Franz Goosen / Geisterspiele

"Geisterspiel-Kulissen” - wie hier zum Beispiel im Ruhrstadion des VfL Bochum - stehen derzeit den Fußballfans in Deutschland und ab nächster Woche auch in Österreich ins Haus. Foto-Collage: © oepb

“Geisterspiel-Kulissen” – wie hier zum Beispiel im Ruhrstadion des VfL Bochum – stehen derzeit den Fußballfans in Deutschland und ab nächster Woche auch in Österreich ins Haus. Foto-Collage: © oepb

Neulich im Stadion: Unser Spielmacher spielt einen zentimetergenauern Pass in den Lauf unseres weit aufgerückten rechten Außenverteidigers, die Flanke segelt in den Strafraum, der Keeper klebt auf der Linie, unser Mittelstürmer legt sich in die Luft und nagelt die luftgefüllte Polyurethan-Kugel mit einem Klaus Fischer-Gedächtnis-Fallrückzieher in den Winkel!

Der Jubel reißt auch den letzten gehbehinderten Rentner vom Sitz, wir liegen uns mit purpurn jubelnden Schädeln in den Armen, während elf Rote vom Platz schleichen wie geduschte Katzen. Die Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals mit der letzten Aktion des Spiels und dem Tor des Jahres 4 : 3 nach Hause geschickt. Allgemeines Herzen und Umarmen, Küsschen hier, Küsschen da, zwölf Bier als Digestif zum Festmal – so viel Zeit muss sein.

Und dann wache ich auf, öffne die Plexiglasklappe meines Schneewittchensarges, grüße das Weib in ihrem eigenen Behältnis, schlüpfe in die über Nacht von mildtätigen Zwergen desinfizierten Gesundheitsschlappen und schlurfe ins Bad – wo unser Mittelstürmer, die Lokalzeitung auf den Knien, grinsend auf der Schüssel hockt und spricht: „Die hamma weggehauen, die Bayern, was?“

Und dann wache ich noch einmal auf. Kein Schneewittchensarg, aber die Bettstatt durchtränkt von Angstschweiß und Tränen. Wo sind sie hin, die Tage gemeinsamen Bangens auf der Tribüne? Ach, als wär´s in einem andern Leben gewesen!

Ein paar Stunden später sehe ich mein erstes Geisterspiel. Und sapperlott, sportlich ist das gar nicht schlecht! Meine Mannschaft spielt den Gegner ganz gut her, kriegt nach dem Führungstreffer nur kurz die Cliff Barnes´sche Angst vorm Gewinnen, legt dann aber Treffer zwei und drei nach und bringt die Partie im Stile einer Spitzenmannschaft über die Zeit. Ganz angstfrei und unbeschwert haben die Spieler gewirkt.

Könnte es sein, dass es bisher nur für Platz 15 reichte, weil die Anwesenheit des zahlenden und fordernden Publikums sich leistungshemmend auswirkte? Heißt im Umkehrschluss: Wäre Corona letztes Jahr im August gekommen, wären wir jetzt schon aufgestiegen! Ich gehe schlafen und träume von der nächsten Spielzeit.

Über Frank Goosen

Der weit über die Grenzen des deutschen Ruhrgebiets hinausreichend bekannte und beliebte Autor, Kabarettist und Feuilletonist Frank Goosen ist langjähriger, bekennender und leidgeprüfter – ob der schier übermächtigen Konkurrenz aus Dortmund und Schalke – Anhänger des VfL Bochum von 1848. Als solcher steht er nach wie vor treu ergeben zu den einstmals „Unabsteigbaren“, schließlich zählten die Blau-Weißen aus der Herbert Grönemeyer-Stadt Bochum von 1971 bis 1993 ununterbrochen zur höchsten deutschen Spielklasse. Nach Jahren des Paternoster-Daseins – „Wir steigen auf, wir steigen ab – und zwischendurch Europacup“ – in Anlehnung an die Aufstiege, die bis in den UEFA-Cup führten, um sich im Jahr darauf erneut in der 2. Spielklasse wieder zu finden, müsste es nun „Die Unaufsteigbaren“ heißen, denn seit knapp 10 Jahren kennt man an der Castroper Straße die 1. Deutsche Bundesliga nur mehr vom Hörensagen. Aber genau genommen machen gerade solche Vereine mit ihrem treuen Gefolge die Fußballwelt bunt und interessant, denn zu permanent siegreichen Teams zu stehen, das kann doch schließlich jeder.

https://frankgoosen.de

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