Gisela Cissy Kraner / Zum 100. Geburtstag

Gisela Cissy Kraner AutogrammkarteMit ihrem Gatten – dem unvergesslichen Hugo Wiener – war sie nicht nur 50 Jahre lang verheiratet, sie schrieb und betrieb mit ihm gemeinsam im Duett österreichische Kabarettgeschichte. Er am Klavier, sie mit ihrem Sprech-Gesang. Am 13. Jänner wäre Gisela Kraner 100 Jahre alt gewesen. Anlass genug, um an eine große „Volkssängerin im besten Sinne“ – so ein Hans Weigel-Zitat – zu erinnern.

Künstlerisches Leben

Gisela Kraner wurde am 13. Jänner 1918 in Wien geboren. Ab dem 16. Lebensjahr begann sie, Gesang, Schauspiel und Tanz am Konservatorium ihrer Heimatstadt Wien zu studieren. Ihr erstes Engagement erhielt sie bei einer Kleinkunstbühne. Kaum 20-jährig, im Juni 1938, nur wenige Monate nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, wanderte sie nach Südamerika aus. Zuerst mit einer Revuebühne nach Bogota / Kolumbien, später nach Caracas / Venezuela, um bei einer dortigen Wiener Revue aufzutreten. Bereits in dieser Zeit lernte sie den Kabarettisten Hugo Wiener kennen, die Eheschließung erfolgte 1943. Gemeinsam betrieben die beiden eine kleine Exilanten-Bar. Kraner erhielt zwar die Einberufung zum „Reichsarbeitsdienst“ in Deutschland, sie blieb jedoch bei ihrem jüdischen Gatten im Exil.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach zahlreichen, auch künstlerischen Reisen innerhalb Südamerikas, kehrte das Paar 1948 in die alte Heimat Österreich zurück. In den Jahren bis 1965 war das Wiener Kabarett Simpl Cissy Kraners und Hugo Wieners Stammbühne. Ihr Ehemann, dessen Chansons sie mit ihrer wahrlich einzigartigen Interpretation und ihrer markanten Stimme salonfähig und berühmt machte, begleitete sie stets am Klavier. Es folgten Tourneen und Engagements nach Berlin, Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Köln, München und Stuttgart, sowie nach Israel und in die Schweiz. Nebenbei trat die Wiener Künstlerin auch im deutschsprachigen Fernsehen auf, wirkte in zahlreichen Filmen mit und spielte etliche Schallplatten ein.

„Aber der Hugo ließ mich nicht verkommen!“ – Unter diesem Titel setzte Cissy Kraner 1994 – ein Jahr nach seinem Tod – anhand ihrer Erinnerungen ihrem „Lebensmenschen“ Hugo Wiener ein Denkmal. „Er war ein ruhiger und besonnener Mensch, aber auch ein Pessimist, ich hingehend optimistisch, aufbrausend und oftmals ein Wirbelwind. Genau das passte, wir ergänzten uns prima, weil wir so verschieden waren.“, so Cissy Kraner. Und auch die Geschichte, wie es zum „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ kam, ist erzählenswert. Das Ehepaar Kraner/Wiener urlaubte in Pörtschach am Wörthersee. Dort lernten sie ein junges Ehepaar mit dem Namen Novak kennen. Die Gattin erzählte stets, dass sie „dem“ Novak soviel zu verdanken hat, dass „er – der Novak“ stets um sie bemüht sei, ihr alles abnimmt und sie sich genauso genommen um rein gar nichts selbst kümmern müsse … Dies war der Brückenschlag zur zündenden Idee des wohl bekanntesten Chansons der beiden.

Aber auch „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, oder „Ich kann den Nowotny nicht leiden“, sowie „Der Vamp aus Favoriten“ avancierten zu Ohrwürmern und wurden so zum festen Bestandteil der Wiener Kabarettkultur – immer wieder herrlich feilgeboten von Cissy Kraner, immer wieder begleitet am Klavier von Gatten und Lebensmenschen Hugo Wiener. Nach Hugo Wieners Tod im Jahre 1993 begleitete sie und ihre Chansons der ebenso unvergleichliche Herbert Prikopa am Klavier.

„Cissy Kraner habe sehr bald schon begriffen, dass zwischen ,nicht sehr laut´ und ,leise´ eine ganze Welt liegen kann.“, sowie „Chanson geschieht aus ihr!“ – so weitere Zitate des bekannten Theaterkritikers Hans Weigel über diese einzigartige Sängerin und Interpretin.

Cissy Kraner und Hugo Wiener wie man sie jahrzehntelang kannte und liebte. Hier anhand einer Aufzeichnung im K & K Theater am Naschmarkt im Jahre 1991. Foto: ORF

Cissy Kraner und Hugo Wiener wie man sie jahrzehntelang kannte und liebte. Hier anhand einer Aufzeichnung im K & K Theater am Naschmarkt im Jahre 1991. Foto: ORF

Lebensabend

„Dem Hugo habe ich es zu verdanken, dass ich schon als Junge die Alten und die Komischen gespielt habe. Da war das tatsächliche Altern dann nicht so schlimm!“, so Cissy Kraner rückblickend auf ihre Laufbahn. 10 Jahre verbrachte sie im Künstlerheim Baden. Als sie knapp 90-jährig einen Küchenunfall hatte, sagte eine innere Stimme zu ihr, dass es nun an der Zeit wäre, aufzuhören. Bis dahin trat sie immer wieder vor ihr Publikum und wusste dieses zu begeistern. Im Laufe ihrer langen Karriere waren es über 15.000 Auftritte. Am 1. Februar 2012 hieß es in einem kurzen Statement aus dem Hilde-Wagener-Künstlerheim, dass Cissy Kraner 94-jährig „sanft entschlafen“ ist.

„Cissy Kraner war Zeit ihres Lebens eine Stimme der Vernunft, die gegen Absurditäten ankämpfte. Sie verstand es, die Mittel der Kunst auf subversive und dennoch direkte Weise einzusetzen, um gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Mit Cissy Kraner verlieren wir die Grande Dame des österreichischen Musikkabaretts und eine der wenigen großen Komikerinnen unseres Landes.“, zollte ihr Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny Respekt und Anerkennung.

In der Tat – Cissy Kraner war eine jener großer österreichischen Künstler-Persönlichkeiten, mit denen ganze Generationen aufgewachsen sind, ohne dass sie je zur harmlosen Galionsfigur der Republik getaugt hätte. An der Seite von Hugo Wiener sezierte sie mit einschneidender Stimme und lebendiger Aura die Volksseele und unterhielt immer wieder und anhaltend die lachwillige Zuschauerschaft.

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