Marko Feingold / Im Februar 1938 war noch alles Liebe und Waschtrog

Reinhard Linke mit Marko Feingold (rechts), der sich trotz aller Ereignisse und Erlebnisse auch seinen Humor bewahrt hat. Foto: Museum Niederösterreich

Reinhard Linke mit Marko Feingold (rechts), der sich trotz aller Ereignisse und Erlebnisse auch seinen Humor bewahrt hat. Foto: Museum Niederösterreich

Wie gestern bekannt wurde, verstarb am 19. September 2019 im 106. Lebensjahr stehend Marko Feingold an einer Lungenentzündung. Feingold, der die NS-Diktatur in Österreich der Jahre 1938 bis 1945 in vier Konzentrationslagern überlebte, wurde nach dem Krieg nie müde, als steter Mahner auf dieses dunkle Kapitel österreichischer Geschichte hinzuweisen.

Glücklich war er darüber nicht, laut eigener Aussage, denn es war für ihn Zeit seines Lebens eine Belastung, immer und immer wieder an diese Zeit erinnert zu werden, um selbst daran zu erinnern. Mit Marko Feingold verstarb der zuletzt älteste Holocaust-Überlebende Österreichs.

Lesen Sie hier bitte eine Reportage anlässlich eines Marko Feingold-Besuchs im Museum Niederösterreich in St. Pölten aus dem Jahre 2018.

Er hat vier Konzentrationslager überlebt und ist bis heute mit seinen 104 Jahren amtierender Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Salzburg. Wenn Marko Feingold im Rahmen des Zeitzeugen-Forums „Erzählte Geschichte“ im Gespräch mit Reinhard Linke im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich über zweieinhalb Stunden erzählt, Fragen beantwortet und danach noch geduldig Bücher signiert, dann ist das mediale Interesse groß und das Foyer mit rund 200 Besucherinnen und Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt.

Besonders erfreulich waren die vielen jungen Gäste im Publikum, die offensichtlich wissen wollten, was ein Mensch, der noch unter Kaiser Franz Joseph geboren wurde, zu sagen hat.

Den Brand des Justizpalastes erlebte er von seinem Wohnort aus in der Lassallestraße in Wien Leopoldstadt als große Rauchwolke.

Im Februar 1938 kam der damals in Italien lebende Feingold nach Wien, um seinen Pass zu verlängern, wollte davor aber noch den Fasching genießen. „Es war noch alles Liebe und Waschtrog“, erinnert sich Feingold an eine unbeschwerte Zeit. Zur Ausstellung des neuen Dokuments kam es nicht mehr, weil die Nazis die Macht übernommen hatten. Jüdische Wohnungen wurden geplündert ohne dass die Polizei zur Hilfe kam. Schockiert beobachtete Feingold beim „Straßenputzen“ den offen aufbrechenden Antisemitismus: „Ich habe mir nicht die angesehen, die geputzt haben, es waren Ärzte, Schuldirektoren. Ich habe mir die angesehen, die beim Putzen zugesehen haben. Sie haben eher gelacht als traurig geschaut.“

Frauen hätten sich wie Trauben an die einmarschierenden deutschen Soldaten gehängt, um ein Busserl zu erhaschen. Die verhängnisvollen Ereignisse nahmen ihren Lauf und immer waren es Zufälle, dass Marko Feingold die Konzentrationslager überlebte, denn alleine bei den Transporten starben meist über die Hälfte. „Von den ersten Tagen in Auschwitz an habe ich mir geschworen: Wenn ich das überlebe, dann muss ich darüber erzählen.“

Christian Rapp begrüßt ein bis auf den letzten Platz gefülltes Foyer. Foto: Museum Niederösterreich

Christian Rapp begrüßt ein bis auf den letzten Platz gefülltes Foyer. Foto: Museum Niederösterreich

Marko Feingold erlebte mit 30 Kilo Gewicht, dass Hunger so intensiv sein kann, dass man dafür bereit ist in den Tod zu gehen. Er erzählt vom Stehen auf dem Appellplatz nach 12, 13 Stunden Arbeit in dünner Kleindung, in Holzschuhen ohne Socken und wie oft er auch sein Ende gekommen sah. „Auf Anordnung von Renner dürfen keine Juden und keine KZler nach Österreich kommen.“ Mit diesen Worten wurde er in Österreich empfangen und ließ sich schließlich in Salzburg statt in Wien nieder. „Österreich hat schwere Fehler gemacht und die Täter flüchten lassen.“, urteilt Marko Feingold über die Nachkriegszeit und erzählt von jüdischen Auswanderern nach dem Zweiten Weltkrieg, die in den Juweliergeschäften in Südamerika ihren von Nazis geraubten Schmuck wiederfanden.

Das Bedürfnis nach Rache hätte er nie empfunden, denn mit Rache verzehre man sich selbst. „Geärgert habe ich mich schon oft, und wie ich mich aufregen kann!“, versichert Feingold glaubwürdig und mit einem Schmunzeln. Und er meint: „Man kann dem Einzelnen verzeihen, aber der Masse nicht, dazu braucht es Theologen.“

Unermüdlich tritt Marko Feingold in Schulen auf. „Ich empfehle da der Jugend, am Dachboden nachzuschauen, da werden sie einiges finden.“ Die Tatsache, dass er überlebt hat, sieht er als Verpflichtung. „Ich bin bereit, alles zu bezeugen und Blödsinn zu bestreiten. Hier in der Tasche sind alle meine Belege drinnen, falls sie mir irgendwas nicht glauben: Mein Meldezettel, meine Brotmarken. Als 104-jähriger ist man nicht jeden Tag dazu aufgelegt, einen Vortrag zu halten. Aber es ist mein Schicksal.“

Zum aktuellen polnischen Gesetz, dass das Reden über die Mittäterschaft Polens am Holocaust verbietet, meint Feingold: „Im Jüdischen gibt es dafür nur ein Wort: Das ist eine Chuzpe!“ Und Feingold weiter: „Fragen Sie einmal einen Antisemiten, warum er Antisemit ist. Er wird nicht antworten. Weil er es nicht weiß.“

Lesen Sie dazu bitte auch diese Artikel bei uns;

www.museumnoe.at

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