Lebenslanges Impfen / Eine Präventionsmaßnahme

V.l: Urusla Köller, Herwig Kollaritsch, Birgit Weinberger, sowie Renee Gallo-Daniel. Foto: Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller/APA-Fotoservice/Hörmandinger

V.l: Urusla Köller, Herwig Kollaritsch, Birgit Weinberger, sowie Renee Gallo-Daniel. Foto: Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Wer glaubt, dass das Thema Impfen mit Ende der Pflichtschulzeit erledigt ist, der irrt. Die aktuelle Datenlage zeigt klar, dass auch Erwachsene und ganz besonders im fortgeschrittenen Alter regelmäßige Auffrischungen benötigen. Nicht nur aus Eigennutz, sondern auch, um gefährdete Personen in unmittelbarer Umgebung nicht in Gefahr zu bringen. Eine besondere Verantwortung haben jene, die viel Kontakt mit Menschen haben, die ohnehin gesundheitlich angeschlagen sind oder nicht geimpft werden können. Das betonten Experten anlässlich eines Pressegesprächs in Wien.

Die meisten Länder in Europa konzentrieren sich bis heute vor allem auf die Impfung von Kindern. Der Impfung von Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren wird dagegen oft sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt!“, erklärt Renee Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller. Dabei würden nicht nur die Geimpften selbst profitieren. Auch wirtschaftlich und gesellschaftlich wirken sich Impfungen positiv aus. Krankenhausaufenthalte, Arbeitsausfälle und Invalidität können reduziert, dem Gesundheits- und Sozialsystem Kosten gespart werden, so Gallo-Daniel.

Impfungen im fortgeschrittenen Alter besonders wichtig
Infektionen sind gerade im fortgeschrittenen Alter sehr häufig. „Die Gründe dafür sind vielfältig“, erklärt Birgit Weinberger vom Institut für Biomedizinische Alternsforschung der Universität Innsbruck. „Im Alter kommt es zu anatomischen und physiologischen Veränderungen, die Infektionen begünstigen. Dazu kommen Krankenhausaufenthalte und Operationen, die das Risiko für Infektionen zusätzlich erhöhen, sowie chronische Erkrankungen. Und das Immunsystem selbst lässt nach. Ältere Menschen sprechen daher auch auf Impfungen nicht mehr so gut an.“ Für die Expertin ergeben sich daraus zwei Konsequenzen: Zum einen die Herstellung von adaptierten Impfstoffen für ältere Personen, um den Schutz zu erhöhen und zum anderen Maßnahmen, um mehr Menschen zum regelmäßigen Impfen zu bewegen. Denn: Eine bestehende Immunität durch vorangegangene Impfungen wirke sich positiv auf das Ansprechen bei weiteren Impfungen aus, so Birgit Weinberger.

ÖVIH-Pressegepräch in Wien am 8. Februar 2017. Foto: Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller/APA-Fotoservice/Hörmandinger

ÖVIH-Pressegepräch in Wien am 8. Februar 2017. Foto: Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Warum regelmäßige Auffrischungen wichtig sind
Manche Patienten wollen sich jedoch Auffrischungsimpfungen, zum Beispiel bei der FSME-Impfung, ersparen“, erklärt Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin vom Zentrum für Reisemedizin. Eine Strategie, die der Experte für riskant hält. Grundsätzlich gelte bei FSME ein Impf-Intervall von fünf Jahren, bei Personen ab 60 eines von drei Jahren. Dieses sei auf jeden Fall einzuhalten. Die sogenannte „Titerkontrolle“ könne nämlich keine Auskunft darüber geben, ob der Impfschutz des einzelnen über das vorgesehene Intervall hinaus anhalte. „Wer Impfungen auslässt, kann den Impfschutz verlieren!“, so Herwig Kollaritsch.

Impfnotwendigkeit verändert sich
Während die Durchimpfungsrate in Österreich bei FSME immer recht gut war, war sie das früher bei Keuchhusten (Pertussis) aufgrund einer schlecht verträglichen Impfung nicht. Viele Kinder erkrankten deshalb und so kamen auch Erwachsene mit dem Keim in Kontakt und wurden immun. Heute ist das anders. Fast alle Kinder sind dank eines verbesserten Impfstoffes geimpft, die Erwachsenen nun aber – mangels Erregerkontakt – anfällig für die Krankheit. Kollaritsch: „Heute müssen daher auch sie regelmäßig gegen Pertussis geimpft werden, vorzugsweise in Kombination mit Diphterie und Tetanus.“

Herdenimmunität schützt besonders anfällige Personen
Oft können Personen aufgrund ihres Alters oder ihrer Vorerkrankungen gegen bestimmte Infektionen nicht geimpft werden. Ihr Schutz ist nur dann einigermaßen gewährleistet, wenn sich möglichst viele andere Menschen impfen lassen und damit eine sogenannte „Herdenimmunität“ aufgebaut wird.“, betont Ursula Köller, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Impfen“ der Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes. So können zum Beispiel Kinder unter einem Jahr nicht gegen Masern geimpft werden. Das ist insofern problematisch, als bei 20 Prozent aller Fälle schwere Nebenwirkungen und Spätfolgen auftreten. „Die Durchimpfungsrate sollte daher deutlich gesteigert werden.“, so Ursula Köller. „Hier muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.“

Gesundheitspersonal nicht ausreichend geimpft
Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten (Health Care Workers), haben aufgrund ihrer Tätigkeit ein höheres Risiko als andere Menschen, Infektionen zu bekommen oder ihre Patienten anzustecken. So zeigt eine französische Studie, dass eine Influenza-Impfung des Pflegepersonals in Spitälern und Seniorenheimen die Sterberate um etwa 20 Prozent reduziert und die Krankenstände beim Personal um 42 Prozent senkt. Daten belegen auch, dass 23 Prozent des Gesundheitspersonals in einer milden Influenza-Saison Antikörper gegen den Erreger produzieren. Etwa ein Drittel von ihnen entwickelt allerdings keine Symptome und weiß daher gar nicht, dass es Krankheitsüberträger ist.  Für die Übertragung des Erregers spielen sie also eine sehr wichtige Rolle.

Health Care Workers sollten bereits zum Einstellungszeitpunkt einen entsprechenden Immunitätslevel haben“ ist Köller überzeugt. „Die Realität sieht allerdings anders aus: Die Durchimpfungsraten des Gesundheitspersonals in Österreich sind sehr niedrig.“ Um diesen Missstand zu beheben gibt es seit 2012 Impfempfehlungen des Gesundheitsministeriums für das Gesundheitspersonal, die Umsetzung wird jedoch von den einzelnen Trägern unterschiedlich gehandhabt. Bei besonders vulnerablen Patientengruppen (etwa bei stark immunsupprimierten Patienten oder in der Neonatologie) gibt es sogar eine (juristische) Verpflichtung, nur geimpftes Personal einzusetzen.

Verbesserungen notwendig
Derzeit fehlt ein großflächiger niederschwelliger Zugang über das Kinderimpfkonzept hinaus“ fasst Ursula Köller den aktuellen Status zusammen. „Der regelmäßige Impfstatuscheck als Teil der Gesundenuntersuchung oder ein elektronischer Impfpass auf der Sozialversicherungskarte wären sinnvolle Maßnahmen.“

Bitte beachten Sie auch diese Artikel bei uns:

www.oevih.at

 

 

 

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