FRIEDRICH TORBERG / Zum 40. Todestag

Der unvergessene weil unvergleichliche Friedrich Torberg in einem Wiener Kaffeehaus. Foto: privat / oepb

Der unvergessene weil unvergleichliche Friedrich Torberg in einem Wiener Kaffeehaus. Foto: privat / oepb

Wer war und vor allen Dingen was blieb von Friedrich Torberg? In seiner Tante Jolesch griff der sich selbst zu Lebzeiten gerne als „Weltbürger ohne Heimat“ bezeichnende Friedrich Torberg (* 16. September 1908 in Wien, † 10. November 1979 in Wien) die These auf, „dass mit dem untergegangenen Teil des europäischen Judentums zugleich ein Teil des Abendlandes untergegangen ist.“ Und legte in diesem Zusammenhang auch gleich eine Anekdote nach, in deren Mittelpunkt der Wiener Schriftsteller Egmont Colerus stand:

„Colerus zählte zu den Eigenbau-Autoren des Zsolnay-Verlages, der im März 1930 auch meinen Erstlingsroman „Der Schüler Gerber“ herausgebracht hatte, dessen Erfolg mir neben anderen, substantiellen Erfreulichkeiten auch eine Einladung zu einem Tee im Haus der Verlegers Paul von Zsolnay eintrug. Dort klopfte mir die gesamte Verlagsprominenz auf die Schulter und kümmerte sich nicht weiter um mich, sondern ließ mich links sitzen. An dem Tisch, an dem ich solcherart saß, entstand plötzlich die Frage, wie viele Juden es auf der Welt gäbe. Es gab damals 15 Millionen, aber das schien niemand außer mir zu wissen und ich als weitaus Jüngster hielt mich nicht befugt, die versammelten Geistesheroen durch eine vorlaute Auskunft zu blamieren. Ich schwieg und lauschte respektvoll ihren Bemühungen, unter Heranziehung aller geschichtlichen Entwicklungsphasen – angefangen vom Aufstand Bar Kochbas über das Mittelalter bis zur großen Zerstreuung – eine wahrscheinliche Zahl für die Gegenwart zu errechnen. Man einigte sich schließlich auf 12 Millionen. Und da schüttelte Egmont Colerus den Kopf und brummte in seinem behäbigen Ottakringerisch: „Des is ausg´schlossen. Ich allein kenn mehr.“ Und dazu ist nichts weiter zu bemerken, außer dass er das heute nicht mehr sagen könnte.“

Anekdote von Heinz Marecek

Der bekannte österreichische Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Heinz Marecek hatte in jungen Jahren das Glück, zahllose Abende mit Friedrich Torberg in diversen Wiener Nachtlokalen zu verbringen und im Zuge dessen dabei die noch zahlloseren Anekdoten des großen Friedrich Torberg konsumieren und inhalieren – und somit für die Nachwelt zu bewahren - zu können. Eine dieser unzähligen Geschichten war zum Beispiel jene: Torberg war 1956 zu Gast auf einem Empfang der Schwedischen Botschaft in Wien und im Zuge dessen wurde ihm der Botschafter vorgestellt. Nach dem höflichen Austausch der Familiennamen, gepaart mit heftigem Händeschütteln, meinte der Botschafter, den Namen Torberg wiederholend: „Torberg? Torberg! Das, das klingt so schwedisch. Haben Sie Vorfahren in unserem Königreich?“ Torberg erwiderte leicht schmunzelnd: „So ist es! Einer meiner Vorfahren war Schiffsrabbiner bei den Wikingern!“

Wie der Name „Torberg“ entstand

Friedrich Ephraim Kantor kam am 16. September 1908 in Wien zur Welt. In einer Zeit, als noch Kaiser Franz Joseph I. als bereits greiser Monarch für die k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn verantwortlich zeichnete und die Weltstadt Wien weit über 2 Millionen Einwohner aufweisen konnte. Alfred Kantor (geb. 26. April 1874), Torbergs Vater, entstammte einem tschechischen Dorf in Nähe der Kreisstadt Mělník, zirka 30 Kilometer nördlich von Prag gelegen. Seine Mutter, Therese Berg (geb. 15. März 1878) stammte direkt aus Prag. Die Familiennamen seiner beiden Eltern boten später für Friedrich Ephraim Kantor den Anlass, sich „Torberg“ zu nennen.

Aus Prag nach Wien

Alfred Kantor arbeitete bei den k.u.k. landesbefugten Spirituosenraffinerien M. Fischl´s Söhne. Dieses in der Monarchie florierende Unternehmen aus Prag wollte den Konzernsitz nach Wien verlegen. Alfred Kantor wurde dazu abkommandiert, in der Hauptstadt der Monarchie das Firmenbüro aufzubauen. Simon Berg, Friedrich Torbergs Großvater mütterlicherseits, war ein Prager Fleischhauermeister, der ebenso den Drang verspürte, seine zu Ruhm gelangten Würste auch in Wien zu vertreiben. Also beauftragte er zwei seiner Kinder, Heinrich und Therese, in Wien in seinem Namen Fuß zu fassen. Wann genau sich Alfred Kantor und Therese Berg – beide aus Prag kommend – in Wien kennen und lieben lernten, lässt sich heute nicht mehr genau sagen, Fakt ist jedoch, dass am 31. Dezember 1900 Friedrich Torbergs Eltern in Wien geheiratet hatten.

Friedrich Torberg und seine Geschwister

Am 28. Juni 1902 wurde Sidonie geboren. Die junge Familie lebte damals in der Schönbrunner Straße 167 in Wien. Kurz darauf hatte Therese eine Fehlgeburt erlitten. Die Ärzte rieten dem jungen Paar von einer weiteren Schwangerschaft ab, denn diese könnte das Leben von Mutter und ungeborenem Kind gefährden. Die Liebe der Beiden zueinander war ungebrochen groß und man versuchte es trotz allen ärztlichen Warnungen zum Trotz weiter. Und so erblickten eben Friedrich am 16. September 1908 und Schwester Ilse am 31. Jänner 1911 in Wien das Licht der Welt. Die Familie lebte damals in der Porzellangasse 7a. In dem mehrgeschossigen Neubau war auch das Büro der Firma M. Fischl´s Söhne – dem Arbeitgeber des Vaters – untergebracht. Kurz vor Ausbruch des „Großen Krieges“ – später als Erster Weltkrieg von 1914-18 bekannt – übersiedelte die Familie in eine Vierzimmerwohnung im 2. Stock in der Porzellangasse 36. Die Kantors galten als gutbürgerliche Familie. Beide voll im Berufsleben stehenden Elternteile konnten sich für die drei Kinder ein Kinderfräulein namens Nana und eine Haushälterin – Emma – leisten.

Geschwister-Zwist

Wie immer wieder und auch selbst in den besten Familien vorkommend, verhielt es sich bei den Kindern Kantor ähnlich. Die um sechs Jahre ältere Schwester Sidonie lehnte den kleinen Fritz von Anbeginn an ab. Friedrich und Ilse waren jedoch stets zu zweit und wussten sich zu wehren, wenn Schwester Sidonie im Kreise der Erwachsenen immer nur „von den beiden Kindern“ sprach. Die Geschwister hatten auch deshalb oft Streit untereinander, da Sidonie in geistiger und körperlicher Hinsicht schwerfällig und träge wirkte, später dann nach Abschluss der obligatorischen Volks- und Bürgerschule kaum Lust zur Arbeit verspürte, keinen Beruf ausüben wollte und auch keine Lust zur Eheschließung fand. Sie kam in ein Pensionat bei Olmütz. Die Beziehung von Fritz und Ilse zu den Eltern war eine ungetrübte, eine ideale. Dies vielleicht auch deshalb, da der Vater stets für den einen Satz bekannt war: „Es ist euer Leben, ihr müsst daraus machen, was ihr für richtig haltet. Ich kann euch raten und  helfen – entscheiden müsst ihr!“

Ein ereignisreiches Leben beginnt seinen Lauf

Fritz Kantors Bekenntnis zum Judentum war von Kindesbeinen an auch sportlicher Natur. Diese Kinderbeine waren schon sehr früh in den damals noch nicht gesellschaftsfähigen Fußballsport verliebt. Bereits als Volksschüler jagte Fritz dem „Fetznlaberl“ hinterher. Der Liechtensteinpark, als auch der Schlickpark boten ihm dazu hervorragende Möglichkeiten. Später erzählte Torberg, dass diese Kindheitserlebnisse, die sich oft auf dem Nachhauseweg nach der Schule in Sachen Fußballsport in ihm manifestierten, dazu beitrugen, den Roman „Die Mannschaft“ zu verfassen. So wurde er 1918 Anhänger des jüdischen Sportvereins Hakoah (stammt aus dem hebräischen und bedeutet „Kraft“) Wien. Gerne wollte er sofort auch gleich dort Mitglied werden, was den Eltern jedoch missfiel. „Ein wohlerzogener Junge aus gutem Haus hatte im Prater Tennis beim WAC zu spielen, nicht jedoch Fußball bei der Hakoah.“, mahnte der Vater. Friedrich Torberg wusste jedoch die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Er wurde zur „Bar-Mizwa“ gefragt, was er sich denn wünsche und da folgte prompt die Antwort: „Ich möchte der Hakoah beitreten!“ Ein Wunsch, der aufgrund dieses feierlichen Anlasses nicht abgelehnt werden konnte. Die Hakoah war – wie so viele andere Fußballvereine in Wien der damaligen Zeit auch – mit Jugendlichen überhäuft. Man bot ihm an, es doch bei einem unterklassigen Verein zu versuchen. Dies wollte Torberg nicht. Er wollte zur Hakoah. Also trat er der Schwimmsektion bei, stets den Hintergedanken im Kopf tragen, vielleicht doch dereinst bei den Hakoah-Fußballern unterzukommen. Die Liebe zum Fußballsport trug Torberg durch sein ganzes Leben.

Von Prag nach Wien

Der „Große Krieg“ war 1918 verloren und von dem einstigen Glanz des Vielvölkerstaates nicht mehr viel übrig geblieben. Alfred Kantor musste die Spiritus-Zentrale in Wien abwickeln, um nicht zu sagen liquidieren. Er blieb noch einige Jahre in Wien, befasste sich mit der Grenzziehung der jungen tschechoslowakischen Republik und Österreich, ehe er von dem Unternehmen M. Fischl´s Söhnen nach Prag zurückbeordert wurde. Alfred Kantor wurde in Prag der Posten eines Prokuristen, der später zum Direktor avancierte, angeboten, ein Umzug mit Sack und Pack von der Donau an die Moldau war schon alleine aus beruflichen Gründen unausweichlich. Der kleine Fritz, der nun endlich Hakoah-Mitglied – und auch bei der Schwimmabteilung erfolgreich war – wurde somit aus allen Träumen gerissen. Er wollte aus seiner Heimatstadt nicht weg, um gar keinen Preis der Welt. Und dennoch hieß es im November 1921 „Servus Wien!“

Wie sehr Friedrich Torberg mit „seiner“ Wiener Stadt verwurzelt war und welch schriftstellerisches Talent bereits damals in ihm schlummerte, bewies der Teenager im zarten Alter von 13 Jahren:

„Mein Wien, ich musste dich verlassen,
Ich mußt´ aus deinen Mauern ziehn.
Dorthin, wo Tschechen mich nur hassen,
Wo viel zu weit von dir ich bin!
 
Ich hab´ an dir viel mehr verloren,
Als du an mir verloren hast,
Doch käm´ dir dies Gedicht zu Ohren,
So denk`: ein Wiener hat´s verfasst!“ 

Friedrich Torberg entdeckte bereits sehr früh seine Liebe zum Dichten und zum Schreiben. Für ihn galt es stets als selbstverständlich, Briefe nicht nur von Hand zu schreiben, sondern seine Post überhaupt sehr ausführlich zu beantworten. Dies raubte ihm in seinem Berufsleben sehr viel Zeit. Er unterhielt auch eine platonische Liebe zur „Lola-Lola“ aus dem Film „Der blaue Engel“. Die große Marlene Dietrich hatte es ihm angetan und er ihr offensichtlich auch. Immer wenn sie Liebeskummer hatte – und das kam öfters vor – dann wandte sie sich vertrauensvoll an ihren guten und langjährigen Wiener Freund, der ihr in seitenlangen Briefen Tipps, Trost und Rat spendete.

Aber nun zurück ins Prag der 1920er Jahre. Torberg kannte die Schulen aus Wien, in denen der Reichsratsabgeordnete Otto Glöckel bereits zahlreiche Schulreformen vorgenommen hatte. Diese Reformen waren Prag und der Tschechoslowakei jedoch fremd. Was zur Folge hatte, dass „Der Schüler Torberg“ in Prag todunglücklich war. Als er auch noch damit begann, quasi neben der Schulbank in Varietés aufzutreten und schriftstellerisch in Form von Reimen und Gedichten tätig zu werden, litt die Schullaufbahn merklich darunter, was wiederum zur Folge hatte, dass Torberg die Reifeprüfung 1928 erst beim zweiten Anlauf schaffte.

Der Schüler Gerber hat absolviert

Im Jahr darauf, in den Wintermonaten 1929/30, „Schani“ Kantor gehörte inzwischen der Wasserballmannschaft Hagibor-Prag an, ging er – Friedrich Torberg, wie er nun hieß – her und brachte seine Erfahrungen als Schüler zu Papier. Aus dem echten „Schüler Kantor“ wurde somit der fiktive „Schüler Gerber“. Torberg, der stets und gerne in der Nacht schrieb, behielt diesen Arbeitsrhythmus zeitlebens bei. Mit dieser seiner Tätigkeit trotzte er dem verhassten Schulsystem, denn nach getaner Nachtarbeit konnte er früh morgens, mit dem ersten Läuten der Schulglocke schlafen gehen. Auf seinem Schreibtisch stand eine große Thermoskanne mit starkem, schwarzen Kaffee fröhlich gepaart mit einer Hunderter-Packung „Ägyptische“, dem stärksten Kraut der damaligen Tabakregie. Früh morgens war die Kaffeekanne leer und das Tschickpackerl auch. Bereits damals, in den frühen 1930er Jahren, schlug Torberg sämtliche Warnungen gut meinender Gesundheitsapostel in den Wind. Schließlich wüsste er selbst am besten, was ihm gut täte – egal ob gesund, oder eben nicht.

„Mögen sie sich doch zum Teufel scheren, jene Schwätzer mit den weisen Lehren,
dass mich Nikotin und Koffein bedroht.
 
Auf dergleichen braucht man nichts zu geben, denn zum Schluss ist unser ganzes Leben
ungesund und führt uns in den Tod.“ 

So ein leicht verstimmter Friedrich Torberg unmittelbar nach der Beendigung seines ersten Romans „Der Schüler Gerber hat absolviert“. Wie bereits weiter oben erwähnt, fand der Roman publizistischen Niederschlag im Paul Zsolnay Verlag

Friedrich Torberg über sich selbst

„Nun verhält es sich nicht etwa so, dass der Typus der „Tante Jolesch“ in all seinen Ausprägungen und all seiner Atmosphäre auf den bisher anvisierten Geschichtsabschnitt, also auf die verhältnismäßig geruhsamen Jahrzehnte vor dem Fin de Siècle und unmittelbar hernach, beschränkt geblieben wäre. Wohl lag in jenem Abschnitt seine Wurzel, nicht aber seine Hochblüte. Die entstand in der vom nahenden Verfall schon überschatteten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in einer Zeit der Euphorie und des letzten leuchtenden Aufflackerns eines Lebensstils, der sich aus dem zusammengebrochenen Österreich gerettet und erhalten hatte, bis er dem größeren und endgültigen Zusammenbruch anheimfiel. In den 20 Jahren zwischen 1918 und 1938 habe ich zu sehen, zu denken und schließlich zu schreiben begonnen. Ich war 10 Jahre alt, als Wien aufhörte, eine Kaiserstadt zu sein. Ich war noch keine 25, als die braune Sintflut über Deutschland kam und ihre dreckige Gischt in die Nachbarländer herüberzuspritzen begann. Ich war ein Dreißigjähriger, als sich die Auflösung der österreichischen und dann der tschechoslowakischen Republik vollzog, als ich in die Schweiz emigrierte und mich im folgenden Jahr, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, freiwillig zum Militärdienst in Frankreich meldete, der acht Monate später mit einer unheroischen, wenn auch nicht ganz ungefährlichen Flucht nach Spanien und Portugal endete. Immer, seit ich denken kann, war die Zeit aus den Fugen und steuerte auf einen Untergang zu, immer, schon als Kind, habe ich ihn gespürt, war ich mir seines Herannahens bewusst, und je deutlicher es mir bewusst wurde, desto intensiver habe ich mich mit dem Geschenk der noch verbleibenden Zeitspanne hingegeben, der Gnadenfrist, die einer zum Untergang verurteilten Epoche noch zugemessen war.“

Flucht aus Europa in die USA – und ganz ohne Flucht wieder zurück

In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 saß Friedrich Torberg gemeinsam mit einem Wiener Freund in Prag vor dem Radioapparat. Als immer mehr Funkstille eintrat, beschlossen die beiden – an Schlaf war in jener Nacht ohnehin nicht zu denken – den um sieben Uhr früh fahrplanmäßig eintreffenden Nachtzug aus Wien abzuwarten. Vielleicht käme da ja jemand an, den sie kannten. Die Zeit bis dahin vertrieben sie sich mit spazieren gehen. Bei diesem Rundgang durch das nächtliche Prag torkelte den beiden auf der menschenleeren Štefánik-Brücke ein Betrunkener entgegen. Dieser war sehr mit sich selbst beschäftigt und murmelte ununterbrochen: „Obsadili nám Rakousko“, was soviel bedeutete wie „Sie haben uns Österreich besetzt!“ Im Nachtzug aus Wien saßen übrigens keine Bekannten der beiden. Die Waggons mit den Flüchtlingen durften die Grenze bei Lundenburg nicht passieren. Über Zürich floh Torberg nach Paris. Zu Kriegsbeginn am 1. September 1939 hielt er sich in Frankreich auf. Als sich die Deutsche Wehrmacht anschickte, den Frankreich-Feldzug im Mai 1940 zu starten, gelang dem jüdischen Weltbürger ohne Heimat aus Wien, Friedrich Torberg, über Porto die Flucht nach Lissabon. Über Umwege erhielt er in der von Flüchtlingen völlig überfüllten Stadt am Tejo sein Visum für die USA. Torberg verließ Europa am 9. Oktober 1940.

Amerika ist nicht Europa und New York schon gar nicht Wien

Viele Österreicher und vor allen Dingen Wiener, denen rechtzeitig die Flucht vor den Nationalsozialisten gelungen war, klagten in der neuen Welt darüber, dort nicht glücklich zu werden. Der große österreichische Kabarettist Karl Farkas meinte zum Beispiel, dass darüber, worüber man im Kabarett Simpl die Leute zum Lachen bringen konnte, in Amerika die Menschen nicht einmal die Stirne in Falten legten. Folglich versuchte er sich anzupassen und seine Bonmots umzutexten. Was zwar gelang, aber um ein vielfaches schwerer für das Multitalent Farkas war. Ähnlich verhielt es sich bei Torberg. Dieser musste zwar keine Leute zum Lachen bringen, aber als Schriftsteller erfolgreich tätig zu werden war in den Staaten auch nicht gerade einfach. Torberg landete zuerst nach seiner Flucht in Kalifornien. In Hollywood bot man ihm Büro, Schreibkraft und ein fixes Salär, bloß Arbeit gab es keine. Auch ein (sein) Drehbuch zu einem Film in spe wurde zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen, akzeptiert und verwertet wurde die Sache jedoch nicht. Diese „Schubladisierung“ einer monatelangen Torberg-Arbeit verärgerte ihn dermaßen, dass er Hollywood den Rücken kehrte und nach New York ging. Dort hielt er sich als selbstständiger Journalist, freier Übersetzer und Theaterkritiker über Wasser.

Über New York und Paris zurück in Wien

Am 1. April 1951 startete Friedrich Torberg das Unternehmen Rückkehr. Ein dreizehnstündiger Flug bugsierte ihn aus New York kommend sicher landend auf den Pariser Flughafen Le Bourget. Nach einigen Tagen Paris und vielen Besuchen bei alten Freunden, einem späteren Zwischenstopp in Zürich, landete Torberg aus der Schweiz kommend am Flugfeld in Langenlebarn, wo sich gleich ein hocherfreutes und freundschaftliches Begrüßungskomitee für ihn eingefunden hatte. Alte Weggefährten empfingen ihn, den verlorenen Sohn, schier so, als ob er nie fort gewesen wäre. Der erste gemeinsame Weg mit dem Heimkehrer führte die Herrschaften sogleich ins „Cafe Herrenhof“ in die Innere Stadt nach Wien.

Aus dem Hakoah-Mitglied wird ein Erz-Austrianer

Nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Emigration in sein geliebtes Wien im Jahre 1951 gab es dort keine Hakoah mehr. Dieser Umstand war Torberg zwar bekannt, dennoch seine Liebe zum Fußballsport ungebrochen. Neben der Hakoah sympathisierte Torberg bereits auch sehr früh schon mit dem FK Austria Wien. Sein „Auf den Tod eines Fußballspielers“ betreffend des Ablebens von Matthias Sindelar im Jahre 1939 abgefasstes Gedicht bewies diesen Umstand. Und wie es überhaupt dazu kam – von der Hakoah zur Wiener Austria zu gelangen – auch das bewahrte Friedrich Torberg mit seiner Erzählung in Die Qual, ein AUSTRIA-Anhänger zu sein!  für die Nachwelt auf. Sehr zutreffend für die heutige FAK-Zeit übrigens.

Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit

Friedrich Torberg war stets ein Getriebener, der die Arbeit wie die Luft zum Atmen benötigte. Er pendelt zwischen seinem Haus in Breitenfurt bei Wien und Altaussee hin und her und war mit seiner journalistischen Tätigkeit stets verbunden. Seine beruflichen Tätigkeiten wurden immer vielseitiger, unter anderem leitet er – neben seiner Theaterkritiker-Tätigkeit in der Tageszeitung „Kurier” – zwölf Jahre lang das „FORVM“, ein Medium „Österreichische Monatsblätter für kulturelle Freiheit”. Diese Arbeit sog ihn dermaßen auf, dass er oft und oft darüber Klage geführt hatte, wie gerne er doch ein Roman-Schriftsteller wäre. Doch ihm fehlte schlicht und einfach die Zeit dazu. Und so dauerte es bis in die späten 1960er Jahre, ehe er endlich die Zeit und auch die Muse dazu fand, „Süßkind” zu publizieren, ein Roman, der die Geschichte des Volkes der Juden auf- und erzählt. Neben Briefen und Gedichten wie „Sehnsucht nach Altaussee“, sowie Sonetten wie „Wurschtelprater am Nachmittag“ oder „Blick vom Cobenzl“, die im kalifornischen Exil entstanden waren, verfasste er beispielsweise auch den Roman „Auch das war Wien “, der vom ORF unter dem Titel „38 – Auch das war Wien“ verfilmt wurde. Torberg deckte darin schonungslos die Zeitläufe in Wien rund um den politischen Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland in den März-Tagen des Jahres 1938 auf. Torberg war ein literarisches Multitalent, leidenschaftlich, scharfsinnig und immer auch ein bisserl selbstkritisch. Er war aber auch ein grandioser Theater- und Literaturkritiker und arbeitete als Parodist und Übersetzer, vor allem der Satiren Ephraim Kishons. Ein Literat eben, der, wie er selbst einmal bekannte, immer zuviel auf einmal machte, und da ihm nichts davon überzeugend misslang, bis an sein Lebensende nicht damit aufhörte.

Friedrich Torberg: „Ich weiß, dass ich der letzte Deutsch schreibende jüdische Schriftsteller bin.“ Er sah sich nicht im Zwiespalt, sondern im „Fünfspalt“: Die Romanciers hielten ihn für einen Lyriker, die Lyriker für einen Feuilletonisten, die Feuilletonisten für einen Kritiker, die Kritiker für einen Essayisten … Das Schicksal des Vielseitigen, der sich zwischen alle Stühle setzte. Ohne den aber Peter Hammerschlag und Fritz von Herzmanovsky-Orlando heute unbekannt wären.

Zum Ableben von Friedrich Torberg

Sein großes Laster war das Rauchen. Neben dem süßen Leben in den zahlreichen Wiener Kaffeehäusern vernichtete Friedrich Torberg anhand seiner stundenlangen Nacht-Arbeiten viel zu viele der kleinen Sargnägel. Zigaretten und Kaffee, die waren seine steten Begleiter in der Nacht. Dies hatte zur Folge, dass sich Torberg einmal im Jahr auf Kur begab, um sich gemäß eigenen Worten einer „Gesundheitlichen Schmutzwäsche“ zu unterziehen. Am 6. November 1979 begab er sich, dringendem ärztlichen Ratschlag zufolge, in das Wiener Wilhelminenspital, in dem man versuchen wollte, ihm künstliche Venen in den rechten Fuß einzupflanzen. Am 8. November schrieb er an Joachim Kaiser der „Süddeutschen Zeitung“ einen Brief, der so begann: „In einer hiesigen Zeitung finde ich soeben die Nachricht, dass Goldschmidt – Feuilletonchef der SZ – verstorben ist. Ihnen als dem in jeder Hinsicht Nächsten möchte und muss ich sagen, wie traurig ich bin und wie sehr er mir fehlen wird.” Der Brief endet mit dem Resümee: „Es trifft immer die Falschen. Ich habe so eine lange Liste, aber mich fragt man nicht.”

Die Venen-Operation schlug fehl, Friedrich Torberg verstarb am 10. November 1979 in Wien. Neun Tage später, einem kalten regnerischen Vormittag, wird Friedrich Torberg unter der Anteilnahme zahlreicher Wiener feierlich zu Grabe getragen. Er erhielt ein Ehrengrab der Gemeinde Wien am Zentralfriedhof, Tor I, Jüdische Abteilung.

Zum Schluss eine von Torbergs Lieblingsanekdoten

Die Geschichte spielt in einer kleinen östlichen Judengemeinde, genauer auf der Landstraße, die zum nächsten größeren Ort führt. Dort wird jeden Donnerstag der Wochenmarkt abgehalten, und eines solchen Donnerstags strebt wieder einmal ein Handelsmann mit seinem Pferdewagen dem Markt zu, wie üblich in aller Herrgottsfrühe. Wie keineswegs üblich, sieht er plötzlich auf der staubigen Straße den Zadik dahinschreiten, den anerkannten Gerechten der Gemeinde. Sofort hält er sein Pferdchen an, beugt sich hinunter und fragt erstaunt: „Wohin des Wegs, Zadik?“ „Zum Wochenmarkt nach Pupidowka“, lautete die Antwort. Noch um einiges erstaunter kommt des Handelsmanns nächste Frage: „Wozu? Was sucht ein Zadik auf dem Wochenmarkt in Pupidowka?“ Darauf antwortet der Zadik: „No, vielleicht find´t sich eine Fuhr´ zurück?“

In Friedrich Torbergs Augen war dies die Lehrgeschichte schlechthin. Wer sich von ihr belehren lässt, der weiß um die Vergeblichkeit des Daseins und was man äußerstenfalls dagegen tun kann.

Ein Erbe, das nicht vertan werden sollte

Er war verwurzelt in der Welt von gestern, aber er hat ein großes Stück hinübergerettet in die Welt von heute, und er hat für uns ein Erbe verwaltet, das nicht vertan werden sollte!“, so der österreichische Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky anhand seiner Rede zur Beisetzung von Friedrich Torberg am 19. November 1979 auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ein Erbe von „Käuzen und Originalen“ zum Beispiel, deren Profile nachzuzeichnen eine große Aufgabe von Friedrich Torberg war. Die Namenlosen, sowie die Namhaften, die Tante Jolesch und den Onkel Hahn, die Literatur- Koryphäen von Alfred Polgar bis Ferenc Molnár, den Herrn Spielmann und den Religionslehrer Grün so gut wie den Profesor Steiner vom „Prager Tagblatt“ und den Wiener Rechtsanwalt Hugo Sperber.

Sie alle hat es gegeben und es gibt sie alle nicht mehr, weder sie noch die Gefilde und Kulissen, in denen sie sich bewegten, nicht die Kaffeehäuser und Redaktionen, nicht die Familientische und Sommerfrischen, nichts. Es gab sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und in ein paar Zuckungen gab es sie bis in die Emigration hinein. Seither gibt es sie nicht mehr. Der Brunnen, aus dem Friedrich Torberg das alles schöpfte, ist unwiederbringlich versiegt. Alsbald wird niemand mehr da sein, der ihn noch aufzufinden wüsste. Diese verständliche Wehmut gleicht einer Schwermut, die Torberg jedoch partout nicht hinterlassen wollte. Schwermut und Trauer sind Geschwister und Trauer wollte Torberg mit sich selbst ausmachen. Wehmut allerdings kann lächeln, Trauer kann es nicht. Und Lachen ist das Erbteil seines, Friedrich Torbergs, Stammes.

Quelle: oepb

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