Hermann Leopoldi – Hersch Kohn / Eine Biographie

Buchcover LeopoldiDer Mandelbaum Verlag wollte lange schon eine Autobiographie über Hermann Leopoldi – der eigentlich Hersch Kohn hieß, die Änderung des Familiennamens in Leopoldi wurde 1911 vollzogen – herausbringen. So traf man mit seinem Sohn Ronald Leopoldi einen echten Befürworter dieser herrlichen Idee, der natürlich sofort bereit war, den Verlag nach bestem Wissen bei diesem wertvollen Vorhaben zu unterstützen. Und so vermachte der Sohn anhand der gesamten Projektplanung zugleich den kompletten Nachlass seines Vaters, der sich in seinem Privatbesitz befand, quasi in einem Aufwaschen der Wienbibliothek im Rathaus.

Es sind auch anhand einer beiliegenden CD die dazu passenden 20 Lieder zur wechselvollen Lebensgeschichte erwähnenswert, welche die Autoren Christoph Lind und Georg Traska nachgezeichnet und in dem hier geschilderten Buch „Hermann Leopoldi – Hersch Kohn / Eine Biographie“ im Mandelbaum-Verlag herausgebracht haben. Die beiden Historiker stützten sich auf die vielen bislang unveröffentlichten Dokumente, die sich in dem Nachlass von Herman Leopoldi befanden, die dessen Sohn Ronald als komplette Schenkung der Wienbibliothek im Jahre 2010 überlassen hat.

Hermann Leopoldi wirbt für den Rundfunk. Bild: Mandelbaumverlag

Hermann Leopoldi wirbt für den Rundfunk. Bild: Mandelbaumverlag

“Schön is so ein Ringelspiel“, „Der Stille Zecher“, „Schnucki, ach Schnucki“, „In einem kleine Café in Hernals“ und „In der Barnabitengasse“ sind wohl die bekanntesten Gassenhauer eines der populärsten Liederkomponisten und Vortragskünstler der Nachkriegszeit: eben Hermann Leopoldi.

Hermann Leopoldi hieß eigentlich Hersch Kohn. Er war in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts einer der meist gefeierten Pianisten, Komponisten und Sänger des Wiener Liedes. Und er war Jude.

Zunächst war er als Bar-Pianist und dann im Ersten Weltkrieg als Klavierhumorist und Kapellmeister im Frontvarieté tätig. Die ersten Lieder, die er sang, waren Übertragungen aus dem amerikanischen Englisch, später arbeitet er mit renommierten Textdichtern wie etwa Peter Herz, Theodor Waldau, Fritz Löhner-Beda, Fritz Rotter und Hans Haller zusammen.

Hermann Leopoldis Lieder dieser Zeit kommentierten politische Skandale, gesellschaftliche Moden und die Medienrevolutionen, an denen er als moderner Schlagerkomponist und Interpret Anteil hatte. Außerdem machten sich er und seine Textdichter durchaus selbstironisch auch über das jüdische Gesellschaftsleben und deren Eigenheiten und Marotten lustig.

Hermann Leopoldi trat auch gemeinsam mit seinem Bruder Ferdinand auf. Das Stück „Moonlight“, eine Komposition für zwei Klaviere, ist auf der inne liegenden CD enthalten. Diese CD enthält darüber hinaus ohnehin zahlreiche weitere Raritäten, die auf den üblichen „Best of Leopoldi“-Aufnahmen wohl kaum zu finden sein werden: der „Buchenwälder Marsch“ beipielsweise, den er im KZ schrieb und „An der schönen roten Donau“ – in Anlehnung an das durch die Sowjet-Armee besetzte Wien der Nachkriegszeit. Auch das Lied „In einem kleine Café in Hernals“ ist da in einer ungewöhnlichen Aufnahme, nämlich auf Englisch mit Helly Möslein, seiner Lebens- und Bühnenpartnerin zu hören.

Betja Milskaja und Hermann Leopoldi aus “Das Organ der Varieté Welt” vom 25. Jänner 1930. Foto: Mandelbaumverlag

Betja Milskaja und Hermann Leopoldi aus “Das Organ der Varieté Welt” vom 25. Jänner 1930. Foto: Mandelbaumverlag

Dazu gehören auch die bislang nur unvollständig veröffentlichten Memoiren von Hermann Leopoldi als ein wichtiges Dokument. Darin schildert er, wie er ab 1938 nach einem missglückten Fluchtversuch in die Tschechoslowakei zu den Geächteten und Verfolgten des Nazi-Regimes gehörte. Auch an die Monate in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald erinnert er: „Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich in gewissem Sinne eigentlich froh, all diese Scheußlichkeiten und Brutalitäten im KZ selbst miterlebt zu haben, denn ich hätte es meinem eigenen Bruder nicht geglaubt, dass Menschen von heute solcher Grausamkeit fähig seien.“ Dies schrieb er im amerikanischen Exil, in das er sich retten konnte. Sein Bruder Ferdinand hingegen schaffte die Flucht nicht und wurde im Gestapo-Gefängnis am Morzinplatz bei den Verhören so lange ge- und verprügelt, bis er schließlich an deren Folgen verstarb.

Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist. Wer dich verließ, kann erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist!“ Zu diesen Zeilen, geschrieben ebenfalls von einem Juden, dem Wiener Fritz Löhner-Beda, komponierte Hermann Leopoldi die Marschmelodie, die sich der SS-Kommandant Koch täglich in Buchenwald vorspielen ließ. „Wir wollen trotzdem Ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei!“

Tatsächlich half ihm seine Popularität und Hermann Leopoldi konnte von seiner ersten Frau Eugenie freigekauft werden. Er verließ mit dem nächsten Schiff Europa in Richtung Amerika. In New York wurde er sofort Teil der Wiener Emigranten-Szene und traf im Café „Alt Wien“ auf frühere Kollegen wie Armin Berg oder den ehemaligen Kapellmeister des Wiener „Moulin Rouge“, Fritz Inwald. 1944 nahm Hermann Leopoldi die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Gemeinsam mit seine zweiten Frau Helly Möslein gelang es ihm, in der Emigranten-Community in den USA eine gewisse Popularität zu erlangen. Er vertonte satirische Texte über die Emigration und sehnsüchtige Heimweh-Lieder. Nach und nach erfuhr er, dass die Freunde, Kollegen und Weggefährten Fritz Löhner-Beda, Fritz Grünbaum, Theodor Waldau und Erwin Spahn in den diversen KZ´s ermordet worden waren.

Dennoch kehrte Hermann Leopoldi im Jahre 1947 aus dem amerikanischen Exil wieder nach Wien zurück. Bei seiner Rückkehr empfing man den großen „Wiener“ jubelnd, als hätte er in den USA nur eine ausgedehnte Tournee gemacht. Vorerst wohnten Leopoldi und seine Frau Helly Möslein im Hotel und behielten vorsichtshalber eine kleine Wohnung in New York. In dem Lied „An der schönen roten Donau“ mokierte er sich über die sowjetische Besatzung und die wunderbare Anpassungsfähigkeit der Wiener und der Österreicher. Dieser Opportunismus war ihm ein Dorn im Auge. Hermann Leopoldi blieb bis zu seinem Tod, am 28. Juni 1959, in Wien. Obwohl er sehr wohl an seine alten Erfolge vor dem Zweiten Weltkrieg wieder anknüpfen konnte, sind ihm doch der ironische Stachel und die jüdische Selbstironie etwas abhanden gekommen. Den Hermann Leopoldi wollten alle wieder zurück haben, den Hersch Kohn jedoch nicht unbedingt.

Der Ur-Wiener Hermann Leopoldi (* 15. August 1888, † 28. Juni 1959) war ein Meister der Populärmusik, der als Klavierhumorist, wie er sich selbst nannte, das Publikum begeistern konnte. Über Witz und Satire hinaus spiegeln sich in seinen Liedern  auch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit. Er schuf seine Lieder in so unterschiedlichen Umgebungen wie den Wiener Kaffeehäusern der 1920er und 30er Jahre, im KZ Buchenwald und im amerikanischen Exil. Sozialisiert in der Tradition der Wiener Volkssänger entwickelte er sein musikalisches Idiom, seine Sprach- und Sprechweise in der Begegnung mit der amerikanischen Jazz- und Tanzmusik weiter und reüssierte in Kabarett und Revue, sowie als Star der neuen Massenmedien Schallplatte und Radio.

www.HermannLeopoldi.at

In diesem Buch wird Hermann Leopoldis Lebensgeschichte entlang seiner Lieder erzählt. Zwanzig historische Aufnahmen sind auf der beiliegenden CD zu hören. Viele davon wurden erstmals seit den 1920er Jahren wieder aufgelegt.

Hermann Leopoldi – Hersch Kohn / Eine Biographie
von Georg Traska und Christoph Lind
288 Seiten, gebunden, Halbleinen
zum Preis von: € 24,90 (Österreich), CHF 35,50 (Schweiz)
ISBN: 978-3-85476-383-3
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Bitte beachten Sie auch diese Rezensionen aus dem Mandelbaum Verlag bei uns:

Buchenwälder Marsch
Musik: Hermann Leopoldi, Text: Fritz Löhner-Beda (1938)

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