kicker Sportmagazin / Ewig jung seit 70 Jahren

Was als "Sport Illustrierte" vor 70 Jahren anno 1946 begann ...

Was als “Sport Illustrierte” vor 70 Jahren anno 1946 begann …

Es ist bekannt, dass der Österreicher gerne über die Grenzen blickt. Und dieser Blick über den Tellerrand, gerade beim Fußballsport, lässt den Observer seit vielen Jahren schon in Deutschen Landen landen. Zahlreiche Abonnements heute belegen, dass neben der beliebten Tageszeitung auch der „kicker“ hierzulande gerne gelesen und gesammelt wird. Umso mehr, wo sich doch auch immer wieder österreichische Fußballspieler und Trainer in die selbsternannte „Beste Liga der Welt“ verirren und das nicht erst seit Peter Stöger und David Alaba.

Vor nunmehr 70 Jahren, am 6. November 1946, erschien die Erstausgabe des „Sport / Die illustrierte Wochen-Rundschau“, aus dem sich im Laufe der Zeit das heutigekicker SPORTMAGAZIN“ entwickelte. In diesen damaligen Nachkriegswirren setzte der „Sport“ die 25jährige gute Tradition des „alten“ Kicker fort. Dieser erschien nämlich am 14. Juli 1920 erstmals. Gegründet wurde dieser übrigens von Walther Bensemann (*1873, † 1934), einem Verfechter des Friedens und der Völkerverständigung, der bis 1930 auch als Herausgeber und Chefredakteur fungierte.

Das Verlagsgebäude stand damals, 1946, in Zirndorf bei Fürth, denn die alte Frankenstadt Nürnberg – aus der auch der weltberühmte Maler und Mathematiker Albrecht Dürer stammte – und von 1925 bis 1944 Heimat des alten „Kicker“, lag in Schutt und Asche.

So hatten die gebeutelten und in vier Besatzungszonen zerstückelten Deutschen wenigstens ihre Fachzeitschrift wieder. Denn eines schritt überall zügig voran – der „Anpfiff in Ruinen“ nämlich. Allerorts wurde gekickt und so hielt das „normale“ Leben wieder Einzug in Deutschland – und natürlich auch in Österreich.

... wurde im Laufe der Jahre zum "kicker Sportmagazin". Deutsche Beständigkeit eben, seit Jahrzehnten. Beide Fotos: oepb

wurde im Laufe der Jahre zum “kicker Sportmagazin”. Deutsche Beständigkeit eben, seit Jahrzehnten. Beide Fotos: oepb

Jene Tage anno 1946 waren geprägt von Armut, Hungersnot, Elend und der steten Angst vor Augen, was wohl morgen sein wird. Dass hier der Sport das Wort ergriff, war gut, denn er durfte es – den Verlierern und Verführern der Weltkatastrophe standen nämlich noch keinerlei Rechte zur Selbstverwirklichung zu. Erst die „Military Government Information Control License No US – E – 181“ räumte die Möglichkeit ein, aus dem Vermächtnis des olympischen Gedankenguts und internationalen Sports den Aufbruch in eine bessere Zukunft zu wagen.

Dafür wurden drei Herren, unterschiedlicher Kenntnis und Herkunft eingesetzt. Als da waren: Dr. Friedrich Becker: vormals „Kicker“-Redakteur, Kritiker, Weltbürger und Spiritus rector der Nachkriegsgeneration unter den Fußballjournalisten, als Chefredakteur.

Dr. Joseph E. Drexel: Menschenfreund, Widerstandskämpfer und Mitbegründer der „Nürnberger Nachrichten“, als Verleger.

Hans Fiederer: weltkriegsverwundet, ein Bein verloren, vormals Nationalspieler, Fachmann und Intiminformierter der damaligen Spielerelite und der künftigen Trainergenerationen.

Es scheint heutzutage schier unglaublich, welche Risikobereitschaft, Beharrlichkeit, sowie Geduld dieser neue Aufbruch erforderte und wie viel hohe Erwartungshaltung eines sagenhaften Leserkreises diesen stützte. Die Gerüchte brodelten und als es hieß, es sei eine neue „Sport-Illustrierte“ am Entstehen, setzte bereits im Vorfeld eine Flut an Bestellungen ein. Sagenhafte 500.000 Exemplare hätte die sogenannte „Null-Nummer“ absetzen können, es gab allerdings nur Papier für maximal 20.000 Stück. Die persönliche Fürsprache des fußballbegeisterten US-Presse-Offiziers Ernest F. Richter, die diesen beinahe seinen Job gekostet hätte, förderte eine Erstauflage von 40.000 Exemplaren zu Tage.

Die Tageszeitungen damals erschienen lediglich dreimal die Woche mit einem kaum vorhandenen Sportteil. Es gab auch noch kein Fernsehen, keine Regional-Verbände und keinen Fußball-Bund. Es war die Zeit der Verzweiflung, der Eingeständnisse und der Abrechnung, der Kriegsgefangenen, der Wohnungsnot, der Lebensmittelkarten, von Stadtflucht und Vertreibung, Schwarzmarkt und Schleichhandel.

Nürnberg im November 1946: In diesem Herbst ging auch der erste große Kriegsverbrecher-Prozess über die Bühne. Genau in jener Stadt, mit ihrer jahrhundertealten Tradition, aber auch mit ihren großen Reichsparteitagen der NSDAP und der einstigen Fußball-Hochburg. Die SpVgg Fürth (3 mal Deutscher Meister) und der 1. FC Nürnberg (9 mal Deutscher Meister) – das war einmal was im Deutschen Fußball. In den 1920er Jahren bestand die DFB-Auswahl zur Gänze aus Nürnberg- und Fürth-Spielern. Man reiste zwar zu den Länderspielen gemeinsam per Bahn an, jedoch hatten die „Clubberer“ aus Nürnberg und die „Kleebläddla“ aus Fürth ihre eigenen Zug-Abteile und Waggons gebucht. Gemeinsam trat man lediglich am Rasen beim Spiel für Deutschland auf. Vom Schlusspfiff an ging man sich wieder aus dem Weg.

Auch die kicker Sonderhefte aus dem Nürnberger Olympia-Verlag - hier im Wandel der Zeit - erfreuen sich steigender Beliebtheit. Foto: oepb

Auch die kicker Sonderhefte aus dem Nürnberger Olympia-Verlag – hier im Wandel der Zeit – erfreuen sich steigender Beliebtheit. Foto: oepb

Und genau dieses Nürnberg war nun klein, schwach, komplett zerstört und mittendrin, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Langsam begriffen die Menschen, was es hieß, Schuld und Sühne des Krieges zu bewältigen. Aber es musste weitergehen – und es ging weiter. Hermann Hesse wurde der Nobelpreis für Literatur verliehen, die SED der Ostzone präsentierte eine Verfassung. Und genau in die Schuldzuweisung-Sühne-Vergangenheitsbewältigung-Aufbruchsstimmung hinein wurde am 6. November 1946, einem Montag, Schlag 21 Uhr, in der Nürnberger Str. 19-21 in Zirndorf bei Fürth derSport geboren.

Der Jugend helfen, auf die Jugend bauen – genau diese Überlegungen hatten die US-Streitkräfte bewogen, dem Sport, den Gedanken und Gesprächen um den Sport ihren eigenen Lauf zu lassen. Das Programm der Redaktion des Olympia-Verlags wurde ein Bekenntnis zur völkerverbindenden Idee der olympischen Bewegung und des internationalen Wettbewerbs. Der „Sport“ nimmt sich selbst beim Wort.

Er will: Freund, Berater, Erzähler und Unterhalter sein,

sich nicht zum billigen Sensationsboten erniedrigen,

die Scheinheiligkeit der Amateur-Pharisäer enthüllen,

den Kontakt zum Weltsport und der eigenen Sportvergangenheit herstellen,

den Alltag entgiften, die Jugend von der Vorbelastung erlösen und neu begeistern,

den sportlichen Wideraufbau ankurbeln, begleiten und schildern.

Demnach – eine Mission für Millionen!

Blick auf das Olympia-Verlags-Gebäude in der Badstraße 4-6 in 90402 Nürnberg. Foto: oepb

Blick auf das Olympia-Verlags-Gebäude in der Badstraße 4-6 in 90402 Nürnberg. Foto: oepb

Und so erblickte der 16seitige Erstling „Sport“ das Licht der Nachkriegs-Welt, der sich allerdings nicht nur am aktuellen Geschehen, sondern auch an der Bedürftigkeit, dem Nachholbedarf, der Zielsetzung und dem Wunschbild der amerikanischen Lizenzgeber orientierte. Sicher war der in Deutschland gänzlich unbekannte American Football mit Titelblatt und einer bebilderten Reportage übergewichtet. Konzession eben an die Besatzungsmacht, die sich als Geburtshelfer sah und ohne die nichts lief, weder Rotation noch Papierzufuhr.

Sportliche Leitbilder wurden beschworen: Rudolf Carraciola, Gottfried von Cramm, Jack Dempsey, Richard Hofman, Hubert Houben, Jesse Owens, Max Schmeling, Hans Schwartz, Johnny Weißmüller, sowie der Altinternationale und FIFA-Schiedsrichter Dr. Peco Bauwens, der Jahre später der erste DFB-Präsident nach dem Krieg werden sollte.

Keine Randnotizen sondern von richtungsweisender Bedeutung damals war der Rat des Sportarztes in kalorienarmer Zeit – wie die Verpflegung, so die Bewegung – und die sorgsame Pflege des „Heiligtums Ball“. Am „Sport-Stammtisch“ forderte der Fürther Altinternationale und Fußball-Lehrer Hans Hagen die sofortige Einführung des Profi-Fußballs und verkündet vorausschauend: „Eine Deutschland-Liga wäre die Ideallösung der Zukunft.“ Nun, die eingleisige Bundesliga wurde erst 1963 eingeführt. Und so berichtet eben der „Sport“ über die Oberliga Süd, die als Musterklasse des Deutschen Nachkriegsfußballs galt und die bereits in der zweiten Saison stand. Der Südwesten hat immerhin eine zweigeteilte Liga, jedoch die anderen Regionen dümpeln noch im Landes- oder Bezirksmaßstab herum.

Im Norden wird vermeldet, dass der FC St. Pauli vor 25.000 Zuschauern mit früheren Dresdner Spielern ausgestattet den Hamburger SV mit 3 : 2 besiegt. Und Sachsen vermeldet, dass der Dresdner SC in Zwickau mit 1 : 6 unterging, in Plauen allerdings mit 9 : 0 erfolgreich blieb. Der Dresdner SC ist seit zwei Jahren der amtierende Deutscher Meister in diesem Interregnum ohne deutsche Wettbewerbe.

Hier lebt der Fußball. Foto: oepb

Hier lebt der Fußball. Foto: oepb

Der „Sport“ kam vorerst immer mittwochs heraus. Zur Verfügung standen zwei Schreibmaschinen, am Schwarzmarkt im Tausch gegen Zigarettenpapier erstanden, sowie eine Telefonleitung für 20 Eigenberichte. Autopannen und streikende Motoren gab es „frei Haus“. Ein schwerer, aufregender, jedoch auch richtungweisender Start für die Postille, die ihren Siegeszug am Markt alsbald starten sollte. Der „Sport“ nahm das Wort und trug es weiter. Aus dem „Sport“ wurde das „Sport-Magazin“. Der „Kicker“ kam wieder. „Sport-Magazin“ und „Kicker“ vereinigten sich zum „kicker-sportmagazin“, Deutschlands größte Sportzeitung – bis heute. Doch am Neubeginn vor 70 Jahren … da stand er, der „Sport“!

www.olympia-verlag.de

www.kicker.de

www.bundesliga.de

comments are closed.