Gerald & Erwin Fuchsbichler / Die Torhüter-Brüder

Der heute 67-jährige Erwin Fuchsbichler beim Interview-Termin in Linz-Urfahr. Foto: oepb

Der heute 67-jährige Erwin Fuchsbichler beim Interview-Termin in Linz-Urfahr. Foto: oepb

Es gab ja bereits viele Brüder-Paare, sowie Gebrüder-Trios in der Österreichischen Fußball-Bundesliga, die allesamt Karriere gemacht hatten. Alsda wären: Die Robert und Alfred – genannt auch – Körner Buam“, Josef und Leopold Stroh, Ernst und Erich Stojaspal, die Brüder Erich und Norbert Hof, Friedl und Peter Koncilia, die Kurt und Wolfgang Nagl-Brüder“, Bruno und Ralph Pezzey, die beiden Andreas und Ernst „Ogris“, aber auch ganze Dynastien wie beispielsweise die Gebrüder Gerhard, Walter und Günter Stöffelbauer, oder aber auch die Familie Walter, Wolfgang und Erich Knaller, um hier nur einige zu nennen. Die Namensliste ließe sich beileibe fortsetzen.

Was bei näherer Betrachtungsweise überaus interessant erscheint, ist die Tatsache, dass es sich bei den hier Genannten stets entweder um reine Feldspieler – bei den Familien Koncilia, Pezzey und Knaller um Feldspieler und Torhüter handelte – zwei Brüder, beide in der Position eines Torwartes agierend, sind jedoch sehr selten – genau genommen nie – anzutreffen. Auf die beiden Gerald und Erwin „Fuchsis“ traf dies jedoch zu. Grund genug also, den jüngeren der beiden, Erwin Fuchsbichler, zu einem Gespräch zu laden. Dieser ließ sich auch nicht lange bitten und man traf sich an einem sommerlichen Juni-Tag in einem schattigen Schanigarten im Linzer Stadtteil Urfahr zu einem launigen Gespräch.

Erwin gehörte, ebenso wie sein älterer Bruder Gerald Fuchsbichler, noch jener Gattung Fußballspieler an, die in einer Zeit (1960er bis 1980er Jahre) aktiv waren, in der es beim Fußballsport komplett anders ablief als heutzutage. Da wurde Kameradschaft, Zusammenhalt aber auch eine gehörige Portion Spaß und Schmäh wahrlich groß geschrieben. Auch die Löhne und Gehälter damals hatten noch nicht jene utopische Höhe erreicht, wie dies in der heutigen Zeit der Fall ist. Und so kam man auch gleich auf seine, respektive auch auf die Karriere von Gerald Fuchsbichler († 23. Februar 1995) zu sprechen.

Da wir uns seit Jahrzehnten kennen, wurde das Interview in der persönlicheren „Du-Form“ geführt.

Erwin Fuchsbichler: Den Gerald (gelernter Installateur) und mich, uns trennten 9 Jahre. Er war nicht nur mein größerer Bruder – Werner (* 1940), der älteste von uns dreien spielte nicht Fußball – er war auch mein Vorbild, der mich zum Kapfenberger SV mitnahm. Damals begann ich im Feld, der Gerald stand immer schon im Tor.

oepb: Du warst einst Feldspieler? Das ist mir neu. Na ja, Deine Körpergröße war geradezu wohl auch für die Position eines Stürmers dazu angetan, oder?

E.F.: Wo denkst Du hin, ich war einer der Kleinsten in meiner Jugendzeit.

Zeitungs-Faksimile von 1970. Sammlung: Fuchsbichler

Zeitungs-Faksimile von 1970. Sammlung: Fuchsbichler

oepb-Anmerkung: Dies klingt heutzutage schier unglaublich, denn wenn man dem über 1,90 Meter großen „Fuchsi“ so gegenübersteht, dann sieht man frei nach Curd Jürgens einen normannischen Kleiderschrank fröhlich lächelnd als sein vis-á-vis, der in über 350 Bundesligaspielen als wahrer Hüne im Tor agierend stets den gegnerischen Angreifern das Fürchten gelehrt hatte.

oepb: Und warum dann doch der Gang ins Tor?

E.F.: Es war Not am Mann und unser damaliger Trainer Fritz Jalitsch meinte, ich solle mich ins Tor stellen. Und da ich mich laut unserem Coach dabei gar nicht so dumm angestellt hatte, mir die Position auch gefiel, blieb ich diesem Posten treu.

oepb: Der Gerald und Du – Journalisten-Kollege Peter Elstner sollte Euch Jahre später in einem “Express-Artikel” als „Die beiden Füchse“ titulieren – Ihr durchlieft den gesamten Nachwuchs beim Kapfenberger SV?

E.F.: Ja, wobei der Gerald (geboren am 20. April 1943 – sämtliche Quellen, die 1944 schreiben, sind falsch) natürlich früher in der Kampfmannschaft gelandet ist, als ich. (Anmerkung: Erwin Fuchsbichler wurde am 27. März 1952 geboren) Er galt als fangsicher und bei hohen Bällen fast unschlagbar.

oepb: Man weiß heutzutage soviel über die Gene der Vorfahren. Wie war das bei Euch, waren Sportler in der Familie, gar Fußballer, oder Torhüter?

E.F.: Unser Vater boxte ganz gerne in seiner Freizeit, aber unsere Mutter betrieb keinen Sport. Auch der älteste von uns, Werner, blieb sportlich unaktiv.

oepb.: Mit 21 Jahren feierte Gerald dann sein Oberhaus-Debüt in Kapfenberg.

E.F.: Ja, das war im September 1964, allerdings gleich mit einer 2 : 5-Heimniederlage gegen RAPID.

oepb: Der SC RAPID Wien, das Stichwort ist gefallen. Wie ging es mit Gerald weiter?

E.F.: Als der KSV am Ende der Saison 1966/67 aus der Bundesliga abgestiegen war, ging mein Bruder nach Wien … zu RAPID. Der damalige Trainer der Hütteldorfer, Rudolf Vytlacil setzte sich für seine Verpflichtung ein. Kapfenberg erhielt für Gerald damals 150.000 Schilling (€ 10.900,-) Ablöse. Der Gerald war dort dann Stammtorhüter. Und gewann mit RAPID 1967/68 in seinem ersten Jahr auch gleich die Meisterschaft. Das war übrigens für lange Zeit der letzte Meistetitel für RAPID. Erst 1982 sollten sie wieder Champion werden.

oepb: Nicht nur das, er wurde auch in die Österreichische Nationalmannschaft berufen. (Anmerkung: Ersatz am 6. September 1967 beim 1 : 3 gegen Ungarn, sowie Debüt am 24. September 1967 beim 2 : 1 über Finnland)

E.F.: Ja, das ÖFB-Trainer-Duo Erwin Alge / Johann Pesser berief ihn ein und sie planten mit Gerald als absoluter Nummer 1 im ÖFB-Aufgebot.

oepb: In Summe kam Gerald Fuchsbichler in der Zeit von 1967 bis 1972 aber auf „nur“ 6 Länderspiele. Woran lag das?

Im Bild oben der 27-jährige Gerald Fuchsbichler und unten sein um neun Jahre jüngerer Bruder Erwin. Beide im Dress des SC RAPID Wien in der Saison 1970/71. Foto: Privat / Sammlung Fuchsbichler

Im Bild oben der 27-jährige Gerald Fuchsbichler und unten sein um neun Jahre jüngerer Bruder Erwin. Beide im Dress des SC RAPID Wien in der Saison 1970/71. Foto: Privat / Sammlung Fuchsbichler

E.F.: Na ja, der Gerald war ein „grader Michl“. Bei RAPID gab es damals genau genommen nur ihn als absoluten Leistungsträger im Tor und die Verantwortlichen der Grün-Weißen baten ihn oftmals händeringend, vielleicht doch nicht zum A-Team – trotz Einberufung – zu gehen, weil ja immer die Gefahr bestand, dass man verletzt wieder zurückkommt. Und wer steht dann bei RAPID im Kasten? So sagte er oftmals unter fadenscheinigen Ausreden ab, was natürlich zur Folge hatte, dass weder Alge / Pesser noch deren Nachfolger, „Der weiße Riese“ Leopold Stastny ihn wieder einberufen hatten. Ihm war die Karriere bei Arbeitgeber RAPID wichtiger, als eventuell auch in der Nationalmannschaft ein ganz Großer zu werden.

oepb: Im Sommer 1970 dann der seltene Zustand. Beide „Füchse“ beim SK RAPID Wien unter Vertrag und beide im Tor! Wie kam es dazu?

E.F.: Gerd Springer war RAPID-Trainer und der Gerald und er, das passte irgendwie nicht zusammen. Umso erfreuter war ich, als ich hörte, dass sich Springer für meine Verpflichtung einsetzte. Aber RAPID wollte mich schon ein Jahr zuvor holen.

oepb: 1969? Da warst Du 17 Jahre jung.

E.F.: Ja, und bereits in der Kampfmannschaft des Kapfenberger SV im Tor. Meine Leistungen schienen sich bis Wien herumgesprochen zu haben, als eines schönen Tages, ich kam gerade vom Training nach Hause, in unserer Siedlung rege Betriebsamkeit vorherrschte.

oepb: Was war geschehen?

E.F.: RAPID-Funktionäre fuhren mit einem flotten Wagen samt Wiener Kennzeichen vor. Sie befragten die Nachbarn, wo denn die Familie Fuchsbichler wohne. Als man ihnen unsere Adresse nannte, standen die Herren aus Wien kurz darauf auch schon vor unserer Türe und wollten meine Eltern überreden, dass ich nach Wien wechsle. Am liebsten hätten sie mich sofort mitgenommen. Nach dem strengen Einwand meines Vaters, zuerst kommt der Beruf, dann der Sport, wurde vereinbart, den Transfer in der nächsten Periode, im Sommer 1970, durchzuführen. Es dauerte zwar bis zum vorletzten Tag vor Transferschluss, aber nach einem Anruf aus Wien war alles klar. Und so war es dann auch. Mit abgeschlossener Maschinenschlosser-Berufsausbildung folgte ich meinem Bruder nach Wien zu RAPID klammheimlich nach.

oepb: Wieso klammheimlich?

E.F.: Na ja, der Gerald wusste natürlich nichts von dem Transfer und nachdem ich den fertigen Vertrag im Sekretariat unterschrieben hatte, besuchte ich meine Schwägerin Renate, um von den Neuigkeiten zu berichten. Gerald wohnte ja nicht weit vom RAPID-Sekretariat entfernt. Renate war komplett überrumpelt und meinte, dass der Gerald beim Training sei. Ich sagte darauf, dass ich das weiß und nun auch trainieren gehe. Am Trainingsplatz staunte mein großer Bruder nicht schlecht, als ich auftauchte. Er fürchtete natürlich um sein Stammleiberl.

oepb: Da schienen sportliche Wickel vorprogrammiert, oder?

E.F.: Ach was, ich war jung, 18 Jahre alt, war froh, in der Bundesliga zu sein und wenn ich dann auch noch – wie die Jahre zuvor beim KSV – mit meinen großen Bruder trainieren konnte, dann freute mich das. Der Gerald fiel zwar zuerst aus allen Wolken und meinte, ob ich noch ganz dicht bin, nachher lachten wir natürlich beide darüber und er blieb 1970/71 Stammkeeper bei RAPID.

oepb: Eine wirklich tolle und nicht alltägliche Konstellation in der Österreichischen Fußball-Bundesliga. Zwei Brüder als Torhüter in einem Verein gleichzeitig in der Kampfmannschaft unter Vertrag! Der „1er“- und der „2er- Fuchsi“ waren somit geboren.

E.F.: Ja, wir hatten ein gutes Jahr bei RAPID, wurden Dritter und stießen bis ins Cupfinale vor, das wir gegen die Wiener Austria allerdings verloren hatten.

oepb: Wie ging es mit Euch in der Bundesliga weiter?

E.F.: Na ja, wie vorhin schon gesagt, kam Gerald mit Trainer Springer nicht zurecht. Dies mündete darin, dass Gerald im Sommer 1971 um 700.000 Schilling (€ 50.871,-) Ablöse zum Wiener Sport-Club wechselte.

oepb: Deine Zeit bei RAPID konnte nun beginnen, oder?

E.F.: Noch nicht ganz, denn mit Adolf Antrich wurde mir ein Routinier vor die Nase gesetzt. Erst 1972/73 kam ich öfters in der Kampfmannschaft zum Zug, ehe mich RAPID verlieh.

oepb: Ins Ländle?

E.F.: So ist es, zum FC Vorarlberg nach Bregenz. Mit mir spielte damals übrigens auch der junge Bruno Pezzey in einer Mannschaft und unser Trainer hieß Adolf Blutsch.

oepb: Euer Team stieg jedoch ab.

E.F.: Ja, wir sind 1973/74 Letzter geworden. Der SK VÖEST Linz wurde Meister und in Wien sagte man mir, mich nach Linz weiter verleihen zu wollen. Ich solle dort hin fahren, Treffpunkt war am Hauptbahnhof bei den Löwen, ein Herr Johann Rinner erwarte mich dort. Gesagt, getan, im Sportsekretariat am Werksgelände war bereits alles vorbereitet, ich musste nur noch unterschreiben. Was folgte, waren 12 schöne Jahre beim SK VÖEST in Linz, ehe ich 1986 weiter zum SK Vorwärts Steyr ging und dann 1989 meine Karriere beendete.

oepb: Wie ging es mit Gerald weiter?

E.F.: Der Gerald war ab 1971 für den Wiener Sport-Club aktiv, bis ins Jahr 1975. Der WSC fiel allerdings der Bundesligareform 1974 zum Opfer und musste absteigen. So kickte der Gerald in der 2. Division. Von 1975 bis 1977 war er noch in Untersiebenbrunn tätig, gemeinsam übrigens mit dem jahrelangen RAPIDler Leopold Grausam, dann beendete er seine Laufbahn.

oepb: Und was geschah danach, quasi die Karriere nach der Karriere?

E.F.: Gerald kam bei NORDMENDE unter. Der dortige Chef war ein Fußball-Verrückter, im positiven Sinne. Er bot Gerald einen Job im Büro und drängte ihn immerwährend, mich doch zu überreden, nach Tirol zu wechseln.

oepb: NORDMENDE war in den 1970er Jahren der Hauptsponsor des FC Wacker Innsbruck.

E.F.: Ja, und die Tiroler waren damals eine sehr gute Adresse. Ich hätte mich dort mit Friedl Koncilia als Torhüter gemessen, aber die VÖEST ließ mich nicht ziehen.

oepb: War das jetzt gut oder schlecht für Dich?

E.F.: Heute sage ich, dass es okay war, dass ich in Linz beim SK VÖEST geblieben bin. Damals hätte mich die Aufgabe und der Tapetenwechsel schon sehr gereizt.

Zeitungs-Faksimile von 1971. Sammlung: Fuchsbichler

Zeitungs-Faksimile von 1971. Sammlung: Fuchsbichler

oepb: Was unterschied beide „Fuchsis“ voneinander, heute, rückwirkend betrachtet?

E.F.: Nun, gar nicht einmal soviel. Wir waren beide besessen vom Fußballsport, wurden beide Profis, hatten schöne und ereignisreiche Jahre in der Bundesliga und schafften es auch beide in die Nationalmannschaft (Anmerkung: Gerald 6 A, Erwin 4 A für Österreich, sowie zweiter Torhüter bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien).

oepb: Na ja, aber irgendeinen Unterschied muss es doch gegeben haben, oder?

E.F.: Na wenn, dann eventuell den, dass er der etwas Ruhigere und Besonnene von uns beiden war. Ich war eher der Aufbrausende und der Gerechtigkeitsfanatiker, zumindest in meinen jungen Jahren. Und Bundesligaspiele habe ich mehr als er. (Anmerkung: 213 Gerald, 349 Erwin, Zweitliga- und Cupspiele nicht mitgerechnet)

oepb: Wer Deine Kranken-Akte kennt … wie sieht es mit Verletzungen aus?

E.F.: Ha, siehst Du, jetzt hamma den Unterschied! Der Gerald verstauchte sich ab und zu mal einen Finger, aber großartig verletzt war er zum Glück nie. Bei mir sah das anders aus.

oepb: Ja, Deine Verletzungen waren das sprichwörtliche „Who is Who“ dessen, was man sich als Keeper so alles zuziehen kann. Da waren gebrochene Rippen, Stirnbeinbruch, Rissquetschwunden, Kapselrisse, Ellenbruch, Kahnbeinbruch, Bänderrisse in der Schulter und im Knöchel und so weiter dabei, ein Königreich für einen Chirurgen quasi. In Summe kosteten Dich Deine Verletzungen wohl 24 Monate der Karriere, in denen Du nicht einsatzfähig warst.

E.F.: Ja, das ist wohl richtig, aber wenn man seinen Beruf, seinen Sport ernst nimmt, eventuell dabei auch manchmal ein bisserl Pech hat, dann kann das schon passieren.

oepb: Und der Gerald ist ja leider bereits verstorben.

E.F.: Ja, im Dezember 1993 – am gleichen Tag übrigens, als das Briefbomben-Attentant auf den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk geschah – wurde Gerald im Wiener AKH operiert. Er hatte Kiefer- und Zungekrebs, der nicht heilbar war.

Anmerkung: Am 23. Februar 1995 verstarb Gerald Fuchsbichler im 52. Lebensjahr stehend. Er hinterließ seine Gattin Renate, sowie seine Tochter Sabine. Trauriges Detail: Sabine verstarb an Leukämie. Am Friedhof zu Wien Ottakring fand Gerald Fuchsbichler seine letzte Ruhestätte.

Unser aufrichtiger Dank geht an dieser Stelle an den „2er“-Fuchsi, Erwin Fuchsbichler, für das amüsante Gespräch samt auffrischenden Erinnerungen an gute, alte Fußballertage im Lande Österreich.

Wer mehr über Erwin Fuchsbichler lesen möchte, dem können wir diese Geschichte bei uns gerne empfehlen.

www.bundesliga.at

www.oefb.at

 

Sehen Sie hier einen Ausschnitt von Österreich gegen Deutschland vom 21. September 1969 im Wiener Stadion (1 : 1) mit Gerald Fuchsbichler im Tor der Österreicher.

comments are closed.