Hauszustellung 1970er Jahre / Feinkost Hartl in Linz

Blick auf die einstige Greißlerei Hartl - die im kompletten Erdgeschoß untergebracht war - am Linzer Froschberg. Foto: oepb

Blick auf die einstige Greißlerei Hartl – die im kompletten Erdgeschoß untergebracht war – am Linzer Froschberg. Foto: oepb

Linz an der Donau, im Sommer 1945: Die oberösterreichische Landeshauptstadt lag nach 22 Luftangriffen durch die Alliierten mit teilweise verheerenden Folgen in Schutt und in Trümmern. Die Russen und die Amerikaner machten Linz zur Geteilten Stadt“, wobei die Nibelungenbrücke über die Donau Niemandsland war. In Linz „herüben“ residierten die „Amis“ und in Urfahr „drüben“ die Sowjet-Russen. Der Zweite Weltkrieg war beendet und die Bevölkerung hatte nichts. So blühte eben auch der „Schleich“, wie man beispielsweise in Wien den Schwarzmarkt bezeichnete. Tauschen, Betteln, Hamstern – all das prägte das tägliche Bild der Stadt. Die Menschen besaßen wenig und tauschten, um über die Runden zu kommen.

Von Bekleidung, Alkohol, Zigaretten, Schmuck, Holz, bis hin zu Essbarem wie Eiern, Butter, Brot, Speck und dergleichen wechselte munter unter der Hand den Besitzer. Die Strafen für den Schleichhandel, die das Überwachungsamt bei Erwischen verhängte, waren jedoch drakonisch. Gefürchtet waren auch die Koffer-Kontrollen am Linzer Hauptbahnhof nach der Rückkehr von sogenannten „Hamster-Fahrten“ aufs Land. Erst 1949 war die Bedeutung des Schwarzmarktes derart abgeebbt, dass das Überwachungsamt aufgelöst wurde.

Zuletzt befand sich darin eine Bankfiliale, die jedoch auch vor einiger Zeit wieder aufgelassen wurde. Foto: oepb

Zuletzt befand sich darin eine Bankfiliale, die jedoch auch vor einiger Zeit wieder aufgelassen wurde. Foto: oepb

Am Weg zur Konsumgesellschaft

Die Inflation und der Kaufkraftverlust hatten den privaten Konsum jahrelang auf einem sehr niedrigen Level gehalten. Erst ab den beginnenden 1950er Jahren und der gleichzeitigen Wieder-Eröffnung namhafter Kaufhäuser, die teilweise bereits vor dem Krieg existiert hatten, setzte hier ein Umkehrschwung ein. Neben einiger „Großer“, wie beispielsweise das Kaufhaus „Kraus & Schober“, das Kaufhaus der „Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine / kurz GÖC“, das nach dem Krieg gegründete „KA-DE-EL – stand für „Kaufhaus der Linzer“1963 kam das “Passage Kaufhaus / Ein Haus der Gerngross-Gruppe“ hinzu und das “Donau-Kaufhaus”, machten sich auch einige kleinere „Krämerläden“ daran, mit ihren Waren für den täglichen Bedarf die Bevölkerung im näheren Umkreis zu versorgen. Diese Greißler sprießten sprichwörtlich wie Schwammerln aus dem Boden und jeder Stadtteil verfügte über zahlreiche solcher kleiner Einkaufsläden.

Feinkost Hartl

So gab es auch am Linzer Froschberg ein ähnlich gelagertes Geschäft namens „Greißlerei & Feinkost Hartl“ mit dem Sitz in der Johann Sebastian-Bach-Straße / Ecke Georg Friedrich Händel-Straße. Die Straßennamen am Froschberg in Linz erinnern nicht nur an große und namhafte Musikschaffende längst vergangener Zeiten, der Stadtteil diente den Eisenbahnern. Die Mitarbeiter der ÖBB bewohnten dort kleine EBS-Wohnungen oder sogar Reihenhäuser. Mit dem Bau des Linzer Stadions auf der Gugl im Jahre 1952 war freilich die Idylle ein wenig dahin, dennoch behielt sich jener Teil von Linz ein gewisses Vorstadt-Flair. Um die zahlreichen Bewohner im näheren Umkreis zu versorgen, dafür sorgte viele Jahre – um nicht zu sagen Jahrzehnte – die Greißlerei Hartl. Das Geschäft bot am Vorplatz gerade einmal Platz für zwei PKWs. Das war aber auch nicht weiter tragisch, denn die meisten Konsumenten und Endverbraucher kamen ohnehin zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Auch die tägliche Mittagspause zwischen 12 und 15 Uhr störte nicht weiter, da das Geschäft ohnehin täglich um 06.30 Uhr seine Pforten geöffnet hatte.

Über diese heue unscheinbare Stiege schnitt man in früheren Jahren den Weg in Richtung Eingang ab, wenn man aus der anderen Richtung kam. Foto: oepb

Über diese heue unscheinbare Stiege schnitt man in früheren Jahren den Weg in Richtung Eingang ab, wenn man aus der anderen Richtung kam. Foto: oepb

Beim Betreten des Ladens bimmelte oberhalb der Eingangstür eine Glocke. Rechts gelangte man, ausgestattet mit einem kleinen Gitter-Korb oder Einkaufswagen, vorbei an den Gütern wie Brot, Backwaren und anderes zur Ernährungsaufnahme direkt zur Fleisch- und Wurstbank. Dort agierten nette Verkäuferinnen, die neben der Wurstsemmel für die Schule auch schon einmal den Damen mit Rat und Tat zur Seite standen, wenn man nicht genau wusste, mit welchem passenden Fleisch man am Wochenende die Familie verwöhnen wollte. Nach der 180-Grad-Drehung samt Einkaufswagerl ging es zurück, man hielt sich allerdings rechts, denn ein kleiner Gang führte in Richtung Waschmittel, Baby-Utensilien, Toilettenartikel und ähnlichem. Genau vis-a-vis der Wurstbank lag die Obst- und Gemüse-Etagere. Dort lächelten die herrlichsten Früchte, der jeweiligen Jahreszeit angepasst versteht sich, und harrten dem Konsumenten.

Am Weg wieder zurück – nach einem Rundlauf gegen den Uhrzeigersinn im gesamten Geschäft – parkte man an der einzigen Kasse ein. Dort führte die Frau Hartl – die viele Preise auswendig im Kopf hatte – das Regiment, wenngleich dies nun nicht negativ gemeint sein soll. Man kannte sich, wusste quasi von jedem Kunden alles und gab auch schon einmal wertvolle Tipps, sollte irgendwo der Schuh gedrückt haben. Frau Hartl – ob das Ehepaar selbst Kinder hatte, vermag man hier nicht mehr zu sagen – war überaus kinderlieb. Neben der Nachfrage, wie es denn in der Schule laufen würde, gab es bei jedem Besuch und nach jedem Einkauf ein kleines „Milka-Naps“ oder einen Schlecker für die jungen Kunden von morgen direkt von der Chefin zugesteckt.

Das Dienstfahrzeug des Unternehmer-Paars Hartl. Foto: privat

Das Dienstfahrzeug des Unternehmer-Paares Hartl. Foto: privat

Ihn, den Herrn Hartl, sah man selten. Falls aber doch, dann sauste er in einen blauen Arbeitsmantel gewickelt aus einem dunklen schmalen Gang heraus direkt in das Geschäft. Am Ende dieses Gangs lag sein Büro. Dort war den Kunden normalerweise der Zutritt verwehrt. Ab und an jedoch durfte man sehr wohl in seinem Büro Platz nehmen und als Kind war es ein Hochinteressantes gewesen, zu lauschen, was denn da von den Erwachsenen besprochen wurde.

Nun, Herr Hartl machte Hauszustellungen. Bereits damals schon. In den 1970er Jahren. Er übernahm die zu treuen Händen übergebene Bestellung eines Haushaltes und führte die Abarbeitung des Einkaufszettels gewissenhaft durch. Gerade für ältere oder gebrechliche Konsumenten war dies ein echter „Dienst am Kunden“ gewesen. Oder aber auch für Leute und Familien, die über keinen fahrbaren Untersatz verfügten. Dies war gerade dann sehr vorteilhaft, wenn sich die Familie zu den Feiertagen aus allen Himmelsrichtungen zusammenfand und auch Besuch aus dem Ausland erwartet wurde. Es war für den Klein-Unternehmer Hartl geradezu Verpflichtung und Selbstverständlichkeit, seinen grünen OPEL-Rekord-Kombi mit all den bestellten Köstlichkeiten seines Geschäftes zu beladen und diese Bestellung rechtzeitig und ohne vergessene Ware zuzustellen. Und wenn die Familie auch noch Kinder besaß, hatte er immer in seiner Manteltasche kleine Gutserln für die jungen Kunden parat, stets mit dem Ausspruch auf den Lippen, Grüße von seiner Frau auszurichten und dass man doch in der Schule anständig lernen sollte.

Am anderen Ende der Händel-Straße in Linz befand sich das sogenannte Eck-Geschäft, ebenso ein Greißlerei-Betrieb. Der Eingang war mittig, rechts befand sich die Fleisch-Abteilung, links konnte man den "Rest" käuflich erwerben. Das Mäuerl vor dem Haus erinnert noch an die 1970er Jahre, der Rest ist neu, privat und unscheinbar geworden. Foto: oepb

Am anderen Ende der Händel-Straße in Linz befand sich das sogenannte Eck-Geschäft, ebenso ein Greißlerei-Betrieb. Der Eingang war mittig, rechts befand sich die Fleisch-Abteilung, links konnte man den “Rest” käuflich erwerben. Das Mäuerl vor dem Haus erinnert noch an die 1970er Jahre, der
Rest ist neu, privat und unscheinbar geworden. Foto: oepb

Wenn heute ein riesengroßer österreichischer Supermarkt mit den 5 gelben Buchstaben auf rotem Grund nachhaltig dafür wirbt, Österreichweit eine Hauszustellung anzubieten, dann kann man dem erwidern, dass der heute kaum mehr bekannte und nicht mehr existente Feinkosthändler Hartl aus Linz-Froschberg dies bereits vor über 40 Jahren getan hatte. In kleinerem Rahmen zwar, aber nichts desto trotz emsig, rasch und zuverlässig.

Mitte der 1980er Jahre ging das Unternehmer-Paar Hartl in Pension. Was aus ihnen geworden ist, vermag man hier nicht mehr festzustellen. Für die Kunden jedoch stets da gewesen zu sein und auch schon einmal ein bisserl mehr getan zu haben als nötig, das zeichnete diese Wirtschaftstreibenden aus. Gemeinsam baute diese Generation Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Es lief kaum jemand davon oder flüchtete in ein anderes Land. Mit Willenskraft und Stärke ging man her und erstand förmlich wieder aus Ruinen. Ein wertvoller Umstand, der leider mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

www.linz.at

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