Neulich in der VÖEST

Alles um den SK VÖEST Linz und seiner Nachfahren

Alles um den SK VÖEST Linz und seiner Nachfahren

Winter 1998/99 und 8. März 2006

Vor kurzem hatte ich beruflich im ehemaligen Stadtteil St. Peter/Zizlau zu tun. Für Nicht-Linzer – dies ist jene kleine Ortschaft im Süd-Westen der Stadt, die seinerzeit – 1938 – dem Bau der Hütte Linz, Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten ,Hermann Göring´ zum Opfer fiel. Und da mich mein Weg im Anschluß an den Termin ins benachbarte Franckviertel trieb, schnappte ich kurzerhand die Buslinie 25 und fuhr, wie früher so oft, durch das für mich immer noch geheiligte Werksgelände der VÖEST in Linz. Damals, es muß Anfang der 80iger Jahre gewesen sein, schreckte mich die Tonbandstimme noch ab: ,Achtung, die nächsten drei Haltestellen liegen im Werksbereich der VÖEST-Alpine. Es ist nur Werksangehörigen gestattet auszusteigen.´

Später dann piff ich mir eins, die Tonbandstimme konnte mich kreuzweise, ich sprang beim zweiten Halt raus und marschierte auf den nahegelegenen Werkssportplatz, um meinen Fußball-Idolen vom damals großen SK VÖEST bei der Arbeit und dem Training zuzusehen. Zuerst, als Gschrapp, diente ich als Ballschani. Später sammelte ich Autogramme der VÖEST-Stars – wir hatten ja genug. Wiederum ein paar Jahre später hatte ich den gleichen Heimweg wie unsere damalige jugoslawische Libero-Perle Frane Poparic. Der gute Mann war bereits aus Split kommend 18 Monate in Linz gewesen, ehe er sich ein Auto in Form eines OPEL-Ascona bordeauxfarben leistete. Frau und Kind waren ihm wichtiger. Und so kletterten wir beide nach dem Training, welches ich beäugte, in den Bus und zogen Richtung Keferfeld-Oed von dannen.

Der Werkssportplatz des SK VÖEST – von 1954 bis 2004. Das Bild ist als Postkarte erhältlich. Anfragen unter aglas@oepb.at er Nachfahren

Der Werkssportplatz des SK VÖEST – von 1954 bis 2004. Das Bild ist als Postkarte erhältlich. Anfragen unter aglas@oepb.at er Nachfahren

Unzählige Trainingseinheiten und Freundschaftsspiele verfolgte ich. Der Portier vom nahegelegenen 41iger Hochhaus, in dem die Chefetage des Konzerns untergebracht ist, kannte mich bereits. Ich fuhr mit ihm in den höchsten Stock und auf die Aussichtsterrasse, die normalerweise nur ausländischen Werksbesuchern und den Herrschaften der Generaldirektion gegönnt ist und hatte von dort oben einen herrlichen Überblick über das gesamte Areal. Kokerei, Hafen, Hochöfen, LD-Verfahren (Linz-Donawitz Sauerstoff-aufblas-Verfahren), Sportplatz samt Bunker und an besonders klaren Tagen sah man vom Untersberg in Salzburg bis zum Ötscher nach Niederösterreich. Kurzum, es war eine phantastische Zeit.

Und heute, und damit zurück zur Gegenwart, trieb mich mein Weg wieder dorthin, wo ich als Kind und Teen viele schöne Stunden verleben durfte. Doch alles war anders. Die Spiel- und Terminplaner, im Sommer 1984 feierlich aufgestellt mit den jeweiligen Gegnern im Vorabkündigungsprogramm rosteten nicht mehr vor sich hin, sie waren schlichtweg und einfach abmontiert worden. So, als hätten sie nie dagestanden. Das langgezogene ebenerdige Gebäude, in dem einst das Fußballsekretariat untergebracht war, stand leer, jene Baracke gegenüber war wieder bezogen. Graue Vorhänge bekräftigten meine These. Als ich aber die zweite Haltestelle passierte, an der ich früher immer hinaus sprang, um am Sportplatz vorbeizuschauen, hatte es mich erwischt. Ich war den Tränen nahe. Die orange Aufschrift ,Sportklub VÖEST´ am alten Bunker, der nach dem Krieg garderobenähnliche Funktion ausübte, ragte zwar immer noch gen grauen Winter-Himmel, sie schimmelte und rostete jedoch unweigerlich dahin. Die Tornetze jedoch waren herabgelassen, die Eckfahnen flatterten im Wind, so, als ob gleich Tormannhüne Erwin Fuchsbichler mit seinen Mannen zum Training stapft und gehörige Schimpfkanonaden über den Platz donnert, ob der mangelnden Treffsicherheit seiner Vorderleute.

Publikumsliebling der Fans, der Kärntner Manfred Mertel, der 1983 zum Doktor der Juristerei in Linz promovierte. Hier im Kreise des damaligen VÖEST-Fanklubs ,Blue Army´.

Publikumsliebling der Fans, der Kärntner Manfred Mertel, der 1983 zum Doktor der Juristerei in Linz promovierte. Hier im Kreise des damaligen VÖEST-Fanklubs ,Blue Army´.

Ich hielt inne – sah vor mir ein Testspiel gegen den SK St. Magdalena, welches mein geliebter SK VÖEST einst mit 15 : 0 für sich entschied. Ich fluchte über den eisigen Wind, der oftmals Gast im Winter bei den Spielen war und uns vergrämte. Ich sah vor mit den Axel Sperr, der bei einem Testspiel im Feber 1989 gegen Raba Eto Györ seinen Abschied von der VÖEST bekannt gab. Aston Villa rief. Doch der Transfer scheiterte aufgrund eines Einspruchs der englischen Spielergewerkschaft. Axel Sperr hätte Teamehren für Österreich bestreiten müssen, dies hatte er aber nicht. Und ein gewisser Josef Hickersberger, der schon damals Nationaltrainer war, verwehrte ihm dies. Axel Sperr blieb in Österreich, wechselte in die Südstadt zu Admira-Wacker, erlebte einen schlimmen Trainingsunfall 1991 und ist seit dieser Zeit an den Rollstuhl gefesselt.

Die Tonbandstimme riß mich aus meiner Lethargie. ,Chemie´- ich mußte raus. Auch dieser einstmals stolze Werksklub unter den Namen Sparta, SV Stickstoff und später Chemie Linz bekannt, ging 1989 vor die Hunde … Und selbst auf die Gefahr hin, langweilig zu wirken und als Traditionalist die Vergangenheit immer wieder aufleben zu lassen, halte ich eisern die blau-weiße VÖEST-Fahne in den Wind und bin stolz darauf, 20 Jahre mit diesem Verein verbandelt gewesen zu sein. Ich genieße die Erinnerung an wunderschöne Kindheitstage, die kann mir niemand wegfusionieren. Und selbst wenn man jetzt beim FC Blau-Weiß Linz gewissermaßen ein neues Betätigungsfeld vorfindet, so wird mir immer ein kalter Schauer den Rücken hinunterlaufen, wenn ich im 25iger sitze und die nette Lady via Tonband stolz verkündet: ,Achtung, die nächsten drei Haltestellen liegen im Werksbereich der VÖEST …´

Anmerkung: Dies ist eine Erzählung, die sich im Winter 1998/99 zugetragen hat. Und nachdem der SK VÖEST mit 21. Mai 1997 zu existieren aufgehört hatte, veräußerte im Laufe der Jahre der VÖEST-Konzern auch das große Areal der ehemaligen Fußballer, die 1973/74 immerhin der Meister von Österreich waren. Es gab aber ein Problem, das war der Bunker, oder nennen wir es baulich einfach ,Deutsche Gründlichkeit´. Diesen zu sprengen wäre ein Fiasko geworden, da Statiker und Geologen meinten, aufgrund seiner vielseitigen und derart dicht verzweigten Unterkellerung würde er auch das 41iger Chefetagen-Hochhaus mitumschmeissen. Was tun also? Stein um Stein abtragen und die Abrißbirne einsetzen. Und so rollten im März 2004 die Bagger heran und taten, wie ihnen befohlen. Heute erinnert auf diesem großen, öden, staubigen beinahe gespenstischen Areal absolut nichts mehr daran, daß hier dereinst gekickt wurde und hunderte hoffnungsvolle Fußball-Talente dem runden Leder hinterher jagten. Die unzähligen Pappeln fielen schon viele Jahre vorher der Kreissäge zum Opfer und der Bunker ist nun weg. Den Krieg hatte er überlebt und vielen Menschen in den ,Eisenwerken Oberdonau´ das Überleben gesichert. Bis er selbst nicht mehr überleben durfte. Das Areal wird für Betriebsansiedelungen umgewidmet. Es wird wieder etwas entstehen dort, das aber ganz bestimmt nichts mehr mit dem Fußballsport von einst zu tun haben wird …

www.skv-neverforget.at/skvgeschichte.htm

 

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