Merkel, Körner, Starek / Wien verhilft Nürnberg vor 50 Jahren zum Titel

Logo 1. FC NürnbergAls die Bundesliga-Spielzeit 1967/68 in Deutschland anstand, wimmelte es geradezu von Meisterschafts-Favoriten. Helmuth Johannsen, Trainer des regierenden Deutschen Fußballmeisters BTSV Eintracht Braunschweig meinte, dass neben seinen Blau-Gelben auch Borussia Dortmund, der TSV 1860 München, Eintracht Frankfurt, Hannover 96, der 1. FC Köln und der FC Bayern München durchwegs realistische Chancen auf den Titel hätten. Den „Club“ aus Nürnberg hatte genau genommen nur der Bayern-Coach, Zlatko „Tschik“ Cajkovski auf der Rechnung.

Dr. h. c. Alfons Goppel, seines Zeichens bayerischer Ministerpräsident, erhob sich am Abend des 25. Mai 1968 im herrlichen Rittersaal der historischen Nürnberger Burg, um dem neuen Deutschen Fußballmeister (s)eine Laudatio zu widmen. Er hatte sich ein Manuskript zurecht gelegt, das voll des Lobes war – aber in dem nur ein einziger Name auftauchte: „Die Nürnberger haben ein ganz besonderes Verhältnis zum Erfolg. Vor einem Jahr verhalfen sie durch ihre Stimmgewalt dem FC Bayern zum Europa Cup. Aber das war ohne Zweifel nur eine Vorübung für dieses Jahr. Die richtigen Nürnberger wussten bereits damals, dass es in diesem Jahr einen Meister zu feiern gilt: Den Deutschen Fußballmeister 1967/68! Dazu muss man trainiert sein. Doch Stimmbänder allein gewinnen keine Meisterschaft – und mögen sie noch so gut trainiert sein. Sonst hätten wir jedes Jahr eine ganze Reihe von deutschen Fußballmeistern. Dazu braucht man eine Mannschaft wie den ruhmreichen „Club“ und einen Trainer wie Max Merkel …!“

Der Ur-Wiener Merkel, der dieses Lob mit Wohlwollen beim Bankett im Kreise seine Familie inhalierte, genoss an jenem Tag ohnehin die Ovationen, die ihm zuteil geworden waren. Bereits beim Auto-Korso durch die Stadt drückten ihm wildfremde Menschen die Hand und sprachen ihm ihren Dank aus. Ihm, dem Meister-Trainer des TSV 1860 München von 1965/66 war es geglückt, was zahlreichen Kollegen seiner Zunft nicht um die Burg gelingen wollte – den 1. FC Nürnberg auf den Thron zu hieven.

Drei Wiener im Frankenland erfolgreich

Neben Coach Max Merkel war auch sein alter Weggefährte mit RAPID-Vergangenheit Robert Körner im Trainer-Stab und mit August „Gustl“ Starek hatten sie einen aufstrebenden knapp 23-jährigen Stürmer parat, der in 34 Meisterschaftsrunden 24mal auflief und dabei 5 Tore erzielen konnte.

Gustl Starek heute, 50 Jahre später

„Wir hatten damals beim Club eine ungeheure Kameradschaft. Ich war zwar nur ein Jahr dort, dennoch war es eine herrliche Zeit. Die Mannschaft legte eine Begeisterung an den Tag, die spürbar zum Erfolg führen musste. Durch das intensive Training von MM (Anm.: Max Merkel) hatten wir eine ungeheure Ausdauer. Roland Wabra war als Keeper fast nie auf dem Boden, er hat alles antizipiert. Horst Leupold rannte die Linie rauf und runter, Ludwig „Luggi“ Müller war ein Elfenfuß, der die Mittelstürmer abmontierte. Fritz Popp kaufte seinem Gegenspieler bei der ersten Aktion gleich den Schneid ab, Karl-Heinz Ferschl  war als „Sechser“ fantastisch. Und im Sturm Heinz Strehl (18 Tore), Franz Brungs (25 Treffer), Georg Volkert, Zvezdan Cebinac – eine wunderbare Mischung. Ich persönlich zählte erst im Frühjahr zum Stamm, da ich mich im Sommer vor dem Saisonstart verletzte und erst langsam in den Kader kam. Dies war auch mit ein Grund, warum in nach nur einem Jahr nach München ging. Meine Situation beim Club war unbefriedigend und als das Angebot der Bayern kam, nahm ich an. Selbst in München angekommen, vertrat ich die Meinung, dass der Club wieder Deutscher Meister werden würde. Doch es kam alles anders.“, so August Starek heute, Jahrzehnte später, am WAC-Platz im Wiener Prater vor einem Tennis-Match.

Der Club is a Depp

… so ein in Franken im breitesten Dialekt geflügeltes Wort. Wer die Geschichte des als „Ruhmreichen“ besungenen Fußballvereins kennt, der weiß, dass das nur allzu wahr ist. Dem 1. FC Nürnberg gelang nämlich das Kunststück, als regierender Deutscher Fußballmeister nach der Saison 1968/69 direkt in die Zweitklassigkeit abzusteigen. Und um die Leidensfähigkeit der zahlreichen Anhänger noch mehr zu strapazieren, wurde dieses Husarenstück wiederholt: 2007 gewann der Club seinen bisher letzten Titel, den DFB-Pokal. Im Jahr darauf ging es … richtig … schnurstracks in die 2. Deutsche Bundesliga. Es spricht aber auch für die bewegte Geschichte dieses Vereins, dass man just zum 50-jährigen Jubiläum der letzten gewonnenen Deutschen Meisterschaft heuer zum Ende der Saison 2017/18 wieder in die Beletage des Deutschen Fußballsports, der 1. Bundesliga, zurückgekehrt ist.

1967/68 – ein Meisterjahr im Zeitraffer

Als Max Merkel den Club ab 1. Jänner 1967 übernahm, standen die Franken im Bundesliga-Keller. MM führte die „Cluberer“ noch auf den 10. Tabellenrang. Im Sommer trennte sich der Wiener von einer ganzen Mannschaft. 11 Akteure erhielten den berühmten „Blauen Brief“. Anhand eines zweiwöchigen Trainingslagers in Wattens in Tirol nahmen Merkel und sein Assistent Körner die Profis hart her. 33.000 Zuschauer erlebten dann im Städtischen Stadion den 2 : 0-Auftaktsieg gegen den Karlsruher Sport-Club. Nach einem 2 : 2 bei Borussia Neunkirchen kam der Hamburger Sport Verein am dritten Spieltag mit 0 : 4 im Frankenland gehörig unter die Räder. Der Club war am 3. Spieltag Tabellenführer und 47.000 Zuschauer waren restlos begeistert. Diese Tabellenposition – teilweise mit 8 Punkten (bei 2-Punkte-Regel für den Sieg) Vorsprung auf die Verfolger, sollte Nürnberg bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand geben. Erst am 13. Spieltag musste Nürnberg an der Wedau die Segel streichen. Das 0 : 2 beim MSV Duisburg war die erste von insgesamt sechs Saisonniederlagen. Da jedoch auch die Konkurrenz meist dann schwächelte, wenn der Club eine Niederlage zu verdauen hatte, fehlten in den letzten drei Spielen nur 3 Punkte zum Titel.

Triumph ausgerechnet in München

27.000 Zuschauer, darunter 10.000 Schlachtenbummler aus dem Frankenland, fanden sich am 18. Mai 1968 am vorletzten Spieltag auf Giesings Höhen ein. Es war Max Merkels Rückkehr an die alte und erfolgreiche Wirkungsstätte, denn nur zwei Jahre zuvor war er hier mit den Löwen des TSV von 1860 Deutscher Fußball-Meister geworden. Diesmal ging es gegen den FC Bayern München und der Club machte mit einem 2 : 0-Erfolg den Sack zum Titel zu. Auch der Bomber der Bayern, Gerd Müller, war von dieser Club-Mannschaft begeistert: „Die athletischen Club-Spieler konnten jedes Tempo mitgehen, ihre Kondition war bestechend. Der spielerische Aufschwung kam dazu.“

Auf die Pflicht in München folgte in Nürnberg die Kür

So sollte es am 25. Mai 1968 um nichts mehr gehen. Der 1. FC Nürnberg stand bereits vor dem Spiel als Deutscher Fußballmeister fest. Und selbst als der Tabellennachzügler Borussia Dortmund in der 17. Minute durch Lothar Emmerich in Führung gegangen war, tat dies dem Jubel und der Freude keinen Abbruch, denn die beiden Heinze´- Müller und Strehl – stellten mit ihren Toren den 2 : 1-Sieg her. Der Club war zum neunten – und bisher letzten – Mal Deutscher Fußballmeister geworden. Bis zum Ende der Saison 1986/87 konnte sich der 1. FC Nürnberg auch als Deutscher Rekordmeister titulieren, dann wurde er vom FC Bayern München abgelöst.

Am Gipfel stehend setzt der Abstieg ein

Dies gilt als Novität und muss in der allgemeinen Geschichte des Fußballsports wohl mit der Lupe gesucht werden, aber es kommt vor – der regierende Fußballmeister steigt ab. Mit den Worten: „Wir mussten bisher zu viel Ballast herumschleppen!“, begründete MM die Maßnahme, den Meisterkader komplett zu zerstören. 10 Aktive wurden in die Wüste geschickt. „Ein philharmonisches Orchester gäbe eben einen anderen Klang als eine Bauernkapelle.“, so Max Merkel in seiner Außen-Darstellung diese radikalen Schnitt betreffend. Dem „Kaischerschnit“ folge dann die „Fehlgeburt“. Max Merkel gelang es nicht, sein „Panik-Orchester“ auf das Neujahrskonzert einzustellen, ganz im Gegenteil, nach einem 2 : 4 bei Alemannia Aachen zum Rückrundenstart am 11. Jänner 1969 stand erstmals ein regierender Deutscher Meister an der letzten Stelle der Tabelle. Nach einem andauernden Kleinkrieg mit den arrivierten Spielern hatte der Wiener Peitschenknaller am 24. März 1969 genug und ging aus freien Stücken. Ihm folgte Robert Körner nach, der wiederum nur 18 Tage später von Kuno Klötzer abgelöst wurde. Der Mann aus dem Erzgebirge konnte jedoch trotz einiger toller Erfolge das Ruder nicht mehr herumreißen. Am 7. Juni 1969 dann des Dramas letzter Akt: Der Club musste nach einem 0 : 3 in Müngersdorf beim 1. FC Köln als Gründungsmitglied der Bundesliga zum ersten Male absteigen und kehrte erste 1978 wieder ins Oberhaus zurück.

Bewegte und lebendige Geschichte

Mit der Vereinshymne „Die Legende lebt“ ist man sich seiner Paternoster-Geschichte der letzten Jahrzehnte bewusst. Es spricht allerdings für den Verein, der den ewigen Auf und Ab´s der letzten Zeit nun wieder – hoffentlich für längere Zeit – ruhmreichere Jahre folgen lassen möchte. Denn wer steht schon gerne für immer und ewig als „Depp“ da. 

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www.bundesliga.de

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