Individualpsychologe Erwin Ringel / Zum 25. Todestag

Prof. Dr. Erwin Ringel (* 1921, † 1994) Foto: privat / oepb

Prof. Dr. Erwin Ringel (* 1921, † 1994) Foto: privat / oepb

Prof. Dr. Erwin Ringel wurde am 27. April 1921 als Sohn von Helene und Josef Ringel in Temeswar / Rumänien geboren. Im Jahre 1926 übersiedelte die Familie nach Wien. Auf den Tag genau, vor 25 Jahren, am 28. Juli 1994, verstarb Erwin Ringel in Bad Kleinkirchheim / Kärnten.

Über sein Leben und Wirken

Erwin Ringel war Neurologe und Psychiater. Er studierte Medizin, die Promotion erfolgte 1946. Ringel war unter anderem auch der Begründer der „Internationalen Vereinigung für Selbstmordverhütung (IASP)“.

1954: Leiter der frauenpsychiatrischen Station an der Universitätsklinik Wien, Gründung der ersten psychosomatischen Station Österreichs.

1960: Neu-Gründer und Präsident des Internationalen Vereins für Selbstmordverhütung.

Zuvor hatte der Psychiater und Neurologe 1948 in Wien bereits das weltweit erste Zentrum für Suizidprävention gegründet – zu einer Zeit, in der Menschen nach einem Selbstmordversuch noch geächtet wurden und diesen Patienten keinerlei adäquate Therapie zuteil wurde.

1981: Ordentlicher Professor für medizinische Psychologie.

Prof. Dr. Erwin Ringel war der Verfasser von zahlreichen Publikationen, darunter beispielsweise „Die österreichische Seele“. Privat war er verheiratet und hatte eine Tochter.

Der heranwachsende Erwin Ringel flankiert von seinen Eltern und seiner Großmama. Foto: privat / oepb

Der heranwachsende Erwin Ringel flankiert von seinen Eltern Helene und Josef Ringel und seiner Großmama Wilma. Foto: privat / oepb

“Wie man ja weiß, kann man sich seine Eltern nicht aussuchen. Es ist alles reine Glücksache, wie das Los eines Kindes ausfällt und man weiß ja, wie ein Kind ein tragisches Schicksal treffen kann!“ – So geschrieben von Erwin Ringel in einer seiner biographischen Erzählungen.

Er selbst hatte wohl sehr viel Glück mit seinen Eltern. Mit Recht sagte Heimito von Doderer, „…dass die Kindheit jener im Eimer sei, der uns in den ersten Lebensjahren übergestülpt werde und dann ein Leben lang an uns herunterrine.“

Erwin Ringel erzählte einmal, dass ihn seine Eltern sehr lieb hatten. Die Kindheit war für ihn eine lange bedeutsame Periode seines Lebens und er ist unter sehr glücklichen Bedingungen aufgewachsen. Seine Eltern hatten eine wunderbare Ehe geführt und – was besonders ins Gewicht fällt – ihm sehr viel von ihren Werten mitgegeben. Aber nie in dem Sinne, dass Unselbständigkeit daraus resultierte.

Frühzeitig bemerkte er, dass sein Vater über die Verbindung zwischen Christentum und Politik wenig glücklich war. Oft kam er von den Versammlungen des „Leo Bundes“ (damals katholischer Lehrerverein) nach Hause und meinte, traurig den Kopf schüttelnd, zu seiner Gattin: „Wir sind eigentlich bei einem Verein, zu dem wir im tiefsten Inneren nicht gehören.“
  
Sein Vater war ein tief sozial eingestellter Mensch, und dieser Verein war vorherrschend nur von einer intriganten Atmosphäre geschnürt, wie sie damals in allen politischen Organisationen vorherrschte.Aus diesen zahlreichen sozialen Einstellungen seines Vaters, die noch nachhaltig auf ihn einwirkten, wurde schon damals ein entscheidendes Interesse geweckt, das ihm zu den Begegnungen mit Hans Hoff (österr. Psychiater und Neurologe), Oskar Spiel (österr. Pädagoge und Psychiater) und Alfred Adler (österr. Arzt und Psychologe) welch letzteren Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky zu Recht als den ersten Sozialpsychologen bezeichnete, verholfen hatte.

Erwin Ringel besaß einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn

1939 wurde er als 18-Jähriger kurzzeitig von der Gestapo verhaftet, weil er an einer antinationalsozialistischen Großkundgebung am Wiener Stephansplatz, dem „Rosenkranzfest“, teilgenommen hatte. Später wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, wo er im Lazarett bereits erste medizinische Erfahrungen sammeln konnte. Kurz darauf beleidigte er seinen Vorgesetzten und schimpfte auf Adolf Hitler. Durch den Einsatz befreundeter Ärzte kam er danach nicht nur mit seinem Leben davon, sondern wurde auch aufgrund „psychiatrischer Probleme“ vorzeitig aus der Wehrmacht entlassen. Dem Vernehmen nach weckte dieser Vorfall sein Interesse für sein späteres Spezialgebiet.

Wir sollten Menschen zu ihren Lebzeiten anerkennen und uns ihres Wertes rechtzeitig bewusst werden.“, vertrat Ringel die Ansicht und beschäftigte sich mit den zahlreichen Gründen, die zu einer derartigen Verzweiflungstat wie einem Selbstmordversuch führen können. Aus der Analyse von knapp 750 Fällen formulierte er schließlich das „präsuizidale Syndrom“.

In Österreich ist Erwin Ringel vor allem für sein 1984 erschienenes Werk „Die Österreichische Seele“ bekannt. Ein Bestseller, der dem Arzt einerseits Respekt, andererseits große Anfeindungen einbrachte. Ein „Nestbeschmutzer“ wurde er genannt. Vielen schmeckte offensichtlich nicht, dass Ringel Österreich darin als die „Brutstätte der Neurose“ bezeichnete und der Bevölkerung unterstellte, die Kinder zu „devotem Dienen“ und „vorauseilendem Gehorsam“ zu erziehen. Dabei ging es ihm eigentlich wieder einmal lediglich darum, aufzuzeigen, was hinter Depressionen und der damals hohen Suizidrate Österreichs steckte. „Was kränkt macht krank“, heißt demnach auch eines der Kapitel.

1986: Erwin Ringel erhält das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, sowie das Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um das Land Wien.

Im Jahre 1987 publizierte er sein Buch „Die ersten Jahre entscheiden“, in dem er auf die Wichtigkeit einer liebevollen und guten Erziehung hinweist.
1991 wurde er zum „Bürger der Stadt Wien“ – einer Vorstufe jener vom „Ehrenbürger“ -  ernannt.

Am 28. Juli 1994 verstarb Erwin Ringel in Bad Kleinkirchheim im Bezirk Spittal an der Drau an Herzversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 33 G, Nummer 3) vor.

Der Psychiater hielt leidenschaftliche Plädoyers gegen „neurotische Lebensverunstaltung“. Ringels These, Österreich sei die Brutstätte der Neurosen, spaltete einst das Land.

“Als Arzt habe ich gelernt, nur das ist Erfolg, was auch einem anderen zugute kommt!“, so eines von zahllosen Erwin Ringel-Zitaten.

Der Mann mit der dicken Hornbrille und dem ausgeprägten Faible für Georg Kreisler, aber auch der unerschütterlichen Liebe zur Oper, war keineswegs öffentlichkeitsscheu. Er verstand es das Publikum mit seinen unkonventionellen Auftritten zu fesseln und für sein Arbeitsgebiet zu interessieren.

Quelle: oepb

www.erwinringel.at

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