Zum 80. Geburtstag / Götz George – mehr als nur Schimanski

Götz George am filmischen Höhepunkt seiner Schaffenskraft - in der Rolle des Tatort-Kommissars Horst Schimanski.

Götz George am filmischen Höhepunkt seiner Schaffenskraft – in der Rolle des Tatort-Kommissars Horst Schimanski.

Am heutigen 23. Juli 2018 wäre der deutsche Ausnahme-Schauspieler und Charakter-Darsteller Götz George 80 Jahre alt. Wäre – denn vor zwei Jahren, am 19. Juni 2016, verstarb der Sohn des Schauspieler Ehepaares Berta Drews und Heinrich George. 

Lesen Sie hier einen Nachruf aus dem Jahre 2016 auf den Schauspieler, der sich auch in Österreich großer Beliebtheit erfreute.

Wie erst gestern durchsickerte, verstarb der große Deutsche Schauspieler Götz George bereits am 19. Juni 2016 knapp 78jährig in Hamburg. Es war der “Letzte Wille“ des Schauspiel-Stars im engsten Kreise seiner Familie beigesetzt zu werden. Diesem Wunsch wurde entsprochen.

In den letzten Jahren wurde es ruhig um Götz George. Der Schauspieler, der auf der Bühne oder aber vor der Kamera stets präsent war und für sein Publikum alles gab, lebte zurückgezogen und gab anhand eines Interviews preis, dass er ohnehin nicht mehr in die heutige Zeit gehöre. Dazu Götz George im Original-Ton: „Ich will mich gar nicht mehr einklinken. Ich bin verdammt noch mal alt, aber ich habe nie versucht, mich anzupassen. Und Handy besitze ich ohnehin keines. Und dadurch bin ich stärker und unabhängiger geworden. Ich habe auch keinen Laptop, vor dem ich sitze. Deswegen wurde mein Hintern auch nicht so breit. Wenn ich durch die Straßen laufe, bei den Fenstern hineinsehe und darin all die Leute am Computer sehe … schrecklich!“

Götz George kam am 23. Juli 1938 in Berlin als zweites Kind von Schauspiel-Ehepaar Berta Drews und Heinrich George (vormals Georg August Friedrich Hermann Schulz) zur Welt. Sein um sieben Jahre älterer Bruder Jan wurde später Fotograf und Dokumentar-Filmer. Der kleine Götz, der den Vornamen in Anlehnung an die Paraderolle des Vaters „Der Götz von Berlichingen“ erhielt, eiferte stets seinem „Alten“ nach und wollte wie dieser ein berühmter Schauspieler werden.

In "Zweierlei Blut" von 1984 schlich sich Horst Schimanski in einen MSV-Fanklub ein. Die kamen ihm auf die Schliche, verprügelten ihn und verfrachteten "den Bullen" splitternackt ins Duisburger Wedaustadion. In einer Hauptrolle ist übrigens auch Dietmar Bär zu sehen, der nun für den WDR am Tatort Köln ermittelt.

Faksimile: In “Zweierlei Blut” von 1984 schlich sich Horst Schimanski in einen MSV Duisburg-Fanklub ein. Die kamen ihm auf die Schliche, verprügelten ihn und verfrachteten “den Bullen” splitternackt ins Duisburger Wedaustadion. In einer Hauptrolle ist übrigens auch Dietmar Bär zu sehen, der nun für den WDR am Tatort Köln ermittelt.

Bloß, der Vater war nie da. Beide Söhne wuchsen bei der Mutter auf, der Vater drehte pausenlos irgendwo und schauspielerte allerorten. Berta Drews, die ihresgleichen selbst eine großartige Schauspiel-Künstlerin war, opferte quasi ihre noch junge Karriere für die Familie und die beiden Söhne. Götz sollte Jahrzehnte später einmal in einem Interview erzählen, dass er seiner Mutter überaus dankbar sei, dass sie damals ihre noch so junge Laufbahn an den Nagel gehängt hatte, um sich voll und ganz Jan und ihm widmen zu können.

Berta Drews über ihren Gatten Heinrich George: „Die Krönung seines Lebens sollte der König Lear werden. Diese gewaltigste aller Väterrollen will er zu seinem 50. Geburtstag am 9. Oktober 1943 spielen. Alles geht gut voran. Ich sollte eine der schlimmen Töchter sein. Da heulen in einer warmen Septembernacht die Sirenen. Diesmal schrillt das Telefon unmittelbar nach dem Einflug: Brandbomben im Schiller-Theater! Der Traum von König Lear ist unter den Trümmern begraben.“

Der Zweite Weltkrieg war vorüber, Deutschland und die Reichshauptstadt Berlin lag in Schutt und Asche. Heinrich George wurde von der Sowjet-Armee festgenommen, und wieder entlassen, um erneut festgenommen zu werden. Man warf ihm vor, mit der NSDAP-Propaganda-Maschinerie kooperiert zu haben. Im genauen Wortlaut hieß es: „Der Häftling sei einer der angesehensten faschistischen Künstler, der durch seine profaschistischen Agitationen in Rundfunk und Zeitung zur Fortsetzung des Krieges beitrug.“ Es gelang Heinrich George nicht, diese Anschuldigungen aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil, er schien sehr bald mit sich und der Welt abgeschlossen zu haben. Gattin Berta Drews berichtete später ihren Söhnen: ihr Vater solle gesagt haben, dass man ihn erschießen solle. Sie können ihm alles nehmen, ihn hungern lassen und demütigen. Sollten sie ihm aber verbieten, weiter zu spielen, dann sterbe er.

Für den Kinofilm ZABOU von 1987 nahm Klaus Lage gemeinsam mit Joe Cocker die Filmmusik auf. Götz George und der Ende 2014 verstorbene Engländer Cocker verstanden sich auf Anhieb prächtig. Foto: oepb

Für den Kinofilm ZABOU von 1987 nahm Klaus Lage gemeinsam mit Joe Cocker die Filmmusik auf. Götz George und der Ende 2014 verstorbene Brite Joe Cocker verstanden sich auf Anhieb prächtig. Foto: oepb

Das schmucke Haus und traute Heim der Familie im Stadtteil Zehlendorf am Wannsee wurde beschlagnahmt. Amerikanische Offiziere bezogen dort Stellung. Die junge Mutter mit den beiden Söhnen stand auf der Straße. Durch Geschick und Glück gelang es ihr, in eine zugige Zwei-Zimmer-Wohnung in der Hohenzollernstraße 22 zu ziehen. Am 9. August 1945 schrieb sie ihrem Gatten: „Mein lieber Mann, – eben habe ich den Kohl aufs Feuer gesetzt und nun will ich versuchen zu schreiben! – So sieht mein Leben jetzt aus: 2 Zimmer, keine Hilfe und viele quälende Gedanken. Das Leben ist jämmerlich arm und prosaisch.“

Hilfe von ihrem Gatten gab es keine mehr. Dieser wurde in das sowjetische Speziallager Nr. 7 nach Sachsenhausen überstellt. Selbst dort hatte er vor den Wachmannschaften und den Inhaftierten weiter dem Schauspiel gefrönt, ehe er krank wurde, massiv an Gewichtsverlust litt und bei weitem nicht mehr der massive Mann war, als der er bekannt und berühmt wurde. Der große und stattliche Heinrich George verstarb am 25. September 1946 abgemagert und ausgemergelt in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

 

Auch wenn sich Götz George nicht einzig und allein auf die Rolle des Horst Schimanski festnageln lassen wollte, es war dies die Figur seines Lebens. Neben zwei Kinofilmen wurde auch "Das große Schimanski Buch" anno 1988 im BASTEI LÜBBE Verlag aufgelegt.

 Auch wenn sich Götz George nicht einzig und allein auf die Rolle des Horst Schimanski festnageln lassen wollte, sie war die Figur seines Lebens. Neben zwei Kinofilmen wurde auch “Das große Schimanski Buch” anno 1988 im BASTEI LÜBBE Verlag aufgelegt. Sammlung: oepb

Die Witwe samt den beiden Kindern war nun noch mehr auf sich alleine gestellt. „Vater steht immer hinter Euch!“ – so appellierte sie an die Buben Jan und Götz, als die wieder einmal, wie so oft, ihren irdischen Vater vermissten.

Und unter dem großen Vorbild „Heinrich George“ startete nun Götz George seine Schauspiel-Laufbahn. Bereits als 12jähriger stand er 1950 auf einer Berliner Theaterbühne, sein Debüt beim Film erfolgte 1953. Bei Else Bongers im UFA-Nachwuchsstudio absolvierte er in Windeseile seine Schauspielausbildung und schloss sich ab 1959 dem Deutschen Theater von Heinz Hilpert in Göttingen an. Er spielte sowohl in Unterhaltungsfilmen, als auch in anspruchsvollen Literaturverfilmungen. 1959, nur 21jährig, erhielt er für die Rolle als törichter Boxer in „Jacqueline“ den Bundesfilmpreis. Später folgten einige „körperbetone Cowboy“-Rollen in Karl May-Verfilmungen. Götz George war universell einsetzbar – einmal ein romantischer Held, dann auch wieder ein harter Hund und Draufgänger. Als eben solcher sollte er später, mit 43 Jahren, seinen absoluten Durchbruch erzielen.

Als rauer und stets am schmalen Grat zwischen Zucht, Ordnung, aber auch Gesetzesbruch lustwandelnden Ruhrpott-Bullen „Horst Schimanski“ erlebte er ab 1981 seinen Schauspiel-Höhepunkt für die „Tatort“-Verfilmungen beim WDR. „Duisburg Ruhrort“ war sein erster Fall, die Ausstrahlung erfolgte am 28. Juni 1981. Das deutsche Fernsehen und damit auch die ARD schuf eine Figur, die abseits der bisherigen Ermittler-Methoden lag. Der Kumpel mit der grauen Parker, seinem Markenzeichen, das später zur sprichwörtlichen „Schimanski-Jacke“ avancieren sollte, fühlte sich am Parkett der türkischen Ausländer, der Stahlarbeiter, der Rocker und der „einfachen Leute“ sehr viel wohler, als am glatten Eis der Obrigkeit.

Und 1989 erschien in der HEYNE Filmbibliothek jenes Taschenbuch mit dem Titel: Götz George / Seine Filme - sein Leben.

Und 1989 erschien in der HEYNE Filmbibliothek jenes Taschenbuch mit dem Titel: Götz George / Seine Filme – sein Leben. Sammlung: oepb

Man erzählt sich heute noch im Ruhrgebiet, dass Götz George nach Abschluss der Dreharbeiten zu einem neuen Schimanski-Fall zu den Stahlarbeitern ging, mit ihnen plauderte und auch in die Streikkasse einzahlte. Im Fall „Der Pott“ wurde das Thema der streikenden Thyssen-Arbeiter in Duisburg auch verfilmt. Apropos Ruhrgebiet: die Figur Horst Schimanski verkörperte die Bewohner des „Reviers“ wie kein Zweiter. Ehrlich, treu, die Vorfahren aus Polen eingewandert, und auch ein bisserl einfach – so machte Götz George die Bewohner Duisburgs weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannt und beliebt. Und noch eine Phalanx durchbrach er mit Bravour – er fluchte in seiner Rolle wie ein Besenbinder. Das Wort „Sch….“ kam in seinen Fällen sehr oft vor und wurde von ihm im Deutschsprachen Fernseh-Raum damit salonfähig gesprochen. Was heutzutage in Film und Fernsehen gang und gäbe ist, war damals, in den 1980er Jahren ungeeignet, verpönt und nicht erwünscht.

Seine Schimanski-Popularität war Mitte der 1980er Jahre dermaßen ausgeprägt, dass die Rolle auch für das Kino verfilmt wurde. „Zahn und Zahn“ 1985 war so ein Streifen, ebenso ZABOU im Jahre 1987.

1991, in „Der Fall Schimanski“ stand ihm das Wasser bis zum Hals und er kämpfte wie ein Löwe bis zum Schluss um seine Reputation. Götz George hatte von der Rolle Horst Schimanski genug und quittierte den Dienst. „Wenn dich die Leute auf der Straße mit dem Filmrollen-Namen ansprechen, weil sie deinen echten gar nicht mehr kenn, dann ist es Zeit, Schluss zu machen!, so lautete sein Credo. Anhand der „Bonnie Tyler“-Klänge „Against the Wind“ konnte er noch einmal sein ganzes Ruhrpott-Bullen-Repertoire ausleben. Er segelte mit einem Drachenflieger über Duisburg, winkte unten auf der Stadt-Autobahn seinen Rocker-Kumpels zu und fluchte wie kein Zweiter, als ihm die Schlote der Duisburger Schwerindustrie den Rauch in die Nase bliesen.

Im Jahre 2008 verfasste Torsten Körner jene Götz George / Mit dem leben gespielt-Biografie, die George zu dem Zitat veranlassten: "Der Autor Torsten Körner weiß viel mehr über mich als ich selbst. Er gibt mir ein neues Leben."

Im Jahre 2008 verfasste Torsten Körner jene Götz George / Mit dem Leben gespielt-Biografie, die George zu dem Zitat veranlassten: “Der Autor Torsten Körner weiß viel mehr über mich als ich selbst. Er gibt mir ein neues Leben.” Sammlung: oepb

Ein paar Jahre später kehrte er zurück. (Bitte beachten Sie auch dazu diese DVD-Box) 1997 wurde Götz George rückfällig und verkörperte wieder die Rolle des Horst Schimanski. Doch diesmal nicht in der von ihm ungeliebten Rolle als „Sesselfurz“ im Duisburger Polizei-Präsidium, sondern als abgehalfterter Polizist, der mit einem alten, rostigen Kahn aus Belgien kommend den Rhein und die Ruhr entlang schipperte. Und so nebenbei quasi inkognito der Duisburger Polizei zur Hand ging, auch, wenn er das eigentlich gar nicht wollte.

Es ist allerdings auch unfair, Götz George einzig und allein auf die Rolle des Horst Schimanski zu manifestieren. Zu groß war sein schauspielerisches Talent, welches er von seinen beiden Eltern vererbt bekam. Götz George brillierte bereits in den 1970er Jahren als KZ-Lagerkommandant Franz Lang. Später in der Rolle des Massenmörders Fritz Haarmann in „Der Totmacher“ zog er sein Publikum ebenso in den Bann, wie im Film „Nichts als die Wahrheit“, als er den berüchtigen KZ-Auschwitz-Arzt Josef Mengele verkörperte.

Es folgten natürlich auch lustige Rollen wie in „Rossini“ oder „Schtonk“. Auch im Dreiteiler „Das Schwein – eine deutsche Karriere“ brillierte er als Stefan Stolze, der ohne Rücksicht auf Verluste unaufhaltsam seinen Weg ging und es so zu Ruhm und Anerkennung brachte.

Wie bereits erwähnt, Götz George war schier überall einsetzbar und er lebte seine Rollen mit jeder Faser seines Körpers. Er blieb allerdings auch, wie er einmal über sich selbst sagen sollte, stets ein Getriebener. Jemand, der nach väterlicher Anerkennung lechzte und der den Tadel, aber auch das Lob des „Über-Vaters“ suchte, und ihn nie bekam. Nun, auch wenn beides ausgeblieben ist, so hat Götz George unzählige Rollen, Filme und von ihm herrlich verkörperte Charaktere hinterlassen, die ihn im Deutschsprachigen Kino und Fernsehen unvergessen machen werden. Er konnte seinem Vater sehr wohl die Hand reichen, auch, wenn er dies zu Lebzeiten wohl nie geglaubt hätte.

„Menschenskind Schimmi – leb wohl, wir werden Dich vermissen!“

 

 

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