LINZ war eine GETEILTE STADT 1945-55

Nibelungenbrücken-Blick zum Hauptplatz im Juli 1946. Foto: NORDICO

Nibelungenbrücken-Blick zum Hauptplatz im Juli 1946. Foto: NORDICO

In Linz herüben der Ami, in Urfahr drüben der Ruß – der Ritt über die Bruckn wird a harte Nuss…!“ – ein überlieferter Slogan, mit dem die heute Mitt-Vierziger in ihrer Schulzeit konfrontiert waren und der auch aufgrund der Erzählungen zahlreicher Zeitzeugen viele Jahre und Jahrzehnte überlebt hatte. Gemeint war die Fahrt mit der Tramway, einer Straßenbahngarnitur der Linzer ESG, über die Nibelungenbrücke, die beide Stadtteile Linz-Zentrum und Urfahr – wurde 1919 zu Linz eingemeindet – verband. Schikanöse Ausweiskontrollen, gerade von den Russischen Besatzern auf Urfahraner Seite waren oft an der Tagesordnung und die Fahrt einer Strecke von nur wenigen hundert Metern konnte oftmals sehr langwierig werden. Dies alles stand an der Tagesordnung von Linz in den Nachkriegsjahren ab 1945 bis zum Staatsvertrag 1955.

 Und so sah es auf der anderen Seite des Donaustromes aus: Kontrolle durch russische Besatzungsmächte auf der Nibelungenbrücke um 1950. Foto: NORDICO

Und so sah es auf der anderen Seite des Donaustromes aus: Kontrolle durch russische Besatzungsmächte auf der Nibelungenbrücke um 1950. Foto: NORDICO

Unter dem Titel GETEILTE STADT – Linz 1945-55 steht nun eine Ausstellung im NORDICO Stadtmuseum Linz, die von 17. April bis 26. 10. 2015 gezeigt wird. Warum gerade der 26. Oktober? Weil dies jener Tag war, an dem der letzte Besatzungssoldat 1955 österreichisches Territorium zu verlassen hatte – aufgrund des Staatsvertrages vom 15. Mai 1955 mit den berühmten und berührenden Worten des legendären Aussenministers Leopold Figl, der vor der jubelnden Menge des Belvedere-Balkons in Wien die wenigen, aber staatstragenden Worte ausrief: „ÖSTERREICH IST FREI!

Zur Ausstellung:

8. Mai 1945: der Krieg endet, die Zeit der Besatzungsmächte beginnt. Die Donau wird zur   Demarkationslinie, die das Mühlviertel vom restlichen Land trennt und somit auch Linz in zwei Zonen teilt – in einen russischen Norden und einen amerikanischen Süden. Woran erinnern sich jene, die damals in Linz gelebt haben? Fast jeder Zeitzeuge weiß von den alliierten Wachposten an der Brücke zu berichten. Von langwierigen Kontrollen der Russen und der Furcht der Amerikaner vor Ungeziefer, der sie mit DDT begegneten. Der legendäre Satz von Landeshauptmann Heinrich Gleißner: „Wir haben die längste Brücke der Welt. Sie beginnt in Washington und endet in Sibirien.“, hat sich gleichfalls tief ins kollektive Gedächtnis gegraben.

 Die Landstraße mit Hinweisschild auf das Cleveland Theatre (späteres Kolosseum-Kino) am Schillerpark mit Blickrichtung stadteinwärts im April 1947. Foto: NORDICO


Die Landstraße mit Hinweisschild auf das Cleveland Theatre (späteres Kolosseum-Kino) am Schillerpark mit Blickrichtung stadteinwärts im April 1947. Foto: NORDICO

Die Erzählungen über die ersten Besatzungsjahre drehen sich oft um die Versorgungslage. Unzureichende Lebensmittelkarten, kaum genießbare Schulausspeisungen und Transporte unterernährter Kinder in die Schweiz werden erwähnt, ebenso die aus verwurmten Erbsen bestehenden Lebensmittelspenden der Sowjets und die in einem scharfen Kontrast dazu stehenden üppig gefüllten CARE-Pakete aus Amerika. Den täglichen Kampf ums Überleben führen nicht nur Urfahraner und Linzer, sondern auch tausende Heimkehrer, Displaced Persons und Flüchtlinge, die die Kapazität der ohnehin schon überfüllten Stadt zu sprengen drohen. Unabhängig von der Besatzungszone gibt es eine starke Sehnsucht nach Ablenkung aus der Misere, sei es durch kulturelle oder sportliche Aktivitäten. Die Gründung der Neuen Galerie, 1952 der Bau des Linzer Stadions auf der Gugl und eine blühende Theaterszene sind Zeugnisse für eine langsame Rückkehr in die Normalität. 1947 wird in der VOEST der erste Hochofen nach dem Krieg angeblasen, zwei Jahre später revolutioniert das LD-Verfahren die weltweite Stahlproduktion.

Nach und nach verschwinden Bezugsscheine für Lebensmittel und Textilien, die Geschäfte füllen sich wieder mit Waren. Der erste Selbstbedienungsladen Österreichs öffnet nach amerikanischem Vorbild 1950 seine Pforten in Linz. Der Nachholbedarf ist nach zehn Jahren Rationierung gewaltig: Zunächst wird der Hunger nach lang entbehrten Lebensmitteln gestillt, dann folgt die Phase der Neueinkleidung, gegen Mitte der 1950er Jahre richtet man sich die Wohnung neu ein. Wäre die Stadt nicht besetzt, könnte man recht zufrieden sein.

Ein gelungener Schnappschuss, der für die Aufbruchstimmung im Lande ob der Enns stand: Tanz auf der Nibelungenbrücke anlässlich der Aufhebung der Brückenkontrolle durch die Alliierten von Landeshauptmann Heinrich Gleißner und Bürgermeistersgattin Elmira Koref. So geschehen am 8. Juni 1953. Foto: Courtesy Irmhild Maaß

Ein gelungener Schnappschuss, der für die Aufbruchstimmung im Lande ob der Enns stand: Tanz auf der Nibelungenbrücke anlässlich der Aufhebung der Brückenkontrolle durch die Alliierten von Landeshauptmann Heinrich Gleißner und Bürgermeistersgattin Elmira Koref. So geschehen am 8. Juni 1953. Foto: Courtesy Irmhild Maaß

Als 1953 die Brückenkontrollen aufgehoben werden, feiert die ganze Stadt. Und als die Bürgermeistersgattin Elmira Koref zu diesem Anlass mit Landeshauptmann Heinrich Gleißner auf der Nibelungenbrücke Walzer tanzt, tanzt Linz gleichzeitig in das Konsumzeitalter hinein.

Das Stadtmuseum NORDICO hat für diese Ausstellung seine umfassende Fotosammlung durchforstet und präsentiert ein großes Konvolut daraus zum ersten Mal der Öffentlichkeit.

Neben dem fotografischen Schwerpunkt sind zahlreiche originale Dokumente aus der damaligen Zeit zu sehen. Ergänzt wurden die Stücke aus den museumseigenen Beständen um großzügige Leihgaben aus öffentlichen Institutionen und von privaten Leihgebern und Zeitzeugen. Wertvolle wie ebenso kuriose Gebrauchs- und Alltagsgegenstände sowie Relikte aus der militärischen Besatzungszeit ergänzen die historische Aufarbeitung der Besatzungszeit in Linz. In extra für die Ausstellung produzierten Videos kommen Zeitzeugen mit ihren persönlichen Geschichten der Linzer Nachkriegszeit zu Wort.

 Was gibt es Neues in der Welt? Ein Zeitungsstand an der Linzer Landstraße des Jahres 1947. Foto: NORDICO

Was gibt es Neues in der Welt? Ein Zeitungsstand an der Linzer Landstraße des Jahres 1947. Foto: NORDICO

 

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Was: GETEILTE STADT / Linz 1945-55
Wann: von 17. April bis 26. Oktober 2015
Wo: NORDICO Stadtmuseum Linz, Dametzstraße 23, 4020 Linz / Donau

www.nordico.at
www.facebook.com/nordicolinz

 Von nun an geht´s bergauf! Blick in den ersten österreichischen Selbstbedienungsladen Konsum im COOP-Gebäude in der Wiener Straße am 30. Mai 1950. Foto: Archiv der Stadt Linz   Von nun an geht´s bergauf! Blick in den ersten österreichischen Selbstbedienungsladen Konsum im COOP-Gebäude in der Wiener Straße am 30. Mai 1950. Foto: Archiv der Stadt Linz

Von nun an geht´s bergauf! Blick in den ersten österreichischen Selbstbedienungsladen Konsum im COOP-Gebäude in der Wiener Straße am 30. Mai 1950. Foto: Archiv der Stadt Linz Von nun an geht´s bergauf! Blick in den ersten österreichischen Selbstbedienungsladen Konsum im COOP-Gebäude in der Wiener Straße am 30. Mai 1950. Foto: Archiv der Stadt Linz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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