Frank Goosen / Gedanken zur Länderspielpause

Frank Goosen auf der Tribüne des Bochumer Ruhrstadions. Foto: Volker Wiciok

Frank Goosen auf der Tribüne des Bochumer Ruhrstadions. Foto: Volker Wiciok

Gerade war mal wieder „Länderspielpause“, was ja eigentlich nicht stimmt, eigentlich war ja Zweitligapause, und die 1. Liga hat, so glaube ich doch, auch nicht gespielt. Länderspielpause ist beinahe gleichbedeutend mit Fußballpause. Also Pause VOM Fußball. Früher, in der Schule, hieß das Pause MIT Fußball.

Neulich sprach mich nach einer Lesung eine Frau an und fragte, ob ich es nicht auch so erholsam finde, wenn man sich mal ein Wochenende nicht über seinen Verein ärgern müsse, weil nur die Nationalmannschaft gespielt habe. „Wissen Sie, beim Thema Länderspiele bin ich mittlerweile Event-Fan.“, sagte sie. „EM und WM gerne, aber ohne Gesichter anmalen, ich habe drei Jahre in Köln gelebt und hasse Karneval.“

Als Anhänger einer Mannschaft, die derzeit tief im Abstiegskampf der 2. Deutschen Fußball-Bundesliga steckt, bemühe ich mich, diesen potenziell wunderbaren Sport in erster Linie unter dem Aspekt der Geselligkeit zu sehen. „Wenn Du so weit bist, dass Du sportlichen Erfolg als unerwarteten Bonus ansehen kannst“, hat ein Bekannter, der als Psychotherapeut praktiziert, mir mal gesagt, „dann bist Du geheilt. Und als Therapeut würde ich sonst nie von geheilt sprechen, weil ich mir den Ast absägen würde, auf dem ich sitze, was das Finanzielle angeht. Ich würde immer sagen, wir brauchen noch ein paar Sitzungen.“ Oder, wie Element of Crime es singen: „Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß.“

Meint also: im Stadion sitzen, Tee trinken und mit dem Nebenmann oder der Hinterfrau Urlaubsorte vergleichen und Swingerclubs weiterempfehlen? Ja, das geht, aber eben nur bei Länderspielen. Nick Hornby soll man sinngemäß gesagt haben, er könne der englischen Nationalmannschaft nichts abgewinnen, weil lauter Spieler dabei seien, die man den Rest des Jahres hassen würde, weil sie für die falschen Vereine spielten. Ich würde jetzt nicht von Hass sprechen, aber ganz falsch ist das auch nicht.

Ich habe mal versucht, mich im Stadion einfach nur gepflegt zu unterhalten und das Spiel nur als Berieselung zu sehen, aber plötzlich sprang jemand auf und brüllte: „Lauf da ordentlich hinterher, du blöde Drecksau!“ Erst die beifälligen Blicke der Umsitzenden verrieten mir, dass ich das selbst war. Ich bin noch nicht geheilt, ich brauche noch ein paar Sitzungen. Aber eben nicht bei Länderspielen.

Über Frank Goosen

Der weit über die Grenzen des deutschen Ruhrgebiets hinausreichend bekannte und beliebte Autor, Kabarettist und Feuilletonist Frank Goosen ist langjähriger, bekennender und leidgeprüfter – ob der schier übermächtigen Konkurrenz aus Dortmund und Schalke – Anhänger des VfL Bochum von 1848. Als solcher steht er nach wie vor treu ergeben zu den einstmals „Unabsteigbaren“, schließlich zählten die Blau-Weißen aus der Herbert Grönemeyer-Stadt Bochum von 1971 bis 1993 ununterbrochen zur höchsten deutschen Spielklasse. Nach Jahren des Paternoster-Daseins – „Wir steigen auf, wir steigen ab – und zwischendurch Europacup“ – in Anlehnung an die Aufstiege, die bis in den UEFA-Cup führten, um sich im Jahr darauf erneut in der 2. Spielklasse wieder zu finden, müsste es nun „Die Unaufsteigbaren“ heißen, denn seit knapp 10 Jahren kennt man an der Castroper Straße die 1. Deutsche Bundesliga nur mehr vom Hörensagen. Aber genau genommen machen gerade solche Vereine mit ihrem treuen Gefolge die Fußballwelt bunt und interessant, denn zu permanent siegreichen Teams zu stehen, das kann doch schließlich jeder.

https://frankgoosen.de

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