Marko Feingold / Im Februar 1938 war noch alles Liebe und Waschtrog

Reinhard Linke mit Marko Feingold (rechts), der sich trotz aller Ereignisse und Erlebnisse auch seinen Humor bewahrt hat. Foto: Museum Niederösterreich

Reinhard Linke mit Marko Feingold (rechts), der sich trotz aller Ereignisse und Erlebnisse auch seinen Humor bewahrt hat. Foto: Museum Niederösterreich

Er hat vier Konzentrationslager überlebt und ist bis heute mit seinen 104 Jahren amtierender Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Salzburg. Wenn Marko Feingold im Rahmen des Zeitzeugen-Forums „Erzählte Geschichte“ im Gespräch mit Reinhard Linke im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich über zweieinhalb Stunden erzählt, Fragen beantwortet und danach noch geduldig Bücher signiert, dann ist das mediale Interesse groß und das Foyer mit rund 200 Besucherinnen und Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt.

Besonders erfreulich waren die vielen jungen Gäste im Publikum, die offensichtlich wissen wollten, was ein Mensch, der noch unter Kaiser Franz Joseph geboren wurde, zu sagen hat.

Den Brand des Justizpalastes erlebte er von seinem Wohnort aus in der Lassallestraße in Wien Leopoldstadt als große Rauchwolke.

Im Februar 1938 kam der damals in Italien lebende Feingold nach Wien, um seinen Pass zu verlängern, wollte davor aber noch den Fasching genießen. „Es war noch alles Liebe und Waschtrog“, erinnert sich Feingold an eine unbeschwerte Zeit. Zur Ausstellung des neuen Dokuments kam es nicht mehr, weil die Nazis die Macht übernommen hatten. Jüdische Wohnungen wurden geplündert ohne dass die Polizei zur Hilfe kam. Schockiert beobachtete Feingold beim „Straßenputzen“ den offen aufbrechenden Antisemitismus: „Ich habe mir nicht die angesehen, die geputzt haben, es waren Ärzte, Schuldirektoren. Ich habe mir die angesehen, die beim Putzen zugesehen haben. Sie haben eher gelacht als traurig geschaut.“

Frauen hätten sich wie Trauben an die einmarschierenden deutschen Soldaten gehängt, um ein Busserl zu erhaschen. Die verhängnisvollen Ereignisse nahmen ihren Lauf und immer waren es Zufälle, dass Marko Feingold die Konzentrationslager überlebte, denn alleine bei den Transporten starben meist über die Hälfte. „Von den ersten Tagen in Auschwitz an habe ich mir geschworen: Wenn ich das überlebe, dann muss ich darüber erzählen.“

Christian Rapp begrüßt ein bis auf den letzten Platz gefülltes Foyer. Foto: Museum Niederösterreich

Christian Rapp begrüßt ein bis auf den letzten Platz gefülltes Foyer. Foto: Museum Niederösterreich

Marko Feingold erlebte mit 30 Kilo Gewicht, dass Hunger so intensiv sein kann, dass man dafür bereit ist in den Tod zu gehen. Er erzählt vom Stehen auf dem Appellplatz nach 12, 13 Stunden Arbeit in dünner Kleindung, in Holzschuhen ohne Socken und wie oft er auch sein Ende gekommen sah. „Auf Anordnung von Renner dürfen keine Juden und keine KZler nach Österreich kommen.“ Mit diesen Worten wurde er in Österreich empfangen und ließ sich schließlich in Salzburg statt in Wien nieder. „Österreich hat schwere Fehler gemacht und die Täter flüchten lassen.“, urteilt Marko Feingold über die Nachkriegszeit und erzählt von jüdischen Auswanderern nach dem Zweiten Weltkrieg, die in den Juweliergeschäften in Südamerika ihren von Nazis geraubten Schmuck wiederfanden.

Das Bedürfnis nach Rache hätte er nie empfunden, denn mit Rache verzehre man sich selbst. „Geärgert habe ich mich schon oft, und wie ich mich aufregen kann!“, versichert Feingold glaubwürdig und mit einem Schmunzeln. Und er meint: „Man kann dem Einzelnen verzeihen, aber der Masse nicht, dazu braucht es Theologen.“

Unermüdlich tritt Marko Feingold in Schulen auf. „Ich empfehle da der Jugend, am Dachboden nachzuschauen, da werden sie einiges finden.“ Die Tatsache, dass er überlebt hat, sieht er als Verpflichtung. „Ich bin bereit, alles zu bezeugen und Blödsinn zu bestreiten. Hier in der Tasche sind alle meine Belege drinnen, falls sie mir irgendwas nicht glauben: Mein Meldezettel, meine Brotmarken. Als 104-jähriger ist man nicht jeden Tag dazu aufgelegt, einen Vortrag zu halten. Aber es ist mein Schicksal.“

Zum aktuellen polnischen Gesetz, dass das Reden über die Mittäterschaft Polens am Holocaust verbietet, meint Feingold: „Im Jüdischen gibt es dafür nur ein Wort: Das ist eine Chuzpe!“ Und Feingold weiter: „Fragen Sie einmal einen Antisemiten, warum er Antisemit ist. Er wird nicht antworten. Weil er es nicht weiß.“

Lesen Sie dazu bitte auch diese Artikel bei uns;

Mit einer Reihe von Zeitzeugen-Gesprächen gedenkt das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich den Jahren 1918, 1938 und 1968. Am Dienstag, den 10 April 2018 um 18 Uhr ist Erika Rosenberg, die Biographin von Emilie und Oskar Schindler zu Gast. Am Dienstag, den 24. April 2018 um 18 Uhr hat Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Bolzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, sowjetische Besatzungskinder aus

Niederösterreich eingeladen. Am Dienstag, den 15. Mai 2018 um 18 Uhr sprechen Rotraut Perner, Peter Turrini und Hannes Etzsltorfer über den Mai 1968 und schließlich am 16. Oktober 2018 um 18 Uhr Chris Lohner und andere über das Jahrhundert der Frauen.

www.museumnoe.at

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