gegen den so genannten  „Erz-Feind“ auch schon wieder 10 Jahre zurückliegt. Am 16. August 2006 unterlag Österreich in Graz den Magyaren mit 1 : 2.

Die Frage, wie lange es nun tatsächlich Fußballspiele zwischen Österreich und Ungarn gibt und welche Begegnungen offiziellen Charakter haben, lässt sich unterschiedlich beantworten. Der Begriff „Länderspiele“ galt in der Urzeit des Fußballsports als nebulos. Um 1900 hatte der Fußballsport bei weitem nicht jenen Stellenwert, den er heute innehat. So tauchten erstmals bereits im Juni und September 1901 kärgliche Notizen über Fußballspiele zwischen Wien und Budapest auf und auch vom Juni und August 1902 sind Resultat-Meldungen überliefert. Tatsächlich jedoch handelte es sich damals nicht unbedingt um repräsentative Begegnungen der vom – ohnehin noch nicht bestehenden – Verband abgestellten stärksten Auswahl-Teams beider Nationen.

Das Linzer Stadion auf der Gugl war am 31. August 1988 erstmals Schauplatz eines Länderspieles gegen Ungarn außerhalb von Wien. Foto: oepb

Das Linzer Stadion auf der Gugl war am 31. August 1988 erstmals Schauplatz eines Länderspieles gegen Ungarn außerhalb von Wien. Foto: oepb

Die Aktiven, die sich zu einer Reisetruppe zusammengefunden hatten, haben sich einen in damaliger Zeit allgemein üblichen Vereinsnamen ausgesucht. So trafen beispielsweise die „Wiener Rambler“ auf die „Pester Rambler“. Budapest kürzte sich damals in Pest ab. Diese Mannschaftsaufstellungen jedoch waren stark dem Zufall überlassen, da nur die spielten, die auch unbedingt reisen wollten oder konnten. Beide später ins Leben gerufenen Verbände – der ÖFB 1904 und der MLSZ 1901 – einigten sich darauf, diese Spiele der fußballerischen Urzeit nicht in die offizielle Wertung mit einzubeziehen. Dies auch natürlich unter dem Aspekt, da Österreich und Ungarn 1902 ohnehin innerhalb der k.u.k.-Habsburger-Monarchie ein gemeinsames Reich waren. Darüber hinaus steckte der Fußballsport in den Provinzstädten beider Länder derart in den Kinderschuhen, dass sämtliche Spieler Wiener, respektive Budapester Vereinen entnommen wurden. Das machte es nur natürlich, dass die Spiele am Beginn der Wertung unter der Devise Wien versus Budapest abgehalten wurden.

Offizielles ÖFB-Matchprogramm von 1988. Sammlung: oepb

Offizielles ÖFB-Matchprogramm von 1988. Sammlung: oepb

Im Laufe der Jahrzehnte lud Österreich natürlich immer wieder die Ungarn zum Match und man traf in regelmäßigen Abständen aufeinander. Volle Häuser im Wiener Prater-Stadion (heute Ernst Happel-Stadion), oder aber im Budapester Nepstadion (heute Puskás Ferenc-Stadion) waren an der Tagesordnung. Man dachte damals nie im Traum daran, einmal wo anders als eben in Wien oder Budapest auf den alten Rivalen zu treffen.

Die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz gilt heute noch als erster Boden außerhalb Wiens, der ein ÖFB-Länderspiel austragen konnte. Am 1. Mai 1968 waren 32.000 Zeitzeugen auf der Gugl mit von der Partie, als sich Österreich von Rumänien brüderlich mit einem 1 : 1 getrennt hatte. Die Feuertaufe in der Provinz war somit geglückt. Und so kam auch Linz in die Gunst eines Ungarn-Länderspieles – erstmals außerhalb von Wien. Am 31. August 1988 gab es im Linzer Stadion vor 12.000 Zuchauern ein den Leistungen entsprechend gerechtes 0 : 0. Salzburg 1990 (3 : 0), noch einmal Linz 1994 (1 : 1) und eben Graz 2006 (1 : 2) hießen die weiteren Stationen der Länderspielorte gegen Ungarn außerhalb von Wien.

Großartige Siege feierte Österreich gegen Ungarn, die sich ihrerseits wiederum mit herrlichen Revanchen eingestellt hatten. Und Tore, das Salz der Fußball-Suppe, wurden hüben wie drüben erfolgreich und oftmalig fabriziert. Wenn der „Wiener Walzer“ auf den „Csárdás“ traf, dann war stets Musik drinnen, in den jeweiligen Begegnungen. Und Durststrecken galt es auch zu überwinden. So feierte Österreich im Rahmen eines freundschaftlichen Länderspieles am 24. März 1982 einen grandiosen 3 : 2-Triumph im Nepstadion. Grandios deshalb, da es sich dabei um den ersten Sieg auf Budapester Boden nach 21 Jahren gehandelt hatte. Herbert Prohaska galt als bester Mann auf dem Platz. Die Torschützen für Österreich waren Hans Krankl, Walter Schachner und Roland Hattenberger. Nach der Begegnung trauerte der Ungar Tibor Nyilasi einer vergebenen Chance mit den Worten nach: „Hätten wir nur einen Panzer wie Hans Krankl!“

József Kiprich, ungarischer Stürmerstar Mitte der 1980er Jahre. Hier am 30. August 1988 vor dem Länderspiel in Linz. Foto: oepb

József Kiprich, ungarischer Stürmerstar Mitte der 1980er Jahre. Hier am 30. August 1988 vor dem Länderspiel in Linz. Foto: oepb

Natürlich nicht unerwähnt an dieser Stelle sollte bleiben die große Zeit der Ungarn. Genau genommen hätten sich die Magyaren 1954 den Erfolg bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz verdient gehabt. Unter der Regie des wahrlich einzigartigen Ferenc Puskas kickte das „kleine“ Ungarn jeden Gegner an die Wand. 9 : 0 gegen Südkorea und 8 : 3 gegen die Bundesrepublik Deutschland, so die Resultate der Vorrunde in der Schweiz. In dieser Tonart ging es weiter: 4 : 2 gegen Brasilien und abermals 4 : 2 gegen den amtierenden Weltmeister Uruguay. Man traf im Endspiel erneut auf Deutschland. Alles andere als ein klarer Sieg der Ungarn wäre eine echte Sensation gewesen. Und als es nach acht Minuten 2 : 0 stand, setzte niemand mehr auch nur eine Mark auf Deutschland. Dann geschah das, was später als „Das Wunder von Bern“ tituliert wurde. Regen setze ein. Die Ungarn hatten die falschen Stollen an den Schuhen, die Deutschen nicht. Zur Pause stand es 2 : 2. József Bozik, Nándor Hidegkuti, Gyula Gorsics, Fernec Puskas – alle rannten vergeblich an. Gegen den 1.000-Gulden-Edelroller von Helmut Rahn waren sie machtlos. 2 : 3 im Regen des Berner Wankdorfstadions verloren, mit leeren Händen dastehend. Die wohl beste ungarische Nationalmannschaft aller Zeiten war „nur“ Vize-Weltmeister geworden …

Unvergessen auch aus Sicht Österreichs ein 2 : 2 in Budapest. Trotz „Gulaschkommunismus“, verbunden mit elendig langen Wartezeiten an der Grenze pilgerten über 25.000 Österreicher am 29. April 1973 ins mit 76.000 Zuschauern ausverkaufte Nepstadion und erlebten ein 2 : 2.

Offizielles ÖFB-Matchprogramm vom letzten Aufeinandertreffen gegen Ungarn 2006 in Graz. Sammlung: oepb

Offizielles ÖFB-Matchprogramm vom letzten Aufeinandertreffen gegen Ungarn
2006 in Graz. Sammlung: oepb

1985 setzte es im Hanappi-Stadion – der Prater war gerade eine Baustelle – ein 0 : 3. Auch das zwischenzeitliche Comeback von Hans Krankl nützte nichts, die Ungarn nutzten ihre Chance in der WM-Qualifikationsgruppe schamlos aus. Sensationell dann 1988 ein 4 : 0 in Ungarn. Ralph Hasenhüttl und dreimal Rupert Marko waren die Torschützen.

Die Kulissen wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte stets kärglicher. Um die Jahrtausendwende interessierten sich nur mehr 3.500 Zuschauer für den alten Klassiker, der früher stets – entweder in Wien oder eben in Budapest – für ausverkaufte Häuser gesorgt hatte. Und, eine 10jährige Durststrecke des Nicht-Aufeinander-Treffens gab es auch noch nie.

Es ist demnach wahrlich an der Zeit, das geschichtlich betrachtet am öftesten ausgetragene Ländermatch der Welt Österreich – Ungarn nicht nur neu aufleben zu lassen, sondern dem Ganzen auch weitere Ruhmestaten hinzuzufügen. Und das ist nicht nur auf den alten Graf Bobby-Witz bezogen, der sich bei Graf Rudi erkundigte, welches Länderspiel denn nun anstehen würde? Graf Rudi antwortete: „Österreich – Ungarn!“ Worauf Graf Bobby nachsetzte: „Ja, aber gegen wen?

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